Quelle: Blätter 1962 Sonderheft 1


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       TEIL II: GERÜCHTE - DEMENTIS - BESTÄTIGUNGEN
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       Das Jahr 1948
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       Die nahende  Wiederaufrüstung, das  wissen wir  nicht  erst  seit
       heute oder  aus späteren  Enthüllungen, kündigte  sich  schon  im
       Jahre 1948,  dem Jahr  der Währungsreform  und der  ihr folgenden
       "Berliner Blockade" und dem Ende des Alliierten Kontrollrats, an.
       Militärische Namen  und Dienstgrade tauchten wieder auf: Speidel,
       Heusinger, Gehlen  u.a. Einen  Sturm in  der Öffentlichkeit löste
       eine Pressekonferenz aus, die der Verfasser des vielgelesenen Bu-
       ches "Der  SS-Staat", Dr.  Eugen Kogon, in Frankfurt abhielt. Von
       einem Europa-Kongreß  aus Rom zurückkehrend, erklärte er, daß man
       dort ganz  offen über  die Wiederbewaffnung  Westdeutschlands ge-
       sprochen habe und genaue Informationen über ihren geheimen Beginn
       und Fortgang  besitze. Die  Presse nahm  sich des  Themas an.  Im
       "Rheinischen Merkur"  griff der Herausgeber, F.A. Kramer, persön-
       lich zur  Feder, um  in "bewährter" Terminologie (zunächst natür-
       lich ganz  kleine) "Abwehrverbände"  zu fordern.  Andere namhafte
       Blätter meldeten  ihre Bedenken  an. Die  Verantwortlichen demen-
       tierten weiter: Keine Pläne!
       
       6 Auftrag an Speidel
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       Leise über Teetassen und Sandwiches hinwegsprechend, erschütterte
       Bundeskanzler Dr.  Adenauer auf  einem Empfang der Auslandspresse
       gestern die  Alliierten mit  der Mitteilung,  daß er  bereits als
       Privatmann 1948 die heutige weltpolitische Lage vorausgesehen und
       den Aufbau  einer westdeutschen Wehrmacht vorbereitet habe. Gene-
       ral Speidel habe in seinem Auftrage schon damals eine Denkschrift
       über die vergleichsweisen Stärken der europäischen Armeen und die
       Vorschläge für  einen deutschen  Verteidigungsbeitrag ausgearbei-
       tet.
       General-Anzeiger für Bonn und Umgegend v. 26./27.I.1952
       
       7 Heusinger und Gehlen - ein neues OKH?
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       Die Lager  Oberursel und  Allendorf - in denen Heusinger Operati-
       onsberichte für die kriegsgeschichtliche Abteilung des amerikani-
       schen Verteidigungsministeriums  verfertigte - und das Nürnberger
       Gerichtsgefängnis, in  dem er als Zeuge einsaß, waren die Statio-
       nen der nahezu dreijährigen Gefangenschaft.
       Heusinger war  gerade eben  wieder frei,  als ihn  auch schon ein
       Mann aufsuchte,  der während  des Krieges  zunächst unter, später
       neben ihm im Generalstab des Heeres gewirkt hatte: der Generalma-
       jor außer  Diensten Reinhard  Gehlen. Gehlen  wußte für Heusinger
       eine angemessene  Beschäftigung, von  der man überdies auch leben
       konnte. Er  gewann ihn für seinen amerikanisch finanzierten Nach-
       richtendienst. Sagt Heusinger heute: "Herr Gehlen kam im Frühjahr
       1948 zu  mir und  meinte, es  sei sicherlich  zweckmäßig, daß ich
       mich über die Entwicklung der militärischen Lage im Osten auf dem
       laufenden halte.  Genau das  habe ich bei Gehlen getan. Mit Agen-
       tendienst hatte meine Tätigkeit nichts zu tun."
       In der  Tat. Gehlen  hatte den ausgedienten Operationschef zu we-
       sentlich anders gearteten Zwecken als dem Nachrichtendienst enga-
       giert. Der  Nachrichten-Boß Westdeutschlands  dachte damals nicht
       daran, es  beim Sammeln und Auswerten von Nachrichten bewenden zu
       lassen. Im Gegenteil, schon zwei Jahre, ehe Adenauer den Alliier-
       ten westdeutsche  Soldaten offerierte, war Gehlen dabei, für alle
       Fälle vorsorglich  ein neues  Oberkommando des Heeres zusammenzu-
       bringen. Den  Rang lief ihm dann freilich der Generalleutnant au-
       ßer Diensten Graf Schwerin ab, den der Kanzler im Sommer 1950 zum
       ersten Sicherheitsbeauftragten  der Bundesregierung bestellte. So
       endete dann  Heusingers Engagement im Gehlen-Dienst, nachdem Geh-
       len ihn  in Bonn  angelegentlich empfohlen  und Graf Schwerin ihn
       dem Bundeskanzler präsentiert hatte.
       Der Spiegel v. 29.II.1956
       
       8 Deutsche "Schattenarmee" im Kalten Krieg
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       Die Russen  haben eine  panische Angst  vor einer möglichen deut-
       schen Armee,  und sie  klopfen immer wieder auf den Busch, um die
       Westmächte zu  einer Äußerung zu veranlassen. So schrieb das SED-
       Blatt "Neues  Deutschland" kürzlich,  ein Versuch,  eine deutsche
       Westarmee aufzustellen, würde von den Oststaaten keine 24 Stunden
       unbeantwortet gelassen  werden. Und  nicht  ohne  Grund  erklärte
       Oberst Tulpanow (ein leitender Offizier der Sowjetischen Militär-
       verwaltung in  Deutschland - D. Red.), die USA seien dabei, deut-
       sche Soldaten  zu werben, und wiederum "Neues Deutschland" nannte
       sogar eine Zahl, 100 deutsche Divisionen sollten aufgestellt wer-
       den -  eine Zahl, die in der gegenwärtigen deutschen Lage einfach
       phantastisch ist...
       Es ist  ein selbstverständliches  Gebot politischer Klugheit, daß
       die Westmächte  alle diese  Versuchsballone unbeantwortet  lassen
       und die Berichte ihrer Zeitungen über Pläne zur Aufstellung deut-
       scher Truppen  weder bestätigen  noch dementieren.  Somit ist die
       deutsche Schattenarmee  eine wichtige  Figur in  dem  Schachspiel
       zwischen Ost und West geworden...
       Westdeutsche Rundschau (Wuppertal) v. 25.IX.1948
       
       9 Dreimal "Rheinischer Merkur": Blut und Boden -
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       Der deutsche Landser - Vorbereitungen haben begonnen
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       Aus dem  Artikel "Im  Vorgelände -  Sollen wir  ohne Abwehrmittel
       bleiben?" des Herausgebers, Dr. F.A. Kramer (FAK):
       
       Es liegt im eigenen Interesse der Westmächte, die vorgesehene Ab-
       wehrlinie soweit östlich zu halten wie nur möglich, so daß unmit-
       telbare Gefahren  zunächst nicht  gegeben sind. Andererseits kann
       dieser Okkupationsschutz  auf die Dauer kein Ersatz für einen be-
       scheidenen Selbstschutz  sein. Im  Laufe von Kampfhandlungen geht
       eine Truppe  vor und zurück, wie die Operationslage es erheischt.
       Sie hat  nicht jenes unmittelbare, elementare Interesse am Schutz
       dieses Bodens, der hier ansässigen Bevölkerung, wie es jener hat,
       der diesen  Boden Heimat nennt und in dieser Bevölkerung Blut von
       seinem Blut spürt.
       Sollte die geographische Situation Westdeutschlands nicht die Er-
       wartung rechtfertigen, daß es den drei westlichen Zonen nach Wie-
       dergewinnung ihrer  Staatlichkeit gestattet sein möge, wenigstens
       einige Abwehrverbände aufzustellen, die imstande wären, einen er-
       sten örtlichen Widerstand zu leisten? Wenn die Führer richtig ge-
       wählt werden,  es sich nur um Freiwillige (oder später vielleicht
       eine Miliz)  handelt, die Ausrüstung auf Abwehrwaffen wie Pak-Ge-
       schütze beschränkt  bleibt, würde  den zahlreichen  Bedenken, die
       sich aufdrängen  könnten, wohl  kein durchschlagendes Gewicht zu-
       kommen. Es  braucht keine neue "Reichswehr" zu werden, im politi-
       schen Sinne dieses Wortes...
       Rheinischer Merkur v. 6.XI.1948
       
       Eine Woche später schrieb "FAK" an der gleichen Stelle:
       
       Es handelt  sich hierbei  nicht darum,  wer "unter  die Soldaten"
       wolle, nicht  um "Militarismus" irgendwelcher Art, sondern um die
       elementarsten Dinge des Lebens. Wir zweifeln nicht daran, daß die
       Kundgebung eines  echten Widerstandswillens der westdeutschen Be-
       völkerung, der mit der Einstellung und den eigenen Interessen der
       Westmächte doch nur parallel läuft, die Beziehungen zu ihnen völ-
       lig ändern  würde. Die Folgen würden unausweichlich dahin führen,
       daß aus dem Okkupationsverhältnis ein Bündnisverhältnis würde, so
       wenig diese  Entwicklung einigen  Chauvinisten in  ihren  eigenen
       Reihen auch gefiele.
       Und die  Kriegsgefahr als  solche würde nicht größer, sondern ge-
       ringer werden.  Schließlich ist  der deutsche Landser der einzige
       Soldat der Welt gewesen, den der Russe kennen und - zu respektie-
       ren gelernt hat.
       Rheinischer Merkur v. 13.XI.1948
       
       Und in einer Antwort an die "Rheinische Post" ("Die harten Tatsa-
       chen") hieß es:
       
       Außerdem scheint die "Rheinische Post" bis heute nicht zu wissen,
       daß die  Abwehrvorbereitungen -  in der britischen und amerikani-
       schen Zone - seit Wochen angelaufen sind...
       Rheinischer Merkur v. 20.XI.1948
       
       10 Dr. Kogon über die Remilitarisierung
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       Inzwischen hat  sich Dr.  Kogon auch auf einer Pressekonferenz in
       Frankfurt zu  diesem Thema geäußert. Er erklärte, es seien Anzei-
       chen dafür  vorhanden, daß  in Westdeutschland  das Gerippe neuer
       Militärformationen im  Aufbau begriffen sei. Im Ausland, so sagte
       Dr. Kogon,  sei man  darüber besser orientiert als in Deutschland
       selbst. Nur  die deutschen  Regierungsstellen wüßten  nichts  von
       dem, was sonst jedermann wisse, und die maßgebenden deutschen Po-
       litiker zeichneten sich durch eine "enorme Ahnungslosigkeit" über
       dieses Problem  aus... Einzelheiten wollte er nicht bekanntgeben,
       weil ihre  außenpolitische Wirkung  nicht abzusehen  sei. Er  sei
       aber im  Besitz von  Unterlagen sowohl über die derzeitige Tätig-
       keit des ehemaligen Generalstabschefs Halder als auch anderer ho-
       her Generalstabsoffiziere.
       Dr. Kogon ist Pazifist. Sein oft bewiesener Sinn für Wirklichkei-
       ten läßt  jedoch nicht  die Annahme zu, daß es sich hier um einen
       Fall von  Gespensterseherei handelt. Seine Äußerungen müssen des-
       halb aufsehenerregend  wirken. Sie  verlangen nach  überzeugender
       Klarstellung der  Frage: Welcher Plan besteht für die Remilitari-
       sierung Westdeutschlands,  und was  ist bereits auf diesem Gebiet
       geschehen? Die von einem Sprecher der britischen Militärregierung
       abgegebene Erklärung,  es sei völlig unklar, was Dr. Kogon veran-
       laßte, von einer Remilitarisierung der Westzonen zu sprechen, ist
       ausweichend. Das  Ausbleiben einer  offiziellen Reaktion  bei der
       amerikanischen Militärregierung läßt ebenfalls den Schluß zu, daß
       es tatsächlich  Dinge gibt,  die entweder  mit Rücksicht  auf die
       Wirkung in  der Sowjetzone  oder mit Rücksicht auf die Wirkung in
       den Ländern,  deren Exponenten  die Militärregierungen  sind, ge-
       heimgehalten werden  sollen, obwohl die Ausbildung größerer deut-
       scher Einheiten  auf deutschen  Übungsplätzen auf die Dauer nicht
       geheimgehalten werden könnte.
       Wenn überhaupt  das deutsche  Volk ein Recht hat, dann ist es das
       Recht auf  Klarheit und Wahrheit in dieser Beziehung... Entschei-
       dend ist, ob tatsächlich unter Umgehung aller demokratischen Kör-
       perschaften die Remilitarisierung betrieben wird...
       Rheinische Post (Düsseldorf) v. 27.XI.1948
       
       11 Halder: Erst wirtschaftlich erstarken
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       Der ehemalige  deutsche Generalstabschef  und Generaloberst Franz
       von Halder wies in einem Gespräch mit dem DPD-Korrespondenten die
       in letzter  Zeit erhobenen  Vorwürfe zurück,  daß er in Pläne zur
       Remilitarisierung Westdeutschlands  eingeschaltet sei. Soweit ihm
       bekannt sei,  beschäftigt man  sich weder auf alliierter noch auf
       deutscher Seite überhaupt konkret mit diesem Gedanken.
       Vor allem  für die amerikanische Zone halte er eine Äußerung, die
       ihm gelegentlich von einem amerikanischen Offizier gemacht wurde,
       für maßgebend, daß es das Ziel der amerikanischen Besatzungspoli-
       tik sei,  Deutschland möglichst bald wirtschaftlich so zu kräfti-
       gen und  politisch selbständig zu machen, daß es die Frage seines
       eigenen Schutzes  in Zusammenarbeit  mit den übrigen europäischen
       Mächten selbst  entscheiden könne...  Die  Entscheidung,  ob  man
       Deutschland wieder  die Möglichkeit des Selbstschutzes zugestehen
       solle, sei  jedoch nicht  militärischer, sondern rein politischer
       Natur...
       Westdeutsche Rundschau (Wuppertal) v. 27.XI.1948
       
       12 Washington und London dementieren -
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       Adenauer für "moderne Polizeimacht"
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       Alle Behauptungen über eine von den Westmächten beabsichtigte Re-
       militarisierung Westdeutschlands sowie über die militärische Aus-
       bildung deutscher Einheiten durch die britische und amerikanische
       Militärregierung werden  heute von  britischer und amerikanischer
       Seite nachdrücklich dementiert.
       Zuständige Kreise in London erklären, daß alle diese Gerüchte ge-
       genstandslos seien  und daß keinerlei Absicht bestehe, die inter-
       nationalen Abkommen  über die  Demilitarisierung Deutschlands  zu
       verletzen...
       Der Präsident  des Parlamentarischen Rates, Dr. Adenauer, äußerte
       zu der angeblichen Remilitarisierung, daß hiervon keine Rede sein
       könne. Eine  moderne Polizeimacht  sei jedoch eine Notwendigkeit,
       wenn der künftige deutsche Bund in der Lage sein soll, seine Auf-
       gaben zu erfüllen...
       Welt am Sonntag v. 28.XI.1948
       
       13 Hintergründe
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       Aus dem  Artikel "'Remilitarisierung' Westdeutschlands - Die Hin-
       tergründe der  neuen militärischen  Propaganda in  den Westzonen"
       von Dieter Cycon:
       
       In einem  - zum  Glück noch  kleinen -  Teil der deutschen Presse
       hört man  seit ein paar Wochen förmlich die Marsch- und Rekruten-
       stiefel klappern. Es gibt eine ziemlich ungeschminkte Propaganda,
       die im  Hintergrund das Bild neuer "grauer Kolonnen" mit strammen
       Offizieren und  schwarz-weiß-roten Fahnen  parat hat,  und dieses
       Bild dem Ausland wie auch dem kriegs- und soldatenmüden deutschen
       Volk wieder schmackhaft machen möchte.
       Eben ist  die Öffentlichkeit durch eine Erklärung Dr. Kogons auf-
       geschreckt worden,  wonach die Remilitarisierung Deutschlands un-
       ter dem Schild der Besatzungsmächte bereits begonnen habe und nur
       noch die  Frage einer  "scharfen Kontrolle" der Remilitarisierung
       zur Debatte  stehe. Doch diesem Schock ist ganz gut vorgearbeitet
       worden...
       Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß dieses neuaufge-
       machte Militär  nur als  "Abwehrwaffe" bezeichnet und ausschließ-
       lich als  ("möglicherweise bedauerliche,  aber leider unumgängli-
       che") Antwort  auf die  Remilitarisierungsbestrebungen in der So-
       wjetzone plakatiert  wird. Es  interessiert die  Förderer  dieser
       Pläne wenig, wieviel von den Nachrichten aus der Ostzone auf Tat-
       sachen beruht  und wieviel  übertrieben und  Gerücht ist. Man be-
       gnügt sich  auch nicht  damit, dem  möglicherweise tatsächlich im
       Entstehen begriffenen  roten Militarismus  in der Ostzone auf die
       gleiche Art  und Weise  zu antworten: durch eine verstärkte Poli-
       zeitruppe. Man  ist auch gar nicht geneigt (was bei so schwerwie-
       genden Entscheidungen  unbedingt  notwendig  wäre),  erst  einmal
       Klarheit darüber zu gewinnen, welche Entwicklung sich in der Ost-
       zone tatsächlich  vollzieht und wie sich die außenpolitische Lage
       in den nächsten Monaten gestalten wird...
       Denn die deutschen Förderer der Remilitarisierungspläne wollen ja
       gar nicht abwarten und nur das Notwendige tun, sondern sie wollen
       das Eisen  schmieden, solange  es heiß ist, und die künftige Ent-
       wicklung nach  Möglichkeit präjudizieren. Das Schlimmste, was ih-
       nen passieren  könnte, wäre eine Regelung der deutschen Frage auf
       dem Verhandlungswege,  die die kriegerische Atmosphäre entspannen
       und den Aufbau deutscher Armeen unnötig erscheinen ließe. Es geht
       den allermeisten  von denen,  die so eifrig die Werbetrommel rüh-
       ren, ja nicht um die Verteidigung der westlichen Zivilisation ge-
       gen eine  bolschewistische Ausplünderung  und Unterdrückung.  Die
       Herren, die in der Vergangenheit dem deutschen Militarismus nahe-
       standen, nahmen  es gewöhnlich  mit der  Barbarei nicht so genau.
       Sonst hätten sie nicht die Verbündeten Hitlers sein können...
       Aber sie  handeln eben  nicht aus der Überzeugung heraus, daß die
       Remilitarisierung Deutschlands  ein notwendiges Übel sei, sondern
       s i e  wollen das Ausland und die deutsche Öffentlichkeit von der
       Notwendigkeit der  Remilitarisierung Deutschlands  überzeugen. Es
       wollen nicht  so sehr  die Westmächte  etwas vom  deutschen Volk,
       sondern die  deutschen Interessenten  an einer  Remilitarisierung
       wollen etwas von den Westmächten, nämlich die Genehmigung zur Re-
       militarisierung! Deshalb müssen sie sich auch am Anfang so klein,
       unscheinbar und ungefährlich wie möglich machen...
       Hinter der  Forderung nach  einer Remilitarisierung  Deutschlands
       steckt, soweit  sie auf  deutsche Förderer  zurückgeht, in erster
       Linie der  Wunsch nach  Wiederherstellung bestimmter  politischer
       und sozialer Zustände in Deutschland. Es geht ihnen einmal darum,
       das Militär  wieder als bestimmenden Faktor in das politische Le-
       ben Deutschlands  hineinzumanövrieren. Die  "Allgemeine  Zeitung"
       läßt die  Katze aus  dem Sack, wenn sie sich darüber beklagt, daß
       "der Stand  der Berufssoldaten immer noch mit einem 'leichten Ma-
       kel' behaftet  ist" und  "immer noch bestimmte Dienstgrade in be-
       stimmten Zonen  mit Sicherheit  auf Erschwerung bei ihrer Anstel-
       lung rechnen  müssen". Das  gleiche  Blatt  stellt  hoffnungsfroh
       fest, daß die Aufstellung von legionärsähnlichen Truppenverbänden
       zwar für  unser Nationalempfinden  (!)  bedauerlich  sei,  jedoch
       n u r   d e n   A n f a n g  d a r s t e l l e n  s o l l e.  Das
       Entscheidende sei  nicht der augenblickliche Zustand, sondern die
       "Richtung, in die die Geschehnisse drängen".
       Aber wären es nur die nach neuem Einfluß strebenden Militärs, die
       hinter der  Propagandakampagne für  die deutsche  Armee  stünden,
       dann brauchte  man die Entwicklung nicht mit übermäßiger Sorge zu
       betrachten. Sie sind heute noch zu schwach, als daß sie allein in
       den Sattel  steigen könnten.  Leider gibt es Anzeichen dafür, daß
       die Militärs  alte Verbündete  in Kreisen der deutschen Industrie
       gefunden  haben.   Es  ist  kaum  ein  Zufall,  daß  die  Mainzer
       "Allgemeine Zeitung",  die den  Anspruch  erhebt,  eine  führende
       deutsche Wirtschaftszeitung zu sein oder zu werden, in vorderster
       Front der  " Remilitaristen"  steht. Nach diesem Blatt haben sich
       kürzlich "führende  Politiker  Westdeutschlands,  namentlich  aus
       Kreisen der  westdeutschen CDU  und des Zentrums" (beide Parteien
       werden häufig  als Interessenvertreter  der nordrheinischen Indu-
       strien betrachtet), "in einer Form, die noch zu klären wäre, über
       die deutsche  Beteiligung an  der Verteidigung  Westeuropas geäu-
       ßert". Es  steht zu vermuten, daß man in diesen Kreisen eine neue
       deutsche Armee zunächst als Hilfsmittel zur Aufrechterhaltung ei-
       ner bestimmten  Gesellschaftsstruktur im  Innern betrachtet;  daß
       man dahinter  aber auch  die Möglichkeit  wittert, gegenüber  den
       ausländischen   Unternehmen    wieder   gleichberechtigter    Ge-
       schäftspartner zu werden...
       Stuttgarter Zeitung v. 30.XI.1948
       
       14 Adenauer: Ich denke darüber gar nicht nach
       ---------------------------------------------
       
       Dr. Adenauer  sei in  der vorigen Woche von einigen ausländischen
       Journalisten gefragt  worden, welche Auffassung er zu den Remili-
       tarisierungsplänen in  Westdeutschland habe. Dr. Adenauer wieder-
       holte wörtlich seine Antwort: Ich habe zu dieser Frage keine Auf-
       fassung. Ich  kann Ihnen  auch meine Meinung darüber nicht sagen.
       Ich denke über dieses Problem überhaupt nicht nach.
       dpa vom  9.XII.1948; zitiert  nach  Gesamtdeutsche  Rundschau  v.
       6.I.1956
       
       15 Robertson: Befürchtungen unbegründet
       ---------------------------------------
       
       Der britische  Militärgouverneur für  Deutschland, Sir  Brian Ro-
       bertson, auf einer Pressekonferenz in Berlin am 21.12.1948:
       Ich versichere,  daß die  Gerüchte über  die Wiederaufrüstung  in
       Westdeutschland dumm und unbegründet sind. In den letzten dreißig
       Jahren befanden  wir uns  auf drei  Tage immer einen im Kriegszu-
       stand infolge  der militärischen Ambitionen Deutschlands. Als wir
       1945 hierher  kamen, war  es unsere  erste Aufgabe, die deutschen
       Streitkräfte aufzulösen.  Es ist nicht unsere Absicht, sie wieder
       herzustellen...
       Archiv der Gegenwart, Jahrgang 1948/49, S. 1745
       
       16 Die Meinung der "ehemaligen" Militärs
       ----------------------------------------
       
       Ein  Mitarbeiter  des  Österreichischen  Forschungsinstituts  für
       Wirtschaft und Politik in Salzburg, der sich hinter dem Pseudonym
       Hakon verbarg,  unternahm Anfang  1949 eine  Befragung namentlich
       nicht genannter deutscher Militärs. Er wandte sich dabei - wie es
       in einer Vorbemerkung heißt - "an einige jener Generale der deut-
       schen Wehrmacht, deren Namen während des letzten Krieges der gan-
       zen Weltöffentlichkeit ein Begriff waren". - Aus den insgesamt 14
       Fragen und Antworten sind die folgenden ausgewählt:
       
       (Frage:) Welche  Voraussetzungen müssen  geschaffen werden, bevor
       von deutscher  Seite eine Armee aufgestellt werden kann, ohne daß
       die deutschen Soldaten sich als Söldner fühlen und von vornherein
       ablehnen?
       (Antwort:) Erste  Voraussetzung ist  natürlich das Einverständnis
       und der Wille der westlichen Besatzungsmächte. Im "Geheimen" läßt
       sich  keine   Wehrorganisation  aufziehen,   und  Abenteurer  und
       "Untergrundkräfte" wären außerdem die ungeeignetsten Menschen zur
       Erfüllung einer so ernsten Aufgabe, die nicht ohne innerste Über-
       zeugung von  der Richtigkeit  der Kampfidee gelöst werden könnte.
       Von deutscher  Seite gesehen,  wären folgende Voraussetzungen er-
       forderlich:
       a) Politisch: Anerkennung  Deutschlands in  den Grenzen  von 1937
       und offizielle  Verkündigung dieses  Ziels durch  die Westmächte.
       (Wirkung auf die Millionen Flüchtlinge!)
       Moralisch-politische  Gleichberechtigung  Westdeutschlands,  d.h.
       praktisch gleichberechtigte Eingliederung in eine europäische po-
       litische Union  und die  damit zusammenhängenden  und sich daraus
       ergebenden Pakte und militärpolitischen Verträge...
       b) Wirtschaftlich: Konsequente  Fortsetzung der Genesungspolitik.
       Aufhören der  Demontagen, keine  aus  Konkurrenzfurcht  geborenen
       Einschränkungsbestimmungen mehr.  Eine deutsche Rüstungsindustrie
       ist nicht  notwendig, ihr  Aufbau würde  zu lange Zeit erfordern,
       auch wäre sie strategisch zu stark gefährdet und würde die allge-
       meine wirtschaftliche  Gesundung vielleicht  hemmen. Diese allge-
       meine wirtschaftliche Gesundung aber ist eine wichtige Vorausset-
       zung: zufriedene Deutsche, die wissen, daß es sich lohnt, sich zu
       verteidigen. (Wohnungsbau, Flüchtlingsproblem.)
       (Frage:) Würde  nicht jede  Remilitarisierung  automatisch  einen
       Vorstoß Rußlands  zur Folge haben, um eine deutsche Gefahr sofort
       zu bannen?  Welche Sicherungen  könnten daher  getroffen  werden?
       Würde etwa die Aufstellung einer Polizeiarmee genügen?
       (Antwort:) Eine Remilitarisierung Westdeutschlands würde die rus-
       sische Haltung  versteifen, wenn  das überhaupt noch möglich ist,
       wenigstens nach  außen hin,  und würde  der russischen Propaganda
       willkommenes Agitationsmaterial  liefern. Aber  diese Wahrschein-
       lichkeit könnte nur diejenigen schrecken, die noch an einen wirk-
       lichen Ausgleich  zwischen Ost  und West  glauben. Ein russischer
       Vorstoß nach  Westdeutschland würde  den Beginn eines neuen Welt-
       krieges bedeuten.  Wenn Rußland  also diesen  Krieg will, wird es
       vorstoßen und  eine Remilitarisierung als willkommenen Anlaß neh-
       men. Will es den Krieg nicht, dann wird es auch diese Remilitari-
       sierung schlucken, aber seine Vorbereitungen ändern und beschleu-
       nigen. Eine  Remilitarisierung hängt  also mehr von der Verteidi-
       gungsbereitschaft des  Westens und  der USA ab als von russischen
       Erwägungen. Eine Polizeiarmee ist keine Armee und für einen Krieg
       ein unbrauchbares halbes Mittel.
       (Frage:) Stellen  Sie sich  ein neues  deutsches Heer  auf  Wehr-
       pflicht oder auf freiwilliger Basis vor?
       (Antwort:) Ein  neuzeitlicher Krieg  ist kein  isoliert militäri-
       sches Problem,  sondern ein  total politisches.  Es gibt also nur
       eine totale  Abwehr- oder  Verteidigungspflicht. Für  den Waffen-
       dienst könnte  aber zunächst auf die Freiwilligkeit zurückgegrif-
       fen werden,  zumal man  mit dem  Aufbau  eines  Rahmens  beginnen
       müßte. Später  wäre eine Waffendienstpflicht auch aus moralischen
       Gründen nötig.  Doch hängt  diese Frage  ab von  der anderen, wie
       eine neuzeitliche  Wehrmacht überhaupt  gestaltet werden muß, und
       dies hängt  wieder ab von den Möglichkeiten der Wirkung der neue-
       sten Kampfmittel.
       (Frage:) Glauben  Sie, daß durch die amerikanischen Urteile gegen
       Offiziere und  Mannschaften wegen Befolgung von heute als völker-
       rechtswidrig bezeichneten  Befehlen die  im Kampf  gegen die  So-
       wjetunion nötige Disziplin beeinflußt werden kann?
       (Antwort:) Ja.  Durch die  Nürnberger Urteile ist der Begriff des
       unbedingten Gehorsams  getrübt worden,  ohne den  keine Wehrmacht
       auskommen kann. Nach diesen Urteilen kann jeder, der einen Befehl
       nicht befolgen  will, sich hinter seinem Gewissen verschanzen und
       mindestens durch  Verlangen nach Überprüfung den Befehl verzögern
       und sabotieren. Nur beispielhaft sei erwähnt, daß die Beschießung
       unverteidigter Städte  auch aus der Luft nach dem Völkerrecht im-
       mer noch verboten ist. Es wäre besser gewesen, wenn man an Stelle
       der Prozesse  gegen gehorsame  Generäle das Völkerrecht überprüft
       und ergänzt  bzw. geändert  hätte. Andererseits  kann man  sicher
       sein, daß  auch in demokratischen Staaten der unbedingte Gehorsam
       erzwungen werden  wird, weil  man lieber Sieger als Besiegter und
       schließlich sogar noch Kriegsverbrecher sein will. Denn daß Nürn-
       berg Schule  macht, zeigt  die Forderung der siegreichen chinesi-
       schen Kommunisten, die Tschiangkaischek als Kriegsverbrecher aus-
       geliefert haben wollen.
       (Frage:) Könnten  deutsche Offiziere  eine Armee gegen den Wider-
       stand maßgebender deutscher Parteien aufstellen?
       (Antwort:) Niemals.  Das wäre  nicht nur  unmöglich, sondern auch
       dumm, weil erfolglos.
       Berichte und Informationen (Salzburg) v. 8.IV.1949
       

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