Quelle: Blätter 1960 Heft 11 (November/Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PROF. V. ARDENNE ZUR DEGUSSA-GASZENTRIFUGE
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       Prof. M. v. Ardenne schreibt uns:
       Die Reaktion in der Öffentlichkeit auf das Bekanntwerden der Iso-
       topentrenn-Arbeiten  mit  Gasultrazentrifugen  bei  der  Degussa,
       Frankfurt/M., hat  zu offenbar  von der Degussa inspirierten Mel-
       dungen in  der Presse  (vgl. z.B.  Nucleus, Bonn  4, Nr. 39, 428,
       1960) geführt,  in denen  behauptet wird,  die Betätigung der De-
       gussa auf dem Gaszentrifugen-Gebiet und auf dem Uran-Gebiet diene
       ausschließlich friedlichen Zwecken.
       Auf einer öffentlichen Aussprache, die vor wenigen Tagen in Dres-
       den stattfand, wurde das Thema der Degussa-Zentrifuge angeschnit-
       ten und  der bekannte  Atomphysiker Prof. Dr. h.c. Manfred v. Ar-
       denne zu  seiner Ansicht über die wahren Perspektiven dieses Ver-
       fahrens gefragt. Die gegebene Antwort war in höchstem Grade alar-
       mierend. Prof. v. Ardenne erklärte, das bei der Degussa jetzt an-
       gewandte Urantrennverfahren  mit Ultrazentrifuge (Selbstkaskadie-
       rung nach  dem Gegenstromprinzip  und Erzeugung der Gaskonvektion
       mit der  Steenbeckschen Brennscheibe)  habe  a u s s c h l i e ß-
       l i c h  f ü r  m i l i t ä r i s c h e  Z w e c k e  Bedeutung.
       Es sei  ein in bezug auf Trennleistung, Raumbedarf und Energiebe-
       darf besonders günstiges Verfahren, um aus schwach angereichertem
       Uran, das  für Reaktorzwecke  benutzt und in großen Mengen preis-
       wert zur  Verfügung steht,  schnell und billig hochangereichertes
       Uran, d.h.  Kernexplosivstoff für Atombomben herzustellen. Deswe-
       gen seien die betreffenden Arbeiten bei der Degussa ein Politikum
       ersten Ranges,  das wegen der sich ergebenden Folgen große Beach-
       tung auch  in der westlichen Welt verdiene. Es seien alle Voraus-
       setzungen jetzt  erfüllt, daß bei der Degussa mit Gaszentrifugen,
       die ein Zimmer füllen, Kernsprengstoff für zwei bis drei Atombom-
       ben pro  Jahr hergestellt  werden kann.  Diese  wissenschaftliche
       Tatsache sei nicht wegzudiskutieren und man müsse sie klar sehen.
       Das Verfahren  der Gasultrazentrifuge  habe zur  Herstellung  von
       schwach angereichertem  Uran für  Reaktoren, also  für friedliche
       Zwecke, keinerlei  Aussichten, weil  die pro Zeiteinheit zu tren-
       nende Uranmenge bei diesem Verfahren hierfür viel zu klein ist.
       Prof. von  Ardenne wies  in der Diskussion weiter darauf hin, daß
       alle Einzelheiten  der bei  der Degussa jetzt angewendeten Gasul-
       trazentrifuge mit  Selbstkaskadierung seit  langem in der DDR be-
       kannt seien,  denn der  wirkliche Vater des Verfahrens, Prof. Dr.
       Max Steenbeck *) lebe und wirke in der DDR. Trotz dieser Tatsache
       sei seit  der Rückkehr  Steenbecks aus  der Sowjetunion  vor fünf
       Jahren in der DDR an diesem Verfahren  n i c h t  gearbeitet wor-
       den, weder  theoretisch noch praktisch, weil es nur der Vorberei-
       tung von  Tod und Vernichtung diene. Auch dieser bewußte Verzicht
       der DDR  sei ein  politisch sehr bedeutsamer Fakt, welcher in der
       Weltöffentlichkeit große  Beachtung verdiene.  Die Gegenüberstel-
       lung des  Handelns der Bundesrepublik in dieser Frage mit dem be-
       wußten Verzicht  der DDR  sei geeignet,  um auch durch politische
       Propaganda verwirrte Menschen sehr nachdenklich zu stimmen.
       
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       *) Prof. Steenbeck  leitete gemeinsam  mit Prof.  von Ardenne und
       Prof. Thiessen, dem heutigen Vorsitzenden des Forschungsrates der
       DDR, seit  1945 fast 10 Jahre lang in der Sowjetunion ein bei Su-
       chumi gelegenes Forschungsinstitut.
       Prof. Steenbeck ist besonders durch seine Arbeiten auf dem Gebiet
       der Gasentladungen und durch die Konzeption des Betatrons bekannt
       geworden.
       Die Arbeiten  bei der  Degussa an  der Zentrifuge  wurden von den
       früheren Mitarbeitern  Prof. Steenbecks aus der Sowjetunion-Zeit,
       Dr. Zippe und Scheffel, durchgeführt.
       

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