Quelle: Blätter 1962 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG VON DR. GÜNTHER ANDERS
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       ZU DEN NEUEN AMERIKANISCHEN ATOMVERSUCHEN
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       Die Vereinigten  Staaten, die noch vor wenigen Monaten die Gewis-
       senlosigkeit atomarer  Tests mit  äußerster Entrüstung verurteilt
       hatten, haben  nun nicht  nur das  so Verurteilte  selbst  wieder
       durchgeführt, sondern sogar die Kühnheit aufgebracht, ihr Tun mit
       den gleichen  Vorwänden zu  rechtfertigen, die  sie noch eben als
       verlogen gebrandmarkt  hatten; und die Sowjetunion, die noch eben
       das gleiche  getan, hat  den nicht geringeren Mut, in die gleiche
       Entrüstung auszubrechen,  in die  damals die  Vereinigten Staaten
       ausgebrochen waren.  Beide Staaten sollten sich im klaren darüber
       sein, daß dieser nun schon zum Gewohnheitsspiel gewordene Rollen-
       tausch Millionen  mit Mißtrauen,  Empörung und  Verdüsterung  er-
       füllt; und daß diese Millionen in Kürze die zwei einander so ähn-
       lichen Spieler  als einen  einzigen Feind,  den Feind der Mensch-
       heit, betrachten werden.
       Das Tauschspiel ist um so gewissenloser, als es um so verhängnis-
       voller wird,  je länger  es gespielt  wird. Damit meine ich nicht
       nur, daß die gesundheitliche Gefährdung von Mal zu Mal bedrohlich
       anwächst, sondern  auch, daß  die Kontinuität der Tests die Wahr-
       scheinlichkeit eines  atomaren Krieges  kontinuierlich  steigert.
       Vollends verdüstert  uns die  Absurdität dieses  Spieles, denn da
       jedes der  zwei Länder  ohnehin in der Lage ist, das andere, sich
       selbst und  die Unbeteiligten  total auszulöschen,  läuft es  auf
       Schwachsinn  heraus,   die  Macht   der   Totalvernichtung   noch
       'verbessern' zu wollen. Die Tatsache, daß sich dieser Schwachsinn
       innerhalb eines gewaltigen, in sich rational arbeitenden Apparats
       verwirklicht, macht  diesen nicht besser, umgekehrt nur erschrec-
       kender.
       Wir befinden uns bereits in der moralisch beschämenden Situation,
       in der  die Menschheit  denjenigen als  den Retter preisen würde,
       der die  Einsicht aufbrächte,  daß das  Ende nur durch Beendigung
       dieses Spiels  vermieden werden  kann, der also darauf verzichten
       würde, das  letzte Wort  zu behalten. Wer von beiden das tut, ist
       gleichgültig; daß es getan werde, unerläßlich.
       Wien, den 26.4.1962
       

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