Quelle: Blätter 1961 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       GEGEN REGIERUNGSFERNSEHEN - ERKLÄRUNG DEUTSCHER SCHRIFTSTELLER
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       Am 25.  Juli 1960  hat Herr Fritz Schäffer mit der Bundesrepublik
       Deutschland,  vertreten  durch  Herrn  Bundeskanzler  Dr.  Konrad
       Adenauer, die Errichtung einer Gesellschaft mit beschränkter Haf-
       tung ("Deutschland-Fernsehen") vereinbart. Ohne vorherige Klärung
       der verfassungsmäßigen  Rechte der Länder soll diese Gesellschaft
       ein zweites Fernsehprogramm vorbereiten und vom 1. Januar 1961 an
       ausstrahlen.
       Sowohl die Entstehungsgeschichte als auch die bisherige Zusammen-
       setzung   der   Aufsichtsgremien   lassen   erkennen,   daß   das
       "Deutschland-Fernsehen" nicht  mehr ein  Publikationsorgan  unter
       öffentlicher Kontrolle,  sondern ein  Instrument der Bundesregie-
       rung, der Regierungsparteien und wirtschaftlicher Interessengrup-
       pen sein  wird. Die Unterzeichner dieser Erklärung lehnen deshalb
       jede Mitarbeit  an diesem  Programm ab.  Da diese Institution die
       demokratische Entwicklung  der Bundesrepublik Deutschland gefähr-
       den kann,  bitten sie  auch ihre  Kollegen, sich  dem Boykott der
       Deutschland-Fernsehen GmbH  und deren  Programm-Lieferanten anzu-
       schließen. Sie  verpflichten sich,  vom  Zeitpunkt  ihrer  Unter-
       schrift an  ihr weder  Texte noch  Rechte an Texten zu überlassen
       und ihr  jede redaktionelle  oder dramaturgische Beihilfe zu ver-
       weigern. Die  Autoren unter ihnen werden künftig ihre Verlagsver-
       träge derart abschließen, daß die Fernsehrechte an ihren Arbeiten
       nur mit ihrer Zustimmung vergeben werden können.
       Frankfurt am Main, November 1960
       Ilse Aichinger,  Christian Amery, Günther Anders, Herbert Asmodi,
       Heinrich Böll,  Axel Eggebrecht, Günter Eich, Hans Magnus Enzens-
       berger, Günter  Graß, Fred  von Hörschelmann, Wolfgang Hildeshei-
       mer, Peter  Hirche, Jahnheinz Jahn, Walter Jens, Uwe Johnson, Ro-
       bert Jungk, Joachim Kaiser, Marie Luise Kaschnitz, Erich Kästner,
       Wolfgang Koeppen, Ernst Kreuder, Eva Müthel, Hans Werner Richter,
       Klaus Roehler,  Peter Rühmkorf,  Paul Schallück,  Martin  Walser,
       Dieter Wellerhoff, Wolfgang Weyrauch, Gabriele Wohmann.
       Ingeborg Bachmann,  Herbert Eisenreich  und Erich  Fried, die dem
       Paß nach  Ausländer sind  und die Boykott-Erklärung deshalb nicht
       unterzeichnen konnten,  haben ihren  Absichten zugestimmt und den
       Unterzeichnern ihre Solidarität erklärt.
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       Persönliche Erklärung von Hans Magnus Enzensberger:
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       Bedarf die  "Erklärung" einer Erklärung? Postministern und Rekla-
       mefachleuten, der  Frau Nachbarin  des Regierungschefs und seinem
       Hausarzt wird  in unserm  Land die  Kompetenz für die Einrichtung
       der Massenmedien  nicht bestritten,  sondern von amtswegen einge-
       räumt. Melden sich aber Leute zu Wort, zu deren potentiellen Pro-
       duktionsmitteln ein  Instrument wie  das Fernsehen gehört, so ist
       die Verwunderung  allgemein, und  erklären sie  gar, daß man ihre
       Dienste zum  höheren Ruhm von Strauß und Sunil nicht kaufen kann,
       so scheint  das als  Provokation zu  wirken. Das geht offenbar zu
       weit; das  läuft darauf  hinaus, es  mit der  Freiheit  der  Mei-
       nungsäußerung allzuernst  zu nehmen.  Dabei weiß  doch ein jeder:
       Ordnung muß  sein, und  kleinliche Bedenken  haben zu  schweigen,
       wenn es  um die  Interessen der  Regierung geht. Meinungsfreiheit
       ist gut  für die Sonntagsreden der Auguren, werktags aber fordert
       die Praxis ihr Recht, da muß sich die Verfassung mit einem Augen-
       zwinkern begnügen.  Meine Meinung  ist:  mögen  sich  die  Herren
       Schröder und Globke anderswo kulturelle Verzierungen für ihre ge-
       walttätigen Absichten  suchen! Solange da noch ein Sender im Land
       steht, der nicht unter ihrer Kuratel, sondern unter den Augen der
       Öffentlichkeit arbeitet, solange wollen wir die Partie nicht ver-
       loren geben.  Die letzte  Gleichschaltung in Deutschland ist noch
       keine dreißig  Jahre her. Schriftsteller werden die nächste nicht
       verhindern. Heißt  das, sie  sollten sich  an ihr beteiligen? Ich
       glaube nicht. Deshalb habe ich die Erklärung unterschrieben.
       

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