Quelle: Blätter 1961 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DER WORTLAUT DER ANSPRACHE DES PRÄSIDENTEN JOHN F. KENNEDY
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       ANLÄSSLICH SEINER INAUGURATION AM 20. JANUAR 1961
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       Meine Mitbürger,  wir erleben  heute nicht den Sieg einer Partei,
       sondern eine  Feierstunde der Freiheit, die sowohl einen Abschluß
       als auch  einen Neubeginn  darstellt, eine  Erneuerung und  einen
       Wechsel. Denn  ich habe  vor euch  und dem  allmächtigen Gott den
       gleichen heiligen Eid geschworen, den unsere Vorfahren vor nahezu
       175 Jahren vorgeschrieben haben.
       Die Lage,  in der wir uns heute befinden, unterscheidet sich sehr
       von diesen  alten Zeiten.  Der Mensch  hält in seinen sterblichen
       Händen die Macht, alle menschliche Armut zu beseitigen, aber auch
       alle Formen  des menschlichen  Lebens auszutilgen.  Dennoch haben
       dieselben revolutionären Ideen, für die unsere Vorväter kämpften,
       auch heute  noch Gültigkeit  in der ganzen Welt - der Glaube, daß
       die Menschenrechte  nicht von  einem großzügigen  Staat geschenkt
       werden, sondern von Gott kommen.
       Wir dürfen nicht vergessen, daß wir die Erben dieser ersten Revo-
       lution sind.  Laßt uns  hier und  heute von  diesem Platz aus die
       Botschaft an Freund und Feind senden, daß die Fackel in die Hände
       einer neuen  Generation von  Amerikanern übergegangen ist, die in
       diesem Jahrhundert  geboren wurde,  die vom  Krieg und  von einem
       kalten und  bitteren Frieden  geprägt ist.  Diese Generation  ist
       stolz auf  ihre Herkunft  und nicht willens, dem langsamen Auslö-
       schen der  Menschenrechte zuzusehen oder es gar zu erlauben. Die-
       sen Menschenrechten  war unser Land immer verpflichtet. Das glei-
       che gilt heute für uns.
       Jede Nation,  ob sie  uns Gutes  oder Böses wünscht, soll wissen,
       daß wir  jeden Preis  zahlen, jede  Last auf  uns nehmen und alle
       Härten ertragen  werden, um  jeden Freund  zu unterstützen - oder
       jedem Feind  entgegenzutreten-, damit das Überleben und die Fort-
       dauer der Freiheit gesichert werden.
       Dies versprechen  wir - und noch mehr. Unseren alten Verbündeten,
       mit denen  wir unsere  kulturelle und geistige Abstammung teilen,
       versprechen wir  die Loyalität  treuer Freunde.  Vereint gibt  es
       viel, was  wir gemeinsam tun können. Gespalten gibt es nur wenig,
       was wir  tun können - denn wir dürfen es nicht wagen, uns mächti-
       gen Herausforderungen zersplittert gegenüberzustellen.
       Allen neuen  Staaten, die wir nun in den Reihen der Freien begrü-
       ßen, geben  wir unser  Wort, daß  die eine Form der Kolonialherr-
       schaft nicht  beseitigt sein soll, um durch eine weit härtere Ty-
       rannei ersetzt  zu werden. Wir erwarten durchaus nicht immer, daß
       sie uns  in jeder  Hinsicht unterstützen,  wir werden  aber immer
       hoffen, daß  sie zu  ihrer eigenen Freiheit stehen und sich daran
       erinnern, daß  in der  Vergangenheit diejenigen,  die durch einen
       Ritt auf  des Tigers Rücken leichtsinnig nach Macht strebten, un-
       vermeidlich von ihm aufgefressen wurden.
       Allen Menschen,  die auf  der einen Hälfte der Erde in Hütten und
       Dörfern versuchen,  die Ketten  des Massenelends zu brechen, ver-
       sprechen wir  unsere größten Anstrengungen, um sie in die Lage zu
       versetzen, sich  selbst zu  helfen, welche  Zeitspanne auch immer
       dafür benötigt wird.
       Wir machen  dies nicht,  weil die  Kommunisten es tun, nicht weil
       wir Stimmen  suchen, sondern  weil es gerecht ist. Wenn die freie
       Gesellschaft nicht den vielen helfen kann, die arm sind, kann sie
       auch niemals die wenigen Reichen retten.
       Unseren Schwesterrepubliken  südlich unserer  Grenzen bieten  wir
       ein besonderes  Versprechen: Unsere guten Worte in gute Taten um-
       zuwandeln, in  einer neuen  Allianz des Fortschritts allen freien
       Menschen und freien Regierungen beizustehen, die Ketten der Armut
       abzuwerfen. Diese  friedliche Revolution  der Hoffnung darf nicht
       die Beute  feindlicher Mächte werden. Alle unsere Nachbarn sollen
       wissen, daß wir uns mit ihnen in der Abwehr von Aggressionen oder
       Subversionen an  jeder Stelle  in Amerika vereinigen. Jede andere
       Macht sollte  wissen, daß  diese Hemisphäre Herr im eigenen Hause
       bleiben will.
       Der Weltversammlung  souveräner Staaten,  den Vereinten Nationen,
       die unsere letzte, beste Hoffnung in einem Zeitalter sind, in dem
       die Instrumente  des Krieges die des Friedens bei weitem überholt
       haben, geben  wir erneut  das Versprechen  der Unterstützung. Wir
       wollen verhindern, daß die UN lediglich ein Forum für Schmähreden
       werden. Wir wollen ihren Schutzschild für die neuen und schwachen
       Staaten stärken,  um das Gebiet zu vergrößern, in dem ihre Charta
       Geltung hat.
       Denjenigen Nationen  schließlich, die sich selbst zu unseren Geg-
       nern machen, bieten wir kein Versprechen. Wir richten an sie aber
       eine Aufforderung:  daß beide Seiten von neuem mit der Suche nach
       dem Frieden beginnen, bevor die von der Wissenschaft entfesselten
       dunklen Mächte der Zerstörung die gesamte Menschheit in geplanter
       oder zufälliger Selbstzerstörung verschlucken.
       Wir werden  sie nicht  durch Schwäche in Versuchung bringen, denn
       nur wenn  unsere Waffen ohne jeden Zweifel ausreichend sind, kön-
       nen wir  ohne jeden Zweifel auch sicher sein, daß wir sie niemals
       brauchen werden. Auf der anderen Seite können zwei große mächtige
       Völkergruppen keine  Befriedigung aus  ihrer  gegenwärtigen  Lage
       ziehen: beide Seiten sind mit den Kosten für moderne Waffen über-
       lastet, beide  Seiten sind durch das ständige Ausbreiten des töd-
       lichen Atoms  beunruhigt, und  trotzdem sind beide in einem Wett-
       lauf begriffen,  um die unsichere Balance des Schreckens zu ihren
       Gunsten zu verändern.
       So laßt  uns von  neuem beginnen  und uns auf beiden Seiten daran
       erinnern, daß  Höflichkeit nicht ein Zeichen von Schwäche ist und
       Aufrichtigkeit stets  bewiesen werden  muß. Laßt  uns niemals aus
       Furcht heraus  verhandeln, aber laßt uns auch niemals Verhandlun-
       gen fürchten. Laßt beide Seiten prüfen, welche Probleme uns eini-
       gen, statt auf den Problemen herumzureiten, die uns teilen.
       Beide Seiten  sollten außerdem  zum ersten  Male  ernsthafte  und
       klare Vorschläge  für die  Inspektion und Kontrolle der Rüstungen
       ausarbeiten und die absolute Macht, andere Nationen zu zerstören,
       unter die  absolute Kontrolle  aller Völker bringen. Beide Seiten
       sollten dabei  zusammenarbeiten, die Wunder und nicht die Schrec-
       ken der  Wissenschaft anzuwenden. Zusammen sollten wir die Plane-
       ten erforschen,  die Wüsten  erobern, die  Seuchen ausmerzen, die
       Ozeantiefen erschließen,  Kunst und  Handel fördern. Beide Seiten
       sollten gemeinsam  in alle  Ecken der Erde das Wort Jesaijas tra-
       gen: Nehmt  die Last von den Schultern und laßt die Unterdrückten
       frei.
       Und wenn  ein Brückenkopf der Zusammenarbeit in dem Dschungel des
       Argwohns geschlagen  werden kann,  dann sollten beide Seiten auch
       die nächste  Aufgabe gemeinsam unternehmen: nicht ein neues Mäch-
       tegleichgewicht, sondern  eine neue  Welt des Rechts zu schaffen,
       in der  die Starken  gerecht und die Schwachen sicher sind und in
       der der Friede für immer bewahrt ist.
       All dies  wird nicht in den ersten hundert Tagen erreicht werden.
       Es wird  auch nicht  in den  ersten tausend  Tagen, nicht  in der
       Amtszeit dieser  Regierung und  vielleicht auch nicht während un-
       seres Lebens  auf diesem Planeten gelingen. Aber wir wollen einen
       Anfang machen.
       In euren  Händen, meine  Mitbürger, werden  am Ende  Erfolg  oder
       Fehlschlag unseres  Weges  liegen.  Seit  dieses  Land  gegründet
       wurde, war  jede Generation  aufgerufen, ihre nationale Loyalität
       zu bezeugen.  Die Gräber  junger Amerikaner, die diesem Ruf folg-
       ten, liegen auf dem ganzen Erdball.
       Nun ruft  uns erneut die Trompete, nicht um die Waffen zu ergrei-
       fen, obwohl wir auch Waffen benötigen, nicht zur Schlacht, obwohl
       wir in  Schlachtordnung stehen, sondern um die Last eines langen,
       zwielichtigen Kampfes  zu tragen.  Jahraus, jahrein,  freudig  in
       Hoffnung, geduldig  in Trübsal.  Ein Kampf  gegen die gemeinsamen
       Feinde des Menschen: Tyrannei, Armut, Krankheit und Krieg.
       Können wir  gegen diese Feinde eine große und weltumspannende Al-
       lianz im Norden und Süden, Osten und Westen bilden, eine Allianz,
       die ein  fruchtbareres Leben  für die  ganze Menschheit  sichert?
       Werdet ihr an dieser historischen Aufgabe teilnehmen?
       In der  langen Geschichte der Erde wurde nur wenigen Generationen
       die Aufgabe  gestellt, die  Freiheit in  der Stunde ihrer größten
       Gefahr zu  verteidigen. Ich  schrecke  vor  dieser  Verantwortung
       nicht zurück, ich begrüße sie vielmehr. Ich glaube nicht, daß ir-
       gendeiner von  uns seinen  Platz mit irgendeinem anderen, mit ir-
       gendeiner anderen  Generation tauschen  würde. Die  Energie,  das
       Vertrauen und die Innigkeit, die wir dieser Aufgabe entgegenbrin-
       gen, werden unser Land und alle diejenigen erhellen, die ihr die-
       nen. Und  der Glanz dieses Feuers kann wahrlich die Welt erleuch-
       ten.
       Und deshalb, meine amerikanischen Bürger, fragt nicht danach, was
       unser Land  für euch  tun will,  fragt danach,  was ihr für unser
       Land tun  könnt. Meine Mitbürger in der Welt: Fragt nicht danach,
       was Amerika  für euch  tun will, sondern was wir zusammen für die
       Freiheit des Menschen tun können.
       Schließlich, ob  ihr Bürger  Amerikas oder der übrigen Welt seid,
       verlangt von  uns das gleiche hohe Maß von Stärke und Opfern, das
       wir von euch verlangen werden. Mit einem guten Gewissen als unse-
       rer einzigen sicheren Belohnung, mit der Geschichte als dem letz-
       ten Richter  unserer Tage,  wollen wir  vorwärtsschreiten, um das
       Land, das  wir lieben,  zu führen,  wollen wir  seinen Segen  und
       seine Hilfe  anrufen, aber  in dem Bewußtsein handeln, daß Gottes
       Werk auf Erden wahrhaft unser eigenes Werk sein muß.
       

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