Quelle: Blätter 1962 Sonderheft 1


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       TEIL I: ABKEHR VON DEN WAFFEN
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       Von Bundeskanzler  Dr. Adenauer  wird berichtet, er habe sich vor
       Jahren einmal  des Fehlens jeden Militärdienstes in seinem langen
       und "zivilen"  Leben gerühmt  und damit  den Vorwurf beantwortet,
       "Militarist" zu  sein. Kriegsdienstverweigerer  verhalfen  diesem
       Bekenntnis später mit einem Plakat zu Popularität, auf dem zu le-
       sen war:  "Mach's wie  Adenauer, werde  nie Soldat!" Mit Adenauer
       gab es  für viele  westdeutsche Politiker  eine Zeit,  da es  zum
       guten Ton  (und zum politischen Aufstieg) gehörte, öffentlich dem
       Waffenhandwerk abzuschwören  und statt  dessen völlige  und ewige
       Demilitarisierung zu  fordern. Bei weitem nicht vollständig, rei-
       chen unsere  Zitate vom  Bundeskanzler über  den Mitbegründer der
       rheinischen CDU  und heutigen  Wohnungsbauminister Paul Lücke bis
       zu den "frühen" Jahren des heutigen FDP-Vorsitzenden Dr. Mende.
       
       1 Adenauer: Deutschland neutralisieren
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       "Wir sind  einverstanden, daß  wir völlig  abgerüstet werden, daß
       unsere reine  Kriegsindustrie zerstört  wird, daß wir nach beiden
       Richtungen hin einer langen Kontrolle unterworfen werden. Ja, ich
       will noch weitergehen: Ich glaube, daß die Mehrheit des deutschen
       Volkes einverstanden  wäre, wenn wir wie die Schweiz völkerrecht-
       lich neutralisiert würden."
       Rheinische Post (Düsseldorf) v. 30.XII.1946; zitiert nach Gesamt-
       deutsche Rundschau (Essen) v. 6.I.1956
       
       2 Strauß: "...dem soll die Hand abfallen"
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       In der Zeit allerdings, in der es politisch noch opportun zu sein
       schien, als  Pazifist zu gelten, hatte Strauß seine seltsame Vor-
       liebe für  das militärische  Gehabe zu  unterdrücken vermocht. Im
       Wahlkampf für  den ersten  Bundestag drohte  er: "Wer noch einmal
       ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen."
       Der Spiegel v. 2.I.1957
       
       3 Lücke: Militärisches Vakuum besser als...
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       "Deutschland scheint  mir durch  ein militärisches  Vakuum besser
       geschützt zu  sein als  durch ein  deutsches Truppenkontingent...
       Wenn das  Vereinigte Europa mit dem Preis einer Remilitarisierung
       erkauft werden  soll, dann  möchte ich unter den derzeitigen Ver-
       hältnissen  darauf  verzichten.  Sie  wäre  auch  der  endgültige
       Schlußstrich unter  die Teilung  Deutschlands und ein Kampf Deut-
       scher gegen Deutsche das unvermeidliche Ergebnis."
       Später  zitiert   in:  Westdeutsches   Tageblatt  (Dortmund)   v.
       8.III.1955
       
       4 Heuß: Eine Armee nicht von Vorteil
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       "Die Demokratie  in Deutschland  ist gesichert", erklärte Bundes-
       präsident Dr. Heuß dem AP-Korrespondenten George S. Martin.
       Dr. Heuß  warnte das Ausland, allzuviel von der deutschen Wieder-
       aufrüstung zu  sprechen, und  betonte, er sei "absolut gegen eine
       deutsche Wehrmacht,  auch wenn  die  Alliierten  sie  vorschlagen
       sollten". Durch  die Aufrüstungsgespräche  könne eine psychologi-
       sche Lage  geschaffen werden,  in der  man die  Errichtung  einer
       deutschen Wehrmacht  freundlicher aufnehmen könnte, als zumindest
       er es  wünsche. "Es  wäre nicht vernünftig für Deutschland, heute
       eine Armee  zu haben",  sagte Dr. Heuß. "Es wäre nicht zu unserem
       Vorteil. Auch  erlaubt uns  unsere  Verfassung  keine  allgemeine
       Wehrpflicht. Jeder  Deutsche hat  das Recht,  den Dienst in einer
       bewaffneten Macht  zu verweigern.  Deshalb könnte eine neue deut-
       sche Wehrmacht  nur aus  Söldnern bestehen,  da man  nicht  genug
       Freiwillige finden würde."
       Der Bundespräsident  beurteilt die  Möglichkeit einer Aufrechter-
       haltung des  Friedens optimistisch.  Nach seiner Ansicht kann der
       augenblickliche Konflikt  zwischen Ost und West bereinigt werden.
       "Das ist  ein weiterer  Punkt", so  bemerkte er, "warum ich gegen
       eine deutsche Wehrmacht bin."...
       "Offen gesagt",  so bemerkte Dr. Heuß, "ich kann nicht sehen, wie
       die Volkspolizei  einen SED-Kreuzzug gegen Westdeutschland führen
       wollte. Ebensowenig  kann ich sehen, wie der Westen den Osten be-
       kämpfen sollte.  Das wäre nicht die deutsche Art, innenpolitische
       Differenzen auszugleichen."
       Westdeutsche Allgemeine (Essen) v. 9.XII.1949
       
       5 Mende: Das Ende wäre Selbstmord
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       Zur Frage  der Remilitarisierung gab Erich Mende, Bundestagsabge-
       ordneter der  FDP, in  einer "öffentlichen  Fragestunde" (in  Bad
       Honnef) folgende Erklärung ab:
       "Wer neun  Jahre Infanterist war, davon vier Winter und drei Som-
       mer an  der Ostfront,  und die Front nur als Verwundeter verließ,
       wer das  gleiche Regiment als Major mit einem der letzten Schiffe
       aus Pillau  heimführte, in  das er  neun Jahre vorher als Schütze
       eintrat, wer  mehr Kameraden  begraben mußte,  als Abgeordnete im
       Bundestag sitzen,  darunter seinen eigenen Vater und Bruder - der
       kann nur den Kopf schütteln, wenn man heute die Divisionen wieder
       aufstellen will, die man bei Kriegsende wie Tierherden ins Pferch
       trieb. Man  sollte jeden,  der  über  Remilitarisierung  spricht,
       zunächst über  seine militärische  Vergangenheit befragen, beson-
       ders nach seinem Kriegs- und Gefangenenerlebnis. Die Antwort wird
       manchen jeder  Legitimation berauben,  das Wort Remilitarisierung
       überhaupt in den Mund zu nehmen... Deutsche Divisionen würden die
       Spaltung zwischen  Ost und  West nur  noch verschärfen.  Das Ende
       wäre glatter  Selbstmord der letzten uns noch verbliebenen Volks-
       substanz  beiderseits  der  Elbe.  Unser  Land  wäre  Atombomben-
       versuchsfeld beider  kriegsführenden Parteien.  Wir sollten daher
       alles vermeiden,  was auch  nur den  Anschein erwecken würde, wir
       wollten  auf  der  ein  oder  anderen  Seite  die  vordere  Linie
       stellen!"
       Die Ausführungen Mendes, der im letzten Krieg mit dem Ritterkreuz
       und der  Nahkampfspange ausgezeichnet wurde, lösten bei den zahl-
       reichen jüngeren Zuhörern, darunter vielen Schwerkriegsbeschädig-
       ten, tiefe  Genugtuung aus  und wurden mehrfach durch Beifall un-
       terbrochen.
       Frankfurter Rundschau v. 15.XII.1949
       

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