Quelle: Blätter 1961 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PROF. ERICH KAHLER MAHNT ZUR VERNUNFT
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       Die New  York Times  veröffentlichte am  21. August den folgenden
       Leserbrief von  Prof. Dr.  Erich Kahler, Princeton, dem Verfasser
       des Aufsatzes  "Kapitalismus, Sozialismus  und der Weltfriede" in
       Heft 7/61 der "Blätter". D. Red.
       
       Man bedauert  allgemein, daß wir die Initiative an Sowjet-Rußland
       verloren haben.  Aber allzuwenig  Leute scheinen zu erkennen, daß
       dies nicht  nur eine Sache von mehr oder weniger ungestümer Akti-
       vität ist. Die Gründe liegen in den Methoden unserer Außenpolitik
       in den letzten zehn Jahren, die uns in die gegenwärtige gefährli-
       che Lage  gebracht haben, und von denen sich die gegenwärtige Re-
       gierung  unglücklicherweise   nicht  gänzlich   gelöst  zu  haben
       scheint.
       Ein neues Gewand könnte, so scheint es mir, nur durch drei grund-
       legende Änderungen  in der  Ausführung unserer  Politik  erreicht
       werden:
       Aufgabe der  sterilen Methode bloßer "Eindämmung", das heißt, des
       Bestehens auf  dem status quo, bis dieser gänzlich unhaltbar wird
       und uns  mit der Notwendigkeit konfrontiert, ein verhängnisvolles
       Dilemma von  unserem Gegenspieler  zu akzeptieren.  Das  richtige
       wäre, nachzudenken  und eine aktive Rolle in den unausweichlichen
       Reformen und  Revisionen zu einer Zeit zu übernehmen, da wir noch
       in der  Lage sein  könnten, den Gang der Dinge frei zu beeinflus-
       sen.
       Aufgabe der  Methode, Vorschläge  nur um der Propaganda willen zu
       machen, oder  um unseren  Gegenspieler zu ärgern, Vorschläge, von
       denen wir  von vornherein wissen, daß er sie nicht annehmen kann;
       Vorschläge mit  der offenen,  tatsächlich sogar  publizierten Ab-
       sicht, ihre  Annahme zu  verhindern, wie im Falle des kommunisti-
       schen China. Die Zeit ist viel zu ernst für derartige alte diplo-
       matische Tricks.
       Das Vertrauen  der Völker  der Welt beruht auf dem Beweis unserer
       ernsthaften Bemühungen, Spannungen zu entschärfen, die unbewegli-
       che Haltung  des Gegners aufzulockern, indem man seine Gründe und
       Befürchtungen in  Rechnung stellt,  so daß Lösungen auf Grund ge-
       genseitigen Kompromisses gesucht werden können.
       Das russische  Bestehen auf der Troika, und darin dem gewiß unan-
       nehmbaren Veto,  geht zurück auf die Haltung des UN-Generalsekre-
       tärs in  Bezug auf die Ermordung Lumumbas;, die weder verhindert,
       noch  ordentlich   untersucht,  noch   bestraft  wurde,   während
       Tschombé, der gleichermaßen lästig, aber auf der belgischen Seite
       ist, wieder freie Hand gegeben wurde; Chrustschows Forderung nach
       neuen Berlin-Verträgen  ist, wie  Walter Lippman  berichtet  hat,
       verursacht durch  die verständliche Furcht vor einer beabsichtig-
       ten atomaren Bewaffnung Deutschlands.
       Verzicht auf  die Betonung  militärischer Methoden  und Drohungen
       (wie jüngst  der unglaubliche  Alarm in  Berlin zum Jahrestag von
       Hitlers Invasion  in Rußland,  der einen an jenen ähnlichen Alarm
       am Vorabend  der Gipfelkonferenz  in Paris erinnert). Das Überge-
       wicht der  militärischen Ansicht  ist gefährlich, im Innern nicht
       weniger als  international, und hat uns in der Vergangenheit nir-
       gendwohin geführt.
       Wir sind  engagiert in  einer Auseinandersetzung um die Gesinnung
       von Menschen  in der  ganzen Welt.  Wir können  mit Rußland nicht
       konkurrieren, indem  wir ihre  geschickten Methoden  mit altmodi-
       scher Macht-Politik kontern. Da wir eine Demokratie sind, die Ab-
       sicht haben,  eine Demokratie  zu bleiben und sie zu verteidigen,
       haben wir  die ihr innewohnenden Verpflichtungen und Nachteile in
       Kauf zu nehmen. Wenn wir diese Verpflichtungen aufgeben, rechtli-
       che  und  moralische  Verpflichtungen,  dann  haben  wir  einfach
       nichts, worauf wir stehen könnten.
       Es wird  uns draußen  nicht helfen,  und es  wird uns zwingen, zu
       Hause aufzugeben,  was wir  vor der  Welt verteidigen wollen, die
       Sicherungen von  Gesetz  und  Bürgerrechten,  einer  Ordnung  der
       Rechtmäßigkeit, der  Gewaltlosigkeit, der Übereinstimmung und der
       friedlichen Verbesserung.  Es würde  uns von einem Abgrund an den
       anderen führen, bis wir schließlich in die letzte Absurdität tau-
       meln könnten.
       Läßt es  sich vernünftigerweise  verteidigen, daß wir, um den ge-
       genwärtigen  Status  von  West-Berlin  aufrechtzuerhalten,  einen
       thermonuklearen Krieg riskieren sollten, der nicht nur ausgerech-
       net diese Stadt zu einem Haufen von Schlachtfeldern werden ließe,
       sondern  dazu   noch  das   Ende  Europas   bedeutete?  Wird   es
       Deutschland, das  in einem halben Jahrhundert zweimal einen Welt-
       brand entfacht hat, wieder erlaubt sein, der Grund für eine Welt-
       Erschütterung zu  sein, und diesmal einer unvorstellbaren zerstö-
       rerischen Sintflut?
       

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