Quelle: Blätter 1960 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       KREBS ALS FOLGE DER ATOMWAFFEN
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       Unter den  Überlebenden der  ersten Atombombenexplosion  über der
       japanischen Stadt Hiroshima vor fünfzehn Jahren befinden sich un-
       gewöhnlich viele  Krebskranke, wie  es in  einem Bericht des "New
       England Journal  of Medicine"  heißt. Dem  Bericht zufolge  ergab
       eine umfassende  Untersuchung, daß  die Atomexplosion offensicht-
       lich eine  Verdoppelung der  Krebsfälle zur  Folge  hatte.  Diese
       Feststellung gehe  weit über  das hinaus, was man zuvor als Folge
       einer Atomexplosion erwartet habe, heißt es in dem Bericht.
       Frankfurter Rundschau vom 29. September 1960
       
       "WASHINGTON SABOTIERT"
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       Die niederländische  Regierung hat den Vereinigten Staaten vorge-
       worfen, sie  arbeiteten gegen die Errichtung einer "großen" Frei-
       handelszone. In  einer Mitteilung  an das  Parlament erklärte der
       niederländische Wirtschaftsminister  Dr. J.W.  de Pus, die Regie-
       rung der  Vereinigten Staaten  habe den Kräften in Europa umfang-
       reiche Unterstützung  gegeben, die  gegen die  Bildung einer ganz
       Westeuropa umfassenden Freihandelszone opponierten.
       Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. September 1960
       
       "WAND DES SCHWEIGENS"
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       Botschafter Knappstein, Bonns Beobachter bei der UNO, spricht von
       einer "Wand des Schweigens".
       Er meint  damit unsere westlichen Verbündeten, er meint damit die
       Tatsache, daß  sich in der Generaldebatte der UNO-Vollversammlung
       keine Hand  zur Abwehr der östlichen Angriffe gegen die Bundesre-
       publik gerührt hat.
       Knappstein spricht  das Wort  von der  "Wand des Schweigens" ohne
       Verbitterung aus.  Aber ich  spüre doch, daß ihn diese Dinge tief
       bewegen.
       Ich frage  ihn, wie  er sich  das alles  erkläre. Seine  Antwort:
       "Bitte ersparen Sie mir die Erklärung."
       Neue Ruhr-Zeitung vom 30. September 1960
       
       NEHRU GLAUBT AN ANNÄHERUNG
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       Er sei  mit dem  bisherigen Verlauf  der  UN-Vollversammlung  "im
       großen und ganzen" recht zufrieden, erklärte Indiens Ministerprä-
       sident Nehru am Sonntagabend vor seinem Abflug von New York.
       Die bisherigen  Debatten in der Vollversammlung, meinte der indi-
       sche Ministerpräsident, hätten trotz aller Schärfen doch eine ge-
       wisse Annäherung  der Nationen gezeigt. "Jetzt, da die Regierung-
       schefs einer  nach dem anderen wieder abreisten, könnte die Voll-
       versammlung wieder in ein normales Fahrwasser kommen."
       Auf Eisenhowers  Inspektionsplan eines "Offenen Himmels" zu spre-
       chen kommend,  meinte Nehru,  man könne ihn zwar nicht gerade als
       Abrüstungsplan bezeichnen,  jedoch könnte  er  dazu  dienen,  die
       Fortsetzung der  Rüstung zu überwachen. Eisenhowers Plan gehe von
       der Annahme aus, daß die Aufrüstung fortgesetzt werden wird. Bes-
       ser jedoch würde es sein, jede Rüstung zu beenden.
       Ebenso wie  bei einer späteren Zwischenlandung in London erklärte
       der indische  Regierungschef, nur  der kalte  Krieg sei  es,  der
       Nordamerikaner und Sowjetrussen als die Repräsentanten der beiden
       gegnerischen Machtblöcke dazu bringe, "einander anzuschreien". In
       Wirklichkeit seien sich gerade Sowjetunion und Vereinigte Staaten
       heute einander  näher als  andere Länder  der Welt. Beide Staaten
       würden von der "Maschinen-Zivilisation" beherrscht, und die Tech-
       nik kenne keine Unterscheidung in Kommunismus oder Kapitalismus.
       Seiner Ansicht  nach, sagte  der indische  Premier, habe sich die
       Lage in  der Sowjetunion  bereits "sehr  stark normalisiert": Die
       Bevölkerung jedes Landes werde einer Revolution nach einer gewis-
       sen Zeit  überdrüssig, und  auf dieser  Stufe sei die Bevölkerung
       der Sowjetunion  gegenwärtig angelangt.  Zwar sei in der kommuni-
       stischen Ideologie  die Beherrschung der Welt durch den Kommunis-
       mus vorgesehen, doch hätten letztlich alle Religionen so angefan-
       gen. "Sie  alle wollten die Welt erobern. Trotzdem haben sie sich
       nach  dem   ersten  enthusiastischen  Ausbruch  beruhigt."  Nehru
       meinte, er glaube an eine solche Milderung auch in der Volksrepu-
       blik China,  wenn er  auch nicht sagen könne, wann es dazu kommen
       werde. Eine Fortdauer des Friedens sei auf jeden Fall wahrschein-
       licher als seine Beendigung.
       Frankfurter Rundschau vom 11. Oktober 1960
       
       "ICH GLAUBE, JETZT MÜSSEN WIR GEHEN"
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       Als Nehru  darauf gefragt  wurde, ob  er glaube,  daß die letzten
       kommunistischen Maßnahmen  in Berlin  eine Verschärfung der Span-
       nungen bedeuteten,  wich er mit der Bemerkung aus, über die letz-
       ten Maßnahmen  sei er nicht informiert. - Nehru hatte den Journa-
       listen mißverstanden  und aus  seiner Fragestellung herausgehört,
       daß sich in den letzten Stunden, während der er sich auf dem Flug
       über dem  Atlantik befand,  irgend  etwas  Neues  ereignet  haben
       müsse.
       Daraufhin  wurde  die  Frage  neu  in  folgender  Form  gestellt:
       "Glauben Sie,  daß eine  Änderung des  Status quo von Berlin eine
       Verschärfung der Spannungen bedeuten würde?"
       Nehrus Antwort:  "Das hängt davon ab, wie diese Maßnahmen getrof-
       fen werden,  ob durch  Vereinbarung oder wie sonst. Allgemein ge-
       sprochen ..."
       In diesem Augenblick fiel Adenauer Nehru ins Wort, unterbrach ihn
       und sagte  den Pressevertretern:  "Meine Herren! Der Herr Premier
       hat doch  schon gesagt,  daß wir  nichts tun wollen, was die Lage
       verschärft." Während  sich Nehru  diese Bemerkung noch übersetzen
       ließ und  offenbar nicht  begriff, warum er am Weitersprechen ge-
       hindert wurde, sagte Adenauer: "Und jetzt, glaube ich, müssen wir
       gehen." Der 71jährige indische Premierminister schwieg und folgte
       seinem Gastgeber lächelnd...
       Der Kanzler  fürchtete unverkennbar,  daß Nehru  zuviel sagen und
       ausplaudern könnte, was die beiden kurz zuvor miteinander bespro-
       chen hatten.
       Nehru, der  selbst gegen einseitige Maßnahmen in Berlin ist, aber
       - wie  er mehrfach  geäußert hat  -  eine  Beendigung  des  Vier-
       mächtestatus auf  dem Verhandlungsweg  für notwendig hält, dürfte
       dem Bundeskanzler  die Überzeugung  vermittelt haben, daß Chrust-
       schow es ernst meint und auch überzeugt ist, die Berlinfrage - im
       sowjetischen Sinn  - lösen  zu können, ohne daß es darum zu einem
       Krieg kommt.
       Nürnberger Nachrichten vom 11. Oktober 1960
       
       ADENAUER BRÜSKIERT NEHRU
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       Bundeskanzler Dr.  Adenauer ist offenbar darüber besorgt, daß die
       westdeutsche Öffentlichkeit  noch vor  den  Bundestagswahlen  auf
       eine unsanfte  Weise verschiedener  der von ihr bisher gepflegten
       politischen Illusionen  beraubt werden könnte. Nur so lassen sich
       einige Vorgänge der letzten Tage erklären.
       Wenn er  einem Mann  wie Nehru,  einem Manne von einer weltweiten
       moralischen Autorität, ins Wort fällt, weil von Nehru zum Berlin-
       Problem vielleicht einiges gesagt worden wäre, was mit den in der
       Bundesrepublik üblichen Vorstellungen in dieser Frage nicht über-
       einstimmt, dann  wird der  Ministerpräsident Indiens dadurch kaum
       ermutigt, sich  für den  Berliner Komplex  zu erwärmen.  Der  Um-
       gangston, der  möglicherweise zwischen dem Kanzler und seinen Mi-
       nistern  gepflegt  wird,  dürfte  im  Verkehr  mit  ausländischen
       Staatsmännern nicht  der richtige  sein. Dabei ist, was das Thema
       Berlin anbelangt, doch heute schon klar, daß Bonn von manchen der
       bisher gegenüber  der Sowjetzone behaupteten Positionen wird her-
       absteigen müssen.  Wir haben  schon einmal  auf die Bedeutung des
       Umstandes verwiesen,  daß die Bundesregierung nach der Verhängung
       der Berlin-Sperren  durch die Sowjetzonen-Regierung mit Gegenmaß-
       nahmen geantwortet  hat, obwohl  für sie,  theoretisch,  das  Ul-
       bricht-Regime nicht  existent ist. Hierzu kommt nun ein neues Mo-
       ment. Nach  der Kündigung des Interzonen-Handelsabkommens hat die
       Bundesregierung erklärt,  sie wolle über ein neues derartiges Ab-
       kommen nur  unter der Bedingung verhandeln, daß der freie Verkehr
       nach Berlin  garantiert wird.  Darin ist das bisher von ihr hart-
       näckig zurückgewiesene  Zugeständnis enthalten, daß die Sowjetzo-
       nen-Regierung für die Regelung des Berlin-Verkehrs zuständig oder
       doch mitzuständig ist.
       Nürnberger Nachrichten vom 12. Oktober 1960
       
       ECKARDT: BONN "FRÖSTELT" ES BEI DEM GEDANKEN
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       AN NEUES GIPFELTREFFEN
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       Der Vorschlag  des britischen  Premierministers Macmillan, in ab-
       sehbarer Zeit eine neue Gipfelkonferenz einzuberufen, bereite der
       Bundesregierung ein  leichtes Frösteln.  Die Bundesregierung habe
       auf dem  Gebiete der Gipfelkonferenzen nicht die besten Erfahrun-
       gen gesammelt. Diese Ansicht äußerte Bundespressechef von Eckardt
       am Dienstag in Hamburg auf einer Vortragsveranstaltung des Insti-
       tuts für  Wirtschafts- und  Sozialpolitik.  Der  Bundespressechef
       sagte, es  bestehe die Gefahr einer ernsten Situation, vielleicht
       sogar einer Katastrophe, wenn es der Westen versäume, vor der von
       Macmillan angeregten  Gipfelkonferenz mit den Sowjets Vorverhand-
       lungen zu  führen. Vor Aufnahme der Gespräche zwischen den Regie-
       rungschefs müsse  eindeutig geklärt  werden, daß  die Sowjetunion
       ehrlich zum Verhandeln bereit sei.
       Frankfurter Rundschau vom 20. Oktober 1960
       
       STURMWARNUNG
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       Er rechne  mit stürmischen Zeiten im kommenden Frühjahr, erklärte
       Bundespressechef Felix von Eckardt in einem Vortrag vor führenden
       Wirtschaftlern des  Rhein-Main-Gebietes. Der  Staatssekretär, der
       auf einer  Veranstaltung der Vereinigung der hessischen Arbeitge-
       berverbände in  Zusammenarbeit mit  der  Pressestelle  Hessischer
       Kammern und  Verbände sprach,  sagte: "Ich  befürchte, daß späte-
       stens 1961 Berlin uns so sehr beschäftigen wird, daß alle morali-
       schen Kräfte des deutschen Volkes nötig sein werden, um der Krise
       begegnen zu können."
       Der Wirtschaft stünden in diesem Zusammenhang in nicht allzu fer-
       ner Zeit  Opfer bevor, die allerdings im Vergleich zu den Zielen,
       für die sie gebracht werden sollen, gering seien.
       Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Oktober 1960
       
       VIZEKANZLER?
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       Willy Brandt  sprach von einer "Volksregierung", einer Regierung,
       getragen von  einer breiten  Mehrheit, die  ihm vorschwebe,  wenn
       seine Partei  die Wahl gewönne. Er äußerte es zuletzt vor dem so-
       zialdemokratischen Kongreß  "Junge Generation  und Macht". Andere
       führende Männer der Partei bedienten sich ähnlicher Begriffe, wie
       des von einer Regierung der "nationalen Konzentration".
       Diese etwas vage gewählten Worte auf ihren realpolitischen Gehalt
       reduziert, ergeben  den Wunsch  nach einer  Bundesregierung,  die
       Christliche Demokraten  und  Sozialdemokraten  gemeinsam  bilden.
       Bundeskanzler Adenauer  und Vizekanzler  Brandt -  für viele kein
       schlechter Gedanke, falls die Partei des Kanzlers ihren absoluten
       Wahlsieg nicht wiederholen könnte.
       Die Welt Nr. 241/60
       
       BUNDESWEHR IN FRANKREICH
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       "Wenn wir  treu und entschlossen auf der Seite unserer Alliierten
       stehen, dann  können wir  hoffen, daß  Frieden und Freiheit eines
       Tages der  Welt wiedergeschenkt  werden -  und eben  dadurch euch
       euer schönes Land zurückgegeben wird: Ostpreußen."
       So drückte sich kürzlich der Kanzler Adenauer aus.
       Ostpreußen ist  seit 15 Jahren sowjetisches und polnisches Terri-
       torium. Die Sudeten wurden erst im Jahre 1938 von Deutschland an-
       nektiert, aber  der Verkehrsminister  Seebohm lud  vor kurzem die
       Tschechen ein,  "das an  den Sudetendeutschen nach 1945 begangene
       Unrecht wiedergutzumachen".  Der Vizekanzler Erhard stellte wenig
       später das  Unrecht, das  Deutschland Polen  zugefügt hatte,  den
       Fehlern Polens  gegenüber Deutschland gleich, um "die widerrecht-
       liche Abtrennung  Oberschlesiens" als  "inakzeptabel" zu qualifi-
       zieren.
       Auf Grund  dieser Stellungnahme schrieb die größte politische Wo-
       chenschrift Deutschlands  ("Der Spiegel"),  daß diese Forderungen
       "die Bundesrepublik  in die  sichere Isolierung drängen", während
       "die Forderungen  der Bundeswehr  uns geradewegs  zu einer Kraft-
       probe mit den Sowjets führen".
       Doch drei  Wochen nach dieser Warnung erfuhr man, daß die Bundes-
       republik, weit  davon entfernt, in die Isolierung zu geraten, für
       die Bundeswehr die Schaffung von Depots und Ausbildungsgelände in
       Frankreich durchgesetzt hatte.
       Vom deutschen Blickwinkel aus gesehen, bietet die Anwesenheit von
       Einheiten und  Depots  der  Bundeswehr  auf  französischem  Boden
       Frankreich nur  Vorteile. Einerseits  gewänne Frankreich  so eine
       wirksame Kontrollmöglichkeit  über die deutsche Aufrüstung; ande-
       rerseits würde  die Sicherheit Frankreichs doppelt verstärkt: ein
       deutscher Angriff  auf Frankreich würde völlig unmöglich, und die
       Bundeswehr würde im Falle eines sowjetischen Angriffs die franzö-
       sische Armee  unterstützen, indem  sie den Kampf westlich des Rh-
       eins fortsetzt.
       Diese Überlegung, jedoch, kann auch umgekehrt werden.
       Gesetzt die  Hypothese, die Bundesrepublik würde zur Wiedergewin-
       nung der  ehemaligen östlichen  Territorien des  Reiches eine be-
       waffnete Auseinandersetzung mit dem Osten provozieren, dann könn-
       ten die  Gegenschläge die  deutschen Depots  in Frankreich ebenso
       gut wie in Deutschland selbst treffen.
       Ein polnischer Diplomat, Herr Ogrodzinski, schrieb kürzlich: "Die
       Westmächte möchten uns überreden, die revisionistischen Erklärun-
       gen westdeutscher  Politiker nicht  zu ernst zu nehmen. Diese Er-
       klärungen entsprächen  nur den  Notwendigkeiten der  Innenpolitik
       und vor allem der Wahlkampagnen."
       Nun gut, wenn der Einfluß der revanchistischen Tendenzen in West-
       deutschland so gering ist, wie man es vorgibt, dann würde keiner-
       lei wahltaktische  Überlegung die  wichtigsten  Politiker  dieses
       Landes zu  unaufhörlichen revisionistischen  Erklärungen nötigen.
       Man muß  also zugeben,  daß diese  Reden kein anderes Ziel haben,
       als den  Revanche- und  Eroberungsgeist bewußt aufrechtzuerhalten
       und aufzustacheln. Doch wenn die revisionistischen Erklärungen in
       diesem Lande  im Wahlfeldzug  rentabel sind,  dann  ist  es  noch
       schwerer, uns  von den tiefen positiven Veränderungen zu überzeu-
       gen, die nach Ansicht der Westmächte seit fünfzehn Jahren die po-
       litische Orientierung  der westdeutschen  Bevölkerung  beeinflußt
       haben sollten.  "Tatsache ist",  schließt Ogrodzinski,  "daß  die
       Bonner Regierung  Ostpreußen, Schlesien,  Pommern und die Sudeten
       mit Hilfe des Westblocks zurückerobern will. Wir vernehmen diesen
       Zungenschlag immer  häufiger - und zwar in dem Maß, wie die Rolle
       der Bundesrepublik  im Westblock an Bedeutung zunimmt und die In-
       tegration des deutschen Revisionismus in die europäische Integra-
       tion fortschreitet."
       L'Express vom 29. September 1960
       
       MENDÈS-FRANCE FÜR ODER-NEISSE-GRENZE
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       Für die  Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als endgültige deutsche
       Ostgrenze hat  sich der  frühere  französische  Ministerpräsident
       Mendès-France in  einem Interview  mit der  Pariser Wochenzeitung
       "L'Express" ausgesprochen.
       Wörtlich sagte  er: "Alles, was die deutschen Grenzen im Osten in
       Frage stellt, gefährdet den Frieden."
       Die Welt vom 11. Oktober 1960
       
       "HEIMATRECHT KEIN GÖTTLICHES RECHT"
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       Das Problem  der deutschen  Ostgrenzen und  die Frage des "Rechts
       auf die  Heimat" sind auf der Ansbacher Ostkirchentagung erörtert
       worden. Der  Vorsitzende des Ostkirchenausschusses, Oberkonsisto-
       rialrat Gülzow,  erklärte, im  Augenblick sehe  es so aus, als ob
       alles auf  die Konsolidierung  der 1945 gezogenen Grenzen hinaus-
       laufe. "Das mag uns ärgern, wehtun und unser Rechtsempfinden ver-
       letzen, aber  die Situation  ist so."  In der  Zeit, da  die  So-
       wjetunion über  Kuba sich  in der westlichen Hemisphäre festsetze
       und Frankreich infolge seiner Algerienpolitik Hemmungen habe, für
       das Selbstbestimmungsrecht einzutreten", gerate die Frage der Re-
       vision der deutschen Ostgrenzen in den Hintergrund. In den Debat-
       ten um  die Heimatpolitik  werde immer wieder die Meinung vertre-
       ten, daß die Forderung auf Rückkehr in die Heimat und auf Wieder-
       vereinigung den Krieg bedeute. "Menschlich gesehen geraten wir in
       eine immer schwierigere Situation, wenn wir als Heimatvertriebene
       von dem Unrecht reden, das uns angetan wurde."
       Zum "Recht  auf Heimat"  sagte Gülzow,  der Christ  handle  nicht
       richtig, wenn er dort, wo es um das Recht in zwischenmenschlichen
       Beziehungen gehe,  sich immer gleich drauf berufe, daß sein Recht
       göttlich bestätigt und gesichert sei. Auch im Völkerrecht sei das
       Recht auf  Heimat noch nicht eindeutig paraphiert und präzisiert.
       "Unser Recht  auf Heimat  würde in  der Welt  glaubwürdiger sein,
       wenn nicht von vornherein die Hypothek der Rückgewinnung der Ost-
       gebiete damit verbunden wäre."
       Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. September 1960
       
       BUNDESMARINE WILL GRÖSSERE SCHIFFE
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       Die Bundesregierung  will in Kürze bei der Westeuropäischen Union
       (WEU) beantragen,  die Tonnagegrenze für Schiffe der Bundesmarine
       von dreitausend  auf sechstausend  Tonnen  heraufzusetzen.  Nato-
       Oberbefehlshaber General  Norstad hat  bereits den entsprechenden
       Vorschlag des Bundesverteidigungsministeriums gebilligt, der Bun-
       deswehr den  Bau von  Versorgungsschiffen in einer Größe von 6000
       Tonnen und  von Kriegsschiffen in einer Größe von 5000 Tonnen so-
       wie die Herstellung von Influenzminen zu gestatten.
       Zwischen dem deutschen Admiralstab und der Nato bestanden gewisse
       Meinungsverschiedenheiten darüber,  ob die Bundesmarine sich mehr
       auf den  Geleitzugschutz in der Nordsee oder auf den Kampf in der
       Ostsee konzentrieren solle. Die Deutschen ziehen das letztere vor
       und wollten  deshalb das  Schwergewicht  auf  den  Bau  kleinerer
       Boote, insbesondere  von U-Booten  legen. Allerdings  ist man aus
       Prestigegründen auch zumindest an einem großen Zerstörer interes-
       siert, damit sich nicht wie bei dem kürzlichen Besuch des Bundes-
       präsidenten die gesamte Prominenz auf der schmalen Kommandobrücke
       eines alten US-Zerstörers versammeln muß.
       Frankfurter Rundschau vom 28. September 1960
       
       BUNDESWEHR BRAUCHT 3,4 MILLIARDEN MARK FÜR KASERNENBAU
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       Für die  Bundeswehr sind - nach Angaben des Bonner Verteidigungs-
       ministeriums -  neue Kasernen  für insgesamt  rund 3,4 Milliarden
       Mark erforderlich. In diese Kosten sind Nebenanlagen nicht einge-
       rechnet. Für  diese beantragten  Neubauten hat  der Bundestag von
       1955 bis 1959 etwa 1,5 Milliarden Mark bewilligt. Rund die Hälfte
       davon ist  verbaut worden.  Der Restbetrag von über 700 Millionen
       Mark steht  dem Verteidigungsministerium noch zur Verfügung. Zwei
       Milliarden Mark  müßten vom  Parlament noch  genehmigt werden, um
       die Pläne für Kasernenneubauten zu verwirklichen.
       Frankfurter Rundschau vom 18. Oktober 1960
       
       GEPANZERTE FAHRZEUGE FÜR DEN BUNDESGRENZSCHUTZ
       ==============================================
       
       Der Bundesgrenzschutz  wird in  wenigen Monaten mit leichten Pan-
       zerfahrzeugen ausgerüstet.  Damit sei  das wünschenswerte  Maß an
       Ausrüstung erreicht,  sagte Bundesinnenminister Schröder am Frei-
       tag zum  Schluß einer  mehrtägigen Inspektionsreise. Dr. Schröder
       nannte den  Grenzschutz einen  wertvollen Bestandteil der inneren
       Sicherheit der Bundesrepublik.
       Frankfurter Rundschau vom 15. Oktober 1960
       
       NATO-LOB FÜR SPD
       ================
       
       Die Verdienste  der SPD  und  der  europäischen  Sozialdemokratie
       überhaupt würdigte  gestern der  "Nato-Brief", der  monatlich von
       der Informationsabteilung  der Nato in Paris in englischer, fran-
       zösischer und  deutscher Sprache  und in einer italienischen Fas-
       sung herausgegeben  wird. Die  Entscheidung der  SPD, den angese-
       henen Regierenden  Bürgermeister von  Berlin, Willy  Brandt,  als
       Kanzlerkandidaten aufzustellen,  werde die  Sache der Sozialdemo-
       kratie in Europa beachtlich stärken.
       Westfälische Rundschau vom 19. Oktober 1960
       
       PRÄSES WILM GEGEN POLITISCHE VERDÄCHTIGUNGEN
       ============================================
       
       Gegen die  "ungute Art, mit der bei uns vielfach politisch anders
       Denkende behandelt  und verdächtigt werden", wandte sich der Prä-
       ses der  evangelischen Landeskirche Westfalen, Wilm. Vor der Lan-
       dessynode, die  am Wochenende  nach sechstägiger  Dauer in Bethel
       bei Bielefeld  zu Ende  ging, sagte  Wilm, entschieden abzulehnen
       sei zum  Beispiel, daß alles "verteufelt" werde, was bei den öst-
       lichen Völkern geschehe.
       Die Welt vom 17. Oktober 1960
       
       SCHAMVOLLER MINISTER
       ====================
       
       Mit einer Enttäuschung endete eine Reise durch Deutschland für 15
       junge Frauen  und Männer  aus Isrsel, die dieser Tage wieder nach
       Hause fahren.  Drei Wochen  Gespräche, Besichtigungen, offizielle
       Empfänge, eigene  Beobachtungen in  der Bundesrepublik und Berlin
       haben ihnen - wie sie vor Journalisten sagten - den Eindruck ver-
       mittelt, daß  die meisten  Deutschen ihre Vergangenheit unter dem
       Hitlerregime und  das Schicksal  der Juden  in Europa 'verdrängt'
       hätten. Damit  werde auch verhindert, daß die deutsche Jugend die
       volle Wahrheit über diese Zeit erfahre...
       "Ich habe in Berlin zwei Abiturientinnen getroffen, die Lehrerin-
       nen werden wollen und die es noch heute für unmöglich halten, daß
       Hitler mehr als eine Million Juden hat umbringen lassen", berich-
       tete ein Journalist aus Israel...
       Minister Würmeling,  der zur  Abschlußdiskussion nach  Marienberg
       gekommen war, versuchte seinen Gesprächspartnern zu erklären, daß
       sich "die Erwachsenen in Deutschland gegenüber der jungen Genera-
       tion schämen,  zuzugeben, was  mit ihrem Wissen und teilweise mit
       ihrer Unterstützung  damals geschehen ist." Später mißtrauten die
       Israelis allerdings  auch dem  Minister, als er das Verhalten des
       Staatssekretärs Globke  und des  Professors Oberländer  gegenüber
       dem Nationalsozialismus verteidigte.
       Düsseldorfer Nachrichten vom 27. September 1960
       
       "ZERSETZER" ZUM SCHWEIGEN BRINGEN...
       ====================================
       
       Ein Jahr nach seiner Amtsübernahme hielt Bundespräsident Heinrich
       Lübke vor  jungen Fähnrichen der Bundesmarine in der Marineschule
       Flensburg-Mürwik eine  Ansprache, die  wieder einmal deutlich be-
       wies, daß  mit ihm  ein würdiger  Repräsentant an  die Spitze der
       Bundesrepublik kam, der die Notwendigkeiten unserer heutigen Zeit
       klar erkannt  hat. Es  sprach in diesem Falle ein früherer Soldat
       zu Soldaten. Wenn es Persönlichkeiten wie Heinrich Lübke gelingt,
       durch ihre persönliche Würde uns einen Rückhalt für die Wiederbe-
       sinnung auf  unsere nationale, europäische und freiheitliche Auf-
       gabe zu  geben, dann  werden auch  jene zersetzenden  Kräfte  zum
       Schweigen gebracht, die heute noch unsere öffentliche Meinung be-
       herrschen.
       Deutscher Anzeiger vom 15. Oktober 1960
       
       TAPFERE KLEINE SOLDATENFRAU VON GESTERN...
       ==========================================
       
       Millionen lesen  und diskutieren:  - Tapfere kleine Soldatenfrau.
       Nach dokumentarischem  Material  veröffentlicht  DAS  NEUE  BLATT
       einen großen  Tatsachenbericht über  das Schicksal  der deutschen
       Frau im  Kriege, über ihren Heldenmut und ihre Opferbereitschaft.
       Außerdem in der neuen Ausgabe
       Ist es die Leber? Wissenschaftler warnen vor Giftstoffen in unse-
       rer täglichen Nahrung.
       Träume sind keine Schäume.
       Zeigt der Traum die Wirklichkeit von morgen?
       Gut essen - mit Verstand.
       Wertvolle Tips für den Winter.
       DAS NEUE  BLATT... und  weitere interessante  Beiträge auf vielen
       bunten Seiten.
       Anzeige in "Die Welt" vom 20. Oktober 1960
       
       ...UND VON MORGEN?
       ==================
       
       Die deutschen  Frauen sollten  eine gesetzliche Verpflichtung zum
       Notdienst nicht ablehnen. Dieser Überzeugung gibt die CDU-Bundes-
       tagsabgeordnete Oberkirchenrätin  Dr. Elisabeth  Schwarzhaupt  in
       der CDU-Parteizeitschrift  "Frau und Politik" Ausdruck. Die Abge-
       ordnete bezieht  sich dabei auf den Entwurf eines Notdienstgeset-
       zes, der zur Zeit im Bundestag beraten wird.
       Wie berichtet,  sieht die  Vorlage  nach  ihrem  augenblicklichen
       Stand die Notdienstpflicht für Frauen vom 18. bis zum 50. Lebens-
       jahr vor, wobei nur Mütter mit Kindern bis zu drei Jahren von der
       Dienstleistung frei  sein sollen. Die Frauen können nach dem Ent-
       wurf jederzeit  zu Ausbildungskursen von 14 Tagen beziehungsweise
       100 Stunden  im Jahr  einberufen werden. Gegen diese Bestimmungen
       hatten die  weiblichen Bundestagsabgeordneten der SPD und der FDP
       sowie zahlreiche  Frauenverbände in scharfer Form Stellung genom-
       men. Sie traten für die freiwillige Dienstleistung der Frau ein.
       Ihre Überzeugung,  daß eine  gesetzliche Verpflichtung  zur  Not-
       dienstleistung für Frauen geboten erscheint, stützt die CDU-Abge-
       ordnete mit  dem Argument,  die Bundesrepublik  sei eines der ge-
       fährdetsten Länder  Europas. Ob  ein Land  die weiche  Stelle der
       Welt darstelle,  an der  der Kommunismus  einzudringen  versuche,
       hänge nicht  nur von  seiner militärischen Bewaffnung ab, sondern
       "von der  Ausbildung und Einsatzbereitschaft der Zivilbevölkerung
       in Zeiten innerer und äußerer Krisen".
       Frau Dr.  Schwarzhaupt fordert  außerdem eine erneute Überprüfung
       der Altersgrenze für Frauen, die zum Notdienst eingezogen werden.
       Während bei Männern die Grenze bei 65 Jahren liegen soll, hat der
       Regierungsentwurf für  Frauen 55  Jahre vorgesehen. Der Bundesrat
       ist auf  50  Jahre  heruntergegangen.  Die  CDU-Abgeordnete  sagt
       hierzu, es  gäbe "viele  Frauen von  52 oder  58 Jahren, die noch
       durchaus arbeitsfähig  sind. Viele von ihnen stehen noch im Beruf
       und leisten  Vollwertiges. Man  sollte  eine  Dienstverpflichtung
       dieser Frauen für den Fall der äußersten Not nicht ausschließen."
       Frankfurter Rundschau vom 19. Oktober 1960
       
       WIEDERVEREINIGUNG NICHT OHNE FRIEDEN
       ====================================
       
       Wer heute  noch  Wiedervereinigungspolitik  betreiben  will,  der
       weiß, daß sie nur im Rahmen einer großen europäischen, vielleicht
       einer Weltlösung  möglich ist. Man kann nichts für die Wiederver-
       einigung tun,  ohne nicht  auch etwas für den Frieden der Welt zu
       tun. Wer unser nationales Ziel erreichen will, muß zugleich alles
       daran setzen,  die Lebensinteressen der anderen Völker zu befrie-
       digen. Eins schließt das andere ein.
       Paul Sethe in "Die Zeit" vom 7. Oktober 1960
       
       MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN ÜBER DEN INTERZONENHANDEL
       ===================================================
       
       Schließlich geriet  Erhard auch  in offenen Gegensatz zum Bundes-
       kanzler, als  es um die Kündigung des Interzonenhandels ging. Der
       Wirtschaftsminister riet von dieser Maßnahme dringlich ab und be-
       rief sich  dabei auf eine frühere Entscheidung des Kabinetts, die
       unter seiner  Führung zustande  gekommen war und mit der anschei-
       nend auch Adenauer einverstanden gewesen war, die der Bundeskanz-
       ler nun aber aus politischen Gründen umkehren wollte. Es wird von
       einem erregten  telefonischen Gespräch zwischen Kanzler und Vize-
       kanzler berichtet,  das von  Adenauer schließlich  mit einer  un-
       glaublich brüsken Wendung abgebrochen worden sei.
       Neue Zürcher Zeitung vom 10. Oktober 1960
       
       DDR IMPORTIERT AUS ENGLAND
       ==========================
       
       Das Außenhandels-Unternehmen  der Sowjetzone "Deutsche Stahl- und
       Metall-Handelsgesellschaft mbH." soll nach einem Bericht der Ost-
       Berliner Nachrichtenagentur  ADN mit englischen Firmen Importver-
       träge zur  Lieferung von  Walzwerkerzeugnissen und Buntmetall für
       "mehrere Millionen  Mark" abgeschlossen  haben. Diese Mitteilung,
       die von zuständigen britischen Stellen in West-Berlin bisher noch
       nicht bestätigt  wurde, hat in politischen Kreisen Erstaunen aus-
       gelöst, da - sollte die Ost-Berliner Meldung zutreffen - der Ver-
       such der  Westmächte erschwert  werden könnte, gemeinsam mit Bonn
       eine einheitliche  Front gegen  Pankow zu  bilden. In West-Berlin
       verweist man  darauf, daß gerade ein Londoner Sprecher als erster
       über den  Protest der  drei Botschafter  der Westmächte in Moskau
       berichtet habe  und von  britischen Stellen  in Berlin zuerst be-
       kannt gemacht  worden sei, daß das alliierte "Travel-Board" keine
       Sonderpässe mehr  für Zonenbewohner ausstellen werde, die im Auf-
       trage Pankows  ins westliche Ausland reisen wollen. Jetzt scheint
       hier der  Eindruck zu  entstehen, die britische Regierung zögere,
       die bereits  bestehenden Verbindungen  auf dem  Gebiete der Wirt-
       schaft, der Kultur und des Sportes mit der Zone zu schmälern.
       Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Oktober 1960
       
       KONTAKTE DDR-FRANKREICH
       =======================
       
       In den  letzten Jahren  haben bereits  33 französische Senatoren,
       unter ihnen  vier ehemalige Minister, auf Einladung von Filialor-
       ganisationen der SED die DDR besucht. Obwohl der französische Se-
       natspräsident Anfang  Februar alle  Senatsmitglieder  vor  Reisen
       nach Ostberlin  warnte, konnten  Ulbrichts Funktionäre schon drei
       Wochen später  wieder eine  Gruppe von sieben Senatoren begrüßen,
       die fünf  verschiedenen Fraktionen angehören. Zur Leipziger Früh-
       jahrsmesse erschienen zwei Senatoren des MRP. Wie von kommunisti-
       scher Seite offiziell mitgeteilt wurde, hat eine Gruppe von fran-
       zösischen Parlamentariern  beschlossen, Mitglieder  der  ostdeut-
       schen Volkskammer nach Frankreich einzuladen.
       In einem kaum abbrechenden Strom bewegen sich französische Kommu-
       nalpolitiker durch  die Amtsräume Eberts im Roten Rathaus des So-
       wjetsektors von  Berlin. Als  besonders eifriger Kontaktpolitiker
       betätigt sich  der Oberbürgermeister  von Erfurt,  Boock, der die
       kommunistische Sache ohne das Parteichinesisch der SED zu vertre-
       ten weiß.  Boock knüpfte  bei einem Besuch in Frankreich Kontakte
       mit Kommunalpolitikern und Lehrern. Im vergangenen Mai erschienen
       Stadträte und  Lehrer aus  Lille in Erfurt. Die kulturpolitischen
       Organisationen der  DDR, an  der Spitze die Gesellschaft für kul-
       turelle Verbindungen  mit dem  Ausland, entfalten  in  Frankreich
       eine sehr  lebhafte Tätigkeit. Zu Anfang des Jahres unternahm der
       Leipziger  Literaturprofessor   Hans  Mayer,   den  die  SED  zum
       "Nationalpreisträger" proklamierte,  eine Gastvortragsreise durch
       Frankreich. Er sprach in Paris über Georg Büchner und Thomas Mann
       und hielt  auf Einladung  des Rektors der Sorbonne eine Schiller-
       Rede.
       Auch die wirtschaftspolitischen Verbindungen zwischen der DDR und
       Frankreich sind  in der letzten Zeit ausgebaut worden. Im vergan-
       genen Mai schlossen französische Stahlwerke mit einer staatlichen
       Monopolgesellschaft der  DDR Verträge  über  Walzwerkerzeugnisse,
       Rohre und  Edelstähle. Frankreich belegte auf der Leipziger Früh-
       jahrsmesse mit  über 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche den 2.
       Platz nach  Westdeutschland. Die  DDR beteiligte sich im Frühjahr
       mit einer Kollektivausstellung an der Pariser Messe, und die Ver-
       tretung der  ostdeutschen Kammer für Außenhandel gab in der fran-
       zösischen Hauptstadt einen Empfang.
       Neue Zürcher Zeitung vom 8. September 1960
       
       NORWEGISCHE GEWERKSCHAFTEN FÜR ANERKENNUNG OSTBERLINS
       =====================================================
       
       Eine norwegische  Gewerkschaftsdelegation ist  bei Ministerpräsi-
       dent Gerhardsen vorstellig geworden, er solle so bald wie möglich
       "normale" Beziehungen  zwischen Norwegen  und der Zone aufnehmen.
       Dieser Schritt  wurde auf  einer Gewerkschaftstagung beschlossen,
       an der  74 Vertreter von 62 Einzelgewerkschaften teilnahmen. Auch
       Fabrikklubs aus ganz Norwegen waren dabei vertreten.
       In ihrer  Forderung betonten  die Gewerkschaftler, Norwegen könne
       nicht länger die Existenz der Sowjetzone ignorieren, eines moder-
       nen Industriestaates  im Herzen  Europas mit 17 Millionen Einwoh-
       nern. Die norwegischen Interessen litten angeblich fühlbar darun-
       ter, daß keine diplomatischen und konsularischen Beziehungen zwi-
       schen Oslo und Ostberlin bestehen.
       Deutsche Zeitung vom 8. Oktober 1960
       
       POLIZEI VERHÖRTE FRANÇOISE SAGAN
       ================================
       
       Die französische  Regierung hat  gestern einschneidende Maßnahmen
       gegen Künstler,  Schriftsteller und Beamte beschlossen, die fran-
       zösische Soldaten  zur Befehlsverweigerung  oder zum  Desertieren
       auffordern. Der  französische Ministerrat,  der unter dem Vorsitz
       von Staatspräsident  de Gaulle  beriet, ermächtigte die Minister,
       gegen die  ihnen unterstehenden Beamten mit scharfen Disziplinar-
       maßnahmen vorzugehen, wenn sie durch Aufrufe zur Befehlsverweige-
       rung, durch  Begünstigung von  Deserteuren oder ähnliche Aktionen
       gegen die Autorität des Staates verstoßen.
       Gleichzeitig wurde im Ministerrat beschlossen, daß alle Intellek-
       tuellen, die in dem "Aufruf der 121" - die Zahl der Unterzeichner
       hat sich  inzwischen erheblich vergrößert - die in Algerien kämp-
       fenden Soldaten zum Ungehorsam auffordern, keine Möglichkeit mehr
       haben sollen, in staatlichen Einrichtungen Geld zu verdienen. Die
       Regierung verbietet den Unterzeichnern das Auftreten im französi-
       schen Rundfunk  und im Fernsehen oder, wenn es sich um Schauspie-
       ler handelt, auf staatlich subventionierten Bühnen.
       Die junge  Romanautorin Françoise  Sagan wurde  gestern in  ihrem
       Landhaus von  der Polizei  aufgesucht. Die Unterredung war streng
       geheim. Françoise  Sagan soll  eine schriftliche Erklärung unter-
       zeichnet und den Polizeibeamten ausgehändigt haben.
       Der Mittag vom 21. September 1960
       
       ALGERISCHES HILFEGESUCH AN DIE SOWJETUNION
       ==========================================
       
       Der Präsident  der provisorischen Regierung der Algerischen Repu-
       blik, Ferhat Abbas, hat zusammen mit einer algerischen Delegation
       auf der  Rückreise von Peking in Moskau einen Zwischenhalt einge-
       schaltet. An  einem Empfang auf der tunesischen Botschaft in Mos-
       kau hielt Ferhat Abbas eine Ansprache, in der er u.a. ausführte:
       "Wenn der  Krieg in  Algerien nicht aufhört, dann besteht die Ge-
       fahr, daß er sich auf den Mittelmeerraum ausdehnt und den Frieden
       auf der  ganzen Welt  gefährdet. Dieser Krieg kann den Aufbau des
       Sozialismus kompromittieren.  Aus diesem  Grunde ersuche  ich die
       Führer der  Sowjetunion, sich  des algerischen Problems, des Pro-
       blems aller  kolonisierten Völker,  anzunehmen und  aufmerksam zu
       prüfen, wie sie diesen Völkern wirklich helfen könnten, die Unab-
       hängigkeit zu  erlangen. Wir werden diesen Krieg so lange führen,
       bis man begreift, daß das Zeitalter des Kolonialismus vorbei ist.
       Wenn die  französischen Imperialisten  nicht alleine sind, so ist
       das algerische  Volk auch  nicht alleine:  ganz Frankreich,  ganz
       Asien, das  ganze sozialistische  Lager stehen auf unserer Seite;
       denn die  Sache, für die wir kämpfen, ist gerecht. Das algerische
       Volk war nicht gegen Frankreich, sondern nur gegen die Imperiali-
       sten. Algerien  gehört nicht der Armee, die es besetzt hält, son-
       dern den  zehn Millionen  Algeriern, die dort leben. Algerien ge-
       hört den  Algeriern. Die  gegenwärtige Welt ist in zwei Lager ge-
       spalten, das  imperialistische Lager  und das Lager des Friedens.
       Das algerische  Volk rechnet  Moskau zum  Lager des Friedens, und
       aus diesem  Grunde wendet sich das algerische Volk, das unter dem
       Kriege leidet, nach Moskau, um die Tragik seiner Lage darzulegen.
       Ihre Größe  und ihre Macht auferlegen der Sowjetunion zusätzliche
       Aufgaben. Die  Sowjetunion muß sich den afrikanischen Völkern zu-
       wenden, den Völkern, die für die Freiheit kämpfen und sterben."
       Hierauf ergriff der sowjetische Vizeministerpräsident Kosygin das
       Wort und  erklärte, die Sympathien aller Sowjetbürger seien immer
       auf der  Seite jener,  die für  die  Erlangung  des  Rechtes  auf
       Selbstbestimmung kämpfen.  Die Russen  seien der  Ansicht, es sei
       ihre heilige  Aufgabe, den  Völkern zu  helfen, sich zu befreien,
       und den  unterdrückten Völkern  alle Hilfe  zu leihen.  Das  Ver-
       schwinden der Kolonialregime sei nur noch eine Frage der Zeit.
       Abschließend sagte  der tunesische  Botschafter in  Moskau, Ahmed
       Mestiri, Tunesien  sei zu einem engen Zusammenschluß mit Algerien
       bereit, wenn  dies zur  Lösung des algerischen Problems beitragen
       könne.
       Neue Zürcher Zeitung vom 8. Oktober 1960
       
       BERTRAND RUSSELL FÜR "KAMPAGNE DES ZIVILEN UNGEHORSAMS"
       =======================================================
       
       Der englische  Philosoph Bertrand  Russell will  eine  gewaltlose
       Kampagne des  zivilen Ungehorsams organisieren, um Großbritannien
       und die Weltöffentlichkeit auf die Drohung eines Atomkrieges auf-
       merksam zu  machen. Wie am späten Mittwochabend in London bekannt
       wurde, soll  ein Ausschuß  von etwa 100 Mitgliedern gebildet wer-
       den. Etwa  2000 Freiwillige sollen an den Demonstrationen und der
       Kampagne beteiligt werden. Dieser plötzliche Wechsel der Methoden
       hat in  der Bewegung  der britischen  Atombombengegner,  für  die
       Bertrand Russell  eine der  führenden Persönlichkeiten  ist,  be-
       trächtliche Meinungsverschiedenheiten  ausgelöst. Kanonikus  John
       Collins dementierte, daß die Kampagne für atomare Abrüstung" eine
       derartige großangelegte  Aktion plane. Die Organisation sei durch
       verschiedene Beschlüsse  daran gebunden, legale und demokratische
       Methoden zur  Erreichung ihrer Ziele zu benutzen. Sie habe jedoch
       Sympathien und  Achtung für  Mitmenschen, die sich aus Gewissens-
       gründen veranlaßt  fühlen, Methoden  zu wählen, die gegen das Ge-
       setz verstoßen, und dafür ins Gefängnis gehen.
       Stuttgarter Zeitung vom 30. September 1960
       

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