Quelle: Blätter 1962 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       NIEMÖLLER: "DEUTSCHLAND - BRÜCKE ZWISCHEN OST UND WEST"
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       Der hessische  Kirchenpräsident D.  Martin Niemöller hielt am 28.
       Januar 1962 in Bad Godesberg in einer öffentlichen Kundgebung an-
       läßlich der Bundestagung der Deutschen Friedensgesellschaft - de-
       ren Präsident er ist - eine Rede, in der er u.a. sagte:
       
       "...Der absolute  Gegensatz (zwischen Ost und West. D. Red.), der
       heute für  die 'westliche'  Welt zum  Dogma geworden  ist, wie es
       hier ebenso  Dogma geworden  ist, daß  die Koexistenz eine Utopie
       darstellt, läßt  uns eine  denkbare Möglichkeit  zum Weiterkommen
       übrig - das ist der Kampf bis aufs Messer, d.h. einer von uns muß
       auf der Strecke bleiben, damit der andere weiterleben kann! - Und
       vermutlich hätten  wir den  dafür notwendigen  totalen Krieg (und
       das heißt  den 3.  Weltkrieg) längst,  wenn einer  der beiden  in
       Frage kommenden  Kontrahenten der  Überzeugung wäre,  daß ihm die
       Vernichtung und  Beseitigung des  anderen mit Sicherheit gelingen
       würde. - Diese Überzeugung ist - glücklicherweise - seit dem Ende
       des Jahres 1949 geschwunden, seitdem auf beiden Seiten Atomwaffen
       zur Verfügung  bereitliegen; sie  ist inzwischen völlig unmöglich
       geworden, weil  mit der Wasserstoffbombe und ihrer Weiterentwick-
       lung die Möglichkeit geschaffen wurde, daß der Schwächere, selbst
       im Fall  einer Niederlage, den Untergang des Menschengeschlechts,
       und damit  auch seines  siegenden Gegners, herbeiführen kann. Das
       heißt aber:  im Ost-West-Gegensatz  gibt es  die sonst allenfalls
       denkbare Lösung des Koexistenz-Problems durch gewaltsame Beseiti-
       gung eines der beiden Gegner überhaupt nicht mehr. Sie werden, ob
       ihnen das gefällt, koexistieren müssen, um ihre Gegensätze entwe-
       der zu ertragen oder auf nicht gewaltsame Weise auszutragen.
       Bislang herrscht  in der  'westlichen' Welt noch die Absicht vor,
       den Gegensatz,  wenn ihm mit Gewalt nicht beizukommen ist, beste-
       hen zu  lassen und  sich gegen  die 'östliche' Welt gewissermaßen
       abzuriegeln. Man sucht die Grenzen festzumachen und sie möglichst
       weit vorwärts  und von sich selber weg zu schieben, zugleich aber
       der geistigen  Auseinandersetzung aus  dem Weg  zu gehen  und sie
       ebenfalls von  sich wegzuschieben.  Das heißt  etwa: die  Weltan-
       schauung des  Ostens ist  Ketzerei, wir ersparen uns die geistige
       Auseinandersetzung, indem  wir diese  Ketzerei einfach  verbieten
       und unter  Strafe stellen.  So wird  praktisch seit vielen Jahren
       von dem führenden Staat der 'westlichen' Welt tatsächlich verfah-
       ren, und unser Staat macht dabei konsequent und entschlossen mit.
       Im Augenblick  sind wir  gerade Zeugen, wie dies System einer von
       je her  beliebten Ächtung  ketzerischer Ansichten von den USA aus
       auch auf  den südamerikanischen  Kontinent zu übertragen versucht
       wird. Es  fällt dabei  auf, daß gar kein ernstzunehmender Versuch
       gemacht wird,  die ideologische  Ketzerei zu widerlegen und über-
       zeugende Gründe für ihre Ablehnung beizubringen. Und gerade darin
       wird die  geistige Schwäche  und  Ungerüstetheit  der  'freiheit-
       lichen' Welt von heute offenbar.
       Man braucht  nun aber  wahrhaftig kein Prophet zu sein, um zu er-
       kennen, daß eine Ideologie auf die Länge nicht an der Ausbreitung
       gehindert werden kann, indem man ihrer geistigen Potenz mit mate-
       riellen Kräften begegnet...
       Es wird ein von Jahr zu Jahr sinnloser werdender Zustand, daß die
       weißen Völker  ihre Reserven  in kriegerische Rüstung stecken und
       sich damit  selbst der Möglichkeit berauben, ihren vollen Beitrag
       für eine  menschenwürdige Gestaltung  der allgemeinen  Zukunft zu
       leisten. Die  Frage der Abrüstung muß deshalb heute als die Frage
       der Menschheit  von morgen  ernst genommen  und angefaßt  werden,
       denn übermorgen  wird das Rüsten von heute - auch wenn es zu kei-
       nem Krieg  kommt -  als ein  Verbrechen gegen  die Menschlichkeit
       verurteilt werden, weil es Millionen und Abermillionen unnötiger-
       weise dem  Hungertod ausliefert, indem es Hunderte von Milliarden
       Dollar sinnlos vergeudet...
       Das  ist   der  Hintergrund,   auf  dem   unser  heutiges  Thema:
       "Deutschland als  Brücke zwischen  Ost und  West" betrachtet sein
       will. Ein  weißes Volk, das heute seinen Vorteil sucht ohne Rück-
       sichtnahme auf  das Ganze der  e i n e n  Menschheit, die nur als
       e i n e   weiterleben kann  oder aber  zugrundegehen muß, darf es
       gar nicht geben..."
       

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