Quelle: Blätter 1960 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       MANIFEST DER DEUTSCHEN FRIEDENSGESELLSCHAFT
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       Mit der  Herstellung von  nuklearen Massenvernichtungsmitteln ist
       die Menschheit  in eine  neue Phase ihrer Geschichte eingetreten.
       Der Krieg  der Zukunft  hat mit  dem Kriege der Vergangenheit nur
       noch den  Namen gemein.  Galt der Krieg bisher noch für viele als
       die Fortsetzung  der Politik  mit anderen  Mitteln, so muß er nun
       unvermeidbar zu  einer völligen  Zerstörung der  Grundlagen alles
       menschlichen Lebens  führen und  widerlegt damit selbst seine Be-
       rechtigung. Der Friedensgedanke hat damit eine tiefe Wandlung er-
       fahren: Die hohe humanitäre Zielsetzung einer Elite ist zur nack-
       ten Existenzfrage der Völker selbst geworden.
       Frieden, Koexistenz  und Zusammenarbeit  sind darum  an die Abrü-
       stung gebunden.  Die allgemeine,  vollständige und  kontrollierte
       Abrüstung ist das alleinige Instrument, um diese Werte zu sichern
       und für  die ganze  Menschheit fruchtbar zu machen. Die Abrüstung
       ist die Hauptaufgabe unserer Epoche.
       Die unbedingte Verwerfung einer gewaltsamen Entscheidung zwischen
       den beiden  konkurrierenden gesellschaftlichen  Systemen schließt
       die Bejahung  ihres friedlichen  Nebeneinanderbestehens ein.  Die
       friedliche Koexistenz  ist aber solange ungesichert, die vertrau-
       ensvolle Zusammenarbeit  aller Staaten  aber solange  verhindert,
       wie das Wettrüsten der Mächte anhält, sich die Staaten in militä-
       rischen Blöcken gegenüberstehen und die gegenseitige militärische
       Bedrohung gegeben ist.
       Von dieser  grundsätzlichen Einsicht her fordern wir das Bekennt-
       nis beider deutscher Staaten zum Gewaltverzicht und zur allgemei-
       nen, vollständigen  und kontrollierten  Abrüstung. Zum Bekenntnis
       muß die  erklärte Bereitschaft hinzutreten, mit Abrüstungsmaßnah-
       men in  Deutschland zu  beginnen, an  einer internationalen Abrü-
       stungskonferenz teilzunehmen und ein umfassendes Abrüstungsabkom-
       men zu unterzeichnen.
       Solche ersten  Abrüstungsmaßnahmen, die  unter Kontrolle bis Ende
       1961 durchzuführen sind, müssen beinhalten:
       1. keine Ausrüstung deutscher Streitkräfte mit Kern- und Raketen-
       waffen;
       2. keine weitere Aufrüstung und Truppenverstärkung in beiden Tei-
       len Deutschlands;
       3. Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht;
       4. Beseitigung aller  ausländischen Kern-  und Raketenwaffen ein-
       schließlich ihrer Stützpunkte von deutschem Boden.
       Diese Abrüstungsschritte  sollen im  Rahmen der allgemeinen Abrü-
       stung mit  der Bildung  einer kernwaffenfreien  Zone beschränkter
       Rüstung in  Europa getan  werden, und  sie sind  der unerläßliche
       Beitrag Deutschlands zum Beginn der weltweiten Abrüstung.
       Wir halten diese Abrüstungsmaßnahmen in Deutschland für vordring-
       lich. Sie  würden nicht  nur das  mitteleuropäische Spannungszen-
       trum, das  eine akute  Bedrohung des  Friedens in  sich schließt,
       entschärfen,  sondern   auch  die  militärische  Neutralität  der
       bestehenden  deutschen   Staaten  einleiten   und  den   Weg  zur
       Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands öffnen.
       Dem Memorandum  der Generäle,  dessen Inhalt  für die Politik der
       Regierung Adenauers  kennzeichnend ist,  setzt die Deutsche Frie-
       densgesellschaft das Abrüstungsmanifest entgegen.
       Die Generäle  denken an  den Krieg.  Wir halten den Krieg für un-
       denkbar.
       Die Generäle  wollen die  totale Militarisierung.  Wir wollen die
       totale Abrüstung.
       Die Generäle  wollen unser  Volk bereits  heute den  Gesetzen und
       Notwendigkeiten des  Krieges unterwerfen.  Wir  wollen,  daß  das
       Recht auf  Frieden triumphiert und das Notwendige für den Frieden
       jetzt getan wird.
       Wir rufen  die deutschen Menschen im Westen und Osten unseres Va-
       terlandes auf, den grundsätzlichen Gedanken unseres Manifestes zu
       folgen und  sie in  aller Öffentlichkeit  mutig zu vertreten, die
       Abrüstung zu  fordern und  sich für sofortige Abrüstungsmaßnahmen
       in Deutschland mit Wort und Tat einzusetzen.
       

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