Quelle: Blätter 1961 Heft 12 (Dezember)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       DOKUMENTE ZUM ALGERIENKRIEG
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       ...
       Heinz Abosch
       ...
       Wir sind nicht frei
       -------------------
       ...
       "Zehntausende algerischer  Arbeiter demonstrieren  in den Pariser
       Straßen, um  gegen die  wachsende Unterdrückung  zu protestieren,
       die sich  gegen sie  richtet. Sogleich  rufen diese  Kundgebungen
       eine noch  heftigere Polizeiunterdrückung  hervor: die Verkettung
       geht weiter.  Angesichts dieser Ereignisse erhebt sich eine erste
       Frage. Dürfen wir demokratischen Journalisten, die in einem theo-
       retisch demokratischen  Lande schreiben, darüber sprechen? Es ist
       klar, daß jede französische Zeitung heute frei ist, Öl aufs Feuer
       zu gießen,  die Algerier anzuklagen, die Polizei zu jeder Gewalt-
       tat zu  ermutigen: das  ist die Freiheit, wie sie der Polizeiprä-
       fekt versteht.
       Aber wir  sagen unseren  Lesern und  wir sagen  feierlich unseren
       ausländischen Kollegen,  daß keine französische Zeitung frei ist,
       die ganze Wahrheit zu sagen. Wir können nicht, keine Zeitung kann
       die Kosten  zahlreicher Beschlagnahmungen bezahlen; die Regierung
       weiß das, und in ihrer Verachtung jeder Freiheit zieht sie daraus
       Nutzen. Seit Monaten durfte niemand die Wahrheit über die Behand-
       lung der  Algerier in Frankreich sagen, über das, was auf den Po-
       lizeiwachen und  im Lager  Vincennes vor  sich geht: eine bereits
       wohlbekannte Erfahrung  läßt das  sichere Resultat  einer solchen
       Information vorausbestimmen.  Selbst wenn  ein Gericht  uns frei-
       spricht anläßlich  einer Anklage,  die nach einer Beschlagnahmung
       erhoben wurde - das heißt, selbst wenn die Justiz des Regimes die
       von der  politischen Macht vollzogene Beschlagnahmung als illegal
       erklärt, gibt  es keine  Kompensation, keine Entschädigung, keine
       Bestrafung der  Urheber solchen  Machtmißbrauchs.  Die  Regierung
       weiß das,  sie geht  nicht das geringste Risiko ein. Erstickt sie
       die Pressefreiheit  nicht noch mehr, als sie es tut, sind wir ihr
       im Grunde  noch zu Dank verpflichtet. Das muß die Öffentlichkeit,
       das muß  die ausländische  Presse wissen.  Was im jetzigen Augen-
       blick vor  sich geht,  ist die direkte Folge der Erstickung jeder
       Art von freier Stimme.
       Wüßte die Öffentlichkeit, wüßte die ausländische Presse und wüßte
       vielleicht sogar die Regierung genau und konkret, hätte sie nicht
       die Bequemlichkeit,  die Behandlung  zu ignorieren, der die Alge-
       rier seit Monaten und Jahren in Frankreich unterworfen sind, dann
       wäre vielleicht  schon lange der Verkettung von Unterdrückung und
       Terror Einhalt geboten worden. Diese Verkettung fordert jeden Mo-
       nat eine  beträchtliche Anzahl  unnützer Opfer,  sowohl unter den
       Polizisten als  unter den Algeriern, führt zu einer Lage, die nur
       der OAS  und dem  Faschismus helfen  kann, und  muß notwendig das
       Verhandeln erschweren  und den  Frieden verzögern: was im übrigen
       die Anhänger  der  rücksichtslosen  Unterdrückung  erhoffen,  die
       gleichzeitig Gegner des Friedens und versteckte Agenten des Mili-
       tärfaschismus sind...
       Wir erklären  feierlich der  französischen Öffentlichkeit und den
       Regierungsmitgliedern, die der Politik des Schlimmsten nicht ver-
       bunden sind,  daß - läßt man die Dinge so weiter gehen - die Ver-
       handlungen und  der Frieden  ernst verzögert  und gefährdet sind,
       mit allen  unvoraussehbaren Folgen  für die  politische  Lage  in
       Frankreich. Diejenigen, die von der Notwendigkeit dieses Friedens
       überzeugt sind, selbst wenn sie gestern an die des Krieges glaub-
       ten, selbst  wenn sie  damals eine stillschweigende und gegensei-
       tige Schonung  (der Gegner)  im Mutterland für unmöglich hielten,
       müssen heute  verstehen,  daß  die  Verfolgung  der  Algerier  in
       Frankreich ein  Nonsens geworden  ist, eine  Sabotage dessen, was
       amtlich die Regierungspolitik ist. Die Menschen, die in den Stra-
       ßen demonstrieren,  sind diejenigen,  mit denen  man sich zu ver-
       ständigen vorgibt.  Wir gehen noch weiter und sagen, daß ihre An-
       wesenheit in  Frankreich morgen  der Garant der Anwesenheit eines
       großen Teils  der jetzigen  europäischen Bevölkerung  in Algerien
       sein wird.  Für die  Zukunft der beiden Länder ist es gut, daß es
       Franzosen gibt,  die in  Algerien arbeiten,  und Algerier, die in
       Frankreich arbeiten. Manche sagen uns: Die Algerier sollen anfan-
       gen; wenn sie wollen, daß man sie anständig behandelt, sollen sie
       mit dem Terror aufhören.
       Wir antworten:  Wenn eine  Menschengruppe so  fürchterlich unter-
       drückt ist,  wie es  die Algerier  in Frankreich  sind, wenn ihre
       Funktionäre verhaftet,  gebrochen, eingekerkert, ausgerottet wer-
       den, wenn  die erste  Initiative zur  Verschärfung des Kampfes so
       offenkundig von  der Polizei ergriffen wurde, dann kann man nicht
       erwarten, daß die unterdrückte Gruppe den Anfang zu einem Waffen-
       stillstand macht. Wir französischen Demokraten müssen ihn von un-
       serer Regierung verlangen."
       France Observateur, 19.10.61.
       ...
       Ein Fabrikdirektor schreibt
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       ...
       "Ich beschäftige  seit vielen  Jahren fünf oder sechs Algerier...
       Seit einem  Monat werden  sie nacheinander  verhaftet, geschlagen
       und nach drei oder vier Tagen freigelassen. Einige gehen zum Arzt
       und werden für zehn Tage bis zu einem Monat krankgeschrieben. Ge-
       stern abend  wurde einer  dieser Angestellten,  der bei  mir seit
       vier Jahren beschäftigt ist, im Innern einer Bar verhaftet, wo er
       mit seiner  Frau Kaffee trank. Er glaubte, daß seine Auszeichnun-
       gen im  Heeresdienst ihn vor einer Verhaftung schützten. Der Bar-
       besitzer bestätigte  mir, daß er seinen Lohnzettel, sein Soldbuch
       und seinen Personalausweis vorzeigte. Trotz allem wurde er im Po-
       lizeiwagen mitgenommen.  Sicher werde ich ihn wie alle andern mit
       einem zerschlagenen Gesicht und Zeichen von Mißhandlungen auf dem
       ganzen Körper wiedersehen. Ich bin Franzose, so weit das Andenken
       meiner Familie zurückreicht. Seit hundertfünfzig Jahren sind wir,
       in direkter  Linie, für unser Vaterland in den Krieg gezogen. Ich
       schäme mich."
       Le Monde, 24.10.61.
       ...
       Besuch im Bidonville
       --------------------
       ...
       "In Frankreich gibt es 400 000 Algerier. Bis jetzt wußten wir na-
       türlich von  eurer Existenz - wir Franzosen -, aber die Dinge wa-
       ren so  gut gemacht, daß wir eine Art von Farbenblindheit entwic-
       kelten: wir  sahen euch,  ohne euch zu sehen. Ihr wart Hypothesen
       von Menschen,  Gruppen, einer  Gemeinschaft. Wir wußten, daß fünf
       Minuten vom  Etoile und von den Champs-Elysées Tausende der Euren
       zum Beispiel  in Nanterre  "lebten". Aber  in deutlich bestimmten
       Zonen, in  Bidonvilles, die  man auf einer Karte mit einem festen
       roten Strich  abgrenzen kann.  Kurzum, ihr  wart ziemlich erträg-
       lich, und wir waren bereit, euer Dasein zu ignorieren. Gewiß, wir
       wußten, daß  ihr Händel  mit unserer  Polizei  hattet,  aber  das
       störte uns  nicht sehr. Ihr schoßt einige unserer Polizisten nie-
       der, unsere  Polizisten schossen  zweifellos einige der Euren ab.
       Natürlich, das  war bedauernswert, ganz bestürzend. Daran war der
       verdammte Algerienkrieg  schuld, der  kein Ende  nimmt. Und  dann
       sprachen wir,  nachdem wir über den Tod eines Polizisten, der Fa-
       milienvater war,  geseufzt hatten,  von etwas  anderem und gingen
       ins Kino.
       Plötzlich habt  ihr dieses Spiel verdorben. Ohne es uns vorher zu
       sagen, habt  ihr uns gestört. Zu Tausenden, zu Zehntausenden seid
       ihr auf  unseren Straßen erschienen, und wir haben euch entdeckt.
       Ohne Waffen, oft in euren armen Sonntagskleidern, habt ihr Losun-
       gen in  unseren schönen  Stadtvierteln geschrien.  Was  tun?  Ihr
       störtet die Ordnung. Wir waren gezwungen, unsere Polizei auf euch
       zu hetzen,  die euch "behandelte", wie ihr es verdientet. Wir wa-
       ren entweder bestürzt oder empört oder verängstigt, aber ihr seid
       artig und  versteht die  Lehre. Wir  verlangen nichts weiter, als
       schnell euer  Erscheinen zu  vergessen. Wir  werden sagen, daß es
       nichts war, daß wir nur ein schreckliches Gespenst gesehen haben:
       dasjenige des  Algerienkrieges, der kein Ende nimmt. Wird er nie-
       mals aufhören?
       Nun bin  ich ein  Franzose, und  ich schreibe  für Franzosen. Ich
       wollte sehen,  wissen und  hören. Heute  bringe ich  meine Ernte.
       Heute trete  ich aus  einer nicht zu ahnenden Welt heraus. In den
       letzten Tagen  sah ich nur von Lächeln verlassene Gesichter, auf-
       geschwollene Augen,  durch Gewehrkolben blaugewordene Rücken; ich
       habe nur Erzählungen vernommen, in denen die gleichen Worte immer
       wieder  vorkamen:   Razzien,  Schläge,  Folter,  Verschleppungen,
       Morde. Ich  schreibe diese  Zeilen mit  den Gesichtern vor meinem
       Blick; mit den Worten, die meinen Kopf erfüllen und die darin wie
       Gongschläge läuten...
       Um die  Treppen heraufzusteigen, zündet der Knabe ein Streichholz
       an. Sie ließen mich hinsetzen. Sie boten mir Orangeade und Gebäck
       an. Danach  mußte man  wohl sprechen.  Die Mutter,  einundfünfzig
       Jahre, war  im Bett und entschuldigte sich. Sie konnte sich nicht
       bewegen, wegen  des Rückens,  der ganz blau ist. Aber ich sah ihr
       violett-schwarzes Gesicht, mit einem Auge - das linke Auge -, das
       dick wie  ein Ei  angeschwollen war  und dessen Hornhaut grellrot
       war.
       - Der Doktor  sagte, das Auge sei schlecht, und ich würde es ver-
       lieren.
       Die beiden  Söhne schweigen. Der Vater blickt zu seiner Frau. Sie
       sagt mir, sie sei auf der Kundgebung gewesen, weil man uns zuviel
       tötet und  weil man jetzt im Haus bleiben muß wie Ratten. Sie de-
       monstrierte mit  ihrer Tochter und einem ihrer Söhne, als die Po-
       lizei angriff.
       - Ein Polizist hat seinen Revolver auf meine Tochter gerichtet.
       Sie ist dazwischengefahren. Ein anderer Polizist hat sie zu Boden
       geworfen. Sie  erhielt Ohrfeigen, Hiebe mit der Faust und den Fü-
       ßen und  einige Keulenschläge.  Man warf sie mit ihrer Tochter in
       den Wagen.
       - Da haben  mir die Polizisten den Arm ausgedreht, sieh an... und
       er schrie  zu mir: Schwein! Wir werden dich fertigmachen und aus-
       leeren  wie  ein  Kaninchen!  Sage  Französisches  Algerien!,  du
       Schwein! Und  er sagte mir Dinge, die ich nicht wiederholen kann.
       Und ich  schrie: Es lebe das unabhängige Algerien! Es leben meine
       Brüder! Und  ich sagte dem Polizisten: Du kannst mich töten, wenn
       Du willst, aber ich werde nichts anderes sagen.
       Man warf  sie auf  die Polizeiwache Val-de-Grâce. Sie sah mit an,
       während ihrer  Tochter Fußtritte  in den  Leib  versetzt  wurden.
       Nachts warf  man sie  auf die  Straße. Sie  verlangte nach  ihrer
       Tochter.  Die   Polizisten  erhoben   ihre  Knüppel.   Schwankend
       schleppte sie  sich fort,  und sie  fragt sich, wie sie überhaupt
       nach Hause kommen konnte.
       - Und Ihre Tochter?
       - Sie ist  nicht zurückgekommen.  Schon drei  Tage lang  ist  sie
       nicht zurückgekommen.
       Morgen werden ihre Schwestern wieder demonstrieren.
       - Ich kann da nicht mitmachen, weil ich nicht gehen kann.
       Die ganze  Familie ist  geschlagen worden: der Vater, der älteste
       Sohn, die  beiden Vettern. Der Schwiegersohn, seit vielen Monaten
       im Lager  Larzac, wurde jetzt in ein algerisches Lager überführt.
       Der jüngste Sohn ist vierzehn. Er hat riesige Augen, für immer in
       Erstaunen versetzt, und spricht ein akzentfreies Französisch.
       - Mama hat sich über mich geworfen, als sie die Maschinenpistolen
       hörte, dann habe ich sie verloren.
       Er ist  von der  Polizei mitgenommen worden. Er hat ebenfalls An-
       recht gehabt auf eine Ration Knüppelschläge auf die Schulter...
       - Wir waren  zwei- oder  dreitausend in  einem Ding,  wo es Ping-
       Pong, Turnsachen gab...
       - Im Stadion Coubertin?
       - Weiß ich  nicht. Ich  bin drei Tage dort geblieben. Man schlief
       auf Zement, es war kein Platz da. Soldaten gaben uns zu essen.
       - In was?
       - Am ersten Tag in nichts. Wir hatten keine Näpfe, nichts.
       Er hält  beide Hände  muschelförmig zusammen, wie wenn man Wasser
       vom Brunnen schöpft.
       - Sie sagten  uns, die  Hände so  zu halten, und sie gossen rein.
       Die Polizisten  fragten mich, warum ich gekommen bin. Ich antwor-
       tete, meine  Brüder seien in die Seine geworfen worden... Sie ha-
       ben nicht zugehört und gaben mir drei Ohrfeigen.
       Seine Backen  sind angeschwollen,  als hätte er Zahnschmerzen. Er
       heißt Medjid  und ist vierzehn Jahre alt. Der Vater Mohammed sagt
       mir, daß  seine ganze  Familie 1947 nach Frankreich gekommen ist.
       In Algerien war er Beamter, ein ganz kleiner Beamter.
       - 47 hätte  ich fest  angestellt werden sollen wie meine europäi-
       schen Kollegen.  Es war  das Gesetz:  ich hatte das entsprechende
       Alter und  hatte die  notwendige Zeit gearbeitet. Einen Monat vor
       meiner Ernennung  wurden ich und alle Muselmanen, die im gleichen
       Fall waren,  vor die  Tür gesetzt. Ich war arbeitslos, ohne Zeug-
       nisse, und beschloß, mit meiner Familie nach Frankreich zu gehen.
       Das ist  es. Und seit dieser Zeit hat sich Frankreich in Algerien
       verwandelt."
       ...
       Die Folter als staatliches System
       ---------------------------------
       ...
       "Am 2. März 1955 schlug Verwaltungsgeneralinspekteur R. Wuillaume
       in einem Bericht an den damaligen Generalgouverneur von Algerien,
       Jacques Soustelle,  nachdem er  die in  Algerien weitgehend  aus-
       geübte Folter  festgestellt hatte,  die Anwendung "besonderer Me-
       thoden" vor,  das heißt  von Wasser und Elektrizität. Sie sollten
       von der  Gerichtspolizei, unter der Verantwortung von Polizeikom-
       missaren und -offizieren, vollzogen werden, um die Schäden zu be-
       grenzen. Zur  gleichen Zeit  erklärte er es als unzweckmäßig, die
       Verantwortlichen für  die in  der Presse festgestellten Fälle von
       Mißhandlungen zu  suchen, denn,  sagte er,  gewisse Mißhandlungen
       sind unannehmbar,  doch gewisse  Verdienste sind  herrlich.  Sou-
       stelle weigerte  sich, die erste Schlußfolgerung anzunehmen, aber
       er nahm die zweite an. In Wahrheit geschah es, ohne daß eine amt-
       liche Behörde  es jemals  zuzugeben wagte,  als ob die Gesamtheit
       der Schlüsse Wuillaumes in Durchführung gekommen wäre. Vom bluti-
       gen Chaos  der Schlacht um Algier bis zur Ordnung, die in den vom
       geheimnisvollen CCI  befehligten Nachrichten-  und Aktionsstellen
       herrschte, deren  bekannteste das traurig berühmtgewordene Gehöft
       Améziane, eine  wahre Folterfabrik,  war, hat  sich die  Maschine
       nach und nach eingespielt.
       Erinnern wir  an einige  Zahlen, die  den teuflischen Fortschritt
       anzeigen: Zwischen  Januar und  September 1957  hat die Präfektur
       von Algier 24 000 Zwangsaufenthalte verhängt; der Generalsekretär
       der Polizei  von Algier,  Paul Teitgen, hat vom 9. Januar bis 26.
       September 1957   3024 Verschwundene festgestellt, unter den glei-
       chen Bedingungen  wie das  Verschwinden Audins;  zwischen  Januar
       1957 und Februar 1961 sind 108 000 Personen durch das Gehöft Amé-
       ziane geschleust  worden. Man  denkt nicht  ohne Entsetzen an die
       fürchterliche Komplizität,  die die  Männer der Folter unter sich
       bindet. Im  Schatten der  Folterkammern, und  das ist ganz natür-
       lich, wurden  alle Komplotte  gegen die Republik angezettelt. Die
       Organisatoren der  Folter, die  Anführer der Bombenwerfer und der
       OAS sind  die gleichen.  Einer der  "Helden" der Schlacht von Al-
       gier, Yves  Godard, ist  einer der  großen Verantwortlichen einer
       Organisation,  die  zahlreiche  Attentate  durchgeführt  hat.  In
       Tschombès Diensten  stand Commandant  Faulques, den  wir  bereits
       1957 als  einen der  hauptsächlichen Folterer  anklagten, was ihn
       nicht hinderte,  von der  5. Republik zum Kommandeur der Ehrenle-
       gion befördert zu werden!
       Wenn die  Komplizität, die  diese Männer, welche die Maske fallen
       ließen, einigt,  uns ängstigt,  so ist  diejenige, die sie mit so
       vielen Behörden  des gegenwärtigen  Frankreich einigt,  erschrec-
       kend. Wie  es Generalstaatsanwalt Reliquet in Rennes erklärte und
       wie es  General Allard  bestätigte, wurde  die Folter  direkt von
       folgenden  Ministern   ermutigt:  Robert  Lacoste,  Max  Lejeune,
       Maurice Bourgès-Maunoury.  Nach meiner  Kenntnis sind Lacoste und
       Lejeune noch  immer Mitglieder der Sozialistischen Partei; welche
       Fäden halten sie denn? Und die jetzige Regierung verhält sich so,
       als ob,  in ihren  Augen, der  Prozeß des  Mörders von  Audin und
       derjenige der Folterer Djamila Boupachas derartige Wogen auslösen
       könnte, daß das Regime sie nicht überleben würde.
       Nach dem  Aprilputsch schrieb  hier einer  von uns,  daß der Sieg
       über die  Aufständischen kein wirklicher Sieg sein würde, wenn es
       nicht auch  ein Sieg  über die  Folterer wäre.  Wir müssen  heute
       feststellen, daß  dieser Sieg  nicht davongetragen wurde. Während
       des Barrikadenprozesses  schwiegen die  Richter hinsichtlich  der
       kriminellen Straftaten, die dieser oder jener Angeklagte begangen
       hatte. Lagaillarde,  ein Dieb,  Folterer und Mörder, konnte einem
       breiten Teil  der Öffentlichkeit  als ein sympathischer Schwärmer
       hingestellt werden.  Colonel Argoud,  der für  kriegsgerichtliche
       Erschießungen eintrat,  wird zu  einem einfachen  Theoretiker des
       revolutionären Krieges, der nur zum Tode verurteilt wird, weil er
       nicht die  Höflichkeit besaß,  dem Prozeß  beizuwohnen. Von einem
       Ende bis zum andern des Barrikadenprozesses und des Putschprozes-
       ses hörte  man nur  von Vaterland und Ehre sprechen. Das Resultat
       ist deutlich:  Die Angeklagten erschienen als Märtyrer, Opfer ih-
       rer Gewissensqualen, die schließlich den Mut hatten, ihre Meinung
       zu vertreten,  und  die  nur  bestraft  wurden,  weil  ihnen  ein
       Komplott mißlang,  das andere  im Jahre 1958 besser durchführten.
       Im gesamten  Versagen ist  dasjenige der  Justiz, wenn  nicht das
       schwerwiegendste, so doch zumindest das am meisten symbolische.
       Die Macht  kann die  Ausnahmegerichte gegen  die Extremisten ver-
       vielfachen, die  Verhaftungsfristen verlängern,  gegen die Ultras
       die Präventivverhaftungen  tätigen, die  in Frankreich  gegen die
       der Hilfe  an die  Rebellen verdächtigten  Muselmanen vorgenommen
       wurden, -  diese sowohl diktatorische als gespenstische, wirksame
       oder unwirksame Apparatur hat nichts mit Justiz zu tun.
       Justiz kann nur ein Prozeß gegen die Folterer sein, ein öffentli-
       cher und nach den Regeln französischen Rechts durchgeführter Pro-
       zeß. Dann  wären  die  Verantwortlichen  festgestellt,  und  ganz
       Frankreich würde  sich von den Verbrechern abwenden, die als sol-
       che gerichtet und verurteilt werden müßten."
       Professor Laurent Schwartz (Sorbonne) in Le Monde, 26.10.61.
       ...
       Der Brief eines Kaufmanns
       -------------------------
       ...
       "Ich bin  Kaufmann und  zähle einige  muselmanische Franzosen  zu
       meinen Kunden. Der eine sollte letzten Freitag kommen, um Kleider
       abzuholen. Ich habe ihn soeben gesehen, als er von der Polizeiwa-
       che in  Montreuil-sous-Bois kam, wohin man ihn letzten Donnerstag
       (in einen  Polizeiwagen geworfen) um 19.50 Uhr brachte, etwa hun-
       dert Meter von der Baustelle entfernt, deren Wächter er war. Ohne
       jede Erklärung oder Aufforderung wurde er gezwungen - die Maschi-
       nenpistole vor dem Leib-, auf den Wagen zu steigen, wo er den er-
       sten Hagel von Schlägen empfing. Die 400 Neuen Francs, die er bei
       sich hatte, wurden bei seiner Ankunft in Montreuil beschlagnahmt,
       desgleichen seine  Armbanduhr. Personalausweis, Lohnzettel, Sold-
       buch (28  Monate Militärdienst als Franzose mit gleichen Rechten)
       waren ihm  von keiner  Hilfe. Fünf Tage Verhaftung fast ohne Nah-
       rung.
       Man kann  nicht mehr  schweigen, man kann nicht mehr passiv sein,
       es sei  denn, wir geständen zynisch, daß wir Komplizen sind. Auch
       ich schäme mich, schäme mich bis zu Tränen."
       Le Monde, 27.10.61
       ...
       Anklage in der Nationalversammlung
       ----------------------------------
       ...
       "Eine Razzia in der Metro: In der Menge wird ein Algerier von der
       Polizei gestellt.  Während er  seine Papiere herauszieht, schlägt
       ein Polizist mit dem Stock auf seinen Kopf. Das Blut spritzt. Die
       Menge murrt, geht aber vorbei.
       Rue de  Vaugirard: Muselmanen laufen aus Leibeskräften. Ein Poli-
       zist schießt  mit der  Maschinenpistole, drei  Flüchtende bleiben
       auf dem Boden liegen...
       Im Sportpalast: In Anbetracht des Zustands zahlreicher Muselmanen
       werden Militärärzte herbeigeholt, die mit Krankenwärtern in Grup-
       pen arbeiten.  Die Gruppen lösen einander ab. Die eine davon, die
       dritte, hat von Mittwoch, dem 18., um 18 Uhr, bis Donnerstag, dem
       19., um  9 Uhr,  210 Gefangene  untersucht, deren Liste von einem
       Sekretär zusammengestellt  wurde. Das  gibt eine Idee von der Un-
       verantwortlichkeit der  Behörde, die den Minister veranlaßte, die
       Gesamtzahl der Verwundeten mit 139 anzugeben! Während 104 Stunden
       hatte man diesen Menschen weder zu essen noch zu trinken gegeben.
       Diejenigen, die  dort untergebracht waren, wo die sowjetrussische
       Ausstellung stattfand,  wurden von  den Ärzten zufällig entdeckt;
       manche von ihnen waren durch Kugeln verletzt.
       Den meisten  dieser Menschen  war die  Kopfhaut zerrissen und die
       Hände gebrochen  worden. Einige  hatten, infolge von Abstürzen in
       den Treppenhäusern,  gebrochene Beine. Manche sind zum zweitenmal
       zu den  Ärzten gekommen, da sie nach der ersten Pflege wieder ge-
       schlagen wurden.  Außer zwei  Duschen, die  die Boxer  nach ihrem
       Match benutzen,  gab es  kein Wasser.  Am 18. wurden Krankenwagen
       verweigert, um  die am schwersten Betroffenen in Krankenhäuser zu
       bringen. Die  Ärzte mußten  einen Divisionskommissar antelefonie-
       ren, damit er sich der Sache annahm.
       Das alles ging kalt vor sich, in einer Atmosphäre der Ruhe, zeit-
       weilig von  Schmähungen unterbrochen,  die sich nicht wiedergeben
       lassen. Angst  hat sich  der Stadtteile  bemächtigt, in denen die
       Muselmanen leben..."
       ...
       ...
       "Die vom  Polizeipräfekten gefaßten  Beschlüsse haben die gesamte
       Polizei auf  den Boden des Bruderkrieges gestellt. Jeder Polizist
       vermochte sich  nur noch  zu richten nach der Hautfarbe, nach dem
       Aussehen der  Kleidung, nach  dem Wohnbezirk.  Wie glücklich sind
       die blonden  Kabylen! Werden  wir nach  dem Weg des gelben Sterns
       denjenigen des gelben Halbmonds sehen? Wir erleben etwas, das wir
       nicht verstanden,  als die  Deutschen es nach der Machtergreifung
       Hitlers erlebten!
       Trotz der  Verhöre mit  Folter haben  wir ein gutes Gewissen, und
       wir sprechen vom Ausbau der Gemeinden und von der Lage der Feuer-
       wehr. Es  wird grundlos verhaftet ohne Urteil deportiert, und die
       armen Kerle  werden den  Händen ihrer  Peiniger ausgeliefert. Das
       ist das Gegenteil unserer Zivilisation.
       Der Kampf  zwischen einzelnen Muselmanen und einzelnen Polizisten
       wurde in  einen Kampf  zwischen der  algerischen Gemeinschaft und
       der gesamten  Polizei verwandelt.  Wir wagen weder von den Dingen
       zu sprechen,  die uns unangenehm sind, noch der wachsenden Gewalt
       ins Gesicht zu sehen.
       Die häßliche  Bestie des  Rassenhasses ist losgelassen. Schließen
       Sie schnell die Falltür, Herr Minister!"
       Le Monde, 1.11.61.
       ...
       Aufruf der Gewerkschaften
       -------------------------
       ...
       "Die algerischen  Arbeiter  des  Pariser  Bezirks  demonstrierten
       friedlich am  17. Oktober,  um gegen die Sondermaßnahmen Stellung
       zu nehmen, deren Opfer sie sind.
       Die polizeiliche Unterdrückung benutzte unanehmbare Methoden, die
       zu Toten und Hunderten von Verletzten führten.
       Die unterzeichnete Organisation erklärt hiermit, daß eine gleich-
       artige Unterdrückung, die eine neue Etappe in der Aufrichtung ei-
       nes faschistischen  Regimes in Frankreich wäre, die sofortige Ab-
       wehr der  gesamten Arbeiterschaft  des Pariser  Bezirks zur Folge
       hätte."
       Le Monde, 1.11.61.
       ...
       Nazismus als Vorbild
       --------------------
       ...
       "Welches auch  die vorgeschickten  Gründe sein  mögen, diese Maß-
       nahme ist rassistischen Charakters, aus Prinzip unannehmbar. Seit
       1789 gibt  es in  Frankreich kein  anderes Vorbild dafür, als die
       von den Nazis unter der Besetzung ergriffenen Maßnahmen. Sie kann
       nur die  gleichen Ausschreitungen  bewirken, und  wie Sie wissen,
       war das  bereits der  Fall. Nach 20 Uhr werden Algerier verfolgt,
       die Polizei  geht auf  Jagd nach  der Hautfarbe,  Menschen werden
       verhaftet, niedergeschlagen,  auf den Polizeiwachen festgehalten,
       weil sie einer anderen ethnischen Gemeinschaft angehören. Zu Hun-
       derten werden sie nach Algerien deportiert, wenn man sie nicht in
       die Seine  wirft; ihre  Familie bleibt  in Frankreich  ohne jedes
       Existenzmittel. Die Studenten und Professoren der USA sind an der
       Spitze des  Kampfes gegen  die Rassentrennung;  die französischen
       Studenten und  Professoren müssen hier den gleichen Kampf führen.
       Wenn die  Franzosen die gesetzliche Einrichtung des Rassismus an-
       nehmen, werden  sie in  Zukunft dieselbe Verantwortung tragen wie
       die Deutschen,  welche sich den Greueln des Nazismus nicht wider-
       setzten."
       Le Monde, 1.11.61.
       ...
       Neuer Appell von Jean-Paul Sartre
       ---------------------------------
       ...
       "Die Stunde  der Proteste  in Worten ist vorüber. Wir werden ohne
       Kampf nichts  erreichen. Die  antifaschistische Haltung des Trup-
       penkontingents im April, die Empörung der Jugend und der Arbeiter
       in dieser  Woche zeigen  uns, daß  die Bevölkerung  beginnt, sich
       dessen bewußt zu werden. Im jetzigen Augenblick müssen alle demo-
       kratischen Kräfte, die Arbeiterklasse und die Intellektuellen zur
       Bekundung ihrer  Verbundenheit mit  den algerischen Arbeitern und
       Studenten aufgerufen  werden, damit sie gemeinsam eine kollektive
       Aktion zur Beendigung des Krieges einleiten. Heute können wir den
       Faschismus zerschlagen.  Warten wir  nicht bis  morgen, um uns zu
       vereinen. Wir verlangen von allen Intellektuellen, daß sie diesen
       Aufruf unterzeichnen,  sich organisieren  und an jeder Kundgebung
       oder Aktion  teilnehmen, die  der Verwirklichung des Friedens und
       der Demokratie dient."
       3.11.61
       ...
       Ein Brief aus Paris an "Die Tat" (Zürich)
       -----------------------------------------
       ...
       Sehr geehrte Redaktion,
       während unseres  Aufenhaltes in Paris wurden wir Zeugen eines uns
       Schweizer befremdenden Vorfalls.
       Als wir am 18. Oktober gegen 21 Uhr zum Place Saint Michel kamen,
       war er  voll parkierter  Polizeiautos.  Rundherum  patroullierten
       viele Polizisten,  die teilweise  mit Maschinenpistolen bewaffnet
       waren. Da wir durch den Radio gehört hatten, daß für die Algerier
       ab 20  Uhr ein Ausgehverbot herrsche, gesellten wir uns neugierig
       zu den wenigen Zuschauern.
       Kurze Zeit darauf wurde ein Algerier, die Hände auf dem Kopf, von
       Polizisten zu den Autos gebracht. Wir hörten dumpfe Schreie, doch
       die Polizeiwagen verdeckten uns alle Sicht. So gingen wir auf die
       andere Seite  des Platzes,  mußten aber feststellen, daß auch von
       hier nichts  zu sehen  war. Vier,  busähnliche Polizeiautos waren
       raffiniert zu  einem Viereck  aufgefahren worden,  das im  Innern
       einen Hof  offen ließ. Wir entdeckten eine Stelle, von der man in
       diesen Hof  blicken konnte.  Etwa ein Dutzend Polizisten waren in
       ihm versammelt.  Sobald ein  Algerier hineingeführt  wurde, trak-
       tierte ihn  das Dutzend mit Fußtritten und Knüppelschlägen bis er
       zusammenbrach. (Wir  waren gute  20 m vom  "Richtplatz" postiert,
       konnten aber  die Knüppelschläge  gut  hören.)  Unter  den  Autos
       durchblickend, sahen  wir dann,  wie  er  weiter  mißhandelt  und
       schließlich in eines der Auto verfrachtet wurde.
       Während wieder  einmal ein Algerier seinen Spießrutenlauf machte,
       stieß einer  von uns  einen empörten  Ruf aus.  Sofort kamen etwa
       zehn Polizisten,  umringten uns  und tasteten  unsere Kleider ab.
       Wir mußten unsere Ausweise zeigen und darauf den Platz verlassen.
       Auch die anderen Zuschauer wurden mit sanften Stößen und den Wor-
       ten "circuler" vertrieben.
       Dieser Brief  ist keine  Stellungnahme für  eine der  beiden Par-
       teien, sondern die Schilderung eines Ereignisses, das wir mit ei-
       genen Augen sahen, und das uns darum stark erregt hat. Ein Ereig-
       nis, das  drastisch die  Ohnmacht des Individuums gegen die Macht
       vor Augen geführt hat. - Nicht nur in den kommunistischen Staaten
       werden freiheitsfeindliche Methoden praktiziert.
       Hochachtungsvoll sig. H.S., E.S.
       Die Tat, 28.10.61
       ...
       

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