Quelle: Blätter 1962 Sonderheft 1


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       TEIL IX: DIE "POLITIK DER STÄRKE"
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       "Die Bundesregierung  hat den Verteidigungsbeitrag keineswegs vom
       rein militärischen  Gesichtspunkt aus  beurteilt..." Dieser  Satz
       des Bundeskanzlers  vom März  1952 könnte als Motto über der fol-
       genden - keineswegs vollständigen - Sammlung von Zitaten über die
       "politischen Gesichtspunkte"  und Absichtserklärungen Dr. Adenau-
       ers und seiner Kabinettsmitglieder stehen.
       
       108 Die "Sprache der Macht"
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       Dr. Adenauer am 10. Oktober 1950 im Bundeskabinett:
       
       Wir wollen den Frieden. Aber nach meinem Dafürhalten kann man mit
       den Russen  nur verhandeln, wenn sie sich einer starken Macht ge-
       genübersehen...
       Paul Weymar, Konrad Adenauer, München 1955, S. 532
                                    *
       Auf dem CDU-Parteitag in Goslar am 20. Oktober 1950:
       
       Jetzt endlich  haben die Westalliierten auch gegenüber Sowjetruß-
       land erkannt,  daß ein  totalitärer Staat nur eine Sprache kennt,
       die Sprache  der Macht,  daß man  mit einem totalitären Staat nur
       dann zu  einem vernünftigen Ergebnis kommt, wenn man bei der Ver-
       handlung mindestens  so stark ist wie er. Nur dann wird ein tota-
       litärer Staat  bereit sein, sich friedlich einzuordnen in das Ge-
       samtgefüge der  Völker, wenn  seine Machthaber  wissen, daß jedes
       Ausbrechen, jeder Angriff für sie selbst schwerste, unter Umstän-
       den vernichtende Folgen hat...
       Lassen Sie  mich noch  einmal meiner  tiefen Überzeugung Ausdruck
       geben, daß  der einzige Weg, den Frieden zu sichern, der ist, den
       die Westalliierten  und die Atlantikpaktstaaten jetzt einzuschla-
       gen beschlossen  haben: nämlich  mit Sowjet-Rußland über die Her-
       stellung eines dauernden Friedens zu verhandeln, nachdem sie sich
       mindestens ebenso  stark gemacht  haben, wie  Sowjet-Rußland ist.
       Ich bin  weiter der  Überzeugung, daß  jedes defaitistische, fast
       könnte ich sagen, nihilistische Denken Sowjet-Rußland geradezu in
       die Hände  arbeitet. Niemals  kann ich  anerkennen, daß es Gottes
       Wille sein  soll, daß  wir je  unser Vaterland und Westeuropa der
       Herrschaft  des  christentum-feindlichen  Bolschewismus  tatenlos
       überlassen sollen...
       Deutschland-Union-Dienst (der CDU) v. 20.X.1950, Sonderausgabe 1.
       Parteitag Goslar, Ausgabe B.
                                    *
       Der Bundeskanzler  auf einer  CDU-Kundgebung in  Heidelberg am 1.
       März 1952:
       
       Wenn wir in der europäischen Verteidigungsgemeinschaft sind, dann
       kann von  einer Neutralisierung  Deutschlands, ein  Gedanke,  der
       zeitweise auch  in Frankreich  Befürworter fand,  nicht mehr  die
       Rede sein. Und ich bitte Sie bei der Frage 'Sollen wir in die Eu-
       ropäische Verteidigungs-Gemeinschaft  eintreten oder nicht?' sich
       immer auch  vor Augen  zu halten, daß die Gefahr der Neutralisie-
       rung Deutschlands  die unmittelbarste Gefahr ist und daß wir die-
       ser Gefahr  nur dadurch  entgehen, daß  wir eben in die Verteidi-
       gungs-Gemeinschaft eintreten...
       Ich denke  mir die  Entwicklung folgendermaßen:  Wenn der  Westen
       stärker ist  als Sowjetrußland,  dann ist der Tag der Verhandlung
       mit Sowjetrußland  gekommen. Dann  wird man Sowjetrußland klarma-
       chen müssen,  daß es  so nicht geht, daß es unmöglich halb Europa
       in Sklaverei  halten kann  und daß  im Wege einer Auseinanderset-
       zung, nicht  einer kriegerischen  Auseinandersetzung, sondern  im
       Wege einer  friedlichen Auseinandersetzung  die  Verhältnisse  in
       Osteuropa neu geklärt werden müssen...
       Bulletin... v. 4.III.1952
       
       109 Erst wenn der Westen stark ist...
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       Kanzlerinterview mit  Ernst Friedländer  am 5. März 1952 im Nord-
       westdeutschen Rundfunk.
       
       Es hat noch niemand zeigen können, wie ohne ein starkes und eini-
       ges Europa  die deutsche  Einheit in  Freiheit  zu  verwirklichen
       wäre... Erst  wenn der  Westen stark ist, ergibt sich ein wirkli-
       cher Ausgangspunkt  für friedliche  Verhandlungen mit  dem  Ziel,
       nicht nur  die Sowjetzone,  sondern das  ganze versklavte  Europa
       östlich des  Eisernen Vorhangs  zu befreien,  in Frieden  zu  be-
       freien.
       Bulletin... v. 6.III.1952
                                    *
       Der Bundeskanzler am 7. März 1952 im Südwestfunk:
       
       Die Bundesregierung  hat den  Verteidigungsbeitrag keineswegs vom
       rein militärischen  Gesichtspunkt aus  beurteilt. Er  ist für sie
       vielmehr, ebenso  wie der  Schumanplan, ein  wirksames Instrument
       des europäischen  Zusammenschlusses... Hat  die freie  Welt  erst
       einmal ihre  Stärke organisiert, dann wird auch der Zeitpunkt ge-
       kommen sein, wo man mit dem Ostblock mit Aussicht auf Erfolg ver-
       handeln kann.
       Bulletin... v. 8.III.1952
       
       110 ...wird der Russe verhandeln!
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       ...Zuvor hatte der Bundeskanzler anläßlich des CDU-Parteitages in
       Niedersachsen darauf  hingewiesen, daß  die Bundesrepublik  etwas
       Bedeutendes erreicht haben werde, wenn der Generalvertrag und der
       Vertrag über  die Bildung einer europäischen Verteidigungsgemein-
       schaft vom Bundestag ratifiziert seien...
       Der Eintritt der Bundesrepublik in die westliche Verteidigungsge-
       meinschaft sei  der einzige  Weg zur  Wiedervereinigung  Deutsch-
       lands. "Wenn  der Russe sich der Tatsache eines wiederbewaffneten
       Deutschlands gegenübersieht, dann wird er sich zum Verhandeln be-
       reit erklären."
       Nürnberger Nachrichten v. 10.III.1952
       
       111 Adenauer: "...wenn möglich offensiv gegen Osten"
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       Es wurde  bezweifelt, daß  diese 12 Divisionen überhaupt etwas zu
       bedeuten hätten.  Meine verehrten Damen und Herren, auch das kann
       ich Ihnen und der Öffentlichkeit, wie ich glaube, in wenigen Sät-
       zen klarmachen,  was das zu bedeuten hat. Wenn wir deutsche Divi-
       sionen haben,  dann haben  wir bei der Ausarbeitung der strategi-
       schen Verteidigungspläne mitzusprechen. Es gab zwei Vorstellungen
       solcher Pläne...
       Die zweite Vorstellung war die, die auch Herr Kollege Dr. Schuma-
       cher immer  vertreten hat;  er hat die These vertreten: möglichst
       am Eisernen  Vorhang verteidigen, und wenn möglich offensiv gegen
       Osten. Dieser  These, die  auch Kollege Schumacher vertreten hat,
       verhelfen wir zum Erfolg.
       Deutscher Bundestag, 2. Wahlperiode, 242. Sitzung vom 5.XII.1952,
       S. 11 640
       
       112 Nicht Ausgleich...
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       Als Abgeordneter  der Deutschen  Partei erklärte der heutige Bun-
       desminister von Merkatz:
       
       Es ist  ein Fehler, wenn in der öffentlichen Erörterung jedes Ar-
       gument, das im Kampf um die Verträge aufgebracht wird, durch eine
       ganze Meute  zerfasert wird... Ich möchte behaupten, daß der pro-
       pagandistische Mißbrauch mit der Sehnsucht unseres Volkes, unsere
       Nation wiedervereinigt  zu sehen,  dazu geführt  hat, daß die ge-
       samtdeutsche Politik  in einer unerträglichen Weise im Deklarato-
       rischen und  in den  Illusionen steckenbleibt.  Ich  glaube,  ein
       Schweizer  Schriftsteller   hat  einmal   gesagt:  Der   Ausdruck
       'Wiedervereinigung Deutschlands'  trägt irgendwie  die Behauptung
       in sich,  als ob es mehrere Deutschlands gebe. Es gibt nur  e i n
       Deutschland und  nur einen  deutschen Staat, und das ist die Bun-
       desrepublik, und  die Aufgabe  ist nicht  ein im Wege des Verhan-
       delns und  des Brückenbaus  zu schaffender Ausgleich. Die Aufgabe
       ist vielmehr  die Befreiung  der besetzten deutschen Gebiete, die
       man de facto von uns abgetrennt hat... Diese sogenannten Brücken-
       bauer, die  nicht erkennen  wollen, daß  die gesamtdeutsche Frage
       letzthin eine  Frage der  Befreiung ist, einer Befreiung, die nur
       auf dem Boden eines unangreifbar gewordenen großen westlichen Sy-
       stems erfolgen kann, und die sich über diese Tragik unserer Lage,
       unseres Landes hinwegtäuschen, tun unserem Lande bitteren Schaden
       an.
       Deutscher   Bundestag,   2.   Wahlperiode,   255.   Sitzung   vom
       19.III.1953, S. 12 337
       
       113 ...sondern Befreiung
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       Einen Tag nach der Bundestagswahl - am 7. September 1953 - sprach
       der Bundeskanzler auf dem Bonner Marktplatz:
       
       "Unser Ziel", so erklärte der Kanzler, wie AP berichtet, bei die-
       ser Gelegenheit,  "ist die  Befreiung unserer 18 Millionen Brüder
       und Schwestern  in den Ostgebieten." Bis jetzt habe man immer von
       der Wiedervereinigung  Deutschlands gesprochen, "wir sollten aber
       lieber sagen  'Befreiung', denn  sie leben  in Ostdeutschland  in
       Sklaverei und Knechtschaft".
       Die Neue Zeitung (Frankfurt). v. 9.IX.1953
       
       114 Niemand bildet sich ein...
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       Bundeskanzler Dr.  Adenauer gegenüber  dem sowjetischen Minister-
       präsidenten Bulganin am 10.5.1955 im Moskauer Kreml:
       Sie haben  davon gesprochen, daß in Deutschland von der "Position
       der Stärke"  geredet werde.  Ich glaube,  daß da  ein sehr großes
       Mißverständnis vorliegt.  Kein Mensch  in Deutschland bildet sich
       etwa ein,  mit der Sowjetunion aus der Position der Stärke heraus
       verhandeln zu können.
       
       Bei gleicher Gelegenheit sekundierte Außenminister von Brentano:
       
       Sie sprachen,  Herr Ministerpräsident, mit berechtigter Ablehnung
       von einer  Politik der  Stärke. Der Herr Bundeskanzler hat darauf
       schon geantwortet,  und ich  möchte mich darauf beschränken, auch
       zu sagen, es gibt niemanden bei uns, der so vermessen oder so tö-
       richt wäre,  eine Politik  der Stärke zu fördern oder gar zu füh-
       ren.
       Bulletin... Sonderausgabe v. 20.IX.1955
       
       115 Das Wort vom "Todfeind"
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       Am 23.  Mai 1956  sagte Bundeskanzler  Dr. Adenauer in seiner be-
       rühmt gewordenen "Gürzenich-Rede" vor dem Bundesverband der Deut-
       schen Industrie in Köln:
       
       ...Es wird davon gesprochen, Rußland sei soviel stärker geworden.
       Ich weiß  es nicht,  meine Herren. Ich muß hier ganz offen beken-
       nen, daß  allen Ländern in der Welt die inneren Verhältnisse Ruß-
       lands weitgehend  unbekannt sind, daß wir da mit ganz unbekannten
       Faktoren rechnen  müssen. Ich weiß zum Beispiel nicht, haben die-
       jenigen recht,  die sich  mit russischen Dingen befassen, die sa-
       gen, die  russische Bevölkerung  nimmt ab?  Oder haben diejenigen
       recht, die  sagen, sie nimmt im Durchschnitt jährlich um 1,5 Mil-
       lionen zu?  Oder haben  diejenigen recht,  die sagen,  sie  nehme
       jährlich um drei Millionen zu? Kein Mensch weiß es, meine verehr-
       ten Herren.  Und so  ist es mit sehr vielen Dingen aus Sowjetruß-
       land. Und  daher stehen  wir dieser  ganzen Welt,  die  doch,  im
       Grunde genommen,  unser Todfeind ist, mit der größten Achtsamkeit
       und Behutsamkeit gegenüber...
       Der Spiegel v. 6.VI.1956
       
       116 Pfänderspiele
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       Auf einer  Tagung "Presse  und Bundeswehr"  in der  Evangelischen
       Akademie Bad  Boll gab  Minister Strauß  "seine Erklärung für die
       Politik der Stärke":
       
       ...In der  Gesamtverteidigung des  Westens müsse  Westdeutschland
       seine Rolle  spielen nach dem Gesichtspunkt, daß Pfänder nur nach
       dem Gewicht  verteilt würden.  Erst das  militärische Gewicht der
       Bundesrepublik räume  ihr einen  entsprechenden Platz auch in der
       atlantischen Welt  ein und mache sie zum Verhandlungspartner. Das
       sei seine  Erklärung für  die Politik der Stärke. Nicht Druck mit
       der militärischen  Gewalt solle  angestrebt werden,  sondern  die
       Konsequenz der  militärischen Gewalt auf das politische Geschehen
       gelte es auszunutzen.
       Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.II.1957
       
       117 Strauß spricht vom "Fall Rot"
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       Wir wissen  doch aus  der Vergangenheit, daß der frühere deutsche
       Generalstab das  Rundumdenken hatte.  Da hat  man die Fälle Anton
       bis Zeppelin - Blau, Gelb, Weiß, Grün usw. - gehabt, und da hatte
       man eine  Lösung für  Westen und  Osten -  und nun kam der Norden
       noch hinzu  - in  Generalstabsstudien niedergelegt.  Die Zeit der
       Auseinandersetzung der  europäischen nationalstaatlichen Demokra-
       tien oder  auch nichtnationalstaatlichen  Demokratien ist  histo-
       risch vorbei. Es gibt heute für die militärische Vorbereitung zur
       Verhinderung eines  Krieges nur mehr einen einzigen Fall; das ist
       der Fall Rot, und sonst kein Fall mehr auf der ganzen Welt.
       Deutscher Bundestag, 3. Wahlperiode, 18. Sitzung vom 20.III.1958,
       S. 870
       

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