Quelle: Blätter 1961 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "SIND WIR WIRKLICH GERECHT GEGENÜBER DEN RUSSEN?"
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       Während der  Napoleonischen Kriege  stellte ein  witziger Dichter
       die Übel  seiner Zeit  zusammen, einschließlich  des Wetters, und
       lastete sie sämtlichst Frankreich an. Er schloß mit der berühmten
       Zeile: "Wer  füllt die  Metzgerläden mit großen blauen Fliegen?".
       Die Antwort lautete natürlich: Napoleon.
       Heutzutage sind  es die Russen, die im Verdacht stehen, die Metz-
       gerläden mit  großen blauen  Fliegen zu  füllen. Da  gibt es eine
       Krise um  Berlin, eine  Krise, die zu einem Weltkrieg führen mag.
       Wer ist  schuld? Die  Russen! Sie bedrohen die Freiheit West-Ber-
       lins. Sie  stellen die Rechte in Frage, die die Westmächte in den
       vergangenen Jahren  gehabt haben. Die Luft ist wieder einmal vol-
       ler radioaktiver  Wolken. Wer brachte sie dorthin? Die Russen, um
       uns andere zu erschrecken.
       Die sowjetischen  Führer laden  sich  viele  dieser  Verdammungen
       selbst auf. Das politische System Rußlands ist eine Diktatur, die
       nicht viel weniger tyrannisch ist als zu Stalin's Zeiten. Das so-
       wjetische Volk  wird nicht  gefragt. Ihm  wird nicht die Wahrheit
       gesagt. Es  darf über  sein eigenes  Schicksal nicht  selbst ent-
       scheiden.
       In den  Satellitenländern sind  die Zustände  noch schlimmer. Die
       sowjetische Herrschaft  über sie  ist drückender  als irgendetwas
       aus den Annalen des westlichen Imperialismus.
       Was immer die Übelstände innerhalb Rußlands sein mögen, so ist es
       doch auch  wahr, daß  die sowjetische Außenpolitik in den letzten
       Monaten maßvoll  und vorsichtig  gewesen ist.  Ihre Angebote  für
       einen Ausgleich, nicht unsere, wurden beiseitegeschoben.
       Seit Monaten  werden wir  jetzt von  der Berlin-Frage geplagt. Es
       ist viele  Jahre her, seit ein großes internationales Problem den
       Leuten in  diesem Lande  mit solchem  Bedacht falsch  dargestellt
       worden ist.  Berlin bildet  zweifellos ein  großes  Problem.  Und
       Deutschland ist  ein noch größeres Problem. Aber die Russen haben
       dieses Problem nicht allein geschaffen. Die Deutschen schufen es,
       indem sie  Hitler bei  seinem  Angriffskrieg  unterstützten.  Die
       siegreichen Alliierten  verewigten das  Problem durch  den Streit
       untereinander.
       Deutschland ist  geteilt. Wer gab dazu das Signal? Nicht die Rus-
       sen. Es  war das  Werk von  Ernest Bevin,  der einmal  für  einen
       großen Mann  gehalten wurde  und der  jetzt als der unheilvollste
       britische Außenminister  der heutigen  Zeit angesehen  wird.  Die
       Westmächte schufen  ein gesondertes  Westdeutschland in dem Glau-
       ben, daß  sich das verbleibende Ostdeutschland als unhaltbar her-
       ausstellen würde  und die Russen aus Europa herausgedrängt werden
       würden. Die  Amerikaner haben  Westdeutschland nicht nur zu einem
       prosperierenden Land  gemacht, sondern  sie haben  die  Deutschen
       wiederbewaffnet und  Westdeutschland in  eine gewaltige  Militär-
       macht verwandelt.
       Ist es  überraschend, daß  die Russen mißtrauisch und empfindlich
       geworden sind?
       In den  vergangenen Jahren wurde West-Berlin durch einen Fluß von
       Geld und  moralischer Unterstützung  gehalten. Geschah  dies  auf
       Grund einer  abstrakten Liebe  für Freiheit und Demokratie? West-
       Berlin wurde  am Leben erhalten als die künftige Hauptstadt eines
       wiedervereinigten Deutschlands.  Es war  das Zentrum, von dem aus
       westliche Propaganda  in die  kommunistische Welt  gepumpt werden
       konnte.
       Wir haben  fortgefahren zu  glauben, der  Kommunismus stünde kurz
       vor dem Zusammenbruch und daß wir nur darauf zu warten brauchten.
       Das war  das Irrlicht, der Irrglaube, wie er von dem verstorbenen
       Mr. Dulles gepredigt wurde und wie er noch von vielen Amerikanern
       gesucht wird.
       Natürlich wollen  die Russen  West-Berlin als Quelle von Provoka-
       tionen und  Unruhe ein Ende machen. Aber Mr. Chrustschow hat wie-
       der und  wieder jede denkbare Sicherheit für die politische Frei-
       heit West-Berlins angeboten. Warum sind wir diesen Angeboten aus-
       gewichen? Er  stellt als  Gegenleistung Forderungen,  aber  diese
       Forderungen erscheinen  mir vernünftig;  und es  liegt in unserem
       Interesse, sie zu akzeptieren.
       Es wird  viel über die alliierten "Rechte" in Berlin geredet. Wen
       kümmern schon  diese Rechte, wenn die Freiheit Berlins auf andere
       Weise gesichert  werden kann?  Die alliierten  Truppen in  Berlin
       sind Geiseln. Wir wären in Wirklichkeit stärker, wenn wir sie ab-
       ziehen würden.
       Mr. Chrustschow  verlangt, wir sollten Ostdeutschland anerkennen.
       Was ist  daran nicht  in Ordnung?  Ostdeutschland besteht als ein
       separater Staat,  und zwar  seit mehreren Jahren. Anerkennung be-
       deutet nicht  (politische) Zustimmung.  Wenn dem so wäre, gäbe es
       wenige Staaten, die wir anerkennen könnten.
       Mr. Chrustschow verlangt ferner, daß wir die Oder-Neiße-Linie als
       Grenze zwischen  Deutschland und  Polen anerkennen.  Wir  weigern
       uns. Dabei  wurde diese Grenze in Wirklichkeit auf Initiative von
       Präsident Roosevelt und Sir Winston Churchill gezogen.
       Die sowjetischen  Vorschläge sind  annehmbar und  angemessen. Sie
       würden die Angst um Berlin beenden und uns eine friedlichere Welt
       bescheren. Im  vergangenen August  dachten so  auch die britische
       und selbst die amerikanische Regierung. Sie waren drauf und dran,
       zuzustimmen. Dann  traten sie  davon zurück.  Warum?  Hatten  sie
       einen  verborgenen  Haken  entdeckt?  Ganz  und  gar  nicht.  Dr.
       Adenauer ließ  es nicht zu. So werden wir durch deutsche Ambitio-
       nen in Krisen, vielleicht sogar in den Krieg getrieben.
       Diese deutschen  Ambitionen, und  nur sie  allein, sind der Grund
       für die  Spannungen. Vielleicht  wünscht unsere  Regierung, deut-
       schen Ambitionen  Rückhalt zu  geben. Wenn dem so ist, sollte sie
       es uns  offen sagen. Schließlich steht unser Leben und unsere Zu-
       kunft auf  dem Spiel.  Wir sind  es, die  sterben werden,  um die
       Oder-Neiße-Linie zu zerstören.
       Statt dessen  geht die  Regierung Verhandlungen  aus dem Wege und
       versucht, sowjetischer Aggressivität die Verantwortung zuzuschie-
       ben. Ihr Verhalten hinsichtlich der sowjetischen Atombombenversu-
       che ist noch schlimmer gewesen...
       Kein vernünftiger  Mensch leugnet die Übelstände des sowjetischen
       Regierungssystems. Kein  vernünftiger Mensch bildet sich ein, daß
       die sowjetischen Herrscher überlaufen von friedlicher Mildherzig-
       keit. Die  Welt von heute ist ein rauher Platz. Das ist ein Grund
       mehr für  unsere Regierung,  uns die Wahrheit zu sagen. Sie kennt
       sie. Sie hält sie vor uns zurück.
       Sie hat  uns willentlich  getäuscht über die Auswirkungen der so-
       wjetischen Tests.  Sie hat uns getäuscht hinsichtlich Berlin. Sie
       stellt die  sowjetische Politik dort als aggressiv dar, wo es die
       Russen sind,  die auf Ausgleich aus sind und eine vernünftige Lö-
       sung anbieten.
       Es war  einmal die  stolzeste Prahlerei  britischer  Regierungen,
       Frieden zwischen  den Völkern zu predigen. Dies, und dies allein,
       sollte in der gegenwärtigen Zeit unsere Politik sein. Gewiß, laßt
       uns den  Russen entgegen  treten, wenn sie im Unrecht sind. Um so
       mehr Grund besteht dazu, Verständigungsbereitschaft und Sympathie
       zu beweisen, wenn sie im Recht sind.
       Prof. A.J.P. Taylor in: The Sunday Express (London) v. 19.XI.61
       

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