Quelle: Blätter 1962 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WASHINGTONS ERKLÄRUNG ZU DEN BERLIN-GESPRÄCHEN
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       Die vom  Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, White, am
       Dienstag abend  verlesene Erklärung  zu den Sondierungsgesprächen
       über Berlin hat folgenden Wortlaut:
       "Während der letzten vier Jahre der durch die Sowjetunion herbei-
       geführten Krise  um Berlin haben die Vereinigten Staaten und ihre
       westlichen Verbündeten  eine Anzahl von Vorschlägen ausgearbeitet
       und der  Sowjetunion vorgelegt,  die dazu bestimmt waren, zur Lö-
       sung des Deutschland- und Berlin-Problems beizutragen.
       Der Vorschlag  einer internationalen  Kontrollbehörde für den Zu-
       gang nach Berlin war, wie frühere Vorschläge, als Mittel gedacht,
       die bestehende  Situation zu  verbessern. Er wurde den westlichen
       Verbündeten von den Vereinigten Staaten vor annähernd sechs Mona-
       ten zur  Begutachtung vorgelegt  und wurde seit dieser Zeit erör-
       tert. Die  groben Umrisse des Vorschlags wurden durch Botschafter
       Thompson dem  sowjetischen Außenminister  Gromyko während der er-
       sten Runde der zweiseitigen amerikanisch-sowjetischen Erkundungs-
       gespräche übermittelt.
       Während wir  glauben, daß  die Bildung  einer internationalen Be-
       hörde zur  Sicherstellung der  freien Durchfahrt von Personen und
       Waren nach und von West-Berlin eine zufriedenstellende Lösung des
       Problems des  freien Zugangs  für die  nächste Zukunft darstellen
       könnte, sind  wir nicht  mit einer bestimmten Formulierung dieses
       Vorschlages verheiratet.  Wie immer  sind wir  für Anregungen und
       die Vorlage  von Alternativvorschlägen unserer Verbündeten aufge-
       schlossen, die zur Lösung dieses Problems bestimmt sind.
       Da solche  Alternativvorschläge fehlen,  glauben wir, daß der ge-
       genwärtige Vorschlag  als nützliche Grundlage für sondierende Ge-
       spräche mit  der Sowjetunion  dienen kann,  um eine Lösung dieses
       sehr schwierigen Problem zu finden.
       Was die  Gespräche selbst  betrifft, möchte  ich gern daran erin-
       nern, daß  wir zu  Beginn dieser Erkundungsgespräche klargestellt
       haben, daß  wir nicht irgendwelche großen Erwartungen hegten, die
       Gespräche  würden   notwendigerweise  zu   einem  sofortigen  und
       weitreichenden Übereinkommen  mit der Sowjetunion in der Deutsch-
       land- und Berlin-Frage führen.
       Sowohl der  Präsident als auch der Außenminister haben wiederholt
       erklärt, daß  es angesichts der potentiell gefährlichen Natur des
       Berlin-Problems und der persönlichen Opfer, zu denen die amerika-
       nische  Bevölkerung   zur   Erfüllung   unserer   Verpflichtungen
       West-Berlin gegenüber aufgerufen wurde und noch aufgerufen werden
       kann, eine  Pflicht der  Regierung der  Vereinigten Staaten  war,
       jede Möglichkeit zu erkunden, um ein gewisses Maß von Übereinkom-
       men mit  der Sowjetunion  über das  Berlin-Problem zu finden. Wir
       sind immer  noch überzeugt von der Richtigkeit dieser Politik und
       werden unsere Erkundungsgespräche mit der Sowjetunion nach einge-
       hender Beratung mit unseren westlichen Alliierten fortsetzen."
       FAZ v. 10.V.62
       
       WIEDERVEREINIGUNG UND BEZIEHUNGEN BUNDESREPUBLIK - DDR
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       ERGEBNISSE EINER UMFRAGE
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       Die Wiedervereinigung  steht bei  der Bevölkerung der Bundesrepu-
       blik und West-Berlins nach wie vor im Vordergrund aller Probleme.
       Zu diesem Ergebnis kommt eine Repräsentativerhebung des Frankfur-
       ter Divo-Institutes.  40 Prozent der Befragten in der Bundesrepu-
       blik und  34 Prozent in West-Berlin bezeichneten die Wiederverei-
       nigung als  das wichtigste deutsche Problem. Bei nur zehn Prozent
       stand ein  unpolitisches Problem,  meist ein wirtschaftliches, an
       erster Stelle.
       Die Aussichten  auf eine Wiedervereinigung wurden jedoch überwie-
       gend pessimistisch  beurteilt. Nur 15 Prozent hielten sie für gut
       oder sehr gut, 63 Prozent jedoch für schlecht oder sehr schlecht.
       Am optimistischsten sind die Heimatvertriebenen aus den Ostgebie-
       ten. Fast jeder Vierte sieht gute oder sehr gute Chancen für eine
       Wiedervereinigung. Flüchtlinge  aus der  Sowjetzone waren dagegen
       noch pessimistischer als die Einheimischen.
       
       Für Verhandlungen mit Pankow
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       Nur geringe Unterschiede ergaben sich in der Beurteilung der ver-
       schiedenen Möglichkeiten,  die Wiedervereinigung  herbeizuführen.
       Verhandlungen mit  der Pankower  Regierung wurden  von 40 Prozent
       der Befragten  befürwortet und  von 25 Prozent abgelehnt. 60 Pro-
       zent waren für direkte Beziehungen der Bundesregierung zur Regie-
       rung der Sowjetzone. Die Möglichkeit, die Wiedervereinigung durch
       einen Sicherheitspakt  zu erreichen, wurde von 38 Prozent positiv
       und von 22 Prozent negativ beurteilt. Der dritte Vorschlag - Wie-
       dervereinigung durch  Stärkung der NATO - fand die Zustimmung von
       35 Prozent der Befragten, während 26 Prozent dagegen waren.
       Kölner Stadtanzeiger v. 21.V.62
       
       GEFRIERPUNKT UNTERSCHRITTEN...
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       Das Bonn-Washington-Klima  hat den  Gefrierpunkt  unterschritten.
       Tauwetter kann nur eintreten, wenn Bonn tatsächlich versucht, den
       eingefrorenen US-Präsidenten mit neuen Ideen aufzuweichen. Es ist
       schwer denkbar,  daß wir immer nur stereotyp wiederholen: Wieder-
       vereinigung! Die ist jetzt nicht realisierbar.
       Abendpost v. 10.V.62
       
       ADENAUERS STANDPUNKT ABGEDROSCHEN UND GEFÄHRLICH
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       Adenauer selbst  hat  keine  Alternativpolitik  anzubieten.  Zehn
       Jahre lang hat er argumentiert, daß der Weg zur deutschen Einheit
       lautet, das ostdeutsche Regime verschleiert zu halten, bis es von
       selbst zusammenbricht.  Alles, was damit erreicht wurde, ist eine
       ständige Verstärkung  Ostdeutschlands durch  die Sowjets und eine
       Versteifung der Teilung zwischen Ost und West.
       Adenauers Standpunkt  ist abgedroschen  und gefährlich, da er nur
       zu einem  separaten Friedensvertrag  zwischen der Sowjetunion und
       Ostdeutschland führen kann und damit zur Vergrößerung der Schwie-
       rigkeiten über den Zugang nach Berlin.
       The Guardian v. 10.V.62
       

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