Quelle: Blätter 1962 Heft 06 (Juni)


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       CHRONIK DES MONATS MAI 1962
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       1.5. - K e r n w a f f e n.   In der  südlichen Sahara unternimmt
       Frankreich eine  unterirdische Atombombenexplosion.  Der Versuch,
       der ursprünglich  geheim bleiben sollte, wurde von amerikanischen
       Beobachtungsstationen registriert und bekanntgegeben.
       
       2.5. - B u r m a.  Das Regierungsprogramm des Anfang Mai gebilde-
       ten Revolutionären  Rates ("Burmesischer  Weg  zum  Sozialismus")
       sieht eine  Nationalisierung "aller  Mittel der  Produktion,  der
       Verteilung, des  Transport- und  Verkehrswesens und des Außenhan-
       dels" vor.
       - A l g e r i e n.  104 Muselmanen und 6 Europäer kommen bei Ter-
       roranschlägen  ums  Leben.  Die  Polizei  verzeichnet  damit  die
       höchste Zahl  von Toten an einem Tage seit Beginn des algerischen
       Krieges im Jahre 1954.
       
       3.5. - B e l g i e n.   Die Regierung  sehe keinen  Anlaß für die
       Verlängerung der zwölfmonatigen Wehrpflicht, teilt Ministerpräsi-
       dent Lefevre mit.
       - O s t - W e s t - K o n t a k t e.   Im  Weißen  Haus  empfängt
       Präsident Kennedy den sowjetischen Astronauten Major Titow zusam-
       men mit dessen amerikanischem Kollegen Oberst Glenn.
       
       4.5. - N e u - G u i n e a.   Indonesische Streitkräfte errichten
       einen Brückenkopf in der Nähe des Hafens Fakfak im Süden der hol-
       ländischen Kolonie.
       
       4.-6.5 - V e n e z u e l a.  Von der Stadt Carupano geht ein Auf-
       standsversuch oppositioneller  Militärs aus.  Die  Regierung  muß
       Truppen, unterstützt von Kampfflugzeugen, einsetzen.
       
       4.-6.5. - N A T O.  Die Außenminister der Mitgliedsstaaten billi-
       gen auf  ihrer Frühjahrstagung  in Athen die Fortführung der Son-
       dierungsgespräche zwischen  den Vereinigten  Staaten und  der So-
       wjetunion über  Berlin und  die Deutschland-Frage. Großbritannien
       und die  USA lehnen  die Übergabe  atomarer Waffen  in die Verfü-
       gungsgewalt der NATO - wie sie auch der deutsche Verteidigungsmi-
       nister häufig gefordert hat - ab.
       
       5.5. - S p a n i e n.  Die seit April andauernden Streiks der Me-
       tallarbeiter und  Bergleute dehnen  sich aus,  obwohl die Polizei
       mehr als 200 Personen verhaftet hatte, in denen die Organisatoren
       des Ausstandes vermutet wurden. Madrid verhängt in drei Provinzen
       den Ausnahmezustand.
       - L a o s.   Streitkräfte der  Pathet-Lao-Bewegung  besetzen  die
       Stadt Nam Tha und kontrollieren seitdem den ganzen Nordwesten des
       Landes.
       
       6.5. - I t a l i e n.   Erst im  neunten Wahlgang gelingt den 854
       Abgeordneten, Senatoren  und  Regionaldelegierten  die  Wahl  des
       neuen Staatsoberhauptes.  Nachfolger von  Präsident Gronchi  wird
       der christlich-demokratische Politiker Segni.
       
       7.5. - D e u t s c h l a n d f r a g e.   Äußerungen des  Bundes-
       kanzlers in Westberlin über die amerikanisch-sowjetischen Gesprä-
       che ("Ich  habe nicht  die leiseste Hoffnung, daß es bei den Ost-
       West-Verhandlungen zu einem Ergebnis kommen wird.") lassen erneut
       die Meinungsverschiedenheiten zwischen Bonn und Washington erken-
       nen. Adenauer  spricht sich  gegen die  amerikanischen Pläne  für
       eine Kontrolle des Zugangs nach Berlin unter Einschaltung der DDR
       und drei  neutraler Staaten  aus und provoziert damit eine Erklä-
       rung des  State Departments, das die Bundesregierung auf das Feh-
       len eigener  Vorschläge zur Lösung des Berlin-Konflikts hinweist.
       - Prof.  Grewe wird von seinem Posten als Botschafter in Washing-
       ton abberufen.
       - K o n g o.  Nachträglich hebt das Zentral-Parlament die Immuni-
       tät des  stellvertretenden Ministerpräsidenten  Gizenga auf,  der
       sich bereits seit Monaten auf der Insel Bana-Bemba in Haft befin-
       det.
       
       8.5. - B e r l i n.   General Clay  verläßt die  Stadt, um seinen
       Direktorenposten in  der amerikanischen Industrie wieder zu über-
       nehmen.
       
       9.5. - K e r n w a f f e n.   Im Namen  der acht neutralen Länder
       auf der  Abrüstungskonferenz fordert der indische Delegierte Lall
       von den  Atommächten, endlich "ernsthafte Verhandlungen" über den
       Vorschlag für  die Kontrolle eines Kernwaffenversuchsstop vom 16.
       April zu  beginnen und  den "Interpretationsstreit" einzustellen.
       Grundgedanke des  gemeinsamen Vorschlags  der "Blockfreien"  - so
       wiederholt der schwedische Vertreter - sei eine Überwachung durch
       nationale Kontrollposten  und ein "nicht-politisches" internatio-
       nales Wissenschaftler-Gremium.  - UN-Generalsekretär  U Thant be-
       zeichnet in Kopenhagen die Einrichtung atomwaffenfreier Zonen als
       einen "guten Anfang für die Abrüstung".
       - D e u t s c h l a n d f r a g e.  Die "Erkundungsgespräche" mit
       der Sowjetunion  werden trotz  der Einwendungen  aus Bonn fortge-
       setzt, erklärte Präsident Kennedy auf seiner Pressekonferenz. Aus
       dem State  Department verlautet,  es sei  ebenfalls nicht an eine
       Änderung der ausgearbeiteten Berlin-Pläne gedacht. - Bundesaußen-
       minister Schröder  empfängt den in der Bundeshauptstadt weilenden
       Pressechef des Weißen Hauses, Pierre Salinger.
       - S p a n i e n.  24 Persönlichkeiten des kulturellen Lebens for-
       dern die spanischen Intellektuellen auf, von ihrem Petitionsrecht
       Gebrauch zu  machen und  für Gewerkschafts-  und  Presse-Freiheit
       einzutreten.
       
       11.5. - A l g e r i e n.   Die Provisorische  Exekutive setzt die
       Volksabstimmung über  die Unabhängigkeit  auf den 1. Juli und die
       Wahl zur  ersten allgemeinen Nationalversammlung auf den 22. Juli
       fest.
       
       12.5. - L a o s.   Einheiten der  7. US-Flotte  laufen auf Befehl
       des Präsidenten den Golf von Siam an. Am Mekong bezieht auf thai-
       ländischem Boden  amerikanische Infanterie Stellung. - Die laoti-
       sche Regierung verhängt den Ausnahmezustand.
       - O s t - W e s t - K o n t a k t e.   Kennedys Pressechef Salin-
       ger besucht  Moskau und wird von Ministerpräsident Chrustschow zu
       mehrstündigen Gesprächen empfangen.
       
       14.-19.5. - D D R.   Während seines Besuchs in der Tschechoslowa-
       kei wiederholt der Staatsrats-Vorsitzende Ulbricht seine Vorstel-
       lungen einer  Berlin-Lösung: Freier  Zugang nur bei Respektierung
       der Souveränität  der DDR; Entmilitarisierung und Abschaffung der
       Besatzungsrechte in Westberlin; Friedensvertrag mit Deutschland.
       
       14.-20.5. - B u l g a r i e n.   Seine erste  Auslandsreise  seit
       der Begegnung  mit Präsident  Kennedy in  Wien führt den sowjeti-
       schen Ministerpräsidenten  Chrustschow nach  Bulgarien.  In  ver-
       schiedenen Reden  polemisiert er  gegen die  amerikanische  Abrü-
       stungs- und Deutschlandpolitik.
       
       15.5. - F r a n k r e i c h.   Staatspräsident de  Gaulle  wendet
       sich auf  seiner Pressekonferenz gegen Pläne für ein "supranatio-
       nales Europa"  und beharrt  auf der  "nationalen  Atomwaffe"  für
       Frankreich. Verhandlungen  über die  deutsche Frage  seien gegen-
       wärtig "nutzlos"  und "gefahrdrohend".  Wegen der  Europa-Politik
       des Generals  erklären daraufhin  die fünf  Minister  der  katho-
       lischen MRP  im Kabinett  Pompidou ihren  Rücktritt. - Der Prozeß
       gegen den OAS-Chef Salan beginnt.
       
       16.5. - S p a n i e n.  Die Streikbewegung dehnt sich auf weitere
       Landesteile aus.
       
       18.5. - L a o s.  Via London kehrt der in Frankreich lebende neu-
       tralistische Politiker  Souvanna Phouma  nach Vietnam  zurück, um
       dort die Verhandlungen über eine Koalitions-Regierung wieder auf-
       zunehmen, der  sich vor allem das pro-westliche Kabinett Boun Oum
       bisher widersetzte.
       
       19.5. - A r g e n t i n i e n.   Das Parlament wird aufgelöst und
       die   Parteien    unter   Regierungsaufsicht    gestellt.    Eine
       "Wiederholung" der Wahlen wird auf den 31. März 1963 angesetzt.
       
       20.5. - B u n d e s w e h r.   Aus  dem  Verteidigungsministerium
       verlautet, daß  die westdeutschen Streitkräfte "in nächster Zeit"
       von bisher  390 000 Mann  auf den Stand von 500 000 gebracht wer-
       den, um damit ihre "Sollstärke" zu erreichen.
       
       22.5. - P r e i s e.   Nach heftigem  Tauziehen im  Kabinett, den
       Parlamentsausschüssen und der CDU-Fraktion beschließt der Bundes-
       tag, die  Zölle für Kleinwagen aus den EWG-Ländern um 50% zu sen-
       ken, um  damit einen  "Druck auf  die  Autopreise"  auszuüben.  -
       Zugleich wird  das "Baustopgesetz"  verabschiedet, das  die  Ein-
       schränkung öffentlicher  Bauten, darunter  auch des  Straßenbaus,
       vorsieht.
       
       22.5. - D e u t s c h l a n d f r a g e.     Die  Bundesregierung
       übermittelt dem  amerikanischen Botschafter  ein Memorandum  über
       die Berlin-Frage und den Zugang nach Westberlin.
       - S p a n i e n.   Zugleich mit  der Erhöhung  der Löhne  für die
       streikenden Bergarbeiter setzt die Regierung den Kohlepreis um 75
       Peseten pro Tonne herauf.
       
       23.5. - F r a n k r e i c h.  Zu lebenslänglicher Haft verurteilt
       ein Militärtribunal den Chef der OAS, General Salan. Ein gleiches
       Gericht hatte  über General  Jouhaud -  Salans Untergebenen - die
       Todesstrafe verhängt.  Jouhauds Anwälte  verlangen eine  Revision
       für ihren Mandanten.
       - E W G.   Gegen die  Diskriminierung durch den Gemeinsamen Markt
       protestieren die  lateinamerikanischen Staaten und drohen mit Ab-
       wehrmaßnahmen.
       
       23.-25.5. - F D P  - P a r t e i t a g.   Die  Freien  Demokraten
       beschließen, ihren Koalitionskurs mit der CDU fortzusetzen.
       
       24.5. - W e l t r a u m.   Dem amerikanischen  Astronauten  Major
       Carpenter gelingt ein mehrstündiger Flug.
       
       26.5. - A b r ü s t u n g.   Die beiden Co-Präsidenten der Genfer
       Konferenz Dean  (USA) und  Sorin (UdSSR) stellen ihren Arbeitsbe-
       richt an  die Vereinten  Nationen fertig. - Am 29.5. verlangt die
       sowjetische Delegation Änderungen an einem zunächst gemeinsam mit
       den Vereinigten  Staaten vorgelegten  Antrag über  das Verbot der
       Kriegspropaganda. (Vergl. den Textteil dieses Heftes.)
       
       26.-30.5. - S P D - P a r t e i t a g.   Vor den Delegierten set-
       zen sich  mehrere Vorstandsmitglieder  für die  Annahme der  Not-
       standsgesetzgebung ein.  Bürgermeister Brandt - der zum stellver-
       tretenden Vorsitzenden gewählt wird -, läßt den Wunsch nach einer
       "großen Koalition" durchblicken.
       
       28.5. - B ö r s e n k r a c h.  Als "schwarzen Montag" bezeichnen
       Beobachter die  Kursstürze an der New Yorker Börse, die zu Panik-
       verkäufen auch in den europäischen Wirtschaftszentren führen. Die
       Frankfurter Börse  verzeichnet die  stärksten Kurseinbrüche  seit
       der DM-Aufwertung.
       
       30.5. - D e u t s c h l a n d f r a g e.     Außenminister   Rusk
       nimmt seine  Gespräche mit Sowjetbotschafter Dobrynin über Berlin
       wieder auf.
       
       31.5. - E i c h m a n n.   Wenige Stunden  nach der Ablehnung der
       Gnadengesuche durch  den israelischen Staatspräsidenten, Ben Zwi,
       wird der  ehemalige "Judenreferent"  im Reichssicherheitshauptamt
       hingerichtet.
       

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