Quelle: Blätter 1962 Heft 02 (Februar)


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       DIE WIEDERAUFRÜSTUNG DER BUNDESREPUBLIK
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       Eine Dokumentation zur "Politik der Stärke"
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       Die folgenden  Zitate sind  einer größeren  Dokumentation zur Ge-
       schichte der  westdeutschen Wiederaufrüstung  entnommen,  die  im
       Frühjahr als  Sonderdruck der "Blätter" erscheinen wird. Mit die-
       ser Publikation,  die in  ihrer Art  in der  Bundesrepublik  kaum
       ihresgleichen haben dürfte, soll in konzentrierter Form die gewiß
       schwerstwiegende Wendung  der westdeutschen Nachkriegspolitik do-
       kumentiert werden:  der Übergang von den Friedens-, Entwaffnungs-
       und sogar  Neutralitäts-Beteuerungen der  ersten  Nachkriegsjahre
       zur "Politik  der Stärke"  mit allen ihren verhängnisvollen poli-
       tisch-militärischen, wirtschaftlichen und moralischen Folgen.
       Der Sonderdruck  wird einen Umfang von 50 bis 60 Seiten im Format
       der "Blätter"  haben und  für  unsere  Abonnenten  DM  1,50,  für
       Nichtabonnenten DM 2,00 kosten. Da die Auflage begrenzt ist, emp-
       fehlen wir unseren Lesern, ihre Bestellung schon jetzt aufzugeben
       und dazu  die diesem  Heft beiliegende  Bestellkarte zu benutzen.
       Verlag und Redaktion
       
       Adenauer: Deutschland neutralisieren
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       "Wir sind  einverstanden, daß  wir völlig  abgerüstet werden, daß
       unsere reine  Kriegsindustrie zerstört  wird, daß wir nach beiden
       Richtungen hin einer langen Kontrolle unterworfen werden. Ja, ich
       will noch weitergehen: Ich glaube, daß die Mehrheit des deutschen
       Volkes einverstanden  wäre, wenn wir wie die Schweiz völkerrecht-
       lich neutralisiert würden."
       Rheinische Post v. 30.XII.1946
       
       Strauß: "...dem soll die Hand abfallen"
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       In der Zeit allerdings, in der es politisch noch opportun zu sein
       schien, als  Pazifist zu gelten, hatte Strauß seine seltsame Vor-
       liebe für  das militärische  Gehabe zu  unterdrücken vermocht. Im
       Wahlkampf für  den ersten  Bundestag drohte  er: "Wer noch einmal
       ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen."
       Der Spiegel v. 2.1.1957
       
       Heuß: Eine Armee nicht von Vorteil
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       Bundespräsident Theodor  Heuß nahm am 8.9.1949 in einem Interview
       mit dem  Bonner AP-Korrespondenten George S. Martin zur Frage ei-
       ner deutschen Wiederaufrüstung Stellung. Er sagte, er sei absolut
       gegen eine deutsche Wehrmacht, ganz gleich, unter wessen Kommando
       sie stehen  würde. "Es  wäre nicht  vernünftig  für  Deutschland,
       heute eine  Armee zu  haben, es  wäre nicht  zu unserem Vorteil."
       Selbst wenn  die westlichen  Alliierten die Schaffung einer deut-
       schen Armee  vorschlügen, würde  er sich dagegen wehren, fügte er
       hinzu. Deutschland  habe endgültig  den Weg zur Demokratie einge-
       schlagen.
       Der Bundespräsident  fuhr fort:  "Unsere Verfassung erlaubt keine
       allgemeine Wehrpflicht.  Jeder Deutsche hat das Recht, den Dienst
       in einer  bewaffneten Macht  zu verweigern."  Deshalb könnte eine
       neue deutsche  Wehrmacht überhaupt  nur aus Söldnern bestehen, da
       man nicht  genug Freiwillige  finden würde. Sehr ernsthaft warnte
       Dr. Heuß  das Ausland, allzuviel von einer Wiedererrichtung einer
       deutschen Wehrmacht zu sprechen. ...
       Die Neue Zeitung v. 9.IX.1949
       
       Auftrag an Speidel
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       Leise über Teetassen und Sandwiches hinwegsprechend, erschütterte
       Bundeskanzler Dr.  Adenauer auf  einem Empfang der Auslandspresse
       gestern die  Alliierten mit  der Mitteilung,  daß er  bereits als
       Privatmann 1948 die heutige weltpolitische Lage vorausgesehen und
       den Aufbau  einer westdeutschen  Armee vorbereitet  habe. General
       Speidel habe  in seinem  Auftrage schon  damals eine  Denkschrift
       über die vergleichsweisen Stärken der europäischen Armeen und die
       Vorschläge für  einen deutschen  Verteidigungsbeitrag ausgearbei-
       tet.
       General-Anzeiger für Bonn und Umgegend v. 26./27.I.1952
       
       Heusinger und Gehlen - ein neues OKH?
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       Die Lager  Oberursel und  Allendorf - in denen Heusinger Operati-
       onsberichte für die kriegsgeschichtliche Abteilung des amerikani-
       schen Verteidigungsministeriums  verfertigte - und das Nürnberger
       Gerichtsgefängnis, in  dem er als Zeuge einsaß, waren die Statio-
       nen der nahezu dreijährigen Gefangenschaft.
       Heusinger war  gerade eben  wieder frei,  als ihn  auch schon ein
       Mann aufsuchte,  der während  des Krieges  zunächst unter, später
       neben ihm im Generalstab des Heeres gewirkt hatte: der Generalma-
       jor außer  Diensten Reinhard  Gehlen. Gehlen  wußte für Heusinger
       eine angemessene  Beschäftigung, von  der man überdies auch leben
       konnte. Er  gewann ihn für seinen amerikanisch finanzierten Nach-
       richtendienst. Sagt Heusinger heute: "Herr Gehlen kam im Frühjahr
       1948 zu  mir und  meinte, es  sei sicherlich  zweckmäßig, daß ich
       mich über die Entwicklung der militärischen Lage im Osten auf dem
       laufenden halte.  Genau das  habe ich bei Gehlen getan. Mit Agen-
       tendienst hatte meine Tätigkeit nichts zu tun."
       In der  Tat. Gehlen  hatte den ausgedienten Operationschef zu we-
       sentlich anders gearteten Zwecken als dem Nachrichtendienst enga-
       giert. Der  Nachrichten-Boß Westdeutschlands  dachte damals nicht
       daran, es  beim Sammeln und Auswerten von Nachrichten bewenden zu
       lassen. Im Gegenteil, schon zwei Jahre, ehe Adenauer den Alliier-
       ten westdeutsche  Soldaten offerierte, war Gehlen dabei, für alle
       Fälle vorsorglich  ein neues  Oberkommando des Heeres zusammenzu-
       bringen. Den  Rang lief ihm dann freilich der Generalleutnant au-
       ßer Diensten Graf Schwerin ab, den der Kanzler im Sommer 1950 zum
       ersten Sicherheitsbeauftragten  der Bundesregierung bestellte. So
       endete dann  Heusingers Engagement im Gehlen-Dienst, nachdem Geh-
       len ihn  in Bonn  angelegentlich empfohlen  und Graf Schwerin ihn
       dem Bundeskanzler präsentiert hatte.
       Der Spiegel v. 29.II.1956
       
       Hintergründe
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       Aus dem  Artikel "'Remilitarisierung' Westdeutschlands - Die Hin-
       tergründe der  neuen militärischen  Propaganda in  den Westzonen"
       von Dieter Cycon:
       
       In einem  - zum  Glück noch  kleinen -  Teil der deutschen Presse
       hört man  seit ein paar Wochen förmlich die Marsch- und Rekruten-
       stiefel klappern. Es gibt eine ziemlich ungeschminkte Propaganda,
       die im  Hintergrund das Bild neuer "grauer Kolonnen" mit strammen
       Offizieren und  schwarz-weiß-roten Fahnen  parat hat,  und dieses
       Bild dem Ausland wie auch dem kriegs- und soldatenmüden deutschen
       Volk wieder schmackhaft machen möchte.
       Eben ist  die Öffentlichkeit durch eine Erklärung Dr. Kogons auf-
       geschreckt worden,  wonach die Remilitarisierung Deutschlands un-
       ter dem Schild der Besatzungsmächte bereits begonnen habe und nur
       noch die  Frage einer  "scharfen Kontrolle" der Remilitarisierung
       zur Debatte  stehe. Doch diesem Schock ist ganz gut vorgearbeitet
       worden...
       Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß dieses neuaufge-
       machte Militär  nur als  "Abwehrwaffe" bezeichnet und ausschließ-
       lich als  ("möglicherweise bedauerliche  aber leider  unumgängli-
       che") Antwort  auf die  Remilitarisierungsbestrebungen in der So-
       wjetzone plakatiert  wird. Es  interessiert die  Förderer  dieser
       Pläne wenig, wieviel von den Nachrichten aus der Ostzone auf Tat-
       sachen beruht  und wieviel  übertrieben und  Gerücht ist. Man be-
       gnügt sich  auch nicht  damit, dem  möglicherweise tatsächlich im
       Entstehen begriffenen  roten Militarismus  in der Ostzone auf die
       gleiche Art  und Weise  zu antworten: durch eine verstärkte Poli-
       zeitruppe. Man  ist auch gar nicht geneigt (was bei so schwerwie-
       genden Entscheidungen  unbedingt  notwendig  wäre),  erst  einmal
       Klarheit darüber zu gewinnen, welche Entwicklung sich in der Ost-
       zone tatsächlich  vollzieht und wie sich die außenpolitische Lage
       in den nächsten Monaten gestalten wird...
       Denn die deutschen Förderer der Remilitarisierungspläne wollen ja
       gar nicht abwarten und nur das Notwendige tun, sondern sie wollen
       das Eisen  schmieden, solange  es heiß ist, und die künftige Ent-
       wicklung nach  Möglichkeit präjudizieren. Das Schlimmste, was ih-
       nen passieren  könnte, wäre eine Regelung der deutschen Frage auf
       dem Verhandlungswege,  die die kriegerische Atmosphäre entspannen
       und den Aufbau deutscher Armeen unnötig erscheinen ließe. Es geht
       den allermeisten  von denen,  die so eifrig die Werbetrommel rüh-
       ren, ja nicht um die Verteidigung der westlichen Zivilisation ge-
       gen eine  bolschewistische Ausplünderung  und Unterdrückung.  Die
       Herren, die in der Vergangenheit dem deutschen Militarismus nahe-
       standen, nahmen  es gewöhnlich  mit der  Barbarei nicht so genau.
       Sonst hätten sie nicht die Verbündeten Hitlers sein können...
       Aber sie  handeln eben  nicht aus der Überzeugung heraus, daß die
       Remilitarisierung Deutschlands  ein notwendiges Übel sei, sondern
       s i e  wollen das Ausland und die deutsche Öffentlichkeit von der
       Notwendigkeit der  Remilitarisierung Deutschlands  überzeugen. Es
       wollen nicht  so sehr  die Westmächte  etwas vom  deutschen Volk,
       sondern die  deutschen Interessenten  an einer  Remilitarisierung
       wollen etwas von den Westmächten, nämlich die Genehmigung zur Re-
       militarisierung! Deshalb müssen sie sich auch am Anfang so klein,
       unscheinbar und ungefährlich wie möglich machen...
       Hinter der  Forderung nach  einer Remilitarisierung  Deutschlands
       steckt, soweit  sie auf  deutsche Förderer  zurückgeht, in erster
       Linie der  Wunsch nach  Wiederherstellung bestimmter  politischer
       und sozialer Zustände in Deutschland. Es geht ihnen einmal darum,
       das Militär  wieder als bestimmenden Faktor in das politische Le-
       ben Deutschlands  hineinzumanövrieren. Die  "Allgemeine  Zeitung"
       läßt die  Katze aus  dem Sack, wenn sie sich darüber beklagt, daß
       "der Stand  der Berufssoldaten immer noch mit einem 'leichten Ma-
       kel' behaftet  ist" und  "immer noch bestimmte Dienstgrade in be-
       stimmten Zonen  mit Sicherheit  auf Erschwerung bei ihrer Anstel-
       lung rechnen  müssen". Das  gleiche  Blatt  stellt  hoffnungsfroh
       fest, daß die Aufstellung von legionärsähnlichen Truppenverbänden
       zwar für  unser Nationalempfinden  (!)  bedauerlich  sei,  jedoch
       n u r   d e n   A n f a n g  d a r s t e l l e n  s o l l e.  Das
       Entscheidende sei  nicht der augenblickliche Zustand, sondern die
       "Richtung, in die die Geschehnisse drängen".
       Aber wären es nur die nach neuem Einfluß strebenden Militärs, die
       hinter der  Propagandakampagne für  die deutsche  Armee  stünden,
       dann brauchte  man die Entwicklung nicht mit übermäßiger Sorge zu
       betrachten. Sie sind heute noch zu schwach, als daß sie allein in
       den Sattel  steigen könnten.  Leider gibt es Anzeichen dafür, daß
       die Militärs  alte Verbündete  in Kreisen der deutschen Industrie
       gefunden  haben.   Es  ist  kaum  ein  Zufall,  daß  die  Mainzer
       "Allgemeine Zeitung",  die den  Anspruch  erhebt,  eine  führende
       deutsche Wirtschaftszeitung zu sein oder zu werden, in vorderster
       Front der "Remilitarisierung" steht. Nach diesem Blatt haben sich
       kürzlich "führende  Politiker  Westdeutschlands,  namentlich  aus
       Kreisen der  westdeutschen CDU  und des Zentrums" (beide Parteien
       werden häufig  als Interessenvertreter  der nordrheinischen Indu-
       strien betrachtet), "in einer Form, die noch zu klären wäre, über
       die deutsche  Beteiligung an  der Verteidigung  Westeuropas geäu-
       ßert". Es  steht zu vermuten, daß man in diesen Kreisen eine neue
       deutsche Armee zunächst als Hilfsmittel zur Aufrechterhaltung ei-
       ner bestimmten  Gesellschaftsstruktur im  Innern betrachtet;  daß
       man dahinter  aber auch  die Möglichkeit  wittert, gegenüber  den
       ausländischen Unternehmen  wieder  gleichberechtigter  Geschäfts-
       partner zu werden...
       Stuttgarter Zeitung v. 30.XI.1948
       
       Es ist soweit...
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       Wie am  Montag aus  gut unterrichteten Kreisen in Bonn verlautet,
       hat Bundeskanzler Dr. Adenauer am vergangenen Donnerstag den drei
       alliierten Hohen  Kommissaren in  einer Geheimsitzung auf dem Pe-
       tersberg  offiziell   die  Wiederbewaffnung   der  Bundesrepublik
       Deutschland vorgeschlagen.  Über diesen  Vorschlag wird von deut-
       scher und  alliierter Seite  offiziell noch  strengstes Schweigen
       bewahrt. Wie wir erfahren, soll der Bundeskanzler die Absicht ha-
       ben, selbst  vor der  Presse zu seinem letzten Besuch auf dem Pe-
       tersberg Stellung  zu nehmen.  Am Dienstag  wird Dr. Adenauer mit
       dem Oppositionsführer Dr. Schumacher und mit den Vorsitzenden der
       Regierungsfraktionen konferieren.  Im Mittelpunkt  dieser Bespre-
       chungen dürfte  die Frage  der deutschen  Remilitarisierung  ste-
       hen...
       Wie aus  Regierungskreisen der United Press mitgeteilt wurde, hat
       Dr. Adenauer  noch keine genauen Zahlen über die Stärke der deut-
       schen Verteidigungstruppen genannt. Aus den Hinweisen des Bundes-
       kanzlers geht jedoch hervor, daß ihre Mindeststärke 60 000 Infan-
       teristen und  Panzersoldaten betragen  müsse. Sie sollten mit mo-
       dernsten Waffen ausgerüstet und zu fünf Divisionen zusammengefaßt
       werden. Der  Bundeskanzler soll an die Bildung von drei Panzerdi-
       visionen, einer Flak-Division und einer sogenannten Sturmdivision
       denken ...
       Stuttgarter Nachrichten v. 22.VIII.1950
       

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