Quelle: Blätter 1961 Heft 07 (Juli)


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       der aktuellen "Blätter"-CD, welche die  Beiträge ab 1990 enthält
       und beim gleichnamigen Verlag bezogen werden kann. Näheres siehe
       unter www.blaetter.de.
       
       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Anmerkungen, Glossen, Zuschriften
       
       GRÜBER, HEUSS UND DIE EMIGRANTENFRAGE
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       Heuß kontra Grüber
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       ...
       "Aus Zuschriften  und Anrufen muß ich entnehmen, daß ein Aufsatz,
       in dem  der Berliner  Propst D.  Grüber sich gegen Äußerungen des
       Bundespräsidenten Dr. Lübke und Äußerungen von mir wendet, manche
       Menschen stärker beschäftigt als mich: Sie erwarten eine Antwort.
       Ich kann  mich dazu  nicht leicht entschließen, denn ich habe für
       die Haltung  von Grüber,  für sein  Schicksal und  für sein Nach-
       kriegswirken in  der Fürsorge für Menschen jüdischer Herkunft und
       christlichen Glaubens  immer den größten Respekt gehabt. Das weiß
       er auch selber aus den persönlichen Begegnungen in den Jahren der
       Bedrängnis und  der Nachzeit.  Doch wäre ich nie auf die Idee ge-
       kommen, ihn  zu meiner politischen Beratung oder gar Seelsorge zu
       bitten.
       Grüber hat  viel Freude an dem leicht verwendbaren Wort 'Vernied-
       lichung'. Soll ich annehmen, daß er mich bei dieser Beschäftigung
       sah, als  ich  im  Spätjahr  1949  mich  gegen  das  damals  noch
       geläufige, banale  Gerede von  der 'Kollektivschuld des deutschen
       Volkes' wandte,  aber aussprach, daß die 'Kollektivscham' für all
       das, was  unter dem  Namen der  Deutschen geschehen  sei, auf uns
       lasten bleibe? Ich vermute dies, weil er die Distanzierung zu den
       "Eichmännern"  (von  deren  Wirken  und  Vernichtungstechnik  die
       wenigsten Deutschen  etwas wußten  und wissen  konnten) fast  als
       Flucht vor der Mitverantwortung deutet.
       Nun schreibe ich diese Zeilen ohne Kenntnis des Gesamt-Aufsatzes;
       die Zeitschrift,  in der  jener Aufsatz erschien, wie sein Verlag
       sind mir  völlig fremd.  Aber da man mir diesen Angriff nicht zu-
       sandte, wie  das eigentlich  bei solchen  Geschichten das  Gemäße
       ist, und  eine rasche  Reaktion sich  empfiehlt, unterstelle ich,
       daß das  Wesentliche in  den Exzerpten der Zeitung enthalten ist.
       Es war für mich neu, zu erfahren, daß ich ein 'Techniker der Ver-
       niedlichung' sei;  die meisten,  die ihre  Meinung hören  ließen,
       fanden, daß  das, was  ich zur jüdischen, was ich zur Emigranten-
       Frage dann  und dort gesagt habe, von einer robusten Deutlichkeit
       bestimmt ist.
       Grüber muß sich die Replik gefallen lassen, daß ich ihn für einen
       'Techniker der Vereinfachung' halte, wenngleich er sicher glaubt,
       mit der sozusagen subtilen Unterscheidung zwischen 'Vertriebenen'
       und 'Geflüchteten'  die Problematik  differenziert zu  haben. Was
       für ein  sachlicher und doch auch wohl ethischer Unfug, (die Män-
       ner und  Frauen, die  Deutschland verließen - von der Bedrohtheit
       jüdischer Menschen abgesehen, die wohl als die 'Vertriebenen' be-
       trachtet werden  mögen - in ihrer Entscheidung als etwas fragwür-
       dig zu  charakterisieren. Grüber ist gebildet genug, oder er kann
       sich orientieren  lassen, wie viele Menschen von hohem Rang, weil
       sie die  Luft der  'Reaktion'  nicht  atmen  konnten,  nach  1849
       Deutschland  verließen,   in  die   Schweiz,  nach  England  oder
       Frankreich, in  die USA; einige sind zurückgekehrt, ohne daß sich
       jemand um  diesen  Termin  kümmerte,  sind  noch  politische  Ge-
       schichtsfiguren geworden, etwa Lothar Bucher, Kapp; ihre 'Flucht'
       war so  wenig eine  Umsiedlung ins Paradies wie die 'Flucht' nach
       1933. Die  'Rassenfrage' war  damals noch nicht erfunden. Aber es
       ist doch  nicht so, daß die Menschen, die aus Deutschland 'flüch-
       teten', statt  das von  Grüber ihnen  abgeforderte  Martyrium  zu
       erwarten bis  zum Tode,  damit ihre Wesenheit hinter sich warfen.
       Sie blieben  innerlich ihrer  Herkunft verbunden,  zugleich  aber
       entwuchsen  sie,  in  Nöten,  dem  Provinzialismus  einer  einge-
       schränkten deutschen Tradition. Grüber scheint kein Gefühl zu ha-
       ben -  eigentlich müßte  er etwas  davon wissen -, wie verletzend
       seine Analyse  für eine Anzahl deutscher Hochschullehrer ist, die
       'flüchteten', weil  sie nicht mehr lehren durften, was ihre Über-
       zeugung war.  Aber das  Element ihres  Lebens war Lehren und For-
       schen - diese These ist unter seiner menschlichen, auch amtlichen
       Würde. Und das, was er 'Flucht' nennt, ist in vielen, vielen Fäl-
       len liebende  Verantwortung für  die Kinder,  für den Geist ihrer
       jungen Jahre gewesen.
       Geradezu peinlich  aber empfinde  ich die  Mitteilung von Grüber,
       daß,  je  später  die  'Vertriebenen'  oder  'Geflüchteten'  nach
       Deutschland zurückkehrten,  um so  verderblicher ihr  politischer
       Einfluß; fast  macht er  sie für die tragische Trennung der deut-
       schen Staatlichkeit  verantwortlich. Das  geht zu  weit. Denn die
       Leute, die  das lesen,  werden pastoral  ermuntert, sich  und den
       Nachbarn zu  fragten: 'Wen meint er damit wohl?' Gut, Grüber kann
       die Politik  von Bonn  und von Berlin verurteilen. Aber er sollte
       sie  nicht   mit  einer   Denunziation  gegen   'Unbekannt'   und
       'Ungenannt' verbinden.
       Die Juden  haben sich  damit abfinden  müssen, daß  im  deutschen
       Sprachgebrauch ein  aus ihrer theologischen Antike stammender Be-
       griff des 'Pharisäertum' sich zur Bezeichnung einer selbstgerech-
       ten menschlichen  Haltung entwickelt  hat. In  der inneren seeli-
       schen Wirrnis ist das einstweilen bei uns noch nicht mit Statuten
       organisierte 'Pharisäertum' ein geistig-soziologischer Tatbestand
       geworden. Schade, daß ein Mann von dem bisher erwiesenen Rang des
       Propstes Grüber  sich als  Stabschef oder  Generalsekretär in Be-
       reitschaft hält."
       ...
       Brief an Heuß
       -------------
       ...
       "Sehr verehrter  Herr Professor Heuss, in der 'Frankfurter Allge-
       meinen Zeitung' vom 14. Juni 1961 wie auch in Stuttgarter Zeitun-
       gen des gleichen Tages findet sich unter der Überschrift 'Antwort
       an Propst  Grüber' eine Stellungnahme von Ihnen zu den Ausführun-
       gen von  Propst Grüber  'Gegen die  Verniedlichung', die  in  der
       Juni-Ausgabe unserer  Monatsschrift 'Blätter für Deutsche und In-
       ternationale Politik' veröffentlicht wurden.
       Ihren Sätzen ist zu entnehmen, daß Sie den Inhalt der Darlegungen
       von Propst  Grüber nur  aus Zeitungs-Exzerpten  kennen. Wie wenig
       exakt diese  Exzerpte sind, mag schon daraus hervorgehen, daß der
       von  Ihnen   zitierte  und  zu  einer  Replik  benutzte  Ausdruck
       'Techniker der Verniedlichung' in den Ausführungen von Propst Gr-
       über nicht vorkommt.
       Ohne in  diesen Zeilen irgendwie in eine Diskussion einzugreifen,
       möchte ich  mir die  Bemerkung erlauben, daß sicherlich ein über-
       einstimmendes Urteil  in unserer  Öffentlichkeit darüber besteht,
       daß Propst  Grüber zu  den ganz wenigen Menschen in unserem Volke
       gehört, denen  es aus  christlicher und  nationaler Verantwortung
       darum geht, die gefährlichen Reste und Unausgegorenheiten unserer
       braunen Vergangenheit  zu überwinden.  Es erscheint  mir abwegig,
       hierin auch nur den geringsten Ansatz zu einem Denunziantentum zu
       erblicken, wie  weit oder wie wenig man immer seinen persönlichen
       Darlegungen zu folgen vermag.
       Die Beachtung, die die 'Blätter' in führenden politischen Kreisen
       finden, ließ  mich annehmen,  daß sie  auch Ihnen, sehr verehrter
       Herr Professor Heuss, bekannt sind. Selbstverständlich wäre Ihnen
       auf Anforderung  jederzeit sofort  das Heft  mit dem  Beitrag von
       Propst Grüber  zugeschickt worden.  Mit gleicher  Post  geschieht
       dies nun  unter Beifügung  der  beiden  voraufgegangenen  Monats-
       hefte."
       ...
       Heuß antwortet
       --------------
       ...
       "Sehr geehrter  Herr, freundlichen  Dank für  die  Zusendung  der
       'Blätter für Deutsche und Internationale Politik'. Ich gebe gerne
       zu, daß es vermutlich ein Bildungsdefekt von mir ist, daß ich von
       der Existenz  dieser Zeitschrift gar nichts wußte. Leider bin ich
       mein ganzes  Leben hindurch  ein schlechter  Zeitungs- und  Zeit-
       schriftenleser gewesen  und nur  auf das  'Vierteljahresheft  für
       Zeitgeschichte' abonniert.  Ich erhalte  wohl die  oder die Zeit-
       schrift zugesandt,  aber es  kommt bei meiner sinnlosen Überbean-
       spruchung und  bei dem  Kampf um die Stunden, die ich der eigenen
       literarisch-wissenschaftlichen Arbeit  widmen kann,  selten dazu,
       daß ich  mich in  diesen Publikationen  umsehen kann. Daß das ein
       Mangel in  meinem zeitgenössischen  Dasein ist,  weiß ich selber.
       Einer der  Herausgeber Ihrer  'Blätter' hat  mir auch den Vorwurf
       gemacht, daß ich meine 'Antwort' schrieb ohne die genaue Kenntnis
       des gesamten  Aufsatzes. Aber da ich ihn nun gelesen habe, glaube
       ich nicht, daß ich zu früh 'geschossen' hätte. Es kommt mir dabei
       nicht darauf  an, wie  meine politischen  Äußerungen von dem oder
       jenem  beurteilt  werden.  Die  menschliche  Ernsthaftigkeit  von
       Propst Grüber  ist bei  mir in keinem Augenblick in Zweifel gewe-
       sen, da ich ihn ja persönlich schon durch manche Begegnung in der
       Nazizeit und  später zu  schätzen gelernt  habe. Ich  glaube, ich
       würde auch  bei Kenntnis des Wortlautes die Dinge, auf die es mir
       ankam, so gesagt haben, wie ich sie gesagt habe, denn mit dem ag-
       gressiven Wort von der "Verniedlichung" fühlte ich meine Bemühun-
       gen in  der jüdischen  Frage entwertet,  mit  dem  Wort  von  dem
       "Freibrief für  die  Fortgelaufenen"  einen  neuen  von  mir  als
       leichtfertig empfundenen Begriff des Davonlaufens in eine indivi-
       duell so  tragische Problematik  eingeführt - und die Unterschei-
       dung, die  Propst Grüber zwischen den Vertriebenen und Geflüchte-
       ten einführte,  als moralisch  und politisch geradezu verhängnis-
       voll.
       Allein diese Dinge haben mich, von einigen nahestehenden Menschen
       gebeten und  gedrängt, zu  der raschen und knappen Antwort veran-
       laßt.
       Die Bewertung  der Persönlichkeit  und  der  Arbeitsleistung  von
       Propst Grüber  bleibt bei mir über diesen Zwischenfall hinaus le-
       bendig. Wie er mich selber im politischen Raum beurteilt, ist für
       mich höchst zweitrangig, da ich nie in meinem Leben Ansprüche auf
       Unfehlbarkeit gemacht habe und auch den Irrtum als Begleiter mei-
       nes Lebens  kenne: aber mit diesem Aufsatz hat nach meinem Urteil
       Propst Grüber den politischen Stil der Deutschen, an dem ihm doch
       eigentlich gelegen sein wird, mehr verdorben als gesäubert.
       Mit freundlicher Empfehlung
       Ihr (gez.): Theodor Heuss"
       ...
       "Die Emigranten waren anders"
       -----------------------------
       ...
       "Der im Juni von den "Blättern" veröffentlichte Beitrag Propst D.
       Grübers verlangt  eine Entgegnung  nicht nur in Anbetracht seiner
       Person, sondern auch angesichts der allgemeinen Bedeutung der be-
       handelten Fragen.  Sie sind zweifacher Art, und meine Antwort ist
       ihnen gegenüber auch nicht die gleiche. Mit Recht erhebt sich der
       Verfasser gegen die in der Bundesrepublik geübte "Verniedlichung"
       des Nazi-Reichs  und seiner  Verbrechen. Uneingeschränkt pflichte
       ich seiner  Forderung bei, daß nicht "allgemeine Schuldbeteuerun-
       gen" notwendig seien: "Nur konkrete Erkenntnisse und Bekenntnisse
       helfen uns  weiter und machen uns frei." Propst D. Grüber erwähnt
       als Beispiel eines solchen notwendigen Auftretens diejenigen, die
       für das Ermächtigungsgesetz stimmten, was nicht nur politisch un-
       klug, "sondern verbrecherisch" gewesen sei.
       Bis dahin  folge ich  den Ausführungen  des  Verfassers  uneinge-
       schränkt und mit Begeisterung: nur auf diesem Wege ließe sich die
       seit langem im Gange befindliche unheilvolle Entwicklung der Bun-
       desrepublik zum  Besseren wenden. Propst D. Grüber wirft dann je-
       doch eine  Frage auf,  die ihm  - wie  er  schreibt  -  als  noch
       "schwerwiegender"   erscheint:    das   Problem   der   deutschen
       E m i g r a t i o n.   Hier trennen sich - und ich stelle das mit
       Bedauern fest - unsere Wege eindeutig. Im Unterschied zu den ras-
       sisch "Vertriebenen"  sieht der  Verfasser in  den politisch  Ge-
       flüchteten vor allem "Fortgelaufene" denen - man höre und staune!
       - das  System nicht paßte, die nicht die Kraft verspürten, Wider-
       stand zu  leisten, und  die den  Mut nicht  hatten, das Opfer der
       Freiheit und  des Lebens  zu bringen."  Gehen wir  über das etwas
       verächtliche Wort  gegen Leute  hinweg, denen  "das System  nicht
       paßte". Man  sollte sich  eher hüten, einen solchen Satz im Sinne
       eines Vorwurfs  zu erheben.  Aber es  geht hier überhaupt um Sinn
       und Bedeutung der Emigration. Zunächst ist die strenge Einteilung
       in rassisch  "Vertriebene" und  politisch "Geflüchtete" nicht an-
       gängig. Ist  es notwendig,  darauf hinzuweisen, daß es Politiker,
       Schriftsteller, Künstler,  Wissenschaftler gab,  die gleichzeitig
       rassisch verfolgt waren? Weiter: unter den politischen Emigranten
       gab es  einen bedeutenden  Teil, dessen  Leben ebenso bedroht war
       wie das  des rassisch  Verfemten. Es ist fast indezent, hier Leid
       und Schmerzen  gegeneinander abzuwägen. Diese Kenntnis sollte zum
       Selbstverständlichen gehören,  ohne daß  es notwendig wäre, davon
       zu sprechen.  Propst D. Grüber gesteht zu, daß es Emigranten gab,
       "die auf  Weisung ihrer  Organisation oder ihrer Partei den Wohn-
       sitz ins  Ausland verlegt  haben, um ihre Tätigkeit fortführen zu
       können". Doch dem "größten Teil" wirft er Feigheit und Charakter-
       schwäche vor.  Da wären  wir nun fast inmitten der Kampagne - und
       das ist nicht das geringste, was mich betrübt -, die kein anderer
       als Herr  Strauß zu  Beginn des  Jahres vom  Zaune brach. Geht es
       heute wirklich  nicht mehr  ohne Verunglimpfung  der  Emigranten?
       Nun, es  gibt keine  Statistiken über  den Grad der Bedrohung der
       Geflohenen. Auch  Propst D.  Grüber wird keine kennen. Jeder wird
       aus persönlicher  Erfahrung sprechen.  Auch ich besitze eine sol-
       che: mir  ist niemand  begegnet, der  unbedroht das  Dritte Reich
       verlassen hätte.  Womit nicht gesagt sein soll, daß es diese Men-
       schen nicht gab. Aber sie waren eine kleine Minderheit. Die Mehr-
       zahl stand  auf den  Verhaftungslisten der  Gestapo und  auf  den
       Mordlisten der SA. Es waren entweder Prominente der Weimarer Zeit
       oder Unbekannte, die den illegalen Kampf geführt hatten.
       Wie es nicht angeht, eine strenge Trennung von rassisch Bedrohten
       und politisch  Geflüchteten vorzunehmen, so unmöglich ist es, von
       im Lande  gebliebenen Mutigen  und draußen befindlichen Feigen zu
       reden. Dieses  Kriterien ist  willkürlich und  völlig untauglich.
       Zwischen innen  und draußen  gab es keine trennende Mauer. Zumin-
       dest bis  zum Krieg  bestand nicht nur eine organisatorische Ver-
       bindung; es  gab Emigranten,  die als Illegale ins Inland zurück-
       kehrten, und Illegale, die ihre Tätigkeit in die Außenposten ver-
       legten: je  nach den Erfordernissen des Kampfes. Ohne das Vorhan-
       densein der politischen Emigration hätte es seit 1933 keine orga-
       nisierten Gruppen  der Illegalität gegeben. Von draußen erhielten
       sie Material, von draußen wurde ihre Tätigkeit zusammengefaßt und
       aktiviert. Unzählige Druckschriften, Zeitungen, Blätter, Broschü-
       ren gelangten  auf diese  Weise ins  Dritte Reich und hielten den
       Geist des Widerstandes aufrecht. Es dürfte nicht nötig sein, dar-
       auf hinzuweisen,  daß die Emigranten sich nicht darauf beschränk-
       ten, vom  sicheren Ausland zum Kampf aufzurufen, sondern daß eine
       große Anzahl ihr Leben bei Materialtransporten aufs Spiel setzte.
       Es ist  richtig, daß  diese Fakten  nicht sehr bekannt sind. Seit
       langem ist  es in  der Bundesrepublik  eher üblich,  die  Panzer-
       schlachten des Herrn Guderian zu studieren als die Geschichte der
       Emigration. Um  so zwingender  ist es, allem diesbezüglichen Ver-
       schweigen und Entstellen entgegenzutreten.
       Propst D.  Grüber scheinen  zahlreiche Elemente  des Problems der
       Bekämpfung des  Dritten Reiches  unbekannt zu  sein. So übersieht
       er, daß  die Entscheidung  zur Emigration sehr oft eine Entschei-
       dung überhaupt  zur Aktion  gegen den Nazismus war. Der Wille, im
       Lande zu bleiben, war längst nicht immer, wie die Ausführungen D.
       Grübers suggerieren,  eine Verpflichtung  zum Kampf.  Häufig ent-
       sprach er  dem Geist  der Resignation  oder noch Schlimmerem. Nur
       auf ein bedeutendes Beispiel sei hingewiesen. Innerhalb der Sozi-
       aldemokratie wurde  gegen die sich ausbreitende Kapitulationsten-
       denz Stellung genommen, indem der nazifeindliche Teil der Führung
       in die  Emigration ging:  eine Tat, die man D. Grüber zufolge als
       feige bezeichnen  müßte. Andere,  nach D.  Grüber die  "Mutigen",
       blieben im  Land und  versuchten sich dem herrschenden System an-
       zupassen. Dieses Beispiel allein offenbart die völlige Ungereimt-
       heit seiner Klassifizierung.
       Etwas anderes  hat der  Verfasser nicht  berücksichtigt,  was  in
       gleichem Maße  auf die  Enge seines  Gedankenganges hinweist. Die
       Aufgabe der  politischen Emigration  bestand nicht nur in der Zu-
       sammenarbeit mit  den Illegalen  im Innern.  Zum andern mußte sie
       Gedankenaustausch, Studium  und Debatte  pflegen, was  im Dritten
       Reich kaum  noch möglich  war. Weiter  hatte sie die Aufgabe, das
       Ausland über  den wahren  Charakter des  Nazismus aufzuklären und
       die bezüglich seiner "friedlichen Absichten" üppig wuchernden Il-
       lusionen zu  bekämpfen. Wenn dieser Tätigkeit, wie auch allen an-
       deren der  deutschen Opposition,  kein Erfolg  beschieden war, so
       hatte sie nichts destoweniger eine Wirkung. Die vorgenommene Auf-
       klärung war bedeutend.
       Nichts berechtigt  dazu, diese unter schwierigen Bedingungen aus-
       geführte Aktivität  zu ignorieren.  In Prag,  Paris, London,  New
       York, ja  in Montevideo  und Mexiko erschienen freie deutsche Wo-
       chen- und Monatsschriften von einem im Nazi-Reich unbekannten Ni-
       veau. Emigranten-Verlage  gaben die  verfemten Autoren heraus, so
       daß man  Thomas und Heinrich Mann, Feuchtwanger und Kerr, Seghers
       und Brecht  im Original lesen konnte. Unter Horkheimer und Adorno
       gab es  sogar ein  soziologisches Forschungsinstitut. Die vielfa-
       chen geistigen  Unternehmungen waren  nicht nur eine hohe Kultur-
       leistung, sie stellten eine politische Tat ersten Ranges dar. Al-
       lein durch  die Bekundung  freien deutschen Geistes wurde den An-
       sprüchen der braunen Gewalthaber, die ganze Nation zu verkörpern,
       ein nicht zu überhörendes Dementi erteilt. Darf man das als nich-
       tig veranschlagen  und stattdessen auf die Notwendigkeit des Mär-
       tyrertums in den KZs verweisen?
       Aber auch  hierbei handelte es sich nicht um ein Hobby von Mutlo-
       sen. Die  Waffen der  Kritik wurden  bisweilen mit der Kritik der
       Waffen vertauscht.  Ist dem  Probst D. Grüber unbekannt, daß Tau-
       sende deutscher  Emigranten in Spanien kämpften und ihr Leben op-
       ferten, nicht im Dienst der Legion Condor, sondern zum Schutz der
       rechtmäßigen Republik?  Während des  Krieges befanden sie sich in
       der Widerstandsbewegung  der besetzten  Länder, wobei  sie häufig
       eigene Gruppen  bildeten, die  unter den  Soldaten der  Wehrmacht
       Aufklärungsarbeit durchführten. War das auch ein Platz für Feige?
       Ich spreche darüber aus eigener Anschauung und weiß von den hohen
       Blutopfern, die  diese Aktionen  forderten. Während Propst D. Gr-
       über die  Emigranten der  Feigheit zeiht, waren wir bisher an den
       Vorwurf gewohnt,  sie hätten  sich des Landesverrats schuldig ge-
       macht. Wo ist die Wahrheit? Beide Anschuldigungen entsprechen ihr
       nicht.
       Zum Schluß  sei auf die Anklage eingegangen, wonach die zurückge-
       kehrten Emigranten "wahrscheinlich der größte Schaden für die po-
       litische Entwicklung  Deutschlands nach 45 gewesen" seien. Ist es
       nicht seltsam,  aus diesem  Munde zu  hören, daß nicht die Kräfte
       von einst  Schlüsselstellungen besetzt hielten, sondern böse Emi-
       granten? Ich  möchte Herrn Propst D. Grüber bitten, Namen zu nen-
       nen. Es  ist mir nicht bekannt, daß die Bundesregierung, die Bun-
       deswehr und  die Spitzen  der Wirtschaft  von dieser lasterhaften
       Kategorie beherrscht würden. Damit nicht genug, wird den Emigran-
       ten auch  noch die Teilung Deutschlands ins Schuldkonto geschrie-
       ben, an  der sie  "schuldiger als die Besetzungsmächte" sein sol-
       len. Nun,  das heißt doch, die Weltgeschichte auf Kleopatras Nase
       zurückzuführen und die sich in Deutschland gegenüberstehenden In-
       teressengegensätze der Weltmächte ungebührlich zu reduzieren. Au-
       ßerdem ist  mir nicht bekannt, daß die Aufrüstungsbefürworter von
       Adenauer über  Schröder bis Strauß, die doch einen entscheidenden
       Beitrag zur  Spaltung geleistet  haben, der  bösen Kategorie  der
       "Remigranten" entstammen.
       Kurzum, die  von Propst D. Grüber leichtfertig herausgeschleuder-
       ten Anschuldigungen  dürften ihm  reichlichen Beifall  eintragen,
       allerdings von  einer Seite,  die ihn  gewöhnlich nicht als einen
       der ihren  betrachtet und  zu der er sich nicht zählt. Das sollte
       ihm zu  denken geben.  Sein Artikel beabsichtigte, gegen die Ver-
       niedlichung des  Nazismus zu wirken. Unversehens wurde daraus je-
       doch ein  Teil der Kampagne, eben der "Verniedlicher" selbst, die
       schon seit  langem mit der Verunglimpfung der Emigration beschäf-
       tigt sind.  So könnte man sich von neuem der so einträglichen und
       ablenkenden Hetze  hingeben, statt - wie es Grüber selbst fordert
       - so  konkrete Fragen wie die Haltung zum Ermächtigungsgesetz ei-
       ner Analyse zu unterziehen.
       
       Heinz Abosch, Düsseldorf"
       ...
       

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