Quelle: Blätter 1962 Sonderheft 1


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       TEIL V: DIE "EUROPÄISCHE VARIANTE"
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       Planung und Scheitern der EVG
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       Die Bundesregierung  hatte gute  Vorarbeit geleistet. Ein Weg war
       gefunden worden,  die Wiederaufrüstung  nun zu institutionalisie-
       ren. Schon  am 24.  Oktober 1950  - noch  nicht zwei  Monate nach
       Adenauers "Bereitschaftserklärung" - diskutierte der Westen offi-
       ziell die  Europa-Armee, die  die Voraussetzung für eine Beteili-
       gung Deutschlands an der Rüstung schaffen sollte. In Bonn tauchte
       bald ein  neuer Begriff  auf: In  der Ermekeilkaserne  etablierte
       sich das  "Amt Blank".  Hier liefen die Fäden der neuen Wehrmacht
       zusammen. In  den Schubläden  häuften sich Gesetzesentwürfe. Ein-
       zelheiten der  kommenden Rüstungsproduktion  sickerten durch, und
       insgeheim war die "Kaderauslese" in vollem Gange.
       Und alles  das geschah  ohne rechtliche Grundlage. Zwar hatte das
       Kabinett die  Ratifizierung der  EVG und  des Generalvertrages im
       Bundestag durchsetzen  können. Aber die Texte blieben Papier, so-
       lange nicht alle Vertragspartner die Bestätigung ihrer Parlamente
       besaßen. Die  Aufmerksamkeit richtete  sich deshalb in den Jahren
       1953/54 auf  Paris. Man  setzte "Alternativen"  in Umlauf, um die
       französische Nationalversammlung  zur Ratifizierung  zu  bewegen.
       Fast vier Jahre nach der Rede Plevens ließen die Abgeordneten das
       Vertragswerk durchfallen. Bonn stand vor einer "neuen Situation".
       
       38 Der "Pleven-Plan" einer Europa-Armee
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       Vorschlag vom 24. Oktober 1950:
       
       Der französische Ministerpräsident René Pleven macht in einer vor
       der Nationalversammlung  abgegebenen  Erklärung  die  Beteiligung
       Deutschlands an  einer europäischen Verteidigung von der Verwirk-
       lichung des  Schumanplans und der Bildung einer gemeinsamen euro-
       päischen Armee  abhängig. Der  Plan für diese Armee sieht die Un-
       terstellung unter  einen europäischen  Verteidigungsminister vor,
       der einer parlamentarischen Versammlung verantwortlich sein soll.
       Kleinstmögliche Einheiten  auf nationaler Basis sollen geschaffen
       werden, daneben sollen die bisherigen nationalen Streitkräfte der
       Staaten bestehen bleiben...
       Walter Wehe, Das Werden Europas. Frankfurt 1955, S. 76
                                    *
       Aus dem Wortlaut der Rede:
       
       Jedes System,  das sich  sofort oder  in einem gewissen Zeitraum,
       direkt oder indirekt, mit oder ohne Bedingungen zur Schaffung ei-
       ner deutschen Armee entwickeln würde, würde das Mißtrauen und den
       Verdacht wiedererwecken.  Die Aufstellung  deutscher  Divisionen,
       die Einrichtung  eines deutschen Verteidigungsministeriums würden
       früher oder  später in  verhängnisvoller Weise zur Wiederherstel-
       lung einer nationalen Armee führen und dadurch zum Wiedererwachen
       des deutschen  Militarismus. Eine solche Konsequenz, die im übri-
       gen zu  wiederholten Malen einstimmig von unseren Alliierten ver-
       urteilt worden  ist, würde für Deutschland selbst eine Gefahr be-
       deuten.
       Die Unterzeichnung  der Montanunion  wird sehr bald, wie wir hof-
       fen, die  Einmütigkeit von sechs Teilnehmerländern besiegeln, die
       allen Völkern  Europas die Garantie gibt, daß die Stahl- und Koh-
       lenindustrien Westeuropas  nicht zu  aggressiven  Zielen  benutzt
       werden können.
       Sobald diese  Unterschrift erreicht ist, fordert die französische
       Regierung, daß das Problem des deutschen Beitrags zur Aufstellung
       einer europäischen  Streitkraft (force europeenne) in einer Weise
       gelöst wird,  die den  grausamen Lehren der Vergangenheit und der
       Entwicklung, die viele Europäer in allen europäischen Ländern Eu-
       ropa geben wollen, Rechnung trägt.
       Sie schlägt  für eine gemeinsame Verteidigung die Schaffung einer
       europäischen Armee vor, die mit den politischen Institutionen des
       geeinten Europas verbunden ist.
       Europa-Archiv, Jahrgang 1950, S. 3518 f.
                                    *
       Die sich anbahnenden Besprechungen über den Pleven-Plan wurden in
       der deutschen öffentlichen Meinung durch andere wichtige Entwick-
       lungen überschattet,  die sich  Anfang 1951  herausschälten.  Die
       deutsche Rolle  in der  westlichen Verteidigung  mußte erst  noch
       festgelegt werden.  Im Januar  1951 begannen  auf dem  Petersberg
       Verhandlungen zwischen  Vertretern der  Bundesregierung  und  der
       Hochkommissare über  die Verwirklichung des Brüsseler Übereinkom-
       mens, die jedoch nicht weiter gediehen als bis zur Erörterung ge-
       wisser technischer Seiten eines deutschen Verteidigungsbeitrages.
       In der  Zwischenzeit drängte  die sowjetische  Regierung bei  den
       Westmächten immer mehr auf Besprechungen über die deutsche Entmi-
       litarisierung, und die Regierung der Deutschen Demokratischen Re-
       publik drängte  auf eine sofortige Aussprache zwischen Vertretern
       der beiden  deutschen Regierungen  über die  Frage der  deutschen
       Wiedervereinigung...
       Obwohl die  Bevölkerung Westdeutschlands  beinahe einstimmig  die
       Zusicherung Bundeskanzler  Adenauers vom 14. Januar begrüßte, daß
       "das deutsche  Volk aus Überzeugung im Lager der Freiheit steht",
       gab es keine klare Konzeption darüber, wie die Bundesrepublik un-
       ter den  gegebenen Umständen  dem gemeinsamen Interesse am besten
       dienen könne. Es bestand eine merkliche Tendenz zu neutraler Hal-
       tung und  die Neigung, keine Verpflichtungen einzugehen, die eine
       künftige Entscheidungsfreiheit  in der Frage des weiteren Schick-
       sals Deutschlands gefährden könnten...
       6. Bericht über Deutschland des amerikanischen Hochkommissars für
       Deutschland, 1. Januar - 31. März 1951, S. 111 ff.
       
       39 Das "Amt Blank"
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       Die Bundesregierung  hat am Dienstag bestätigt, daß über das Büro
       des militärischen Sicherheitsberaters Graf Schwerin die Anweisung
       zur Aufstellung  einer etwa  400 Mann  starken Polizeitruppe  zum
       Schutze der  Bundeshauptstadt gegeben worden ist. Nach bisher von
       der Bundesregierung nicht bestätigten Meldungen soll die Polizei-
       truppe eine  Art "Führerreserve"  darstellen und aus 200 früheren
       Wehrmachtsoffizieren,   100    Unteroffizieren   und   etwa   100
       "Ungedienten" zwischen 18 und 25 Jahren bestehen...
       Im Bundeskanzleramt  werden zur Zeit die Pläne für die Errichtung
       eines "Bundessicherheitsamtes"  erörtert. Es soll zuerst ein Aus-
       schuß gebildet werden, dem der Sicherheitsberater des Bundeskanz-
       lers, Graf  Schwerin, und der Ministerialrat Egidi angehören wür-
       den. Die Leitung dieses Ausschusses, der mit der Hohen Kommission
       Sicherheitsfragen beraten wird, soll der CDU-Abgeordnete und Vor-
       sitzende der Bergarbeitergewerkschaft, Blank, übernehmen. Mit der
       Nominierung eines  Abgeordneten für dieses Amt soll die parlamen-
       tarische Autorität auch auf dem Gebiet der Sicherheit betont wer-
       den. Blank  soll außerdem  als  Leiter  eines  kommenden  Sicher-
       heitsamtes vorgesehen sein, das jedoch nicht eher spruchreif sein
       dürfte, als bis von alliierter Seite die Forderung gestellt wird,
       deutsche Kontingente für eine internationale Armee aufzustellen.
       Die Welt v. 18.X.1950
       
       40 Vorbereitungen
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       In der  Süddeutschen Zeitung schreibt Chefredakteur Werner Fried-
       mann:
       
       Die unbekannten  und in  keinem Planstellenregister verzeichneten
       Dienststellen, die  in Bonn  - vorerst ohne unser Wissen - unter-
       halten werden,  dienen, wie  man  vernimmt,  der  "Vorbereitung".
       Harmlose Gemüter, welche da glauben, es handle sich um die Vorar-
       beiten etwa  für die  Bereitschaftspolizei, würden  schnell eines
       Besseren (oder  Schlechteren) belehrt,  hätten  sie  die  Chance,
       einen Blick  in die  Pläne zu tun... Da spielt - und wir schöpfen
       dieses Wissen  nicht aus unkontrollierbaren Gerüchten - die Poli-
       zeifrage bereits  eine sehr  untergeordnete  Rolle.  Da  geht  es
       längst um  die Grundlagen für das deutsche Kontingent einer euro-
       päischen Wehrmacht.  Da geht es um ein Wehrgesetz, das die allge-
       meine Wehrpflicht vorsieht, da hat man recht genaue Vorstellungen
       über die  Erfassung der  Wehrpflichtigen, da stehen zehn deutsche
       Divisionen auf  dem Papier,  Panzerverbände etwa  in  Stärke  von
       200 000 Mann...
       Süddeutsche Zeitung v. 25.X.1950
       
       41 Schwerin plaudert - und muß gehen
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       Bundeskanzler Dr. Adenauer hat den Berater für Sicherheitsfragen,
       Graf Gerhard Schwerin, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt ent-
       bunden. Das  Bundespresseamt veröffentlichte  am 30.10.1950  dazu
       folgendes Kommunique:
       "Der Berater  des Herrn  Bundeskanzlers in technischen Fragen der
       Sicherheit, Graf von Schwerin, hat in einigen Punkten eine Tätig-
       keit entfaltet,  die über  die ihm erteilten Aufträge hinausging.
       Wenn Graf  von Schwerin  dies auch  auf Mißverständnisse  zurück-
       führt, so  hat er  doch den Herrn Bundeskanzler um Entbindung von
       seiner Aufgabe  gebeten. Der Herr Bundeskanzler hat diesem Wunsch
       entsprochen." Graf Schwerin war von verschiedenen Zeitungen ange-
       griffen worden, weil er in einem inoffiziellen Gespräch mit Jour-
       nalisten die Möglichkeiten einer Wehrpflicht erörtert und erklärt
       hatte, daß  er einen  bezüglichen Gesetzentwurf  im  Auftrag  des
       Kanzlers schon in seiner Schublade habe.
       Archiv der Gegenwart, Jahrgang 1950, S. 2649
       
       42 ...stellt seine Tätigkeit ein
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       Das Bundespresseamt  gibt bekannt: Pressemeldungen zufolge sollen
       die bisherigen  Aufgaben des  ehemaligen militärpolitischen Bera-
       ters des  Bundeskanzlers von  einer "wirtschaftlichen Forschungs-
       stelle" im  Hansahaus in Bad Godesberg weitergeführt werden. Der-
       artige Meldungen  sind unzutreffend.  Eine "wirtschaftliche  For-
       schungsstelle" ist  der Bundesregierung unbekannt. Die Errichtung
       einer solchen  Stelle wird  auch nicht  beabsichtigt. Richtig ist
       vielmehr, daß dem gesamten Personal des ehemaligen militärpoliti-
       schen Beraters des Bundeskanzlers zum 30. November 1950 gekündigt
       worden ist.  Die laufenden  Geschäfte werden abgewickelt. Mit dem
       30. November 1950 wird das Büro des ehemaligen militärpolitischen
       Beraters des Bundeskanzlers seine Tätigkeit einstellen.
       Mitteilung an die Presse Nr. 972/50 v. 11.XI.1950
       
       43 Das Bundeskanzleramt wußte davon!
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       Ein leitender  Beamter der Bundeskanzlei hatte zu der Meldung ei-
       ner amerikanischen  Nachrichtenagentur,  der  Sicherheitsausschuß
       der Hohen  Kommission  habe  einen  Vorschlag  des  Generals  von
       Schwerin über  die Produktion leichter Waffen abgelehnt, erklärt,
       daß weder  der Kanzler noch andere zuständige Stellen der Bundes-
       regierung von diesem Plan Kenntnis gehabt hätten.
       ...Graf Schwerin stellte zu der Behauptung des Bundeskanzleibeam-
       ten, weder  der Kanzler noch eine andere Regierungsstelle sei von
       diesen Gesprächen  unterrichtet gewesen,  fest, daß fast alle Be-
       sprechungen mit dem alliierten General in Anwesenheit des Leiters
       der Dienststelle  für auswärtige  Angelegenheiten, Ministerialdi-
       rektor Blankenhorn, stattgefunden hätten...
       Rheinische Zeitung (Köln) v. 14.XI.1950
       
       44 Adenauer: Von "Wiederaufrüstung" kann keine Rede sein
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       Bundeskanzler  Dr.   Adenauer  erklärte   dem  Chefredakteur  des
       Deutschland-Uniondienstes am  Mittwoch, daß  von einer  deutschen
       "Neuaufrüstung" oder  "Wiederaufrüstung" keine  Rede sein  könne.
       Die Bundesregierung denke allein und ausschließlich an einen mög-
       lichen deutschen Beitrag zur europäischen Verteidigung." ...
       Der Bundeskanzler  wandte sich  gegen den  Vorwurf, er verhindere
       durch formalrechtliche  Argumente eine  Entscheidung  des  Volkes
       über einen  deutschen Beitrag  zur europäischen  Verteidigung. Es
       lägen hierzu  klare Bestimmungen des Grundgesetzes vor, "und nie-
       mand ist  berechtigt, die Verfassung zu brechen. Eine solche Miß-
       achtung des  Grundgesetzes sei bei einem Anhänger totalitärer Ge-
       dankengänge zu  verstehen, aber  Parteien, die  auf dem Boden der
       parlamentarischen Demokratie  stehen, sollten  sich hüten,  etwas
       Derartiges zu  verlangen". Jedoch sind nach Meinung Dr. Adenauers
       nicht allein  verfassungsrechtliche  Bedenken  ausschlaggebend...
       Wenn schon  bei Länderwahlen  künstlich eine Agitation gegen eine
       gar  nicht   beabsichtigte  deutsche  Remilitarisierung  entfacht
       würde, was  sollte sich  erst dann  ereignen, wenn  die Frage des
       deutschen Verteidigungsbeitrages  in  Massenversammlungen  disku-
       tiert würde.
       Stuttgarter Nachrichten v. 16.XI.1950
       
       45 Verhandlungen auf dem Petersberg
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       Die ersten informellen Besprechungen über militärtechnische Ange-
       legenheiten zwischen Vertretern der Alliierten Hochkommission und
       der deutschen  Bundesregierung fanden am Dienstag auf dem Peters-
       berg statt.  Wie eine alliierte Verlautbarung mitteilt, waren die
       Gesprächspartner  angewiesen,   die  Rolle  zu  untersuchen,  die
       Deutschland bei  der Erhaltung des Friedens und bei der gemeinsa-
       men Verteidigung Westeuropas übernehmen könnte...
       Die deutsche  Delegation wurde durch den Beauftragten der Bundes-
       regierung für die Unterbringung der alliierten Besatzungstruppen,
       den CDU-Bundestagsabgeordneten  Theodor Blank,  geführt. Ihm  zur
       Seite standen die ehemaligen Generale Hans Speidel und Adolf Heu-
       singer sowie  Oberregierungsrat Ernst  Ostermann von  der Bundes-
       kanzlei, sein Mitarbeiter Graf Johann Adolf Kielmannsegg.
       Die Neue Zeitung v. 10.I.1951
       
       46 12 Divisionen mit 250 000 Soldaten
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       Die Mannschaftsstärke  eines  möglichen  westdeutschen  Verteidi-
       gungsbeitrages wurde  jetzt  erstmals  offiziell  angegeben:  Dr.
       Adenauer bezifferte sie auf 12 Divisionen oder 250 000 Mann.
       Bundesinnenminister Dr.  Lehr befürwortet  gleichzeitig in  einem
       Interview mit  "United Press"  die  Aufstellung  von  "mindestens
       70 000 bis  90 000 Mann  Bereitschaftspolizei, damit im Ernstfall
       der Nachschub  der kämpfenden  Truppe sichergestellt und Ruhe und
       Ordnung im Hinterland aufrechterhalten werden kann." ...
       Lehr will  die Aufstellung der bisher bewilligten 30 000 Mann ka-
       sernierter Polizei  mit großer  Beschleunigung vorantreiben,  ihr
       noch bessere Waffen geben und sie in verstärktem Maße mit Maschi-
       nenwaffen und leichten Panzern ausrüsten...
       Lehr befürwortete die Wiederaufnahme einer "Produktion von leich-
       ten Verteidigungswaffen und Munition" in Deutschland. Er beklagte
       die Verzögerung in der Aufstellung der 10 000 Mann Länder-Bereit-
       schaftspolizei. Bis  Ende des Jahres würden "höchstens 6000 Mann"
       stehen. Der  mit leichten  Waffen ausgerüstete  Bundesgrenzschutz
       soll hingegen 10 000 Mann bis Ende Juli zur Verfügung haben.
       Nürnberger Nachrichten v. 11.VII.1951
       
       47 ...und nachmittags ist Exerzieren
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       Unter der  Überschrift "Vorgriff  auf den  Wehrbeitrag?" schreibt
       Guido Zöller im "Rheinischen Merkur":
       ...Den Anfang  haben die Amerikaner mit der Industrie-Polizei und
       den Arbeitskompanien  gemacht. Schon  während der  Jahre  1947/48
       tauchten in der Öffentlichkeit die Schwarzuniformierten auf. Ame-
       rikanischer Uniformschnitt,  gelbe Gamaschenschuhe, zweispitziges
       Schiffchen. Sie wurden damals beneidet, weil sie duftige Zigaret-
       ten rauchten  und Ei mit Schinken aus Büchsen aßen. So viel wußte
       man, daß  sie sich  vertraglich verpflichtet hatten und in Armee-
       Arsenals und Motor-Pools Dienst taten. Auch damals schon mit weiß
       gelacktem Stahlhelm  und Karabiner oder Maschinenpistole... Mitte
       1950 wurde  die Stärke der Industrie-Polizei mit 8000 und die der
       Arbeitskompanien mit 13 000 angegeben.
       Nach dem Kriegsausbruch in Korea änderte sich manches. Der Stich-
       tag war  der 3.  August 1950. Industrie-Polizei und Arbeitskompa-
       nien waren  jetzt einheitlich  "Labor Service  Companies" (LSCO).
       Die Einheiten  wurden straff gegliedert und durch restlose Kaser-
       nierung schnell verfügbar gemacht. Der technische und Bewachungs-
       hilfsdienst blieb,  aber es  begannen daneben  Exerzieren und die
       Ausbildung an  Waffe und  Gerät. Wer  die neuen Bedingungen nicht
       annehmen wollte, konnte gehen. Aber viele scheuten die Arbeitslo-
       sigkeit und  blieben. Die  Gesamtstärke der Labor Services Compa-
       nies, deren  Leiter seit dem 1. August 1951 der ehemalige General
       der Panzertruppen  Erich Brandenberger  ist, wird  von  deutscher
       Seite jetzt auf mindestens 40 000 Mann geschätzt. Sie werden noch
       laufend vermehrt.  Die besten  Werber sind die LSCO-Leute selber,
       die während  ihrer Urlaubsstunden in Bierlokalen und im Freundes-
       kreis höchst verlockende Schilderungen des reformierten Kommißbe-
       triebes zu geben pflegen. Die Anmusterung erfolgt in der Hauptsa-
       che im  ehemaligen DP-Lager  Zellsheim bei Frankfurt/Main, wo die
       Aspiranten per  Freifahrtschein hingesteuert werden. Bedingungen:
       Alter 21  bis 35 Jahre, ausgezeichnete Gesundheit, guter Leumund.
       Die Prüfung  und die  üblichen  Formalitäten  -  Größe,  Gewicht,
       Brustumfang, Fingerabdrücke  - werden  in Zellsheim  an einem Tag
       abgewickelt. Und  dann hat  der Mann seinen Marschbefehl nach ir-
       gendeinem der Standorte in der US-Zone...
       Die Labor  Service Company  besteht aus 200 bis 220 Mann. Die hö-
       here  Einheit   ist  das   Bataillon,  dann   das  Regiment.  Die
       Dienstränge in  der Company: Wachmann, Corporal, Sergeant, Haupt-
       feldwebel, Leutnant.  Der Deutsche  kann bis  zum Major  avancie-
       ren... Vormittags  und nachmittags  ist Exerzieren bzw. Dienst am
       Gerät. Felddienstübungen  gibt es  für die  LSCO-Einheiten nicht.
       Bewaffnet sind rund 25 v.H. der Arbeitssoldaten, teils mit ameri-
       kanischem Karabiner, teils mit Pistolen...
       Am 1. Juni 1951 war unter den Hilfswilligen in der britischen Be-
       satzungszone Alarm.  In den  85 Standorten  hieß es "Raustreten -
       Befehlsausgabe!" Vor den versammelten Mannschaften verlasen Offi-
       ziere dann  die neue  Proklamation der britischen Rheinarmee. Sie
       behandelte  in  drei  Dutzend  Punkten  die  Umwandlung  der  DDO
       (Deutsche Dienst-Organisation) in die GSO (German Service Organi-
       sation). An  die Stelle  der Arbeitsverträge traten reine Dienst-
       verträge, die  "Bediensteten" wurden  jetzt nicht mehr nach deut-
       schem Tarif  bezahlt, sondern bekamen Sold, der Stellenplan wurde
       dem der regulären Truppe angepaßt, sogar der Geistliche kam dazu,
       die Dienstgrade  erhielten Rangabzeichen, von den graugrünen Uni-
       formen verschwand der Schulterspiegel "civil". Ab sofort Uniform-
       zwang und Grußpflicht...
       In der  schläfrig gewordenen  Osnabrücker Belfast-Kaserne (früher
       "Scharnhorst") begann  es in der Folge zu rauchen, steif und zac-
       kig. Hier  rückten die ersten "Watchmen"-Einheiten zur Ausbildung
       am Gewehr  ein. In monatlichem Wechsel 200 bis 300 Mann. In Kürze
       war ein  Stamm von 70 deutschen Ausbildern vorhanden. Auf dem Ka-
       sernenhof stakten  die "recruits"  rechtsum, linksum  und  "gera-
       deeeaus", auf  den Schießplätzen roch es nach Pulver: Gewehr ein-
       ziehen -  Ausatmen -  Druckpunkt... Das  Gros der  Einheiten  mit
       16 000 steht  in Niedersachsen,  13 000 dürften  es in Nordrhein-
       Westfalen sein  und 6000  in Hamburg  und Schleswig-Holstein. Das
       Durchschnittsalter liegt  bei 28  bis 29  Jahren, 68 Prozent sind
       ledig und  82 Prozent Ostvertriebene. Inspekteur der GSO ist Graf
       Gerhard von  Schwerin, der frühere Sicherheitsberater des Bundes-
       kanzlers. "Die  deutsche Hilfe",  so erklärte  kürzlich im engli-
       schen Unterhaus  ein Regierungssprecher,  "erspart uns  eine kom-
       plette Festland-Division."
       FAMOT -  qu'est ce  que c'est?  Man findet die Hinweisschilder in
       allen Städten  der französischen Zone. Sie führen zu Mannschafts-
       baracken, Autoparks, Materiallägern. Dort machen Deutsche in dun-
       kelblauen Drillichanzügen  mit blauen Mützen (letzter Wehrmachts-
       schnitt) Dienst. Auf dem linken Oberarm tragen sie einen grüngel-
       ben Spiegel.  "Formations auxiliaires  de  main  d'oeuvre  et  de
       transport." C'est  FAMOT. Ihre  Gesamtstärke: rund  14 000  Mann,
       oberste Kommandostelle: Baden-Baden. Mit der Aufstellung der Ein-
       heiten wurde  Ende 1948  begonnen, als  die französische  Führung
       darauf ausging,  die eigene  Truppe zu  entlasten. Das Engagement
       Indochina wirkte  sich aus. Kräfte für die FAMOT's wurden bei den
       deutschen Arbeitsämtern  angefordert, und  auch der Verband ehem.
       Berufssoldaten wies  seine arbeitslosen  Mitglieder auf  die Ver-
       dienstmöglichkeit hin...
       Aber da gibt es seit August 1951 in der französischen Besatzungs-
       zone noch  andere deutsche  Hilfseinheiten. Sie  haben zwar  alle
       noch nicht  ihre Sollstärke erreicht, doch läßt bei ihnen bereits
       der Vortrab den militanten Weg erkennen. Es wurde damit begonnen,
       in reguläre  französische Regimenter je ein rein deutsches Aktiv-
       Bataillon mit einer entsprechenden Troß-Einheit einzufügen. Trier
       und Koblenz  suchen beispielsweise  Pioniere, Speyer Panzerjäger,
       Rastatt Nachrichter  und Aufklärer.  Als Werber treten hauptsäch-
       lich ehemalige  deutsche Offiziere auf, die im Bataillon auch die
       Kommandostellen besetzen...
       Während nun  die französische  Nationalversammlung darüber debat-
       tiert, ob  sie die Verpflichtung anerkennen will, die ihre Regie-
       rung eingegangen  ist: ein  bewaffnetes Deutschland  als europäi-
       schen Bundesgenossen  zu akzeptieren  - und  während  "Le  Monde"
       schreibt: "Eisenhower  wird in  Rom ein völlig neues Rüstungspro-
       gramm vortragen  - das Pentagon hat beschlossen, daß unverzüglich
       die deutschen  Truppenkontingente aufgestellt  werden",  bestehen
       derweil in  Deutschland zweifellos  schon einige handfeste Tatsa-
       chen...
       Rheinischer Merkur v. 23.XI.1951
       
       48 Vorbereitungen für die Wehrpflicht
       -------------------------------------
       
       Zu den  alliierten Berichten  über die Fertigstellung eines deut-
       schen Planes zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht wurde vom
       Bundespresseamt festgestellt, diese Meldung greife "den Tatsachen
       weit voraus.  Das Amt  hat sich  lediglich mit der Analyse der im
       Rahmen eines  Wehrbeitrages notwendigen Fragen befaßt..." Das Amt
       Blank habe  lediglich zahlenmäßige  Unterlagen gesammelt, die zur
       gegebenen Zeit ausgewertet werden können.
       Die Welt v. 8.I.1952
       
       49 Nur eine "Auslesedienstpflicht"
       ----------------------------------
       
       Theodor Blank am 19. Januar 1952 im Rundfunk:
       
       Für die  vorgesehenen Streitkräfte  werden wir  etwa 300 000  bis
       400 000 Mann  brauchen. Genaue  Zahlen lassen sich da beim besten
       Willen noch nicht angeben. Das entspricht ungefähr der Stärke ei-
       nes Jahrgangs  zwischen 1929  und 1934. Man wird also - auch nach
       Abzug der  Untauglichen -  keineswegs auf  alle jungen Leute zwi-
       schen 19  und 21  Jahren angewiesen  sein, sondern aus ihnen eine
       Auswahl treffen können...
       Die Neue Zeitung (München) v. 21.I.1952
       
       50 Die Waffe des zukünftigen deutschen Soldaten
       -----------------------------------------------
       Der T.-Korrespondent  des unten genannten Blattes befaßt sich mit
       den "in  diesen Tagen" beginnenden Gesprächen über "eine zentrale
       Verteilung der  europäischen Rüstungsaufträge  auf übernationaler
       Basis". In "deutschen Fachkreisen" werde dazu die Ansicht vertre-
       ten, die  "zur  Zeit  gebräuchlichsten  Waffen"  seien  teilweise
       "völlig veraltet":
       
       Unter diesen  Umständen liegen die leichten Infanteriewaffen, an-
       gefangen beim  8-cm-Granatwerfer und  aufgehört bei  der Armeepi-
       stole, den  deutschen Experten  am meisten  am Herzen.  Schon aus
       psychologischen Gründen  halten sie  es für  unerläßlich, den zu-
       künftigen deutschen Soldaten eine Waffe in die Hand zu geben, die
       der in  keiner Weise  nachsteht, die er bis 1945 gewohnt war. Das
       trifft für  das deutsche  Sturmgewehr genau  so zu wie für das MG
       42. Man  würde es  daher in  deutschen Fachkreisen für angebracht
       halten, wenn  die wesentlichsten  Infanteriewaffen für  die deut-
       schen Verbände  von dem noch zu gründenden europäischen Produkti-
       onsverteiler Deutschland  zur Produktion  übergeben  würden,  und
       glaubt, daß  damit die beste Gewähr dafür gegeben würde, daß alle
       Erfahrungen deutscher Waffenspezialisten im Interesse einer Mate-
       rialersparnis und  der größeren  Bewegungsfreiheit und Transport-
       möglichkeit ausgewertet werden könnten...
       Generalanzeiger für Bonn und Umgegend v. 23.I.1952
       
       51 Verdoppelung des Bundesgrenzschutzes
       ---------------------------------------
       
       Bundesinnenminister Dr. Lehr im Norddeutschen Rundfunk am 9. März
       1952:
       
       Er glaube  zwar nicht  an ein Scheitern der Europa-Armee, aber er
       habe bereits  eine Verdoppelung  des Bundesgrenzschutzes, der ge-
       genwärtig  10 000   Mann  beträgt,   mit  Bundeskanzler  Adenauer
       "durchgesprochen". In  jedem Falle  würde bis zur Aufstellung der
       Europa-Armee "ein  gewisser Zeitablauf"  erforderlich sein. Diese
       Sicherungslücke könnte  der Bundesgrenzschutz, "wenn er energisch
       gefördert und  vermehrt wird, überbrücken". Wenn dann schließlich
       die Europa-Armee stehe, würde der Bundesgrenzschutz als "voll mo-
       torisierte Spezialtruppe",  für Aufgaben allerdings nur innerhalb
       der Bundesgrenzen, mit der Europa-Armee eng zusammenarbeiten. Für
       diese Aufgabe  und diese  Zusammenarbeit seien  die organisatori-
       schen Pläne bereits ausgearbeitet.
       Nürnberger Nachrichten v. 10.III.1952
       
       52 Deutsche U-Boote "glänzend bewährt"
       --------------------------------------
       
       Schnelle Kleinst-U-Boote mit einem Aktionsradius von rund 15 See-
       meilen werden  voraussichtlich den  Kern einer  zukünftigen deut-
       schen Marine  im Rahmen  der westlichen Verteidigungsgemeinschaft
       bilden, wurde  hier am Freitag bekannt. Deutsche Kreise, die sich
       mit dem Aufbau der geplanten deutschen Seestreitkräfte beschäfti-
       gen, erklärten,  das "Ein-Mann-U-Boot" habe sich im zweiten Welt-
       krieg als  Verteidigungswaffe in  Küstengewässern so glänzend be-
       währt, daß  es die  ideale Sicherung der deutschen Nord- und Ost-
       seeküste im  Falle eines  neuen Krieges  darstellen würde. Obwohl
       sie nur  einen beschränkten  Aktionsradius hätten  und  nur  über
       einen Torpedo verfügten, sei die Herstellung dieser Boote äußerst
       billig und könnte bereits in kurzer Zeit serienmäßig anlaufen.
       Während des  zweiten Weltkrieges  wurden Kleinst-U-Boote  von den
       Dreierpakt-Mächten mit  Erfolg bei  Pearl Harbour,  bei Gibraltar
       und zur  Sicherung der  Mittelmeerküste angesetzt.  Die deutschen
       Ein-Mann-U-Boote unterstanden  dem Kommando von Admiral Heye, der
       heute im Dienste der amerikanischen Streitkräfte in der Abteilung
       für Marine-Geschichtsschreibung steht...
       Die Welt v. 26.IV.1952
       
       53 EVG-Vertrag unterzeichnet
       ----------------------------
       
       Kommunique über die Paraphierung des EVG-Vertrages in Paris:
       
       Die Chefs  der Delegationen  der an der Pariser Konferenz für die
       Organisation einer  Europäischen Verteidigungsgemeinschaft betei-
       ligten Staaten haben heute die Texte des Vertrages und seiner An-
       lagen paraphiert,  die das  Ergebnis der  vor nunmehr  über einem
       Jahr eingeleiteten Verhandlungen darstellen...
       Dieses gesamte Vertragswerk, das der Initiative der französischen
       Regierung vom Jahre 1950 entspringt, hat die Errichtung einer ge-
       meinsamen Verteidigung der sechs Unterzeichnerländer in Zusammen-
       wirken mit den anderen freien Nationen zum Gegenstand. Diese Ver-
       teidigung wird  durch die möglichst vollständige, mit den militä-
       rischen Erfordernissen  zu vereinbarende  Integrierung  der  men-
       schlichen und  materiellen Reserven erreicht werden, über die die
       innerhalb einer supranationalen europäischen Organisation verant-
       wortlichen Mitgliedsstaaten verfügen...
       Mitteilung an die Presse Nr. 478/52, Bonn, v. 9.V.1952
       
       54 Alternativ-Pläne
       -------------------
       
       Wenn man  wahrscheinlich gut  unterrichteten  Quellen...  glauben
       soll, trägt man sich für den Fall, daß die Ratifizierung des Ver-
       teidigungsbeitrages  in   absehbarer  Zeit  nicht  zustandekommen
       würde, auf  amerikanischer Seite  mit der  Absicht, den deutschen
       Wehrbeitrag außerhalb des Atlantikpaktes zu verwenden, in engster
       Kontrollverbindung mit den amerikanischen Truppen. Daß solche Ab-
       sichten in  mehr oder weniger konkreter Form vorliegen, wird all-
       gemein als gewiß bezeichnet...
       Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.XII.1952
       
       55 Der 100 000ste "Kartei-Soldat"
       ---------------------------------
       
       Aus Bonn  wird ein eigenartiges Jubiläum gemeldet. In den Dienst-
       zimmern einer  noch nicht  bestehenden  Armee  ist  kürzlich  der
       100 000. Freiwillige amtlich registriert worden. Von einer beson-
       deren Feierstunde hat man offenbar abgesehen. Es war ein nüchter-
       ner Vorgang,  wie es  sich  der  Sache  nach  auch  gehört,  eine
       Schreibmaschine klapperte,  eine Karteikarte wurde ausgefüllt und
       einsortiert, und  die Zählmaschine  setzte vor  fünf Nullen  eine
       Eins. Dennoch  erschien der  Vorgang bedeutsam  genug, um  einmal
       kurz innezuhalten und die 100 000 kerzengrade ausgerichteten Kar-
       teikarten auf  ihre militärische Substanz hin zu inspizieren. Da-
       bei stellte  sich heraus, daß das deutsche Kontingent der Europa-
       Armee an Offizieren keinen Mangel leiden werde. 25 000 haben sich
       bereits gemeldet...  Weiter, heißt es, seien unter den Freiwilli-
       gen 45 000  ehemalige Unteroffiziere  und  Mannschaften  gewesen.
       Leider hat  man die  Öffentlichkeit nicht davon unterrichtet, wie
       sich diese Zahl aufgliedert. Vermutlich war der Anteil der Unter-
       offiziere so  erdrückend und  der der  Mannschaften so verschwin-
       dend, daß  man sie,  wie es so schön heißt, "um der Optik willen"
       zu einer  einzigen Gruppe  bzw. Truppe zusammengezogen hat... Die
       restlichen 30 000  von den  100 000, die sich freiwillig gemeldet
       haben, sind  solche, die  sich um die Beamtenlaufbahn bewerben...
       Das, was  man den einfachen Soldaten nennt, ist in den Karteikar-
       ten von Bonn so gut wie überhaupt nicht vorhanden.
       Neue Württembergische Zeitung (Göppingen) v. 13.VIII.1953
       
       56 Vom Zelt bis zum Tankwagen
       -----------------------------
       
       Unter Ausschluß der Öffentlichkeit findet gegenwärtig in der Bun-
       deshauptstadt die seit langem angekündigte EVG-Ausstellung statt.
       Auf dem Gelände des Bundeswirtschaftsministeriums wird, wie es im
       Regierungsbulletin von  27. August  1953 heißt,  "handelsübliches
       Gerät" gezeigt, das von der deutschen Industrie hergestellt wird,
       im täglichen  Leben Verwendung findet, aber auch im militärischen
       Bereich gebraucht werden kann. Es reicht vom Zelt bis zum Tankwa-
       gen.
       Ein begrenzter  Kreis von  etwa 200 Personen ist zur Besichtigung
       der Ausstellung  ausgewählt worden.  Zu ihm zählen Vertreter ver-
       schiedener Bundesministerien,  der Bundesbahn  und der  deutschen
       Industrie. Die  Ausstellung ist  zugleich auch  anonym, denn  die
       Firmenbezeichnungen sind  überklebt, zumal  auch die  äußere Form
       der gezeigten Fahrzeuge den Hersteller nicht erkennen läßt.
       Ein etwa  ein Meter hoher Holzzaun sichert jetzt seit kurzer Zeit
       den Duisdorfer  Kasernenteil  des  Bundeswirtschaftsministeriums.
       Dahinter hat  der Bundesgrenzschutz eine Einheit stationiert. Und
       entlang dieses  Zaunes stehen  etwa zwei Dutzend neue, dunkelgrün
       gespritzte Transportfahrzeuge  aller Gewichts-  und Raumkapazitä-
       ten, vom offenen Dreitonner bis zum schweren mehrachsigen Lastwa-
       genkran.  Gewaltige   Tankwagen,  breitflächige   Tieflader   und
       schwimmfähige Fahrzeuge  stehen in bunter Reihenfolge nebeneinan-
       der. Fast alle Fahrzeuge besitzen Allradantrieb und dürften ihrer
       Beschaffenheit nach besonders geländegängig sein.
       Jedes Fahrzeug  trägt eine Nummer, was darauf schließen läßt, daß
       Leistungen und  andere technische  Daten in  einem Begleitkatalog
       den Ausstellungsbesuchern mitgeteilt werden.
       Die Einfahrt  zu diesem Teil des Geländes ist scharf bewacht, und
       wer das  Ausstellungsgelände betreten  will, wird scharf kontrol-
       liert. "Achtung, räumen Sie das Ausstellungsgelände!" tönt es aus
       einem unsichtbaren  Lautsprecher, wenn  sich jemand  unbefugt dem
       Holzzaun nähert.  Ab und zu sieht man Grenzjäger, die das 4000 qm
       große Ausstellungsgelände durchstreifen.
       Einen großen  Raum des  Ausstellungsgeländes, auf das man von den
       oberen Stockwerken  des Bundeswirtschaftsministeriums  einen  in-
       struktiven Überblick  gewinnen kann, nehmen die Straßenbaumaschi-
       nen ein. Als Pioniergerät dürfen die riesenhaften Ramm-Maschinen,
       Pontons und  Schlauchboote angesprochen  werden, die in einer be-
       sonderen Abteilung zusammengefaßt sind.
       Nachrichtengerät, Erzeugnisse der Feinmechanik, Optik, Uhren, Be-
       kleidung, Instandsetzungs-  und Unterkunftsgerät,  sind in  einer
       großen Halle ausgestellt.
       Die Auswahl  der hier gezeigten Ausstellungsstücke haben das Bun-
       deswirtschaftsministerium, die  Dienststelle Blank  und die Spit-
       zenverbände der  Industrie vorgenommen. Was den Beobachter aller-
       dings überrascht,  ist die Tatsache, daß die Presse offiziell von
       der Besichtigung ausgeschlossen ist...
       Die Welt v. 23.IX.1953
       
       57 Entwurf zum ersten Rekrutierungs-Gesetz
       ------------------------------------------
       
       Das Freiwilligengesetz  für die  Rekrutierung  der  100 000-Mann-
       Kerntruppe des  künftigen  deutschen  EVG-Kontingentes  wird  dem
       neuen Bundestag  unverzüglich nach seinem Zusammentritt am 6. Ok-
       tober zugestellt  werden, wurde am Donnerstag in Bonn von zustän-
       diger Seite  mitgeteilt. Die  Grundzüge des  Freiwilligengesetzes
       sind bereits vom Sicherheitsausschuß des alten Bundestages in Zu-
       sammenarbeit mit  dem Amt  Blank Ende  Mai fertiggestellt worden.
       Das Amt  Blank erklärte  am Donnerstag,  die  Verabschiedung  des
       Freiwilligengesetzes und  die Bildung eines Wehrpersonalausschus-
       ses würden  die beiden  ersten Maßnahmen  auf dem  Gebiet der EVG
       nach der Bildung der neuen Bundesregierung sein.
       Nach dem  Entwurf für  ein Freiwilligengesetz  wird es drei Arten
       von Freiwilligen geben:
       1. Berufsoffiziere auf Lebenszeit bzw. bis zur Pensionierung.
       2. Berufsunteroffiziere  mit   vier-,  acht-  oder  zwölfjähriger
       Dienstzeit.
       3. Länger dienende Mannschaften (vier Jahre).
       Dazu kommen  noch die  Freiwilligen, die ihren Militärdienst vor-
       zeitig ableisten wollen.
       Benötigt werden  100 000 Freiwillige,  die als  Kader- und  Lehr-
       truppe für  das deutsche  Kontingent, das  eine Gesamtstärke  von
       500 000  bis  600 000  Mann  haben  wird,  dienen  sollen.  Diese
       100 000-Mann-Truppe  unterteilt  sich  in  20 000  Offiziere  und
       80 000 Mannschaften...
       Der Wehrpersonalausschuß,  der vermutlich  ebenfalls noch  im Ok-
       tober oder November eingesetzt wird, soll die Auswahl aller höhe-
       ren Kommandeure  vornehmen. Wie  von zuständiger Seite verlautet,
       werden dabei  sämtliche ehemaligen deutschen Generale auf Wieder-
       verwendungsmöglichkeit überprüft,  mit Ausnahme  solcher, die  so
       vorbelastet sind,  daß sie der Verteidigungsgemeinschaft, die das
       letzte Wort  in der Besetzung der Generalstellen hat, nicht zuge-
       mutet werden könnten.
       Das Amt  Blank will  den früheren  General Kunzen  zum Leiter des
       Wehrpersonalausschusses vorschlagen.  Kunzen war  1935/36  Leiter
       der Personalabteilung  des Heeres in Berlin und später Divisions-
       Kommandeur an  der Ostfront.  Er verfügt somit sowohl über Perso-
       nal- als auch Fronterfahrung. Er ist zur Zeit im Büro des Landes-
       bischofs Lilje  in Hannover tätig. Wie aus der Dienststelle Blank
       verlautet, soll das Freiwilligengesetz unter allen Umständen ver-
       abschiedet sein,  wenn der Vertrag über die Europäische Verteidi-
       gungsgemeinschaft in  Kraft gesetzt  wird. Es ist vorgesehen, daß
       das Gesetz  gleichzeitig mit  dem EVG-Vertrag  verkündet  und  in
       Kraft gesetzt  werden soll. Zwei Wochen später sollen bereits die
       ersten vier- bis sechswöchigen "Einführungslehrgänge" für Lehrof-
       fiziere beginnen...
       Schwäbische Landeszeitung (Augsburg) v. 25.IX.1953
       
       58 Druck auf Paris
       ------------------
       
       Der oft sehr gut unterrichtete Leitartikler Maurice Ferro, früher
       Korrespondent des  "Le Monde",  Washington, hat  am Donnerstag in
       "Paris-Presse" geschrieben, die Vereinigten Staaten seien zum Ab-
       schluß eines  Dreiecksabkommens zwischen  Washington, London  und
       Bonn entschlossen, falls die französische Nationalversammlung den
       Verteidigungsbeitrag nicht  bis zum  15. März ratifiziere. Dieses
       Abkommen würde  das westliche Sicherheitssystem am Rande der wei-
       ter bestehen  bleibenden Atlantikpaktorganisation  ergänzen. Wäh-
       rend die Amerikaner und Engländer dann zur Strategie der Periphe-
       rie übergehen  könnten, stände die kontinentaleuropäische Strate-
       gie allen zur Zusammenarbeit mit Deutschland bereiten Ländern Eu-
       ropas offen.  Nach Angaben Ferros würde in diesem Fall eine deut-
       sche Armee in Stärke von mindestens 20, wahrscheinlich aber sogar
       25 Divisionen aufgestellt werden.
       Nach Darstellung  des Verfassers  wird schon  Kriegsmaterial  zur
       Ausrüstung sechs deutscher Divisionen zusammengestellt. Ferro er-
       wähnt in  diesem Zusammenhang die Zahl von 3500 Panzerfahrzeugen.
       In Bonn lägen die Mobilisierungspläne praktisch schon bereit. Die
       bisher durch  Frankreich führenden  Versorgungswege könnten  nach
       Norden verlegt  werden, so  daß Antwerpen,  Bremen und Hamburg zu
       den Hauptversorgungshäfen  dieses neuen Verteidigungssystems wür-
       den.
       Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.XII.1953
       
       59 Einziehung nach dem "Schneeballsystem"
       -----------------------------------------
       
       Die Vorbereitungen  für die  Aufstellung der ersten Einheiten des
       deutschen Kontingentes  für die  Europäische Verteidigungsgemein-
       schaft sind  praktisch abgeschlossen worden. Aus dem Sicherheits-
       ausschuß des  Bundestages wird  bekannt, daß  das Freiwilligenge-
       setz, das  die Rechte und Pflichten der Freiwilligen regelt, nach
       der Ratifizierung des Vertrages durch die Bundesrepublik dem Bun-
       destag zugeleitet  werden soll... Die Ausbildung der Freiwilligen
       soll ein Jahr dauern. Erst danach werden die ersten Einberufungen
       der Dienstpflichtigen  erfolgen. Als  erste werden vermutlich die
       Angehörigen der  Jahrgänge 1934  bis 1936 ihren Gestellungsbefehl
       erhalten.
       Einziehung  und   Ausbildung  der   Freiwilligen  wird  nach  dem
       "Schneeballsystem" erfolgen.  Zuerst wird eine größere Gruppe von
       Ausbildern -  mehrere tausend  Mann -  mit den  neuen Waffen  und
       neuen Ausbildungs- und Kampffragen vertraut gemacht, die dann die
       Grundausbildung der Masse der Freiwilligen übernehmen...
       Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.III.1954
       
       60 Die "Wehrmachtsspitze"
       -------------------------
       
       Die Gespräche  in zuständigen Bonner Kreisen drehten sich gestern
       hauptsächlich um die personelle Besetzung der Führung der künfti-
       gen deutschen  Wehrmacht. Ausgemacht  scheint schon  zu sein, daß
       Theodor Blank,  49, Verteidigungsminister wird... Obwohl der Per-
       sonalausschuß, der die Führungsstellen in der künftigen Wehrmacht
       vergeben soll,  noch nicht gebildet ist, sind Vorbesprechungen in
       Bonn so  weit gediehen,  daß  unterrichtete  Kreise  die  oberste
       Spitze der Wehrmacht so voraussagen:
       Oberkommandierender: General  Ludwig Crüwell, der Nachfolger Rom-
       mels im Afrikakorps war.
       Sein Generalstabschef: General Adolf Heusinger.
       Delegationschef zur Brüsseler Pakt-Organisation und NATO: General
       Hans Speidel.
       Militärischer Planer: Oberst Kurt Fett.
       Verbindungsmann zum Verteidigungsministerium: Oberst Johann-Adolf
       Graf Kielmannsegg.
       Abwehr: General Reinhard Gehlen.
       Abendpost (Frankfurt) v. 5.X.1954
       
       61 Blank wartet auf den Tag X
       -----------------------------
       
       Fix und  fertig liegt der Plan in Blanks Schublade im alten Back-
       steinbau in  Bonns Argelanderstraße 105. Theodor Blank wartet nur
       auf den Tag X, an dem der Bundestag die Wehrgesetze verabschiedet
       hat, um seinem Plan den Lebensatem einzuhauchen. 1200 seiner Mit-
       arbeiter fiebern  dem Zeitpunkt entgegen, da sie "in Aktion" tre-
       ten können.  Seit Jahren  ist an dem Plan gearbeitet worden. Seit
       Jahr und  Tag liegt  er fertig vor. Er galt für die deutsche EVG-
       Armee genau so, wie er für die Truppe gilt, die nun unter den Be-
       fehl des NATO-Oberkommandierenden in Europa gestellt werden soll.
       Dies ist der Plan:
       Die neue  Armee wird  500 000 Mann  (Friedensstärke) unter Waffen
       haben. Davon  das Heer  400 000, die Luftwaffe 80 000 und die Ma-
       rine 20 000.
       Das Heer wird eingeteilt in 12 Divisionen sowie Korps- und Armee-
       verbände. Diese 12 Divisionen werden gegliedert in
       6 motorisierte Infanteriedivisionen,
       4 Panzerdivisionen und
       2 mechanisierte (Panzergrenadier-)Divisionen.
       Die neue  deutsche Armee  wird nach den letzten Kriegserfahrungen
       in Rußland  und Korea  aufgebaut. Aus diesem Grunde unterscheidet
       sich die Zusammensetzung der Infanteriedivisionen sehr wesentlich
       von der  alten deutschen  Wehrmacht. Alle Verbände sind beweglich
       und von  der Versorgung ziemlich unabhängig. Jede Infanteriedivi-
       sion ist  zudem voll  motorisiert... Schwere  Artillerie, schwere
       Werfer, Heeresflak, Pioniertruppen, Bautruppen und andere Sonder-
       einheiten bilden die Korps- und Armeetruppen, die neben den Divi-
       sionen aufgestellt werden.
       Die Luftflotte  ist in 20 Geschwader mit etwa 1500 Flugzeugen ge-
       gliedert. Von  diesen Geschwadern  sind  zehn  Jagdbombergeschwa-
       der... Vier Monate nach dem Tag X sollen die ersten vier Geschwa-
       der stehen,  zwei Jahre später die gesamte Luftwaffe. Die Ausbil-
       dung übernehmen Amerikaner. Die USA liefern auch die Ausrüstung.
       Die Marine  wird 20 000  Mann umfassen  und über 180 U-Bootjäger,
       Minensuch- und  Räumboote, Hafenschutz-, Geleit- und Schnellboote
       verfügen. Keine Einheit ist größer als 3000 t.
       500 000 Mann  wird die neue Armee stark sein. Auf dem Papier ver-
       fügt Theodor  Blank schon  über 140 000: es sind Freiwillige, die
       sich gemeldet  haben. Im  Amt Blank schätzt man, daß davon 63 000
       gebraucht werden  können. Von den "Freiwilligen" besteht das Gros
       aus ehemaligen Offizieren, Unteroffizieren und Wehrmachtsbeamten.
       Nur 15 000  gehören ungedienten  Jahrgängen an.  Insgesamt werden
       für das Heer 22 000 Offiziere, davon etwa 40 Generale benötigt...
       Die Wehrpflicht sieht vor:
       Alle Männer  vom vollendeten  18. bis zum vollendeten 44. Lebens-
       jahr sind  dienstpflichtig. Offiziere  und Unteroffiziere  - auch
       die der  alten Wehrmacht - bis zum vollendeten 60. Lebensjahr. Im
       Kriegsfall gilt die Dienstpflicht für alle Männer bis zum 60. Le-
       bensjahr. 18  Monate beträgt die Dienstzeit. Später Einberufungen
       zu vierwöchigen  Übungen. Die  ersten Rekruten  werden vermutlich
       die Jahrgänge  35 und 36 stellen. Wichtig ist, daß die ehemaligen
       Kriegsteilnehmer zu kurzen Übungen einberufen werden können, wenn
       die Aufstellung  der neuen  Armee beendet  ist. Jahrgänge, die im
       letzten Krieg  zu jung  waren und  jetzt zu  alt für  die Dienst-
       pflicht sind, müssen mit dreimonatigen Übungen rechnen. Die Spit-
       zen des  Staates -  Minister, Oberste  Richter -  sollen von  der
       Wehrpflicht ausgenommen  werden. Diese  Ausnahmen  gelten  jedoch
       nicht für Bundestags- und Landtagsabgeordnete.
       Und die  Uniform? Es  ist an  alles gedacht  worden: sie wird der
       amerikanischen ähnlich sein. Ihre Farbe ist olivgrün...
       An laufenden  Kosten für  500 000 Mann  werden zu  zahlen sein je
       Soldat jährlich  10 000 DM, gleich 5 Mrd. Mark. Ein schwerer Pan-
       zer kostet  1,1 Mill.  DM; ein  Düsenjäger etwa 1,3 Mill. DM; ein
       schwerer Granatwerfer etwa 3000 DM...
       Neue Rhein-Zeitung (Köln) v. 6.X.1954
       
       62 Grundausrüstung schon vorhanden
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       Die Vereinigten  Staaten haben  - wie am Donnerstag in Washington
       bekanntgegeben wurde - Ausrüstungsgegenstände für die zu bildende
       deutsche Armee  im Werte  von Hunderten  von Millionen Dollar be-
       reitgelegt. Ein hoher Beamter des amerikanischen Verteidigungsmi-
       nisteriums teilte  mit, daß  diese Grundausrüstung  für die deut-
       schen Divisionen  geliefert werden  könne, sobald  Einigkeit über
       die Aufrüstung Westdeutschlands erzielt worden sei.
       Die augenblicklichen  Lagervorräte seien  für die  Ausrüstung von
       zwölf deutschen  Divisionen von insgesamt etwa 400 000 Mann, eine
       80 000 Mann  starke Luftwaffe  mit rund  1400 Flugzeugen und eine
       Küstenkriegsmarine von rund 20 000 Mann vorgesehen.
       Die amerikanischen Regierungsbeamten seien der Ansicht, daß West-
       deutschland im  Gegensatz zu  den unentgeltlichen  Lieferungen an
       andere Nationen die Grundausrüstung für seine Streitkräfte bezah-
       len sollte.  In diesem  Zusammenhang wird auf die außerordentlich
       günstige wirtschaftliche Entwicklung in Westdeutschland hingewie-
       sen.
       Frankfurter Rundschau v. 3.IX.1954
       
       63 Adenauer drängt auf Ratifizierung
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       Anfang November  1953 versicherte Adenauer in Stuttgart-Bad Cann-
       statt, nunmehr  sei die französische Entscheidung über die EVG im
       Januar oder Februar 1954 im günstigen Sinne zu erwarten.
       Aber auch  im Januar  oder Februar  war es wieder nichts. Weitere
       Kanzler-Prognosen:
       Am 2.  März 1954 in Bonn vor amerikanischen Verlegern und Chefre-
       dakteuren: "Die EVG kommt noch im Jahre 1954 zustande."
       Am 14. März 1954 in Athen in einer Pressekonferenz: "Ich bin fest
       davon überzeugt,  daß Frankreich den EVG-Vertrag in Kürze ratifi-
       ziert."
       Am 30.  Mai 1954  in Köln  vor  dem  begeisterten  CDU-Parteitag:
       "Frankreich ratifiziert in verhältnismäßig kurzer Zeit. Noch die-
       ses Jahr werden direkte Wahlen für ein Europa-Parlament kommen."
       Am 20.  Juli 1954  in Berlin  vor dem  Verein  der  Ausländischen
       Presse: "Frankreich  wird den  Vertrag annehmen, noch ehe der Au-
       gust ins Land gegangen ist."
       Der August  ist nun  ins Land  gegangen. Unbeirrt gläubig schauen
       Konrad Adenauers  Anhänger auf ihren großen alten Mann, der ihnen
       sooft den  EVG-Endsieg prophezeite.  Sie warten jetzt auf politi-
       sche Wunderwaffen.
       Der Spiegel v. 1.IX.1954
       
       64 Die Ablehnung der EVG in Paris...
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       Die Nationalversammlung,  die seit  dem 28.  August über den EVG-
       Vertrag berät,  nimmt mit  319 gegen 264 Stimmen einen Antrag an,
       die Debatte  über den  Vertrag fristlos  zu vertagen.  Dieser Be-
       schluß kommt  einer Ablehnung  der Ratifikation des EVG-Vertrages
       gleich. Ministerpräsident  Mendès-France hatte vor der Abstimmung
       erklärt, die Regierung werde sich der Stimme enthalten (schon vor
       Beginn der  Debatte hatte  er angekündigt, daß er auf keinen Fall
       die Vertrauensfrage  stellen werde).  Nach der Abstimmung erklärt
       der Abgeordnete  Paul Reynaud, es sei das erste Mal in der parla-
       mentarischen Geschichte  Frankreichs, daß  ein Vertrag  verworfen
       worden sei, ohne daß dessen Urheber und Unterzeichner ein Wort zu
       seiner Verteidigung  hätten sagen  können. Ministerpräsident Men-
       dès-France erklärt, er habe seit langem die Freunde und Verbünde-
       ten Frankreichs  davon unterrichtet,  daß in der Nationalversamm-
       lung keine Mehrheit für die EVG zustande kommen könne...
       Europa-Archiv, Jahrgang 1954, S. 6916
       
       65 ...und das Echo in Bonn
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       Das Bundespresseamt  gibt bekannt: Die Bundesregierung hat in ih-
       rer Sitzung am 1. September 1954 auf Bühlerhöhe gemeinsam mit den
       Vorsitzenden der  Fraktionen der  Regierungskoalition die politi-
       sche Lage  erörtert, die nach der Abstimmung in der französischen
       Nationalversammlung besteht. In konsequenter Fortsetzung der bis-
       herigen Linie  der deutschen Außenpolitik und in der Überzeugung,
       daß nur  auf diesem  Wege die  Wiedervereinigung Deutschlands  in
       Frieden und  Freiheit herbeigeführt  werden kann, wurden die fol-
       genden Ziele festgelegt:
       1. Fortführung der  Politik der  europäischen Einigung  mit allen
       dazu bereiten  Völkern und  auf allen  dazu geeigneten  Gebieten.
       Konsultationen über  die weitere Behandlung der militärischen In-
       tegration mit den Ländern, die die EVG ratifiziert haben oder un-
       mittelbar vor der Ratifizierung stehen.
       2. Wiederherstellung der Souveränität.
       3. Teilnahme an der westlichen Verteidigung ohne Diskriminierung.
       4. Rechtliche Regelung des Aufenthalts von Truppen anderer Länder
       in der Bundesrepublik durch Abschluß von Verträgen.
       5. Unverzügliche Verhandlungen  mit den  Vereinigten Staaten  von
       Amerika und Großbritannien.
       Mitteilung an die Presse Nr. 968/54, Bonn v. 1.IX.1954
                                    *
       Die Londoner  Times veröffentlicht  (am 4.IX.1954  - d. Red.) ein
       Interview mit Bundeskanzler Adenauer, in dem dieser den französi-
       schen Ministerpräsidenten, Pierre Mendes-France, beschuldigt, die
       EVG zerstört  zu haben.  Am gleichen  Tage hält Dr. Adenauer eine
       Rundfunkrede, in  der er  erklärt, das von der SPD geäußerte Ver-
       langen nach  Abhaltung einer Viermächtekonferenz im gegenwärtigen
       Zeitpunkt sei  in keiner  Weise mit den deutschen Interessen ver-
       einbar. Mit  betonter Absicht  habe die  Bundesregierung erklärt,
       daß die  bisherige Europa-Politik  fortgesetzt werden  müsse. Die
       Bundesrepublik sei  bereit, solchen  Beschränkungen ihrer  Aufrü-
       stung zuzustimmen, welche die Fortführung der Europa-Politik not-
       wendig macht.
       Europa-Archiv, Jahrgang 1954, S. 6954
       

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