Quelle: Blätter 1961 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PAULING: ATOMTOD FÜR 14 000 MENSCHEN
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       Der amerikanische  Nobelpreisträger Pauling prophezeite jetzt we-
       gen der  Atomversuche 14  000 Menschen den Tod. Dies seien - nach
       den Worten  des Wissenschaftlers - die katastrophalen Folgen bis-
       heriger radioaktiver Niederschläge.
       Linus Pauling  behauptete in  einem Interview mit der Zeitschrift
       "U.S. News  and World Report", daß der durch die sowjetischen und
       amerikanischen Atomversuche bis 1958 verursachte radioaktive Nie-
       derschlag 140 000 Kinder der nächsten Generation schädigen würde.
       Alle Vererbungsforscher  seien mit ihm der Ansicht, kleine Mengen
       Radioaktivität riefen  Mutationen hervor,  die sich darin äußern,
       daß Kindern  später als  Bluter, als  Zwerge oder ohne Gliedmaßen
       zur Welt  kämen. "Strontium  90" und  andere Spaltprodukte würden
       zum Tod  von 14 000  Menschen der Gegenwart führen, die vor allem
       an Leukämie und Knochenkrebs erkrankten, erklärte der Nobelpreis-
       träger.
       Westdeutsches Tageblatt v. 26.IX.61
       
       SECHZIG ATOMWAFFENGEGNER TRAFEN SICH IN LONDON
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       In London haben zu Ende der vergangenen Woche etwa sechzig Perso-
       nen aus verschiedenen Ländern ein drei Tage dauerndes Treffen ab-
       gehalten, das vom bekannten englischen Geistlichen Kanonikus Col-
       lins, der  zu den  führenden Atomwaffengegnern gehört, einberufen
       worden war. Von sowjetischer Seite waren die zwei Publizisten Eh-
       renburg und Korneitschuk zugegen, von britischer Seite Lord Chor-
       ley und  Prof. Tucker,  von amerikanischer Seite Prof. Linus Pau-
       ling. Andere  waren aus Österreich, Belgien, Westdeutschland, der
       Schweiz, Frankreich,  Ungarn, Polen,  der Tschechoslowakei,  Ita-
       lien, Schweden,  Indonesien, Kanada,  Indien und  Südafrika  nach
       London gekommen. Die unoffizielle Konferenz hat eine auch von den
       zwei Russen  genehmigte Erklärung  herausgegeben, in  welcher die
       Wiederaufnahme der  Explosionstests verurteilt  wird, und gleich-
       zeitig die  drei Westmächte und die Sowjetunion aufgefordert wer-
       den, unverzüglich  Verhandlungen betreffend  Berlin zu  eröffnen.
       Überdies verlangt  die Versammlung freien Zugang nach Berlin, mit
       einer UNO-Garantie,  Einstellung der Wiederbewaffnung "der beiden
       Deutschlands", sowie  die Schaffung einer atomwaffenfreie Zone in
       Mitteleuropa. Interessant an der ganzen Manifestation scheint den
       Beobachtern zu  sein, daß  die zwei  Sowjet-Publizisten Ehrenburg
       und Korneitschuk  sich genügend  frei und  sicher fühlten,  einer
       solchen Erklärung zuzustimmen, welche immerhin einen gewissen Ta-
       del an die Adresse der Sowjetregierung enthält. Die einzige Ände-
       rung, die  die zwei  Russen in der Erklärung durchsetzen konnten,
       bestand darin,  daß der  Ausdruck "verurteilt"  durch die  Formel
       "bedauert" (nämlich  die Wiederaufnahme  der Versuchsexplosionen)
       ersetzt wurde.
       Basler Nachrichten v. 19.IX.61
       
       SCHWEITZER UNTERSTÜTZT RUSSELL
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       Albert Schweitzer,  der Urwalddoktor  von Lambarene, hat in einem
       Brief  die   Haltung  des   inhaftierten  britischen  Philosophen
       Bertrand Russell  unterstützt. In  dem Brief heißt es: "Ich kenne
       alles, was Sie unternommen haben, um gegen die Atomwaffen zu pro-
       testieren. Ich glaube, daß Sie recht haben, Massenproteste zu or-
       ganisieren." Der  89jährige Russell  war zu  einer  siebentägigen
       Haftstrafe verurteilt  worden, weil  er zu einer Massendemonstra-
       tion gegen Atomwaffen aufgerufen hatte.
       FAZ v. 18.IX.61
       
       SPAAK FÜR ABRÜSTUNGSKONTROLLZONE
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       Der belgische  Außenminister Paul  Henri Spaak  hat am  Montag in
       Brüssel die  Errichtung bestimmter  Zonen vorgeschlagen, in denen
       man mit Versuchen für eine Abrüstungskontrolle beginnen könne. Er
       ging nicht  näher auf  die geographische  Lage solcher Zonen ein,
       fügte jedoch  hinzu: "Es  ist schließlich auch der Augenblick ge-
       kommen, klar  zur Frage  der friedlichen  Koexistenz Stellung  zu
       nehmen."
       Stuttgarter Zeitung v. 13.IX.61
       
       SPAAK IST ZUVERSICHTLICH
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       Der belgische Außenminister Spaak kam von seinem Besuch in Moskau
       nach Brüssel  zurück. Er hat im ganzen sieben Stunden mit Chrust-
       schow gesprochen. Spaak, der selbst in seinem eigenen Ministerium
       als schweigsam  gilt, wiederholte  bei seiner Ankunft, daß er die
       Gespräche in  Moskau für interessant und nützlich halte. Sie hät-
       ten sich  in einer verständnisvollen, freundschaftlichen und auf-
       gelockerten Atmosphäre  abgespielt. Chrustschow  sei  in  einigen
       Punkten sehr fest gewesen.
       Spaak ist  mit der  festen Überzeugung zurückgekehrt, daß es Ver-
       handlungsmöglichkeiten gebe  und daß Verhandlungen schnell einge-
       leitet werden sollten.
       FAZ v. 21.IX.61.
       
       EINLADUNG NEHRUS ZUR FRIEDENSKONFERENZ
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       Ministerpräsident Chrustschow  hat Premierminister Nehru bei des-
       sen Aufenthalt  in Moskau aufgefordert, an der Konferenz über den
       deutschen Friedensvertrag  teilzunehmen. Nach Berichten indischer
       Journalisten aus  Moskau soll  Nehru diesen Vorschlag jedoch noch
       nicht beantwortet haben. Neue Zürcher Zeitung v. 11.IX.61
       
       NEHRU WIEDERHOLT DIE ZWEI-STAATEN-THEORIE
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       Der indische Ministerpräsident Nehru hat seine These von der Exi-
       stenz zweier  deutscher Staaten  wiederholt. Vor  rund 500 Parla-
       mentsabgeordneten  seiner  regierenden  Kongreßpartei  sagte  er,
       selbst wenn  man nicht diplomatische Missionen mit beiden austau-
       sche, müsse  man die  Existenz zweier Staaten, zweier Regierungen
       und zweier völlig verschiedener Ordnungen anerkennen.
       Nehru bezeichnete es als wichtig, daß die bestehenden wirtschaft-
       lichen und  kulturellen Kontakte mit beiden deutschen Staaten und
       mit beiden  Teilen Berlins  aufrechterhalten blieben. Die Wieder-
       vereinigung Deutschlands sei nicht unmöglich, sie könne unter den
       Bedingungen einer  dauernden Abrüstung verwirklicht werden. Jeder
       die Oder-Neiße-Linie  betreffende Anspruch,  gleich  von  welcher
       Seite, werde  sich nicht  gut auf die internationale Lage auswir-
       ken. Die  Oder-Neiße-Linie könne nur durch Verhandlungen als Teil
       einer großen  Gesamtregelung oder  aber durch Krieg geändert wer-
       den.
       Zu Berlin sagte Nehru, die Frage des Zugangs nach West-Berlin be-
       reite  keine  unüberwindlichen  Schwierigkeiten.  Viele  Deutsche
       glaubten, sie  sollten wiedervereinigt  werden, doch wüßten viele
       nicht, wie  diese Einheit  aussehen solle.  Manche Leute und auch
       manche Mächte  seien der Ansicht, daß ein starkes wiedervereinig-
       tes Deutschland  im Herzen  Europas übermächtig  und eine  Gefahr
       sein könne. Nehru sagte jedoch nicht, ob er diese Ansicht in Mos-
       kau gehört habe. Nehru nannte die Weltlage zwar "ziemlich gefähr-
       lich", doch könne der Krieg vermieden werden.
       FAZ v. 13.IX.61.
       
       PAUL REYNAUD IM KREML
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       Der ehemalige  französische Ministerpräsident  Paul Reynaud hatte
       mit Chrustschow  im Kreml  eine dreistündige Unterredung. Reynaud
       berichtete vor  französischen Journalisten  in Moskau darüber. Er
       führte aus,  Chrustschow sei der Ansicht, daß die DDR, wie China,
       ein souveräner  Staat werden könne, ohne daß sie deswegen von al-
       len Ländern  de jure  anerkannt worden sein müsse. Westberlin als
       "Freie Stadt"  und die DDR sollten sich gegenseitig verpflichten,
       sich nicht  in die  Angelegenheiten des  andern einzumischen; der
       freie Zugang zu Westberlin müßte in einer internationalen Verein-
       barung verbürgt  werden, die bei den Vereinigten Nationen hinter-
       legt würde.
       Chrustschow hat  nach Aussagen Reynauds für die Westberlin zu ge-
       währenden Garantien  militärischer Art  mehrere Lösungen im Auge,
       zwischen denen die Verhandlungspartner zu wählen hätten. Er denke
       beispielsweise an  die Einsetzung  eines Schiedsgerichts,  in dem
       jede Partei gleichmäßig vertreten wäre und das allfällige Streit-
       fälle zu bereinigen hätte.
       Wie Reynaud  mitteilte, äußerte  Chrustschow die Überzeugung, daß
       "das Schicksal  Westberlins durch  die Geschichte und nicht durch
       den Krieg  bestimmt werden  wird". Das  Problem des Zuganges nach
       Berlin solle kein Hindernis für eine internationale, bei den Ver-
       einigten Nationen  zu hinterlegende Vereinbarung sein. Dabei habe
       Chrustschow gesagt,  er sei  "völlig damit einverstanden, daß das
       Hauptquartier der  Vereinigten Nationen  nach Westberlin  verlegt
       wird". Nach  den Worten  Chrustschows sei  diese Bereitwilligkeit
       der Beweis dafür, daß die Sowjets nicht daran interessiert seien,
       Westberlin für sich in Anspruch zu nehmen.
       Der  ehemalige  französische  Ministerpräsident  sagte,  er  habe
       Chrustschow "mit  einem Gefühl  der Hoffnung auf das Ergebnis der
       Verhandlungen verlassen,  die bald  beginnen werden". Reynaud äu-
       ßerte den  Wunsch, daß  Frankreich an solchen Verhandlungen teil-
       nehmen werde.  Chrustschow betrachte  das Westberlinproblem  "wie
       ein Staatsmann~.  Auf  die  französisch-sowjetischen  Beziehungen
       eingehend, sagte Reynaud, Chrustschow habe den Wunsch nach größe-
       ren wirtschaftlichen und kulturellen Kontakten ausgesprochen.
       Neue Zürcher Zeitung v. 20.IX.61.
       
       FLEXIBLE HALTUNG WASHINGTONS IN DER DEUTSCHLAND FRAGE
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       In Washington  erregt ein  Bericht Interesse,  den der Chefkorre-
       spondent der "New York Times", James Reston, von Präsident Kenne-
       dys Wochenendaufenthalt Hyannis Port datiert. Offensichtlich gibt
       dieser Bericht  sowohl in  seiner nüchternen Entschlossenheit wie
       mit seiner unvoreingenommenen Einstellung gegenüber Verhandlungen
       die Haltung  und die  Gedanken des  Präsidenten im  gegenwärtigen
       Zeitpunkt wieder.  Die entscheidenden Punkte dieses Berichts lau-
       ten:
       "Jede Handlung,  die den Amerikanern den Zugang zu Berlin verweh-
       ren würde,  hätte Gegenaktionen zur Folge - zuerst in den Verein-
       ten  Nationen,   dann  in  Form  wirtschaftlicher  Maßnahmen  und
       schließlich, wenn  notwendig, in  Form einer Luftbrücke oder aber
       einer konventionellen  militärischen Bodenaktion,  die  das  Ziel
       hätte, die Zufahrten zu sichern. Jeder Gedanke, daß die Vereinig-
       ten Staaten eine Niederlage ihrer Landstreitkräfte hinnehmen wür-
       den, ohne zur nuklearen Waffe zu greifen, wäre aber unverantwort-
       lich. Ein  Atomkrieg ist  unter solchen  Umständen "nicht  unvor-
       stellbar".  Er  wird  tatsächlich  erwogen  und  vorgeplant,  und
       Chrustschow sollte das in Rechnung stellen, wenn er nicht riskie-
       ren will,  in der  Nachbarschaft von  800 Millionen Chinesen über
       eine sowjetische Wüste regieren zu müssen."
       Man erhält  den Eindruck,  daß Kennedy  auf  keine  Berlin-Formel
       festgelegt ist,  abgesehen vom Prinzip der Erhaltung der Freiheit
       seiner Bevölkerung  und der  Ehre der  Vereinigten Staaten.  Sein
       Denken ist  nicht auf irgendwelche Thesen der Vergangenheit fest-
       gelegt. Er  möchte ernsthaft  verhandeln; aber er will sich nicht
       einschüchtern lassen.
       Neue Zürcher Zeitung v. 8.IX.61
       
       "GEWISSER GRAD DER ANERKENNUNG"
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       Die britische  Regierung hat  ihre volle  Zustimmung zu Präsident
       Kennedys Erklärung  gegeben, daß es "eine gute Möglichkeit" geben
       werde, Verhandlungen  über Berlin  zu beginnen, wenn in der näch-
       sten Woche Außenminister Rusk den sowjetischen Außenminister Gro-
       myko in  New York treffen werde. Offensichtlich würde es die bri-
       tische Regierung  aber begrüßen,  wenn zu  diesen Gesprächen auch
       der britische Außenminister Lord Home hinzugezogen würde.
       Inzwischen berichten verschiedene britische Amerika-Korresponden-
       ten -  zum Beispiel die der "Times" und des "Guardian" -, Amerika
       werde von der Bundesrepublik die Anerkennung der Tatsache verlan-
       gen, daß  Westdeutschland Konzessionen  machen oder zumindest ei-
       nige Aspirationen  und Illusionen aufgeben müsse. "Die amerikani-
       sche Ansicht  ist, daß Diplomatie nur Erfolg haben kann, wenn ein
       gewisser Grad  der Anerkennung  Ostdeutschlands angeboten  wird",
       erklärt die "Times".
       Stuttgarter Zeitung v. 15.IX.61.
       
       WASHINGTON: BONN MUSS PREIS BEZAHLEN
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       FÜR UNABHÄNGIGKEIT WESTBERLINS
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       Man spricht in diesem Zusammenhang in Washington von einem Preis,
       den Bonn  zu zahlen  bereit sein  müßte, wenn von der Sowjetunion
       wirksame und  dauerhafte Garantien  für die Freiheit Westberlins,
       das alliierte  Anwesenheitsrecht und die Freiheit der Zugangswege
       zu erhalten sind.
       Stuttgarter Zeitung v. 15.IX.61
       
       SENATOR MANSFIELD: UNVERMEIDLICH
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       In einem Fernsehinterview erklärte Senator Mansfield, der Vorsit-
       zende der  demokratischen Fraktion  im amerikanischen  Senat, daß
       Konzessionen  in   kommenden  Berlin-Verhandlungen  unvermeidlich
       seien. Man  würde aber falsch tun, darin eine Appeasement-Haltung
       zu erblicken.  Insbesondere denke er an eine De-facto-Anerkennung
       des mitteldeutschen Regimes.
       Es gebe aber drei Punkte, über die sich in der Berlin-Frage nicht
       diskutieren lasse. Das seien die Grundfreiheiten der Westberliner
       Bevölkerung, das  Recht der  Alliierten, in Berlin Truppen zu ha-
       ben, und die Freiheit der Zufahrtsverbindung nach Berlin.
       Die Welt v. 25.IX.61.
       
       "WESTEN ERWÄGT TECHNISCHE ANERKENNUNG PANKOWS"
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       "Die Westmächte  erwägen eine  Art De-facto-Anerkennung Pankows",
       schreibt die  angesehene bürgerliche dänische Zeitung "Berlingske
       Tidende" in einem Bericht ihres Washingtoner Korrespondenten, An-
       ders Georgen, der sich auf wohlunterrichtete Kreise in Washington
       stützt.
       Nach diesem Bericht habe der Westen eingesehen, daß eine Übertra-
       gung der  Rechte der Sowjetunion auf die Zone nicht zu verhindern
       sei. Moskau werde seine Verpflichtungen zur Aufrechterhaltung des
       Berlin-Verkehrs an  Ostberlin abtreten.  Als Äquivalent für diese
       Verpflichtung Pankows  sei der  Westen bereit,  die Sowjetzone in
       ihrer Eigenschaft als "Verkehrs-Administration" anzuerkennen.
       Der tägliche  Berlin-Verkehr solle  demnach mit den Zonenbehörden
       abgewickelt werden.  Übertretungen und  Beschwerden aber  wollten
       die Westmächte direkt mit Moskau aushandeln.
       Bei dieser Formel handele es sich um eine "technische Anerkennung
       Pankows", die  - so  wurde dem  Korrespondenten in Washington er-
       klärt -  etwas mehr als eine De-facto-Anerkennung und etwas weni-
       ger als eine diplomatische Anerkennung sei.
       Der Osten  und der Westen würden somit aus der gespannten Berlin-
       Lage "in  Ehren" herauskommen. Der Westen erhalte eine neue Zusi-
       cherung  seiner  Berlin-Rechte,  die  Sowjetunion  bekomme  einen
       "kodifizierten" Friedensvertrag  durch eine vertragliche Anerken-
       nung des neu geschaffenen Zustandes.
       Nach: Die Welt v. 16.IX.61.
       
       LABOUR-ABGEORDNETE FÜR ANERKENNUNG DER DDR UND DISENGAGEMENT
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       Einen Fünf-Punkte-Plan mit Vorschlägen zur Lösung der Berlin- und
       Deutschland-Frage  haben   59  britische   Labour-Abgeordnete  in
       gleichlautenden Schreiben  dem amerikanischen Präsidenten Kennedy
       und dem  sowjetischen  Regierungschef  Chrustschow  unterbreitet.
       Eine Einigung  bei Ost-West-Verhandlungen über Deutschland, heißt
       es darin,  könnte nach den folgenden Grundsätzen erreicht werden:
       Erstens ein garantierter Zugang nach Berlin, zweitens Anerkennung
       der Oder-Neiße-Linie, drittens Anerkennung Ostdeutschlands, vier-
       tens keine  Atomwaffen oder  Ausbildung an  Trägerwaffen für  die
       deutschen Truppen in Ost- oder Westdeutschland, fünftens Disenga-
       gement in  Mitteleuropa. Obwohl  die Unterzeichner  entweder eine
       vom "Schattenkabinett"  der Labour  unabhängige  Linie  verfolgen
       oder dem  linken Flügel  der Partei  angehören, stimmen ihre Vor-
       schläge nach  Ansicht politischer  Beobachter im wesentlichen mit
       der Meinung breiter Kreise der Labour Party überein.
       Stuttgarter Zeitung v. 26.IX.61.
       
       
       DIE BRITISCHEN LIBERALEN FÜR DE-FACTO-ANERKENNUNG DER DDR
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       Die kleinste  der drei  im englischen  Unterhaus vertretenen Par-
       teien, die  Liberale Partei,  hat sich für eine De-facto-Anerken-
       nung der  Sowjetzone als Gegenleistung für eine neue Garantie der
       Freiheit West-Berlins  und der westlichen Zufahrtswege ausgespro-
       chen. Eine  Resolution, die  diese Vorschläge enthält, wurde nach
       heftiger Diskussion vom Parteitag der Liberalen, der in Edinburgh
       stattfand, angenommen...
       Die Liberalen  haben im  Unterhaus zwar  nur fünf  Sitze, sie be-
       trachten sich  aber, ähnlich  wie vor der Wahl in der Bundesrepu-
       blik die  FDP, als eine Partei der Zukunft, die von der Unzufrie-
       denheit der  Wähler mit  den beiden  großen Parteien  profitieren
       könnte. Der  energische Führer  der Liberalen, Grimond, hat schon
       früher Vorstellungen  über Deutschland  entwickelt, in denen eine
       De-facto-Anerkennung der Zone und der Oder-Neiße-Linie eine Rolle
       spielte. Außerdem  ist  Grimond  für  ein  Engagement  der  neuen
       Punkte, etwa  durch die  Verlegung einiger  UNO-Behörden  in  die
       Stadt und  eine Beteiligung  der Vereinten  Nationen an  der Kon-
       trolle der Zufahrtswege.
       Deutsche Zeitung v. 23./24.IX.61.
       
       FÜR ANERKENNUNG DER ODER-NEISSE
       ===============================
       
       Für die  Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als endgültige deutsche
       Ostgrenze und  eine Diskussion  über die de-facto-Anerkennung des
       Sowjetzonenregimes im  Rahmen von  Ost-West-Verhandlungen  sprach
       sich die britische UNO-Gesellschaft in einer am Montag veröffent-
       lichten Erklärung aus.
       Frankfurter Rundschau v. 13.IX.61
       
       GROSSBRITANNIEN UND DIE LEIPZIGER MESSE
       =======================================
       
       Das größte  britische Industrieunternehmen "Imperial Chemical In-
       dustries" hat  auf fünf  Jahre einen Ausstellungsstand in Leipzig
       gemietet, und es ist die Politik dieses Konzerns, sagt ein Direk-
       tor, daß  Handel nichts mit Politik und daher auch nichts mit der
       Berliner Krise  zu tun hat. An der Messe sind auch drei konserva-
       tive Abgeordnete anwesend, von denen zwei erklären, daß sie nicht
       als Mitglieder  des britischen  Parlaments, sondern  als  Verwal-
       tungsräte einer auf den Handel mit Ostdeutschland spezialisierten
       Firma teilnehmen.
       Basler Nachrichten v. 6.IX.61.
       
       DIE NOTWENDIGKEIT EINES NEUEN BERLIN-ÜBEREINKOMMENS
       ===================================================
       
       Es würde  gegen die  westlichen Interessen verstoßen, ernste Dis-
       kussionen (über Berlin) zu verzögern, bis die Sowjets ihren Frie-
       densvertrag mit  Ostdeutschland unterzeichnet  haben oder bis der
       kommunistische Parteikongreß nächsten Monat in Moskau zusammenge-
       treten ist.  Vor zwei  Jahren gab es eine Debatte über den Vorzug
       von bleibenden oder Zwischenlösungen für Berlin. Bis zu einem ge-
       wissen Grade  ist solch eine Debatte rein akademisch, da die ein-
       zige bleibende  Rolle Berlins darin besteht, die Hauptstadt eines
       vereinigten Deutschlands  zu sein,  und ehrliche Deutsche müssen,
       sogar kurz  vor einer Wahl, zugeben, daß diese Rolle heute weiter
       entfernt als  je zuvor ist. Welche Übereinkommen immer für Berlin
       getroffen werden mögen, sie werden ein Element des Provisorischen
       in sich  tragen. Aber  das ist kein Argument für den Versuch, ein
       endgültiges Datum  festzusetzen, zu  dem diese  Übereinkommen er-
       reicht sein  müssen, wie  es die  Russen in Genf getan haben. So-
       lange es  eine Fristbestimmung  dieser Art gibt, werden die West-
       Berliner nicht das Vertrauen und die Sicherheit haben, die sie zu
       Recht beanspruchen.  Das wesentliche  Erfordernis  ist,  daß  die
       West-Berliner weder physisch noch in anderer Weise von Westeuropa
       abgeschnitten werden sollen, zu dem zu gehören sie sich entschie-
       den haben.  Sie dürfen  auch nicht  fühlen, daß die Gefahr, abge-
       schnitten zu  werden, ständig besteht und willkürlich wieder her-
       aufbeschworen werden kann.
       Times v. 15.IX.61.
       
       "KAMPAGNE FÜR DEN FRIEDEN"
       ==========================
       
       Die PSU,  eine Splittergruppe  der Sozialistischen  Partei Frank-
       reichs, hat  am Dienstag  die französischen  Arbeiter  zu  "einem
       großen nationalen  Feldzug für die Erhaltung des Friedens" aufge-
       rufen und  sich in  einem Kommunique  für Ost-West-Verhandlungen,
       die Anerkennung  von zwei  deutschen Staaten,  ständige Garantien
       der Verbindungswege  West-Berlins mit  "anderen Ländern"  und die
       Einstellung der Kernwaffenversuche ausgesprochen.
       Frankfurter Rundschau v. 13.IX.61
       
       SKANDINAVIEN ERWARTET OST-WEST-VERHANDLUNGEN ÜBER DEUTSCHLAND
       =============================================================
       
       Für die  internationale Entwicklung bedeutete die Bundestagswahl,
       nach der  in den  politischen Kreisen  der nordischen Hauptstädte
       vorherrschenden Auffassung,  aller Voraussicht nach eine wichtige
       Zäsur. Nachdem  die Wahl  überstanden ist, sei für die Westmächte
       jetzt ein  Hindernis aus dem Wege geräumt, um ein den weltpoliti-
       schen Gegebenheiten  Rechnung tragendes  Arrangement mit  der So-
       wjetunion anzustreben.  Bisher seien  sie, so  meint man hier, in
       ihrer Handlungsfähigkeit  zu sehr eingeengt gewesen, weil sie mit
       Rücksicht auf  deutsche Stimmungen  an der  durch die Entwicklung
       längst  überholten  Wiedervereinigungsthese  festgehalten  haben.
       Nunmehr bestünden  endlich die Voraussetzungen für eine nüchterne
       realpolitische Konzeption,  die unter  Verzicht auf  unerfüllbare
       Wunschträume und  Illusionen zu  einer im  Bereich des  Möglichen
       liegenden Stabilisierung der Verhältnisse führen könne. Eine sol-
       che Politik  werde für  das deutsche Volk sicherlich gewisse Ent-
       täuschungen beinhalten, weil seine maßgeblichen Politiker vor der
       Wahl um  die Probleme  herumgegangen seien  wie die  Katze um den
       heißen Brei,  anstatt ihm  reinen Wein  einzuschenken. Doch werde
       man in  Deutschland sicherlich  verstehen  lernen,  daß  auch  in
       seinem  eigenen   Interesse  eine   realistische  Umstellung  der
       westlichen Politik  geboten sei.  Der Zeitpunkt ist gekommen, wie
       die Kopenhagener  Zeitung "Politiken"  schrieb, wo  man  genötigt
       ist, die Konsequenzen aus der Teilung Deutschlands zu ziehen, das
       heißt mit  anderen Worten, sich mit der Existenz zweier deutscher
       Staaten abzufinden und den Status quo zu akzeptieren.
       Stuttgarter Zeitung v. 19.IX.61.
       
       PARISER ZEITUNG SPRICHT VON VORKONZESSIONEN AN MOSKAU
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       Von drei  vorzeitigen "Hauptkonzessionen" der Amerikaner und Bri-
       ten gegenüber  Moskau in  der Berlin-Frage  will die französische
       Sonntagszeitung "Journal  de Dimanche" erfahren haben. Es handele
       sich um folgende Punkte:
       1. Eine De-facto-Anerkennung  der kommunistischen  Zonenregierung
       hinsichtlich der  Kontrolle der  Verbindungswege nach Berlin nach
       der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Moskau.
       2. Anerkennung der  Oder-Neiße-Grenze durch  die Westmächte.  Sie
       war bisher nur eine provisorische Demarkationslinie.
       Die Welt v. 25.IX.61.
       
       BELGIEN LEHNT ERHÖHUNG DER MILITÄRISCHEN AUSGABEN AB
       ====================================================
       
       Die belgische  Regierung hat  das Ersuchen der NATO um eine Erhö-
       hung der militärischen Anstrengungen im Zusammenhang mit der heu-
       tigen internationalen  Spannung abgewiesen. Eine Verlängerung der
       Militärdienstzeit in  Belgien hält  man vom  psychologischen  Ge-
       sichtspunkt aus  für unmöglich. Statt einer Ausdehnung der effek-
       tiven militärischen  Einheiten, meint die belgische Regierung vor
       allem durch  Rationalisierung die  Schlagkraft  der  Streitkräfte
       verstärken zu  können. Wie  der Minister  für Landesverteidigung,
       Segers, erklärte,  sei eine  Erhöhung der  militärischen Ausgaben
       für Belgien  gleichfalls nicht akzeptabel, denn die belgische Öf-
       fentlichkeit würde  es nicht  verstehen, wenn  die Steuern erhöht
       werden sollten,  um zusätzliche  Leistungen zugunsten der NATO zu
       finanzieren.
       Stuttgarter Zeitung v. 26.IX.61.
       
       HOHER VERTEIDIGUNGSBEITRAG
       ==========================
       
       Die Bundesrepublik  stand im Jahre 1960 in der Höhe ihrer Vertei-
       digungsausgaben an  zweiter Stelle  aller Länder der Europäischen
       Wirtschaftsgemeinschaft. Wie  das Deutsche Industrieinstitut mit-
       teilte, beliefen  sich die entsprechenden Aufwendungen im vergan-
       genen Jahr  auf 3,9  Prozent  des  Bruttosozialprodukts.  An  der
       Spitze lag  Frankreich mit 5,6 Prozent. In den Niederlanden mach-
       ten die Verteidigungsausgaben 3,8, in Belgien drei und in Italien
       2,8 Prozent des jeweiligen Bruttosozialprodukts aus.
       Deutsche Zeitung v. 27.IX.61.
       
       PROF. DR. ERNST BLOCHS ABSAGE AN ULBRICHT
       =========================================
       
       "An den  Präsidenten der  Deutschen Akademie  der Wissenschaften,
       Herrn Prof. Dr. Hartke, Berlin.
       Sehr verehrter Herr Präsident!
       Seit Mai  1949, nach  meiner Rückkehr  aus der Emigration in Ame-
       rika, lebte  ich, nachdem  ich eine  Berufung auf  den  Leipziger
       Lehrstuhl für  Philosophie angenommen  hatte, in  dem Staat,  der
       sich nachher als Deutsche Demokratische Republik bezeichnete.
       In den  ersten Jahren  meiner Universitätstätigkeit  erfreute ich
       mich ungehindert  der Freiheit  des Wortes,  der Schrift  und der
       Lehre. In  den letzten  Jahren hat sich diese Situation zunehmend
       geändert. Ich wurde in Isolierung getrieben, hatte keine Möglich-
       keit, zu  lehren, der  Kontakt mit  Studenten wurde unterbrochen,
       meine besten  Schüler wurden  verfolgt, bestraft, die Möglichkeit
       für publizistisches  Wirken wurde unterbunden, ich konnte in kei-
       ner Zeitschrift  veröffentlichen, und  der Aufbauverlag in Berlin
       kam seiner  vertraglichen Verpflichtungen meinen Werken gegenüber
       nicht nach.  So entstand die Tendenz, mich in Schweigen zu begra-
       ben.
       Demgegenüber gaben  mir seit  geraumer Zeit  Universitäten, Zeit-
       schriften und  mein Verlag in Westdeutschland Gelegenheit, zu le-
       ben, zu publizieren und meine bisherigen Arbeiten ungestört fort-
       zusetzen.
       Nach den Ereignissen vom 13. August, die erwarten ließen, daß für
       selbständig Denkende überhaupt kein Lebens- und Wirkungsraum mehr
       bleibt, bin  ich nicht mehr gewillt, meine Arbeit und mich selber
       unwürdigen Verhältnissen  und der  Bedrohung, die sie allein auf-
       rechterhalten, auszusetzen.  Mit meinen  76 Jahren  habe ich mich
       entschieden, nicht nach Leipzig zurückzukehren.
       Ich muß  Ihnen deshalb, sehr verehrter Herr Präsident, mitteilen,
       daß ich  bei künftigen  Sitzungen der Deutschen Akademie der Wis-
       senschaften, deren  ordentliches Mitglied ich bin, zu meinem wah-
       ren Bedauern nicht mehr auwesend sein kann.
       In besonderer Wertschätzung sehr ergeben
       gez. Ernst Bloch"
       Nach: FAZ v.21.IX.61.
       
                                    ***
       
       Der Abdruck  des Wortlautes  der Rede  Präsident Kennedys vor den
       Vereinten Nationen  muß aus technischen Gründen auf November ver-
       schoben werden. D. Red.
       

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