Quelle: Blätter 1960 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       JEAN PAUL SARTRE'S SCHRIFTLICHE ZEUGENAUSSAGE
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       Da es mir unmöglich ist, persönlich zu der Gerichtsverhandlung zu
       kommen, was ich tief bedauere, bestehe ich darauf, mein vorausge-
       gangenes Telegramm ausführlich zu erklären. Es genügt tatsächlich
       nicht nur,  meine "totale Solidarität" mit den Angeklagten zu be-
       kräftigen, sondern es muß noch gesagt werden: Weshalb.
       Ich glaube  nicht, daß  ich jemals  mit Helene Cuenat zusammenge-
       troffen bin,  aber durch  Francis Jeanson  kenne ich die Verhält-
       nisse gut genug, in denen die "Unterstützungsorganisation" arbei-
       tete, der  man heute  einen Prozeß macht. Jeanson, ich wiederhole
       es, zählte  lange Zeit zu meinen Mitarbeitern, und wenn wir nicht
       immer einer  Meinung waren, was natürlich ist, so verband uns vor
       allem das  Problem: Algerien. Tag für Tag habe ich seine Bemühun-
       gen verfolgt,  die die der französischen Linken waren, um mit le-
       gitimen Mitteln  eine Lösung für dieses Problem zu finden. Und es
       ist nur  auf das Scheitern dieser Bemühungen, auf die offensicht-
       liche Ohnmacht  dieser Linken  zurückzuführen, daß  er sich  ent-
       schlossen hat, dieser geheimen Bewegung beizutreten, um dem alge-
       rischen Volk im Kampf für die Unabhängigkeit eine konkrete Unter-
       stützung zukommen zu lassen.
       Doch es  gebührt sich hier eine Zweideutigkeit zu zerstreuen. Die
       ausgeübte Solidarität  mit den  Algerien-Kämpfern entsprang nicht
       nur edlen  Prinzipien oder dem allgemeinen Willen, die Unterdrüc-
       kung -  überall da,  wo sie sich zeigte - zu bekämpfen, sie wurde
       durch eine  politische Analyse der Situation in Frankreich selbst
       ausgelöst. Die  Unabhängigkeit Algeriens  ist in Wirklichkeit er-
       reicht. Sie  wird in einem Jahr oder in 5 Jahren in Kraft treten,
       im Einverständnis  mit Frankreich oder gegen Frankreich, nach ei-
       nem Volksentscheid  oder durch die Internationalisierung des Kon-
       fliktes, das  ist mir nicht bekannt, aber sie ist schon Wirklich-
       keit, und  General de Gaulle, von den Vorkämpfern Französisch-Al-
       geriens an  die Macht gehoben, sieht sich heute selbst gezwungen,
       zu bekennen: "Algerier, Algerien gehört Euch!"
       Mithin, ich  wiederhole es,  ist diese  Unabhängigkeit gesichert.
       Das, was  nicht gesichert  ist, ist die Demokratie in Frankreich.
       Denn der  Krieg um  Algerien hat Frankreich morsch werden lassen.
       Die progressive  Verminderung der  politischen Lebendigkeit,  die
       Verbreitung der Folterungen, die immerwährenden Aufstände der Mi-
       litär-Macht gegen  die Zivilgewalt lassen eine Entwicklung erken-
       nen, die  man ohne  Übertreibung  eine  faschistische  bezeichnen
       kann. Die  Linke ist  gegen diese Entwicklung ohnmächtig, und sie
       wird es  bleiben, wenn  sie nicht darauf eingeht, ihre Kräfte mit
       der einzigen Macht zu verbinden, die heute wirklich gegen den ge-
       meinsamen Feind  für die Freiheit sowohl Frankreichs als auch Al-
       geriens kämpft.  Und diese  Macht ist  die Nationale  Befreiungs-
       front: FLN.
       Bei dieser  Schlußfolgerung ist Francis Jeanson angelangt, es ist
       dieselbe, bei der auch ich angelangt bin. Und ich glaube sagen zu
       können, mehr  denn je zahlreich sind die Franzosen, besonders un-
       ter der Jugend, die beschlossen haben, sie in die Tat umzusetzen.
       Man bekommt  eine bessere Einsicht in die Dinge, wenn man mit der
       ausländischen Meinung  Kontakt aufnimmt,  so wie ich es im Augen-
       blick in  Latein-Amerika mache.  Diejenigen, die die rechtsausge-
       richtete Presse  als Verräter  anklagt, und  die zögert, eine ge-
       wisse Linke zu verteidigen, wie sie es müßte, werden größtenteils
       im Ausland  als die Hoffnung des morgigen Frankreichs und als die
       Ehre des  heutigen Frankreichs angesehen. Es vergeht kein Tag, an
       dem man  mich nicht  über sie befragt, über das was sie tun, über
       das, was  sie fühlen.  Die Zeitungen sind bereit, ihnen ganze Ko-
       lonnen zu  widmen. Die Vertreter der Widerstandsbewegungen "Junge
       Abwehr" werden  zu Kongressen  geladen. Und das Manifest über das
       Recht den  Gehorsam im  Algerischen Krieg  zu verweigern, was ich
       unterschrieben  habe,  und  dem  mit  mir  120  andere  Gelehrte,
       Schriftsteller, Künstler und Journalisten ihre Unterschrift gege-
       ben haben,  ist im Ausland als ein Erwachen der französischen In-
       telligenz begrüßt worden.
       Kurz, meiner Ansicht nach, ist es wichtig, 2 Punkte aufzugreifen,
       die - sie mich entschuldigen wollen - fast gleichzeitig zu behan-
       deln, aber  es ist schwierig in einer solchen Aussage, den Dingen
       auf den Grund zu gehen.
       Auf der  einen Seite werden die Franzosen, die die FLN unterstüt-
       zen, nicht  nur von  edelmütigen Gefühlen im Hinblick auf ein un-
       terdrücktes Volk geleitet, und sie begeben sich auch nicht in den
       Dienst einer fremden Sache, sondern sie arbeiten für sich selbst,
       für ihre  eigene Freiheit  und für ihre Zukunft. Sie arbeiten für
       die Einführung einer wirklichen Demokratie in Frankreich. Auf der
       anderen Seite  sind sie  nicht vereinzelt, sondern haben den Vor-
       teil eines  immer größer  werdenden Zulaufs,  einer aktiven  oder
       passiven Unterstützung,  die nicht aufhört, zu wachsen. Sie waren
       an der  Spitze einer  Bewegung, die  vielleicht die Linke, die in
       eine klägliche  Vorsicht versunken war, geweckt haben wird. Diese
       Linke wird  besser auf  die unumgängliche Machtprobe mit der seit
       1958 zurückgestellten Armee vorbereitet sein.
       Es ist  selbstverständlich schwer  aus der Entfernung, in der ich
       bin, mir die Fragen, die das Militär-Tribunal an mich hätte rich-
       ten können,  vorzustellen. Ich nehme jedoch an, daß sich eine da-
       von auf  das Interview  bezogen hätte,  das ich Francis Jeanson -
       für sein  Bulletin um  der Wahrheit  willen -  gewährte, und  ich
       würde darauf  ohne Umschweife  antworten. Ich entsinne mich nicht
       mehr an  das genaue  Datum, noch an die präzisen Worte dieser Un-
       terredung. Aber  Sie werden  sie leicht finden, falls dieser Text
       den Akten beigefügt ist.
       Was ich  dagegen genau  weiß, ist,  daß Jeanson  als Anreger  der
       "Unterstützungsorganisation" und dieses Geheim-Bulletins - dessen
       Organ er war - zu mir kam und, daß ich ihm in voller Kenntnis der
       Sache empfing.  Ich sah  ihn seitdem  noch zwei- oder dreimal. Er
       verbarg mir nicht, was er tat, und ich billigte es durchaus.
       
       Verantwortung übernehmen
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       Ich glaube  nicht, daß  es auf  diesem Gebiet ehrenvolle Aufgaben
       und gemeine Aufgaben gibt, Tätigkeiten, die nur den Intellektuel-
       len vorbehalten sind und andere, die ihrer nicht würdig sind. Die
       Professoren der Sorbonne haben während der Resistance nicht gezö-
       gert, Briefe  zu übermitteln  und Verbindungen herzustellen. Wenn
       Jeanson mich  gebeten hätte, Geheimschreiben auszutragen oder po-
       litisch-tätige Algerier  unterzubringen, und wenn ich es ohne Ri-
       siko für sie hätte tun können, ich hätte es ohne Zögern getan.
       Ich glaube,  diese Sachen  müssen gesagt  werden; denn der Augen-
       blick naht,  wo jeder die Verantwortung übernehmen muß. Doch jene
       selbst, die  am stärksten politisch tätig sind, zögern noch vor -
       man weiß nicht welchem - Respekt der formellen Legalität, gewisse
       Grenzen zu  übertreten. Die  Jugend ist  es vielmehr,  die unter-
       stützt von den Intellektuellen beginnt, wie in Korea, in der Tür-
       kei, in  Japan die  Mystifikationen zum Bersten zu bringen, deren
       Opfer wir  sind. Woher  nur die außergewöhnliche Bedeutung dieses
       Vorgehens? Zum  ersten Mal  finden sich  Algerier  und  Franzosen
       trotz aller Hindernisse, aller Vorurteile, aller Vorsichtsmaßnah-
       men brüderlich auf der Anklagebank vereint. Es ist vergebens, daß
       man sich  bemüht, sie  zu trennen.  Ebenfalls vergebens  ist  es,
       diese Franzosen als Verirrte. Verzweifelte oder Romantiker hinzu-
       stellen. Wir  haben genug  von falscher  Nachsicht und "psycholo-
       gischen Erklärungen".  Es kommt  darauf  an,  sehr  klar  hervor-
       zuheben, daß  diese Männer  und diese  Frauen nicht  alleine  da-
       stehen, daß hundert andere schon umgeschaltet haben, daß Tausende
       bereit sind, es zu tun. Nur ein Unglück hat sie vorläufig von uns
       getrennt, aber  ich wage zu sagen, daß sie als unsere Delegierten
       auf dieser Anklagebank sind. Das, was sie verkörpern, ist die Zu-
       kunft Frankreichs;  und die  vergängliche  Macht,  die  sich  an-
       schickt, über sie Gericht zu halten, bedeutet schon nichts mehr.
       

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