Quelle: Blätter 1962 Heft 03 (März)


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       Oreste Rosenfeld, Paris
       
       DAS DEUTSCHE PROBLEM - VOM AUSLAND GESEHEN
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       1.
       
       Es ist unbestreitbar, daß das deutsche Problem im allgemeinen und
       das der  Wiedervereinigung im  besonderen in  Deutschland und  im
       Ausland auf  verschiedene Art betrachtet wird. Die Deutschen emp-
       finden die  gegenwärtige Lage  ihres Landes als sehr schmerzlich.
       Sie ist  für ihren  Nationalstolz und  ihre Vaterlandsliebe uner-
       träglich. Dieses Gefühl wird noch durch die Sorgen verstärkt, die
       ihnen die  Situation des Teils des deutschen Volkes bereitet, das
       einem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Regime unterwor-
       fen ist,  welches die Sowjetunion auferlegt hat und durch die An-
       wesenheit seiner Truppen aufrechterhält.
       Es ist  normal, daß  die Völker  Europas und Amerikas, die an dem
       von Hitler  hervorgerufenen Krieg  teilnahmen, nicht alle Gefühle
       und Sorgen  des deutschen  Volkes teilen. Welches auch die Unter-
       schiede in  der Reaktion  von seiten der Völker Frankreichs, Eng-
       lands, Belgiens,  Hollands, Luxemburgs,  Dänemarks und  Norwegens
       einerseits und  die der slawischen Völker des europäischen Ostens
       anderseits sein  mögen, alle  hatten am  Ende des Krieges ein ge-
       meinsames Gefühl:  die Furcht,  daß Deutschland  zu  neuer  wirt-
       schaftlicher, politischer  und militärischer  Macht gelange. Alle
       hatten den einheitlichen Willen, das Wiedererstehen dieser Gefahr
       zu verhindern.
       Für Frankreich war der Krieg zwischen 1939-45 die dritte deutsche
       Aggression in weniger als einem Jahrhundert. Für die anderen Völ-
       ker Europas  bedeutete es  im Zeitraum  von 25 Jahren den zweiten
       deutschen Aggressionskrieg  und die  totale oder teilweise Beset-
       zung ihres  Gebiets. Für  Kanada, die USA, Australien und Neusee-
       land war  es ebenfalls  innerhalb von  25 Jahren  der zweite  von
       Deutschland hervorgerufene  Krieg. Er bedrohte nicht allein Demo-
       kratie und  Freiheit, sondern  auch die  Grundsätze von Moral und
       Menschlichkeit durch  die Rassentheorien  Hitlers, die  die SS in
       allen besetzten  Ländern in die Tat umsetzte, mit dem Ziel, ganze
       Rassen -  Juden, Zigeuner  - und andere "Untermenschen" auszurot-
       ten. Das darf nie vergessen werden, wenn man die Haltung der Völ-
       ker hinsichtlich des deutschen Problems verstehen will.
       Ich übersehe  nicht, daß sich in manchen Ländern Ereignisse zuge-
       tragen haben,  die diese  Völker dazu brachten, das deutsche Volk
       und seine Schuld anläßlich der nazistischen Grausamkeiten weniger
       streng zu  beurteilen. Diese Ereignisse schwächen gewiß nicht den
       Schrecken, den  die Welt  noch heute  bei der  Erinnerung an  die
       Grausamkeiten empfindet,  die das  Hitler-Regime sowohl gegenüber
       dem deutschen Volk beging wie gegenüber den Völkern der besetzten
       Länder. Aber sie zeigen, daß Folter, Massenhinrichtungen, Kollek-
       tivverfolgung, der niedrigste Rassenhaß, der die Form des Völker-
       mords annimmt,  nicht zum  Laster eines einzelnen Volkes gehören.
       Sie gehören  zur terroristischen  Diktatur, zu  einem totalitären
       Regime oder  zu einem  schwächlichen Regime, das seine Befugnisse
       den Händen  von Abenteurern und Sadisten überträgt. Ich denke da-
       bei insbesondere an Frankreich, an die Haltung seiner Polizei und
       gewisser Militärs  gegenüber dem  algerischen Volk,  das mit  den
       Waffen für  seine Freiheit  und Unabhängigkeit  kämpft.  Und  ich
       denke ebenfalls an die UdSSR zur Zeit Stalins.
       Der "Geheimbericht" Chrustschows auf dem 20. Parteitag der sowje-
       tischen KP  1956 und seine zusätzlichen öffentlichen Enthüllungen
       auf dem  22. Parteikongreß  im Oktober  1961 haben amtlich bestä-
       tigt, was  wir von den Terrormethoden Stalins und den Grausamkei-
       ten seiner  Polizei bereits  wußten. Wenn  es schwierig  ist, das
       russische Volk  in seiner Gesamtheit für diese Verbrechen verant-
       wortlich zu machen, da man die Unterdrückung, unter der es lebte,
       berücksichtigen muß,  so kann  man hinsichtlich des französischen
       Volkes die  gleiche Großmut  nicht walten lassen. Diejenigen, die
       vorgeben, nichts  gewußt zu  haben von  dem, was  in Algerien ge-
       schieht, wollten nichts wissen. Diesen Dingen zum Trotz halte ich
       aufrecht, was  ich über  die Gründe der Haltung der verschiedenen
       Völker gegenüber Deutschland gesagt habe.
       
       2.
       
       Im Verlaufe  der Nachkriegszeit  ist das deutsche Problem - durch
       die beklagenswerte  Tatsache der deutschen Teilung - in eine neue
       Phase eingetreten.  Es hängt  heute mehr denn je von der interna-
       tionalen Lage, insbesondere den Ost-West-Beziehungen, ab. Ich bin
       davon überzeugt, daß ein Fernbleiben Deutschlands von der Westeu-
       ropäischen Union und dem Nordatlantik-Pakt die ost-westliche Ent-
       spannung erleichtert  hätte. Das  Problem  der  Wiedervereinigung
       würde nicht  die unüberwindlichen Schwierigkeiten bieten, wie das
       jetzt der Fall ist. Denn man darf sich diesbezüglich keinen Illu-
       sionen hingeben. Unter den gegenwärtigen Bedingungen und wenn man
       nicht die  Gefahr eines  dritten Weltkriegs  in  Betracht  ziehen
       will, erscheint mir eine befriedigende Lösung dieses Problems als
       ausgeschlossen.
       Im Gegensatz zu der neulich im "Observer" von dem ansonsten guten
       Rußlandkenner Isaac  Deutscher aufgestellten Theorie kann Chrust-
       schow zur  Zeit gewiß  nicht daran  denken, auf Ostdeutschland zu
       verzichten. Von  den Albanern  angegriffen, von  den Chinesen be-
       drängt, von den hohen zivilen und militärischen Kadern seiner ei-
       genen Partei  kritisiert, kann  er sich - selbst wenn er wollte -
       keinen solchen Verrat an einer Bruderpartei und kein so fundamen-
       tales Zugeständnis  an die kapitalistische Welt erlauben. Bei ei-
       ner Prüfung  der Wiedervereinigungsfrage  müssen wir  folglich in
       Betracht ziehen,  daß es  gegenwärtig unmöglich ist, die UdSSR in
       dieser Frage  zum Nachgeben zu zwingen. Das ist die erste Schluß-
       folgerung, zu der ich gelange.
       Der zweite  Schluß betrifft  ebenfalls die  UdSSR, aber auch alle
       anderen slawischen Staaten, mit Einschuß Jugoslawiens. Er gründet
       sich auf  die Beziehungen, die sich im Laufe der letzten Jahrhun-
       derte zwischen diesen Ländern und Deutschland herausbildeten. Bis
       in die  ersten Jahre  dieses Jahrhunderts  hatten alle slawischen
       Staaten fast  ausschließlich landwirtschaftlichen  Charakter. Nur
       die Tschechoslowakei,  oder vielmehr Böhmen, war industrialisiert
       und folgte  dem Rhythmus der österreichischen und deutschen Wirt-
       schaftsentwicklung. In  einem schwächeren  Maße war auch Polen in
       den europäischen  Wirtschaftsstrom einbezogen.  Aber das zaristi-
       sche Rußland,  wo die Leibeigenschaft erst 1861 aufgehoben wurde,
       Bulgarien, Rumänien  und Serbien  waren noch  Bauernländer.  Seit
       langem -  in Rußland  schon vor Peter dem Großen - wanderten aus-
       ländische Handwerker,  in der  Mehrzahl Deutsche,  ein.  Entweder
       hatte man sie in diese Länder gerufen, oder sie kamen aus eigenem
       Antrieb, um Güter zu erzeugen oder Handel zu treiben. Ihre Kennt-
       nisse, ihre Geschicklichkeit, ihre stolze und unabhängige Haltung
       beeindruckten die  ungebildete Bauernbevölkerung. Ihnen gegenüber
       gab es  viel Achtung,  aber auch  viel Furcht. Hinzu kam sehr oft
       die Verachtung  der Orthodoxen  (in Rußland und Bulgarien) gegen-
       über den  katholischen und protestantischen "Ungläubigen". In Po-
       len, Böhmen  und Serbien  wurde den Deutschen ein Haß entgegenge-
       bracht, wie  ihn Eroberer oder Besatzungsmächte hervorrufen. Seit
       der Auflösung  der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie ver-
       schwand dieses Gefühl gegenüber den Österreichern.
       Der letzte  Krieg, mit  seiner Besetzung  dieser Länder durch die
       deutschen Truppen  und die  gegen die  slawischen "Untermenschen"
       ausgeübten Grausamkeiten, hat sowohl Haß wie auch Furcht geweckt.
       Diese neuen  Gefühle fügten  sich der vielschichtigen Psychologie
       an, die  ich soeben beschrieb. So entstand eine Art von Psychose:
       Angst und  Mißtrauen gegenüber Deutschland. Hinsichtlich Deutsch-
       lands sind  die Erinnerungen an seine einstige militärische Macht
       noch zu  lebendig, um  nicht seine potentielle Macht zu fürchten.
       Aus diesem  Grunde glaube  ich, daß  die  Wiederaufrüstung  West-
       deutschlands, von  den drei  Westmächten mehr  auferlegt als  er-
       laubt, ein  sehr schwerer  Irrtum war.  Für viele Jahre verschloß
       sie jede  Möglichkeit, mit  der Sowjetunion die Wiedervereinigung
       zu verhandeln.  Die Wiederaufrüstung erweckte von neuem die Angst
       der slawischen  Völker. Daher  ihr heftiger  Widerstand gegen den
       Gedanken der  Wiedervereinigung. Die UdSSR braucht keine Anstren-
       gung zu unternehmen, um dieses Gefühl auszunutzen. Ihr Veto gegen
       eine westlich  ausgerichtete deutsche Einheit läßt sie in den Au-
       gen aller  slawischen Völker  als einziger  Verteidiger gegen die
       Wiedergeburt des  deutschen Militarismus  erscheinen. Die stürmi-
       schen Kundgebungen von Verteidigungsminister Strauß, die unklugen
       Äußerungen des  Bundeskanzlers fachen  das Feuer  von  Mißtrauen,
       Angst und  Haß noch  an. Sollten die westdeutschen Repräsentanten
       fortfahren, Nuklearwaffen  für die  Bundeswehr oder sogar nur für
       die NATO  zu verlangen, dann werden sich die Beziehungen Deutsch-
       lands zu  den Oststaaten  immer mehr  verschlechtern. Denn  jeder
       weiß, daß  die Bundesrepublik  im Laufe dieses Jahres zur größten
       Militärmacht in  Westeuropa werden  wird. Infolgedessen würde die
       atomare Ausrüstung  der NATO  in der  Tat nichts anderes bedeuten
       als die atomare Bewaffnung Deutschlands. Ich schreibe diese Worte
       mit äußerster  Vorsicht: Ich bin nicht sicher, ob die Sowjetunion
       es sich  erlauben kann,  der  Nuklearbewaffnung  Westdeutschlands
       beizuwohnen, ohne sofort zu reagieren. Meine Reisen, die ich 1956
       und 1959  in die UdSSR unternahm, die Gespräche, die ich mit Ver-
       antwortlichen - darunter Chrustschow selber - hatte, zwingen mich
       zu dieser sehr ernsten Warnung.
       
       3.
       
       Betrachten wir  nun die  Haltung der  Staaten und  Völker des We-
       stens. Als  die USA,  Großbritannien und Frankreich zur Verhinde-
       rung einer neuen militärischen Gefahr Deutschland aufteilen woll-
       ten, widersetzten sich die britische Arbeiterpartei, die soziali-
       stische und republikanische Linke in Frankreich und einige ameri-
       kanische Intellektuelle dieser törichten Lösung. Als die gleichen
       Regierungen die  Aufrüstung Westdeutschlands  begannen,  war  ein
       Teil derselben  linken Elemente  in der Opposition. In Frankreich
       ist es  meinen Freunden  und mir gelungen - mit der diskreten Un-
       terstützung des  damaligen Ministerpräsidenten  Mendès-France  -,
       das Parlament  zur Ablehnung  der Ratifizierung  der Europa-Armee
       (August 1954) zu veranlassen. Es ist uns aber nicht gelungen, die
       Wiederaufrüstung auf  dem Umweg über die Westeuropäische Union zu
       verhindern.
       Warum handelten  wir so?  Für mich ist die Antwort sehr deutlich.
       Außer den Gründen, die aus einer Prüfung der internationalen Lage
       resultierten, gab  es einige  besonderer  Art.  Die  französische
       Linke (ich  spreche nicht von der SFIO, die unter der Führung Guy
       Mollets seit langem die Sache der Demokratie verlassen hat und an
       den Rockschößen  General de  Gaulles hängt)  ist voller Mißtrauen
       gegenüber dem  Deutschland Adenauers. Dessen Erklärungen über die
       "Mission des  deutschen Volkes  im Kampf gegen den Bolschewismus"
       erinnern uns  an die  Phrasen Hitlers. Wir fürchten das Wiederer-
       stehen des  Militarismus. Die  häufigen Vorstöße  von Strauß  be-
       schwören unangenehme  Erinnerungen. Jakob Kaiser ließ die Vergan-
       genheit wieder lebendig werden, als er 1951 - er war damals Mini-
       ster -  folgendes von  sich gab:  "Ein wirkliches Europa kann nur
       gebildet werden, wenn der deutsche Block wiedererstanden ist. Ich
       möchte unterstreichen,  daß zu  diesem  Block  außer  Deutschland
       Österreich, ein  Teil der  Schweiz, die Saar und natürlich Elsaß-
       Lothringen gehören...  Wenn ich an das Straßburger Münster denke,
       wird es mir traurig ums Herz." Man wird mir vielleicht entgegnen:
       Aber das  ist doch  alt, seitdem...  Ja, seitdem  gab  es  leider
       Dinge, die  die Richtigkeit  unseres Verhaltens im Jahre 1954 un-
       terstrichen. Wenn  Bundespräsident Lübke  am 3.  Februar in West-
       Berlin kundgibt, daß "das deutsche Volk zu groß und zu stark ist,
       um artig  seine Teilung  zu ertragen",  so frage ich: Wo soll das
       hinführen? Um  so mehr, als er mit den Worten "Verletzung des at-
       lantischen Bündnisses" die Haltung derjenigen bezeichnet, die die
       Teilung annähmen.  Ähnliche Drohungen hätte Lübke nicht ausstoßen
       können, wenn  die Wiederaufrüstung nicht von neuem das Wiederent-
       stehen eines  kämpferischen Nationalismus erlaubt hätte. Denn für
       mich ist  es klar, daß diese Worte besagen, Deutschland sei jetzt
       in der  Lage, allein  für seine  Wiedervereinigung zu kämpfen, in
       dem Bewußtsein,  einen großen  Krieg hervorrufen zu können. Heute
       geht es  um  die  Wiedervereinigung.  Wer  wird  verhindern,  daß
       Deutschland morgen,  auf die  Armee gestützt, die Rückkehr zu den
       Grenzen von  1939 fordert?  Oder sogar  die Ratschläge  von Jakob
       Kaiser befolgt?
       Davor haben  die slawischen Nachbarn Deutschlands Angst, aber da-
       vor fürchten  sich ebenfalls  die Völker  des Westens. Man sollte
       sich keiner Täuschung hingeben. Das französische Volk - obwohl es
       sich von  de Gaulle  vorübergehend regieren  läßt - ist nicht be-
       reit, für  die Wiedervereinigung  zu sterben.  Ich hoffe,  daß es
       auch die Ansicht deutscher Demokraten ist, denn ein gegenwärtiger
       Krieg wäre  total, das  heißt nuklear.  Ich fürchte sehr, daß die
       Vereinigung Deutschlands  durch einen  Krieg die  Vereinigung der
       Völker Europas (und vielleicht auch Amerikas) im Tode bedeutet.
       
       4.
       
       Welche Lösung läßt sich vorschlagen? Ich sage es aufrichtig: Soll
       die Wiedervereinigung  Deutschlands in  den nächsten  Jahren von-
       stattengehen, dann  könnte das nur im Rahmen der allgemeinen, in-
       ternational kontrollierten  Abrüstung geschehen.  Insbesondere im
       Rahmen der ersten Phase der allmählichen Abrüstung: der militäri-
       schen Verdünnung  in einer  Zone, die  sowohl östliche  als  auch
       westliche Gebiete  umfassen müßte  und deren  Zentrum in der Nähe
       Berlins liegen  würde. Diese  Zone -  im Laufe des Fortschreitens
       der allmählichen und international kontrollierten Abrüstung immer
       mehr nach  Osten und  Westen ausgeweitet - würde schließlich ganz
       Deutschland, Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn umfassen. Die
       SPD unterbreitete  einen ähnlichen  Plan, den  sie leider glaubte
       aufgeben zu  müssen. Die  britische Arbeiterpartei, der polnische
       Außenminister Rapacki, der amerikanische Botschafter Kennan, mein
       Freund Mendès-France haben interessante Vorschläge ausgearbeitet.
       Sie alle  können als  Diskussionsgrundlage dienen.  Ich bin über-
       zeugt, daß  die Sowjetunion  sich dem nicht entzöge. Ohne die Zu-
       stimmung Chrustschows  hätte Rapacki  seinen Plan  nicht vorlegen
       können. Natürlich muß die militärisch verdünnte Zone sich zu bei-
       den Seiten  einer Linie  auf die gleiche Zahl von Kilometern nach
       Ost und  West erstrecken.  Dieser Plan macht den Austritt der be-
       treffenden Staaten  aus den  Militärbündnissen, wie NATO und War-
       schauer Pakt, notwendig. Dagegen muß er ihnen volle Freiheit hin-
       sichtlich der  politischen und wirtschaftlichen Ausrichtung über-
       lassen. Ihre  normalen wirtschaftlichen  Strömungen dürfen  nicht
       gestört werden,  und ihre  politischen Auffassungen  allein haben
       über die Zugehörigkeit zu politischen Bündnissen zu entscheiden.
       Es scheint  mir, daß dies der einzige Weg ist zur friedlichen Lö-
       sung des  Berlin-Problems. Sonst  kann eine vorübergehende Lösung
       dieser peinlichen Frage nur auf der Basis der Anerkennung der DDR
       durch die  Westmächte und  die Verwandlung  West-Berlins in  eine
       "westliche" Stadt  erreicht werden,  die rechtlich von Bonn abge-
       trennt ist  und der Verwaltung der Besatzungsmächte oder der Ver-
       einten Nationen unterliegt.
       Will man  die Welt  nicht in  die Nuklearkatastrophe stürzen, muß
       man zugeben, daß die gegenwärtigen Umstände kein Ende der Teilung
       Deutschlands in  zwei deutsche  Staaten erlauben. Niemand hat das
       Recht, diesbezüglich  Illusionen zu  erwecken. Daher  stellt  die
       deutsche Wiederaufrüstung  eine äußerste Gefahr dar. Mit der Wie-
       derherstellung seiner  Militärmacht - nach dem bewunderungswürdi-
       gen Aufbau  seiner wirtschaftlichen  Macht - kann man befürchten,
       daß sich  Deutschland von  neuem dem  militaristischen Geist hin-
       gibt. Natürlich findet er seine beste Nahrung in der Trennung des
       Landes, die das Nationalgefühl verletzt. Dies Gefühl ist durchaus
       verständlich, aber es kann sehr gefährlich für die Aufrechterhal-
       tung der  deutschen Demokratie  und des  Weltfriedens sein. Statt
       jedoch zu  verhindern, daß  die Vaterlandsliebe  sich in eine Art
       undurchdachter Kriegspsychose umsetzt, trachten die westdeutschen
       Verantwortlichen jedes  Gefühl zu verschärfen, indem sie sich auf
       die wiedergebildete  Militärmacht berufen. Sollte die Bundesrepu-
       blik, in  direkter oder  indirekter Form, Nuklearwaffen erhalten,
       ist zu befürchten, daß der sowjetische Block das nicht passiv er-
       trägt und  eine Präventivaktion  unternimmt. Nur  die allgemeine,
       international kontrollierte und in Etappen vorgenommene Abrüstung
       kann den Rahmen abgeben für eine befriedigende und endgültige Lö-
       sung des Problems der Wiedervereinigung und der Berlin-Frage. Zur
       Erreichung dieses  Ziels müssen alle Mächte - und die Bundesrepu-
       blik in  erster Linie  - die Versuche Kennedys und Macmillans un-
       terstützen, die  die Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung
       wieder aufzunehmen  trachten. Alles,  was zur  Entspannung führt,
       muß unterstützt  werden. Im  Augenblick ist  Kennedy am besten in
       der Lage, ein Resultat zu erzielen. Weit davon entfernt, ihm Hin-
       dernisse in den Weg zu legen, muß man ihm helfen. Denn, ob man es
       will oder  nicht, die  USA und die UdSSR sind die beiden mächtig-
       sten Staaten.  Von ihrer  Verständigung hängt  das Schicksal  der
       Welt ab.
       Deutschland würde einen Fehler begehen, unterstützte es die Poli-
       tik de  Gaulles und  richtete es seine Haltung danach ein. Obwohl
       der französische  General sich  Vollmachten, insbesondere auf au-
       ßenpolitischem Gebiet,  angeeignet hat,  ist seine Stellung alles
       andere als fest. Heute ist sein Regime von der geheimen, sehr gut
       organisierten faschistischen  OAS  bedroht,  die  morgen  bereits
       einen neuen Aufstand anzetteln kann. Da die Regierung von Männern
       gebildet ist,  die zusammen  mit den OAS-Führern die Vierte Repu-
       blik stürzten,  besteht die  Gefahr eines  Kompromisses  zwischen
       diesen verschiedenen Elementen. Es ist zu erwarten, daß das gaul-
       listische Regime  härter wird und zu einer militär-faschistischen
       Diktatur abgleitet.  Diese Faschisierung  Frankreichs - nicht von
       Dauer, weil  sie den Bürgerkrieg heraufbeschwört - wird auf seine
       Nachbarn, vor  allem auf  die deutschen Militärführer, nicht ohne
       Einfluß sein. Wenn die deutsche Demokratie nicht auf der Hut ist,
       kann sie sich unter den Stiefeln ihrer Generale wiederfinden, die
       mit den  militär-faschistischen Verschwörern  in  Frankreich  be-
       freundet sind. Die Folgen sowohl für Deutschland als auch für den
       Frieden lassen sich unschwer voraussehen.
       

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