Quelle: Blätter 1962 Heft 05 (Mai)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Anmerkungen, Glossen, Zuschriften
       
       ZU BERTRAND RUSSELLS 90. GEBURTSTAG AM 18. MAI
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       "Sollen wir  das Ende  der menschlichen Rasse herbeiführen - oder
       soll die  Menschheit auf den Krieg verzichten? Man will diese Al-
       ternative nicht  sehen, weil  es so  schwer ist,  den Krieg abzu-
       schaffen. Die  Abschaffung des  Krieges bedeutet  unliebsame  Be-
       schränkungen der  nationalen Souveränität.  Was  aber  vielleicht
       mehr als  alles andere  das Verständnis  für die Lage verhindert,
       ist, daß der Begriff 'Menschheit' so unbestimmt und abstrakt ist.
       Man macht  sich in  seiner Vorstellung  kaum klar, daß die Gefahr
       einen selbst,  die eigenen  Kinder und  Enkelkinder bedroht,  und
       nicht nur  eine vage  vorgestellte Menschheit.  Und so hofft man,
       daß man  vielleicht zukünftige Kriege zulassen könnte, sofern nur
       die modernen Waffen verboten würden. Ich fürchte, daß diese Hoff-
       nung auf  einer Illusion beruht. Was immer für Vereinbarungen ge-
       gen die Benutzung von Wasserstoffbomben im Frieden getroffen wer-
       den -  in Kriegszeiten würden diese Vereinbarungen nicht als bin-
       dend angesehen werden."
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       ...
       "Ich persönlich bin natürlich nicht neutral in meinen Sympathien,
       und ich  würde es nicht wünschen, die Kriegsgefahr durch eine un-
       würdige Unterwerfung  des Westens  abgewendet zu  sehen", bekennt
       Russell im  März 1955,  "aber als  ein menschliches Wesen muß ich
       daran denken,  daß, wenn  die Konflikte  zwischen Ost und West in
       einer Weise  entschieden werden  sollen, die  irgendeine mögliche
       Befriedigung für  irgend jemand haben kann, sei er Kommunist oder
       Antikommunist, sei  er Asiate  oder Europäer oder Amerikaner, sei
       er Weißer  oder Schwarzer, diese Konflikte nicht durch Krieg ent-
       schieden werden dürfen."
       ...
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       "Jede Seite  geht von der Annahme aus, daß sie selbst den Frieden
       will, daß  aber die  andere Seite aus Kriegshetzern bestehe. Jede
       Seite meint,  daß sie selbst unerschütterlichen Mut besitze, wäh-
       rend die  andere Seite  aus Feiglingen bestehe, die vor Drohungen
       klein beigeben.  Drohungen auf  der einen Seite rufen jedoch Dro-
       hungen auf  der anderen  hervor und bringen den Krieg näher. Wenn
       Herr Chrustschow  wirklich glaubt,  daß die Explosion einer Bombe
       im Westen  Friedensliebe erzeuge,  so muß  er eine viel geringere
       Kenntnis der  Menschennatur haben, als man ihm glauben kann. Alle
       diejenigen von  uns im  Westen, die  für Vermeidung  eines  Atom-
       krieges arbeiten,  waren fast zur Verzweiflung gebracht durch die
       jetzigen brutalen  Aktionen der Sowjetregierung, während diejeni-
       gen im  Westen, die einen Atomkrieg wünschen, durch jedes Verbre-
       chen und  durch jede  Torheit ermutigt werden, deren sich die So-
       wjetregierung schuldig macht."
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       ...
       "Einige von  uns", führte  er aus,  "haben gemeint,  daß in einem
       Lande, das  sich Demokratie  nennt, die  Öffentlichkeit über  die
       vermutlichen Konsequenzen  der Politik  der Großmächte in Ost und
       West orientiert  werden müßte. Vaterlandsliebe und Menschlichkeit
       treiben uns  in gleicher  Weise an,  ein Mittel  zu suchen, unser
       Land und  die Welt  zu retten...  Wir können dieser Pflicht nicht
       dadurch ausweichen, daß wir uns Befehlen beugen, die nach unserer
       Überzeugung nicht gegeben würden, wenn die Wahrscheinlichkeit und
       die Schrecken  eines Atomkrieges  allgemein bekannt  wären... Wir
       sind bereit,  Gefängnis auf  uns zu nehmen, weil wir glauben, daß
       dies die  wirksamste Art  ist, unser Land und die Welt zu retten.
       Wenn Sie  uns verurteilen,  werden Sie  (durch das in der Öffent-
       lichkeit erregte Aufsehen) unserer Sache und damit der Menschheit
       helfen."
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       "Ein gutes  Leben wird  angetrieben durch Liebe und geführt durch
       Wissen. Wissen und Liebe haben beide keine Grenzen. Wie gut daher
       ein Leben  sein mag,  können wir uns doch immer ein noch besseres
       denken. Weder  Liebe ohne Wissen noch Wissen ohne Liebe können zu
       einem guten  Leben führen.  Wenn im Mittelalter die Pest ins Land
       kam, veranlaßten  die Geistlichen  die Menschen, sich in den Kir-
       chen zu  versammeln und  um Erlösung  zu beten. Als Resultat ver-
       breitete sich die Ansteckung mit ungeheurer Geschwindigkeit unter
       den angehäuften  Massen der  Betenden. Das  war ein  Beispiel für
       Liebe ohne  Wissen. Der  letzte Krieg war ein Beispiel für Wissen
       ohne Liebe. In beiden Fällen war das Ergebnis unermeßlicher Tod."
       Unbestechlich auch  den eigenen  Wünschen gegenüber,  ist Russell
       ein großer Skeptiker; sein Optimismus ist klein, aber nie läßt er
       sich ganz  von Zweifeln  erdrücken: "Ich  hoffe, wenn  auch nicht
       sehr zuversichtlich,  daß die  Menschen lernen  werden, sich  das
       Glücklichsein zu  gestatten - selbst wenn sie dabei das Glück je-
       ner in  Kauf nehmen müssen, die sie bisher gehaßt haben. Wenn sie
       das rechtzeitig  lernen, kann die Wissenschaft die Grundlagen für
       ein neues  Goldenes Zeitalter schaffen. Wenn sie es nicht lernen,
       wird jede Vergrößerung ihres Wissens nur ein weiterer Schritt zur
       endgültigen und unabänderlichen Katastrophe sein."
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       Wolfgang Baranowsky
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