Quelle: Blätter 1961 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRUF DES "ZENTRALEN AUSSCHUSSES -
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       OSTERMÄRSCHE DER ATOMWAFFENGEGNER"
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       "Ein Atomkrieg bedroht das Leben der gesamten Menschheit.
       Jede militärische  Verteidigung ist  damit illusorisch  geworden,
       weil sie den atomaren Selbstmord des eigenen Volkes bedeutet.
       Es gibt  keine überzeugende ideelle Rechtfertigung für einen ato-
       maren Krieg,  weil mit  der Vernichtung  der Menschheit auch alle
       Ideale zu Grunde gehen werden.
       Daraus folgt:  Herstellung, Erprobung und Lagerung von Atomwaffen
       - gleich an welchem Ort und in welcher Hand - sind eine Bedrohung
       des Lebens  dieser Welt.  Sie sind  damit in höchstem Grade nicht
       nur unvernünftig, sondern auch unsittlich.
       Im Namen der Vernunft und der Menschlichkeit wenden wir uns daher
       an alle  Regierungen in  Ost und  West, auf jegliche militärische
       Verwendung der  Atomenergie zu verzichten. Wir appellieren an un-
       sere Bundesregierung,  durch Verzicht auf eine atomare Aufrüstung
       der Welt ein Beispiel zu geben.
       Es gibt  weder materielle  noch  ideelle  Gründe,  wie  Weltherr-
       schaftspläne oder  auch die  Verteidigung der  Freiheit, die  den
       Einsatz von  Atomwaffen und  damit den  Untergang der  Menschheit
       rechtfertigen. Als  Bürger einer freien Demokratie, als Menschen,
       die sich  für das  Wohl ihres  Volkes verantwortlich fühlen, sind
       wir vor unserem Gewissen zu diesem Appell verpflichtet. Eine par-
       teipolitische Propaganda  - gleich  welcher Richtung  - ist nicht
       unsere Absicht.
       Wir rufen auf zum Widerstand gegen Atomwaffen jeder Art und jeder
       Nation in Ost und West.
       Um den  Ernst, mit  dem wir  diese Forderung erheben, deutlich zu
       machen, werden wir - die entschiedenen Atomwaffengegner - 1961 in
       der ganzen  Bundesrepublik Ostermärsche  veranstalten. Diese Mar-
       sche sollen von vier militärischen Zentren aus in die umliegenden
       Großstädte führen.  Damit knüpfen wir an die Tradition der großen
       englischen Märsche  von Aldermaston  nach London  und den  ersten
       deutschen Ostermarsch 1960 von fünf norddeutschen Städten zum Ra-
       ketenübungsplatz Bergen-Hohne an.
       Die Vorbereitung  der Ostermärsche liegt in den Händen eines Zen-
       tralen Ausschusses.  Die Organisation für die einzelnen Marschge-
       biete wird von regionalen und örtlichen Ausschüssen geleitet. Sie
       alle sind von Parteien und Organisationen unabhängig und befassen
       sich ausschließlich  mit der  Vorbereitung und  Durchführung  der
       Märsche.
       Wenn die Mahnungen der bedeutendsten Menschen der Völker beiseite
       geschoben werden,  müssen  alle  diejenigen,  die  sich  für  das
       Schicksal ihres  Volkes und der Menschheit verantwortlich fühlen,
       ein unmißverständliches  und eindrucksvolles  Zeichen ihrer  Ent-
       schlossenheit und Überzeugung geben.
       Helfen Sie,  daß dieser  Marsch zu einem überzeugenden Beweis für
       die Wachsamkeit unserer Demokratie wird!
       Zeigen Sie,  daß Sie  niemals resignieren  werden, wenn es um die
       Erhaltung Ihres Lebens und das vieler Millionen geht!
       Sorgen Sie, daß aus einem Kreise verantwortungsbewußter einzelner
       zum Segen aller Völker eine kraftvolle Mehrheit wird!
       Nehmen Sie  teil am  Protest - und sei es nur für einen Tag - und
       fordern Sie auch Ihre Familie und Ihre Freunde dazu auf!"
       Dem Kuratorium  für den  Ostermarsch der Atomwaffengegner gehören
       an:
       Stefan Andres,  Schriftsteller;  Heinrich  Böll,  Schriftsteller;
       Hedwig Born,  Gattin des  Nobelpreisträgers für  Physik Prof. Max
       Born; Benjamin Britten. Komponist: John Collins, Domherr, Vorsit-
       zender der  britischen Kampagne  für atomare  Abrüstung;  Herbert
       Faller, Bundesjugendleiter  der Naturfreunde;  Prof. Dr.  Helmuth
       Gollwitzer, ev.  Theologe; Prof. Gustav Heckmann, Pädagoge; Heinz
       Hilpert, Intendant  des Deutschen Theaters, Göttingen; Dr. Robert
       Jungk, Schriftsteller und Journalist; Dr. Erich Kästner, Schrift-
       steller; Dr.  Arno Klönne,  Landesjugendpfleger; D.D. Heinz Klop-
       penburg, Oberkirchenrat;  Christel Küpper, Psychologin; Margarete
       Lachmund, (Friedensausschuß  der  Quäker);  Dr.  Armin  Prinz  zu
       Lippe, Forstwirt;  Prof. Wilhelm  Maler, Musikpädagoge;  Dr. Bodo
       Manstein, Chefarzt  und Dozent;  Martin Niemöller,  Kirchenpräsi-
       dent;  Prof.  Katharina  Petersen,  Ministerialrätin  a.D.;  Earl
       Bertrand Russell, Philosoph.
       Die Ostermärsche führen durch die Orte:
       Norden: Bremen,  Hannover, Göttingen, Braunschweig, Bergen-Hohne,
       Wardböhmen, Soltau, Cordshagen; Abschlußkundgebung in Hamburg.
       Hessen: Miltenberg,  Obernburg, Aschaffenburg, Frankfurt; Kundge-
       bung auf dem Römerberg.
       Süd-Westen: Miltenberg,  Mainbuhlau, Amorbach,  Neckarsulm, Heil-
       bronn, Lauffen, Kirchheim, Wahlheim, Bietigheim, Ludwigsburg; Ab-
       schlußkundgebung in Stuttgart.
       Westen: Düsseldorf, Essen, Recklinghausen, Wuppertal, Bochum; Ab-
       schlußkundgebung in Dortmund.
       Süden: Ingolstadt, München, Augsburg, Nürnberg, Regensburg.
       

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