Quelle: Blätter 1962 Sonderheft 1


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       TEIL III: DER KANZLER SPRICHT VON EINEM "DEUTSCHEN KONTINGENT"
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       Das Interview mit "Cleveland Plain Dealer" vom Dezember 1949
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       Die Meldungen  über geheime  Rüstungsvorbereitungen wollten nicht
       verstummen. Im  April 1949  hieß es im gut unterrichteten Pariser
       "Monde": "Die  Wiederaufrüstung Deutschlands  ist, ob  wir es nun
       zugeben wollen  oder nicht,  in dem  Atlantik-Pakt wie ein Embryo
       enthalten." Die  drei Westzonen  erhielten ihre  "Staatlichkeit",
       zugleich bestätigte das "Petersberger Abkommen" zwischen der Bun-
       desregierung und den Westmächten noch einmal die "Entmilitarisie-
       rung des  Bundesgebietes". Das war am 22. November 1949. Vierzehn
       Tage später  begann Dr.  Adenauer, inzwischen  mit  einer  Stimme
       Mehrheit zum  Bundeskanzler gewählt,  seine "Interview-Außenpoli-
       tik". Er  lancierte ein  "deutsches  Kontingent  innerhalb  einer
       europäischen Armee".  Am 14.  Dezember hielt  der Bundestag seine
       erste "Wehrdebatte"  ab. Alle  Fraktionen des Hauses wandten sich
       gegen eine  Wiederbewaffnung  Deutschlands  und  die  Aufstellung
       deutscher Streitkräfte.
       
       17 Die Bundesregierung verpflichtet sich...
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       Niederschrift der  Abmachungen zwischen den Alliierten Hohen Kom-
       missaren und dem Bundeskanzler auf dem Petersberg am 22. November
       1949. - Punkt III:
       
       Die Bundesregierung  erklärt ferner  ihre feste Entschlossenheit,
       die Entmilitarisierung des Bundesgebiets aufrecht zu erhalten und
       mit allen  ihr zur Verfügung stehenden Mitteln die Neubildung ir-
       gendwelcher Streitkräfte  zu verhindern. Zu diesem Zweck wird die
       Bundesregierung mit der Hohen Kommission auf dem Gebiet des Mili-
       tärischen Sicherheitsamts eng zusammenarbeiten.
       Die  Befugnisse   der  Besatzungsmächte   in  der  Bundesrepublik
       Deutschland.
       Oberursel (Taunus) 1950, S. 70.
       
       18 Kontakte Adenauer - von Manteuffel
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       Die folgende Erklärung wurde erst am 28.2.1950 veröffentlicht:
       
       Bezugnehmend auf immer wieder auftauchende Gerüchte einer militä-
       rischen Aufrüstung  in Deutschland,  veröffentlichte die deutsche
       Regierung eine  Erklärung, in  welcher festgestellt wurde, daß im
       Zuge von  Pressebesprechungen über  Aufstellung von  mit leichten
       Waffen ausgerüsteten  militärischen Formationen  im November 1949
       General Kurt  Hasso von Manteuffel an Dr. Adenauer eine Expertise
       über diese Frage übersandt hätte, die die technischen Seiten die-
       ser Frage  beleuchtete. Bundeskanzler  Dr. Adenauer  habe General
       Manteuffel den Erhalt dieser Expertise bestätigt.
       Archiv der Gegenwart, Jahrgang 1950, S. 2275
       
       19 Das umstrittene Interview
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       Als am 3. Dezember der Bonner Berichterstatter der amerikanischen
       Zeitung "Cleveland  Plain Dealer"  im Bundeskanzleramt  erschien,
       geschah es  nicht nur mit Wissen der amerikanischen Stellen, son-
       dern auch  nicht ganz ohne ihre Veranlassung. In jedem Fall hatte
       man Adenauer  wissen lassen, daß man nichts dagegen habe, wenn er
       eine Reihe  von Fragen  des Berichterstatters bezüglich der deut-
       schen Wiederaufrüstung beantworte.
       Adenauer ergriff  die Gelegenheit.  Das Interview  wurde zu einer
       Weltsensation...
       Paul Weymar, Konrad Adenauer - Eine autorisierte Biographie. Mün-
       chen 1955, S. 494.
                                    *
       Anderthalb Stunden  lang dauerte  das Gespräch.  Aus der entspre-
       chenden Veröffentlichung  im "Plain Dealer" gab die amerikanische
       Nachrichtenagentur A.P.  einen Extrakt, der seine Wirkung auf die
       Weltöffentlichkeit nicht verfehlte:
       "Die Schaffung einer europäischen Armee, der auch deutsche Solda-
       ten angehören  sollten, hat  Bundeskanzler Dr.  Adenauer in einem
       Interview mit  der  in  Cleveland  erscheinenden  Zeitung  "Plain
       Dealer" vorgeschlagen.  Unter dem Kommando eines Höheren Europäi-
       schen Hauptquartiers  könne dann  auch Deutschland seinen Beitrag
       zur Verteidigung  Europas leisten. Die deutsche Streitmacht würde
       nur eine  Abteilung unter einem gemeinsamen europäischen Oberkom-
       mando sein.  Wenn ein  solches Oberkommando geschaffen sei, würde
       es nicht nur richtig, sondern auch notwendig sein, die amerikani-
       sche Militärhilfe auch auf Deutschland auszudehnen..."
       Norbert Tönnies, Der Weg zu den Waffen. Köln 1957, S. 49
                                    *
       Das Bundespresseamt gab von dem Gespräch folgende Darstellung:
       
       "Auf die  Frage des  Korrespondenten, wie  die deutsche Regierung
       sich zu  einer Aufforderung der Alliierten stellen würde, sich an
       der Verteidigung  Europas zu beteiligen, führte Bundeskanzler Dr.
       Adenauer aus: Wenn auf einer Beteiligung Deutschlands an der Ver-
       teidigung Westeuropas  bestanden würde,  dann könnte  dies nur im
       äußersten Falle  einer Konflagration  und nur in der Form gesche-
       hen, daß  ein deutsches  Kontingent innerhalb  einer europäischen
       Armee und unter europäischem Oberbefehl aufgestellt würde...
       Auf die Frage, ob die deutsche Industrie Waffen herstellen könne,
       antwortete Bundeskanzler  Dr. Adenauer, daß sie dazu nicht in der
       Lage sei,  weil die  entsprechenden Anlagen  zerstört seien. Wenn
       überhaupt eine  Aufrüstung erfolgen müsse, dann könne sie nur mit
       amerikanischen Waffen vorgenommen werden."
       Norbert Tönnies, Der Weg zu den Waffen. Köln 1957, S. 50
                                    *
       Das Echo auf sein Interview veranlaßte den Kanzler am 5. Dezember
       1949 zu  einer Erklärung an eine deutsche Nachrichten-Agentur und
       den Bonner Korrespondenten der "Times":
       
       "Meine Haltung  hat sich  in nichts  geändert. Ich möchte ein für
       allemal klarstellen,  daß ich  grundsätzlich gegen eine Wiederbe-
       waffnung der Bundesrepublik und folglich auch gegen die Schaffung
       einer neuen  Wehrmacht bin. Wir Deutschen haben in zwei Weltkrie-
       gen bereits  so viel  Blut vergossen  und haben auch viel zuwenig
       Menschen, als  daß wir  uns erlauben könnten, ein solches Projekt
       durchzuführen...
       Sollten die  Alliierten jedoch  verlangen", fuhr  Adenauer  fort,
       "daß wir uns an der Verteidigung Europas beteiligen, so würde ich
       nicht eine  unabhängige, selbständige Wehrmacht befürworten, son-
       dern  ein   deutsches  Kontingent  innerhalb  einer  europäischen
       Streitmacht. Ich wäre absolut dagegen, daß Deutsche in ein nicht-
       deutsches Kontingent  aufgenommen würden oder als Söldner zu die-
       nen hätten."
       Paul Weymar, Konrad Adenauer. München 1955, S. 494 f.
       
       20 Aus der ersten Wehrdebatte des Bundestages
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       Am 16. Dezember 1949 debattierte der Bundestag über das Interview
       des Kanzlers  mit dem  "Cleveland Plain  Dealer". Alle Fraktionen
       lehnten eine Wiederaufrüstung ab:
       
       (Dr. von  Brentano, CDU/CSU:)  Ein neuer  Krieg würde die Lebens-
       hoffnungen des  deutschen Volkes  begraben.  Dem  deutschen  Volk
       liegt daher der Gedanke an eine Wiederaufrüstung fern...
       (Ollenhauer, SPD:)  Die sozialdemokratische Fraktion lehnt es ab,
       eine deutsche Wiederaufrüstung auch nur in Erwägung zu ziehen...
       (Frau Wessel,  Zentrum:) Die Zentrumsfraktion ist der Auffassung,
       daß dem deutschen Volk der Gedanke einer Remilitarisierung in ir-
       gend einer  Form unmöglich  zugemutet werden  kann. Sie nimmt die
       Erklärung, die  der Bundeskanzler in mehreren Interviews über die
       Aufstellung eines  deutschen Truppenkontingents  im Rahmen  einer
       europäischen Staatsmacht  abgegeben hat,  zum Anlaß, um mit Nach-
       druck zu  betonen, daß  sie sich  jeder Art von Remilitarisierung
       auf das entschiedenste widersetzen wird...
       Deutscher Bundestag, 1. Wahlperiode, 24. Sitzung, S. 735 und 740
       

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