Quelle: Blätter 1962 Heft 03 (März)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Buchbesprechungen
       
       ENTFÜHRUNG IN DIE FREIHEIT
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       Simone de  Beauvoir, "Memoiren  einer Tochter  aus gutem  Hause",
       Rowohlt-Verlag, Hamburg.
       ...
       ...
       "Ich lehnte  es ab,  der ungreifbaren Macht der Worte zu weichen;
       was mich aufs tiefste empörte, war, daß ein beiläufig hingesagter
       Satz wie:  'Man muß...,  man darf nicht...' im Handumdrehen meine
       Unternehmungen und Freuden von Grund auf vernichtete. Die Willkür
       der Befehle und Verbote, auf die ich stieß, schien mir ein Beweis
       für die  Substanzlosigkeit zu  sein...", -  schreibt die Beauvoir
       auf Seite 13 ihrer Memoiren.
       "Diese Unausgewogenheit,  die mich  zur Auflehnung treiben mußte,
       erklärt zum großen Teil, daß eine Intellektuelle aus mir geworden
       ist." (S. 41)
       "Man hatte mich dazu erzogen, das, was sein soll, mit dem zu ver-
       wechseln, was  ist; daraufhin  prüfte ich  nicht, was sich hinter
       der Konvention der Worte verbarg." (S. 89)
       "Es wäre  noch zu  wenig gesagt, wenn ich nur behauptete, daß das
       Eigentum mir  als ein geheiligtes Recht erschien. Wie früher zwi-
       schen dem Wort und der Sache, die es bezeichnete, setzte ich auch
       zwischen dem  Besitzer und  seinen Gütern  eine  konsubstantielle
       Verbindung voraus. Zu sagen:
       M e i n   Geld,  m e i n e  Schwester,  m e i n e  Nase bedeutete
       in allen drei Fällen, daß man ein Band bestätigte, das kein Wille
       je zerstören  konnte, weil es jenseits von jeder Übereinkunft be-
       stand." (S. 123)
       "Das Andere  hatte plötzlich  aufgehört, mir  als  das  unbedingt
       Schlechte zu erscheinen: ich sah nicht ein, weshalb man von vorn-
       herein den  Interessen der  anderen diejenigen  vorziehen sollte,
       die angeblich meine waren." (S. 123)
       "Ich lehnte  es unbedingt  ab, mir mit Gewalt Worte (des Urteils)
       in den Mund legen zu lassen." (S. 150)
       "Der Schein  trog, die Welt, die man mir als die wirkliche hinge-
       stellt hatte, war nur eine künstliche Konstruktion." (S. 156)
       "Ich lehnte  die Hierarchien, die Werte, die Zeremonien ab, durch
       welche die  Elite sich  auszeichnete: ich selbst war der Meinung,
       daß meine  Kritik einzig  darauf gerichtet  sei, sie  von  eitlen
       Überlebtheiten zu  befreien, tatsächlich aber zielte sie auf ihre
       Entthronung ab.  Nur das Einzelwesen kam mir wirklich und wichtig
       vor, zwangsläufig aber würde ich dazu kommen, der Gesellschaft in
       ihrer Gesamtheit  vor meiner Klasse den Vorrang einzuräumen." (S.
       183)
       "Meine Eltern übersetzten alles, was ich äußerte, in ihre Sprache
       und unterstellten  mir Ideen,  die nicht  die meinen waren... Ich
       hatte mich  immer gegen den Zwang der Sprache gewehrt; jetzt wie-
       derholte ich  mir häufig den Satz von Barres: 'Warum Worte, diese
       brutale Festlegung,  die unserem  komplizierten Empfinden  Gewalt
       antut?' Sobald  ich den  Mund auftat, gab ich ihnen eine Handhabe
       gegen mich  und wurde  wieder in die Welt zurückgeschleudert, aus
       der ich nach jahrelangem Bemühen endlich entwichen war, die Welt,
       in der  jedes Ding  unwiderruflich seinen  Namen,  seinen  Platz,
       seine Funktion  besaß, wo  Haß und  Liebe, Gut und Böse so scharf
       geschieden waren wie Schwarz und Weiß, wo im voraus alles klassi-
       fiziert, katalogisiert,  bekannt, begriffen und ohne die Möglich-
       keit einer  Berufung verurteilt  war, diese  Welt mit den messer-
       scharfen Graten,  die unter  einem gnadenlosen Himmel lag und die
       nie der Schatten eines Zweifels streifte." (S. 185)
       "Ich teilte  alle Ergriffenheiten der Schriftsteller dieser neuen
       Generation. Von  bürgerlicher Herkunft  wie ich, fühlten sie sich
       wie ich  in ihrer  Haut nicht wohl. Der Krieg hatte ihnen die Si-
       cherheit geraubt,  ohne sie  aus ihrer  Klasse zu  entführen; sie
       lehnten sich auf, doch nicht allein gegen ihre Eltern, ihre Fami-
       lie und  die Tradition.  Angewidert von allem, was man ihnen wäh-
       rend des  Krieges 'eingeredet'  hatte, forderten sie für sich das
       Recht, den  Dingen ins  Auge zu sehen und sie als das zu bezeich-
       nen, was  sie in  Wirklichkeit waren. Indem sie Klischees und Ge-
       meinplätze von  sich wiesen, lehnten sie auch verachtungsvoll die
       alten Weisheiten ab, deren Bankerott sie hätten konstatieren kön-
       nen." (S. 187)
       "Aber der  Humanismus  -  wofern  er  nicht  revolutionär  war  -
       schließt ein,  daß man  zum Universalen  vorstoßen und  dabei ein
       Bourgeois bleiben  kann: ich  aber stellte  einwandfrei fest, daß
       eine solche Hoffnung Selbstbetrug ist." (S. 188)
       "Er (Sartre)  scheute keine Mühe, uns von seinem Wissen profitie-
       ren zu  lassen. 'Er  ist ein  fabelhafter geistiger Trainer', no-
       tierte ich." (S. 322)
       "Ich begriff rasch, daß der Welt, in die mich meine neuen Freunde
       entführten, etwas  Rohes nur  deshalb anhaftete,  weil sie nichts
       bemäntelten; sie  verlangten im Grunde nichts weiter von mir, als
       daß ich wagte, was ich immer gewollt hatte, nämlich der Wirklich-
       keit ins Gesicht zu sehen. Ich brauchte nicht lange Zeit, um mich
       zu entscheiden." (S. 323)
       "Zudem aber  war mir  eine große Chance zuteil geworden; im Ange-
       sicht dieser Zukunft war ich auf einmal nicht mehr allein. Sartre
       entsprach genau  dem, was  ich mir  mit fünfzehn Jahren gewünscht
       und verheißen hatte: er war der Doppelgänger, in dem ich in einer
       Art von Verklärung alles wiederfand, wovon ich auch selber beses-
       sen war.  Mit ihm  würde ich  immer alles  teilen können. Als ich
       mich Anfang  August von ihm trennte, wußte ich, daß er aus meinem
       Leben nie mehr verschwinden würde." (S. 331)
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       Hans von Uslar
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