Quelle: Blätter 1962 Heft 03 (März)


       zurück

       
       DIE WIEDERAUFRÜSTUNG DER BUNDESREPUBLIK (II)
       ============================================
       
       Eine Dokumentation zur "Politik der Stärke"
       -------------------------------------------
       
       Wir setzen  in dieser  Ausgabe den in unserem Februar-Heft begon-
       nenen Vorabdruck  aus einer größeren Dokumentation zur Geschichte
       der westdeutschen  Wiederaufrüstung fort,  die voraussichtlich im
       April als  Sonderdruck der  "Blätter" erscheinen wird. Mit dieser
       Publikation,  die   in  ihrer  Art  in  der  Bundesrepublik  Raum
       ihresgleichen haben dürfte, soll in konzentrierter Form die gewiß
       schwerstwiegende Wendung  der westdeutschen Nachkriegspolitik do-
       kumentiert werden:  der Übergang von den Friedens-, Entwaffnungs-
       und sogar  Neutralitäts-Beteuerungen der  ersten  Nachkriegsjahre
       zur "Politik  der Stärke.  mit allen ihren verhängnisvollen poli-
       tisch-militärischen, wirtschaftlichen und moralischen Folgen.
       Der Sonderdruck  wird einen Umfang von 50 bis 60 Seiten im Format
       der "Blätter"  haben und  für  unsere  Abonnenten  DM  1,50,  für
       Nichtabonnenten DM  2,- kosten. Da die Auflage begrenzt ist, emp-
       fehlen wir unseren Lesern, ihre Bestellung schon jetzt aufzugeben
       und dazu  die diesem  Heft beiliegende  Bestellkarte zu benutzen.
       Verlag und Redaktion
       
       Vorbereitungen
       --------------
       
       In der  Süddeutschen Zeitung schreibt Chefredakteur Werner Fried-
       mann:
       
       Die unbekannten  und in  keinem Planstellenregister verzeichneten
       Dienststellen, die  in Bonn  - vorerst ohne unser Wissen - unter-
       halten werden,  dienen, wie  man  vernimmt,  der  "Vorbereitung".
       Harmlose Gemüter, welche da glauben, es handle sich um die Vorar-
       beiten etwa  für die  Bereitschaftspolizei, würden  schnell eines
       Besseren (oder  Schlechteren) belehrt,  hätten  sie  die  Chance,
       einen Blick  in die  Pläne zu tun... Da spielt - und wir schöpfen
       dieses Wissen  nicht aus unkontrollierbaren Gerüchten - die Poli-
       zeifrage bereits  eine sehr  untergeordnete  Rolle.  Da  geht  es
       längst um  die Grundlagen für das deutsche Kontingent einer euro-
       päischen Wehrmacht.  Da geht es um ein Wehrgesetz, das die allge-
       meine Wehrpflicht vorsieht, da hat man recht genaue Vorstellungen
       über die  Erfassung der  Wehrpflichtigen, da stehen zehn deutsche
       Divisionen auf  dem Papier,  Panzerverbände etwa  in  Stärke  von
       200 000 Mann...
       Süddeutsche Zeitung v. 25.X.1950
       
       Die "Sprache der Macht"
       -----------------------
       
       Dr. Adenauer auf dem CDU-Parteitag in Goslar am 20.10.1950:
       
       Jetzt endlich haben die Westalliierten auch gegenüber Sowjet-Ruß-
       land erkannt,  daß ein  totalitärer Staat nur eine Sprache kennt,
       die Sprache  der Macht,  daß man  mit einem totalitären Staat nur
       dann zu  einem vernünftigen Ergebnis kommt, wenn man bei der Ver-
       handlung mindestens  so stark ist wie er. Nur dann wird ein tota-
       litärer Staat  bereit sein, sich friedlich einzuordnen in das Ge-
       samtgefüge der  Völker, wenn  seine Machthaber  wissen, daß jedes
       Ausbrechen, jeder Angriff für sie selbst schwerste, unter Umstän-
       den vernichtende Folgen hat...
       Lassen Sie  mich noch  einmal meiner  tiefen Überzeugung Ausdruck
       geben, daß  der einzige Weg, den Frieden zu sichern, der ist, den
       die Westalliierten  und die Atlantikpaktstaaten jetzt einzuschla-
       gen beschlossen  haben: nämlich  mit Sowjet-Rußland über die Her-
       stellung eines dauernden Friedens zu verhandeln, nachdem sie sich
       mindestens ebenso stark gemacht haben wie Sowjet-Rußland ist.
       "Deutschland-Union-Dienst" der CDU, Sonderausgabe vom 20.X.1950 -
       1. Parteitag  Goslar. Ausgabe B, Rede des Bundeskanzlers Dr. Kon-
       rad Adenauer S. 6 u. 11
       
       Schwerin plaudert - und muß gehen
       ---------------------------------
       
       Bundeskanzler Dr. Adenauer hat den Berater für Sicherheitsfragen,
       Graf Gerhard Schwerin, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt ent-
       bunden. Das  Bundespresseamt veröffentlichte  am 30.10.1950  dazu
       folgendes Kommunique:
       "Der Berater  des Herrn  Bundeskanzlers in technischen Fragen der
       Sicherheit, Graf von Schwerin, hat in einigen Punkten eine Tätig-
       keit entfaltet,  die über  die ihm erteilten Aufträge hinausging.
       Wenn Graf  von Schwerin  dies auch  auf Mißverständnisse  zurück-
       führt, so  hat er  doch den Herrn Bundeskanzler um Entbindung von
       seiner Aufgabe  gebeten. Der Herr Bundeskanzler hat diesem Wunsch
       entsprochen." Graf Schwerin war von verschiedenen Zeitungen ange-
       griffen worden, weil er in einem inoffiziellen Gespräch mit Jour-
       nalisten die Möglichkeiten einer Wehrpflicht erörtert und erklärt
       hatte, daß  er einen  bezüglichen Gesetzentwurf  im  Auftrag  des
       Kanzlers schon in seiner Schublade habe.
       "Archiv der Gegenwart", 1950, S. 2649
       
       12 Divisionen mit 250 000 Soldaten
       ----------------------------------
       
       Die Mannschaftsstärke  eines  möglichen  westdeutschen  Verteidi-
       gungsbeitrages wurde  jetzt  erstmals  offiziell  angegeben:  Dr.
       Adenauer bezifferte sie auf 12 Divisionen oder 250 000 Mann.
       Bundesinnenminister Dr.  Lehr befürwortet  gleichzeitig in  einem
       Interview mit  "United Press"  die  Aufstellung  von  "mindestens
       70 000 bis  90 000 Mann  Bereitschaftspolizei, damit im Ernstfall
       der Nachschub  der kämpfenden  Truppe sichergestellt und Ruhe und
       Ordnung im Hinterland aufrechterhalten werden kann."...
       Lehr will  die Aufstellung der bisher bewilligten 30 000 Mann ka-
       sernierter Polizei  mit großer  Beschleunigung vorantreiben,  ihr
       noch bessere Waffen geben und sie in verstärktem Maße mit Maschi-
       nenwaffen und leichten Panzern ausrüsten... Lehr befürwortete die
       Wiederaufnahme einer "Produktion von leichten Verteidigungswaffen
       und Munition" in Deutschland.
       Nürnberger Nachrichten v. 11.VII.1951
       
       Armee gegen die Neutralisierung
       -------------------------------
       
       Der Bundeskanzler  auf  einer  CDU-Kundgebung  in  Heidelberg  am
       1.3.1952:
       
       Wenn wir  in der  Europäischen  Verteidigungs-Gemeinschaft  sind,
       dann kann  von einer  Neutralisierung Deutschlands,  ein Gedanke,
       der zeitweise auch in Frankreich Befürworter fand, nicht mehr die
       Rede sein. Und ich bitte Sie bei der Frage "Sollen wir in die Eu-
       ropäische Verteidigungs-Gemeinschaft  eintreten oder nicht?" sich
       immer auch  vor Augen  zu halten, daß die Gefahr der Neutralisie-
       rung Deutschlands  die unmittelbarste Gefahr ist und daß wir die-
       ser Gefahr  nur dadurch  entgehen, daß  wir eben in die Verteidi-
       gungsgemeinschaft eintreten...
       Ich denke  mir die  Entwicklung folgendermaßen:  Wenn der  Westen
       stärker ist als Sowjetrußland, dann ist der Tag der Verhandlungen
       mit Sowjetrußland gekommen.
       Bulletin v. 4.III.1952
       
       Adenauer: "...wenn möglich offensiv gegen Osten"
       ------------------------------------------------
       
       Es wurde  bezweifelt, daß  diese 12 Divisionen überhaupt etwas zu
       bedeuten hätten.  Meine verehrten Damen und Herren, auch das kann
       ich Ihnen und der Öffentlichkeit, wie ich glaube, in wenigen Sät-
       zen klarmachen,  was das zu bedeuten hat. Wenn wir deutsche Divi-
       sionen haben,  dann haben  wir bei der Ausarbeitung der strategi-
       schen Verteidigungspläne mitzusprechen. Es gab zwei Vorstellungen
       solcher Pläne...
       Die zweite Vorstellung war die, die auch Herr Kollege Dr. Schuma-
       cher immer  vertreten hat;  er hat die These vertreten: möglichst
       am Eisernen  Vorhang verteidigen, und wenn möglich offensiv gegen
       Osten. Dieser  These, die  auch Kollege Schumacher vertreten hat,
       verhelfen wir zum Erfolg.
       Deutscher Bundestag, 242. Sitzung vom 5.XII.1952, S. 11 640
       
       Heeresverbinde, Luftwaffe und Marine
       ------------------------------------
       
       Interview der  amerikanischen Nachrichtenagentur United Press mit
       Theodor Blank:
       
       Die zwölf  deutschen Divisionen werden etwa 22 bis 24 Monate nach
       dem Tage  "X", dem  Inkrafttreten des Vertrages über die Europäi-
       sche  Verteidigungsgemeinschaft,   bedingt   feldverwendungsfähig
       sein. Sie  setzen sich  aus den Freiwilligen-Kadern und den wehr-
       pflichtigen Rekruten  zusammen. Die  Bundesrepublik stellt  sechs
       Infanterie-Divisionen, vier  Panzer-Divisionen und  zwei  Panzer-
       Grenadier-Divisionen sowie  eine  taktische  Luftwaffe  und  eine
       kleine Marine  auf. Die  Heeresverbände, zu denen noch Korps- und
       Armeetruppen gehören,  sind etwa  400 000 Mann stark. 20 000 Mann
       sollen in der Marine, etwa 80 000 Mann in der Luftwaffe dienen.
       Wie von unterrichteter Seite ergänzend bekannt wurde, verfügt das
       deutsche Kontingent nach Abschluß der Aufstellungsphase über etwa
       1500 Panzer,  genau so viele Flugzeuge und eine Reihe von kleinen
       Küstenschutzschiffen  bis  zu  1500  Bruttoregistertonnen...  Die
       deutsche Luftwaffe  wird zwanzig Geschwader stark sein und in der
       Mehrzahl über  Jagdbomber verfügen.  Außerdem sind für diese rein
       taktische Luftwaffe  Aufklärer, Jäger und Transportflugzeuge vor-
       gesehen.
       Bulletin v. 13.IV.1954
       
       Nicht Ausgleich, sondern Befreiung
       ----------------------------------
       
       Als Abgeordneter  der Deutschen  Partei erklärte der heutige Bun-
       desminister von Merkatz:
       
       Es gibt  nur   e i n   Deutschland und nur einen deutschen Staat,
       und das  ist die Bundesrepublik, und die Aufgabe ist nicht ein im
       Wege des  Verhandelns und  des Brückenbaus  zu  schaffender  Aus-
       gleich. Die  Aufgabe ist  vielmehr die  Befreiung  der  besetzten
       deutschen Gebiete, die man de facto von uns abgetrennt hat.
       Deutscher Bundestag, 255. Sitzung v. 19.III.1953 S. 12 337
       
       Niemand bildet sich ein...
       --------------------------
       
       Bundeskanzler Dr.  Adenauer gegenüber  dem sowjetischen Minister-
       präsidenten Bulganin am 10.9.1956 im Moskauer Kreml:
       
       Sie haben  davon gesprochen, daß in Deutschland von der "Position
       der Stärke"  geredet werde.  Ich glaube,  daß da  ein sehr großes
       Mißverständnis vorliegt.  Kein Mensch  in Deutschland bildet sich
       etwa ein,  mit der Sowjetunion aus der Position der Stärke heraus
       verhandeln zu können.
       Bulletin, Sonderausgabe v. 20.IX.1955
       
       Strauß spricht vom "Fall Rot"
       -----------------------------
       
       Wir wissen  doch aus  der Vergangenheit, daß der frühere deutsche
       Generalstab das  Rundumdenken hatte.  Da hat  man die Fälle Anton
       bis Zeppelin - Blau, Gelb, Weiß, Grün usw. - gehabt, und da hatte
       man eine  Lösung für  Westen und  Osten -  und nun kam der Norden
       noch hinzu  - in  Generalstabsstudien niedergelegt.  Die Zeit der
       Auseinandersetzung der  europäischen nationalstaatlichen Demokra-
       tien oder  auch nichtnationalstaatlichen  Demokratien ist  histo-
       risch vorbei. Es gibt heute für die militärische Vorbereitung zur
       Verhinderung eines  Krieges nur mehr einen einzigen Fall; das ist
       der Fall Rot und sonst kein Fall mehr auf der ganzen Welt.
       Deutscher Bundestag, 18. Sitzung v. 20.III.1958, S. 870.
       

       zurück