Quelle: Blätter 1961 Heft 07 (Juli)


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       der aktuellen "Blätter"-CD, welche die  Beiträge ab 1990 enthält
       und beim gleichnamigen Verlag bezogen werden kann. Näheres siehe
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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Anmerkungen, Glossen, Zuschriften
       
       EIN BRIEFWECHSEL MIT DER FRANKFURTER ALLGEMEINEN
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       Etzel an FAZ
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       ...
       "Sehr geehrte  Herren, die  Presseagentur AP  hat am 10. Juni von
       Moskau  aus  den  Wortlaut  des  letzten  Deutschland-Memorandums
       Chrustschows mitgeteilt.  In der  Ausgabe vom 12. Juni veröffent-
       lichten Sie  Ihrerseits den als Wortlaut bezeichneten Inhalt. Sie
       bemerkten dazu, Sie hätten ihn, den Wortlaut nur unwesentlich ge-
       kürzt. Die fortgelassenen Stellen haben Sie durch Punkte angedeu-
       tet. Sie  finden sich in den Absätzen 2, 4 und 5 der Ziffer 5 und
       im Absatz 4 der Ziffer 6. Am gleichen Tage haben andere westdeut-
       sche Zeitungen,  beispielsweise die  Stuttgarter Zeitung, den un-
       verstümmelten Wortlaut  gebracht. Das  von  Ihnen  eingeschlagene
       Verfahren muß befremden und Widerspruch hervorrufen.
       Die AP-Mitteilung  war ein  Akt der  Dokumentation. Auch Ihre Be-
       kanntgabe sollte  ein solcher  sein. Zum  Wesen der Dokumentation
       gehört die  unverkürzte Wiedergabe  eines Textes.  Das entspricht
       der journalistischen  Verpflichtung zur Wahrheit in der Nachrich-
       tengebung. Wollten  Sie sich  auf eine  auszugsweise Veröffentli-
       chung beschränken, dann hätten Sie das zu erkennen geben müssen.
       Sie nehmen  für sich  in Anspruch,  zu entscheiden,  was an einem
       Text  unwesentlich   und  für  die  Wiedergabe  entbehrlich  ist.
       Tatsächlich sind  die von Ihnen vorgenommenen Kürzungen schon um-
       fänglich nicht  unbeträchtlich und  sachlich keineswegs  unerheb-
       lich. Das gilt im besonderen von der Lücke in Absatz 4 der Ziffer
       5.
       Indem Sie gegen das Wesen der Dokumentation verstießen, haben Sie
       Ihren Lesern  wichtige Teile  vorenthalten, ich  will nicht sagen
       unterschlagen, haben  Sie dazu  beigetragen,  daß  in  ihnen  ein
       falsches Bild entsteht, und die journalistische Verpflichtung zur
       Objektivität in  der Nachrichtengebung verletzt. Was Sie zu Ihrem
       Vorgehen bewogen  hat, sei  dahingestellt. Sie  werden aber nicht
       überrascht sein.  wenn in  Ihren Lesern der Verdacht und der Ein-
       druck entstehen,  daß hier  wieder einmal  der Kalte Krieg in Er-
       scheinung getreten ist.
       Seit dem Jahre 1911 lese ich die 'Frankfurterin'. Wenn ich an die
       liberale Objektivität  der alten Frankfurter Zeitung zurückdenke,
       als deren Traditionsnachfolgerin sich wohl die FAZ betrachtet, so
       möchte ich  die Hoffnung  noch nicht  aufgeben, daß  Sie es ange-
       sichts der  Bedeutung des  Deutschland-Memorandums und  des  Ver-
       dachts einer  tendenziösen Wiedergabe  für geboten  erachten, die
       fortgelassenen Textstellen Ihren Lesern nachträglich bekanntzuge-
       ben."
       ...
       FAZ an Etzel
       ------------
       ...
       "Sehr geehrter Herr Dr. Etzel, wir danken Ihnen herzlich für Ihre
       kritische   Zuschrift    zur   Veröffentlichung    des   Deutsch-
       land-Memorandums Chrustschows  in unserer  Ausgabe vom  12. Juni.
       Wir sind immer bei Dokumenten, die ja eine wörtliche Wiederholung
       dessen darstellen, was in indirekter Rede schon an anderer Stelle
       des Blattes  veröffentlicht worden ist, möglichst vollständig. Es
       gelingt aber  der Redaktion  nur in  ganz seltenen  Fällen, ihren
       Wunsch nach  Platz in einem solchen Ausmaße erfüllt zu sehen, daß
       es ohne  Kürzung abgeht. In dem von Ihnen beanstandeten Fall ging
       es eben darum, auf dem freien Stück der Seite neun das Memorandum
       unterzubringen, und das ist tatsächlich mit Kürzungen von Stellen
       gelungen, die  der Bearbeiter  für entbehrlich  gehalten hat  und
       auch halten  konnte. Es  gab überhaupt nur die Wahl, entweder auf
       das ganze  Dokument zu  verzichten oder es doch in sehr wesentli-
       chen Teilen  wiederzugeben. Es  sind etwa 15 bis 20 Zeilen wegge-
       fallen, und  wir wären  froh, wenn  es immer mit einem so kleinen
       Opfer abginge.  Im ersten  Absatz dieser  Nachricht ist  übrigens
       ausdrücklich vermerkt,  daß es sich um einen unwesentlich gekürz-
       ten Wortlaut  handele. Ein  Redakteur muß  jeden Tag darüber ent-
       scheiden, was  er für  wesentlich oder unwesentlich hält, das ist
       sein Beruf;  denn das  anfallende  Nachrichtenmaterial  kann  das
       Vielfache des Raumes füllen, den er zur Verfügung hat.
       Es stimmt  uns ein  wenig traurig, daß wir die Kritik eines alten
       Lesers der Frankfurter Zeitung, von deren Redaktionsstab zahlrei-
       che Mitarbeiter  an der Frankfurter Allgemeinen Zeitung arbeiten,
       nicht gelten lassen können. Wir hoffen dennoch auf Verständnis."
       ...
       Etzel an FAZ
       ------------
       ...
       "Sehr geehrter  Herr Dr.  Ruelius, für Ihre Antwort danke ich Ih-
       nen. Sie  sagen: Dokumente sind eine wörtliche Wiedergabe dessen,
       was in  indirekter Rede  an anderer Stelle des Blattes veröffent-
       licht ist.  Aus Platzmangel können Dokumente in der Regel nur mit
       Kürzungen wiedergegeben  werden; so  auch im  vorliegenden Falle.
       Der Bearbeiter  des Dokuments  konnte die  gekürzten Stellen  für
       entbehrlich halten.
       Sie werden nicht im Ernst glauben, daß ich Ihnen diese Schelmerei
       abnehme. Wenn die große FAZ für die ungekürzte Wiedergabe von Do-
       kumenten keinen Raum hat, dann möge sie diese Aufgabe den Zeitun-
       gen überlassen,  die sich  keinem Platzmangel  beugen, wenn es um
       die Wahrheit  geht. Unter  solchen Umständen  genügt ja  wohl die
       'indirekte Rede'  der Frankfurter  Allgemeinen. Der  Ansicht, daß
       der Sachbearbeiter tatsächlich nur unwesentlich gekürzt habe, muß
       ich entschieden  widersprechen. Vor allem, wie ich wiederhole, im
       Hinblick auf die in Absatz 4 der Ziffer 5 unterdrückte Stelle, wo
       die sowjetische  Kompromißbereitschaft gegenüber Amerika zum Aus-
       druck kam.
       Daß Sie den Bearbeiter der Dokumentation zu decken versuchen, ge-
       reicht Ihnen  nicht zur Unehre. Daß Sie in diesem Bemühen aber so
       weit gehen,  sich mit seiner tendenzverdächtigen Methode zu iden-
       tifizieren, und  es ablehnen, den Lesern die gestrichenen Stellen
       wenigstens nachträglich  bekanntzugeben, das stimmt nun mich mei-
       nerseits nicht 'wenig traurig'."
       ...
       Die fehlenden Stellen
       ---------------------
       ...
       "...Das bis  heute dort  bestehende Besatzungsregime  ist bereits
       überlebt. Es  hat jede Verbindung mit den Zielen verloren, um de-
       rentwillen es geschaffen wurde, ebenso wie mit den alliierten Ab-
       kommen über Deutschland, auf deren Grundlage es existierte...
       ...Es versteht sich von selbst, daß die USA ebenso wie alle ande-
       ren Länder die volle Möglichkeit hätten, ihre Beziehungen mit der
       Freien Stadt zu unterhalten und zu entwickeln. Im allgemeinen muß
       Westberlin, wie  es sich  die Sowjetregierung  vorstellt,  streng
       neutral sein.  Freilich darf  man nicht  zulassen, daß Westberlin
       auch weiterhin  als Stützpunkt  für eine provokatorische feindse-
       lige Tätigkeit  gegen die UdSSR, die DDR oder irgendeinen anderen
       Staat benutzt  wird und weiterhin ein gefährlicher Herd der Span-
       nungen und der internationalen Konflikte bleibt...
       ...Die sowjetische  Seite ist  bereit, sämtliche andere Maßnahmen
       zu erörtern,  die die Freiheit und Unabhängigkeit Westberlins als
       Freie entmilitarisierte  Stadt garantieren  könnten. Bei  alledem
       müßte die  Westberlin-Regelung natürlich  die Notwendigkeit einer
       strengen Achtung  und Einhaltung  der souveränen Rechte der Deut-
       schen Demokratischen  Republik berücksichtigen,  die  bekanntlich
       ihre Bereitschaft erklärt hat, sich einem entsprechenden Abkommen
       anzuschließen und es zu achten...
       ...Die Frist für einen Kontakt zwischen der deutschen Bundesrepu-
       blik und  der DDR  und für  Verhandlungen zwischen  ihnen  reicht
       vollkommen aus,  da in  den nach dem Kriege vergangenen 16 Jahren
       die Einsicht in die Notwendigkeit herangereift ist, mit den Über-
       resten des Zweiten Weltkrieges in Europa Schluß zu machen..."
       ...
       

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