Quelle: Blätter 1962 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE ABSCHLUSS-RESOLUTION DES MOSKAUER WELTKONGRESSES
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       FÜR ALLGEMEINE ABRÜSTUNG UND FRIEDEN, 9.-14. JULI 1962
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       Wir sind  aus allen Teilen der Erde nach Moskau gekommen, gehören
       allen Berufen  an und  haben verschiedene  Meinungen. Mit größtem
       Freimut haben  wir eine  Woche lang Fragen erörtert, die sich aus
       der Gefahr  eines die Menschheit bedrohenden Atomkrieges ergeben.
       Durch unsere Diskussionen sind wir einander nähergekommen und da-
       von überzeugt:  Es ist  möglich, die heute über allen Ländern und
       Völkern schwebende Gefahr zu bannen.
       Wettrüsten erhöht Spannung und Mißtrauen unter den Staaten. Span-
       nung und  Mißtrauen unter  den Staaten verstärken Wettrüsten. Auf
       diese Weise  entsteht ein Teufelskreis. Die zerstörende Kraft der
       Waffen wird immer furchtbarer, und doch hört man Stimmen, die ei-
       nem Präventivkrieg das Wort reden.
       Trotzdem glauben wir fest daran, daß die Abrüstung nicht nur eine
       zwingende Notwendigkeit ist; ja, sie ist möglich! Gestern war Ab-
       rüstung ein  Traum der  besten Geister  der Menschheit. Heute ist
       sie eine Aufgabe, die vor jedem von uns steht.
       Die Last des Wettrüstens abzuwerfen, würde Gewinn für alle bedeu-
       ten: Abrüstung  würde Mittel  freimachen, die ausreichen, den Le-
       bensstandard für  alle zu  heben; Abrüstung würde die Ausgabe von
       Geldern ersparen,  die dazu benützt werden könnten, das Tempo des
       Aufschwungs von  bisher ökonomisch  unterentwickelten Ländern  zu
       beschleunigen; Abrüstung  würde alle  ausländischen militärischen
       Stützpunkte beseitigen  und den Abzug aller ausländischen Truppen
       mit sich  bringen; sie  würde dadurch  den Völkern in ihrem Kampf
       für nationale  Unabhängigkeit helfen. Die Abrüstung muß allgemein
       und vollständig  sein, sie muß unter genauer internationaler Kon-
       trolle vollzogen  werden. Es  kann weder Abrüstung ohne Kontrolle
       noch Kontrolle ohne Abrüstung geben.
       Wir haben die Hindernisse, die der Verwirklichung entgegenstehen,
       eingehend  studiert,  und  wir  wissen,  daß  die  Verwirklichung
       schwierig sein  wird. Manche  lehnen sogar  Verhandlungen ab, die
       einen aus Blindheit und Trägheit, die anderen aus privatem Eigen-
       nutz oder militärischem Ehrgeiz. Wir sind indessen überzeugt, daß
       alle Hindernisse  überwunden werden  können. Jeder Abrüstungsplan
       mag schwache  Punkte enthalten, jedoch meinen wir, es ist besser,
       sich durch einen Kompromiß, den alle annehmen können, zu verstän-
       digen, als das Wettrüsten fortzusetzen.
       Indessen hat die Erfahrung gelehrt, daß es eine gefährliche Illu-
       sion wäre  zu glauben, die Abrüstung würde von selbst kommen. Man
       darf sich  nicht nur  auf Diplomaten und Militärspezialisten ver-
       lassen, die  ihre Beratungen  über Jahre  hinziehen. Nur  die An-
       strengung der  Völker aller Länder kann die Staatsmänner zwingen,
       eine Lösung  zu finden.  Selbst zahlreiche  individuelle Proteste
       genügen nicht mehr. Die Zeit ist gekommen, eine mächtige Bewegung
       des  Widerstandes  gegen  Aufrüstung  und  Kriegsvorbereitung  zu
       schaffen.
       Wenn die  Menschheit in den letzten siebzehn Jahren vor dem Sturz
       in einen  Atomkrieg bewahrt  wurde, so ist das vor allem ein Ver-
       dienst des  unermüdlichen Friedenskampfes  der Völker.  Aber  wir
       müssen offen  zugeben, daß es noch viele gibt, die sich vom akti-
       ven Kampf gegen das Wettrüsten fernhalten.
       Allen, die  die Gefahr eines Atomkrieges noch nicht begriffen ha-
       ben, allen,  die sich weder den ganzen Ernst der Gefahr noch ihre
       eigene Verantwortung für die Rettung des Friedens klargemacht ha-
       ben -  ihnen allen sagen wir: Begreift, in welcher Gefahr wir le-
       ben, schließt  Euch den  Reihen jener  an, die  für Abrüstung und
       Frieden kämpfen!
       Die Zeit  drängt. Schon  morgen können sich Kernwaffen in den Ar-
       senalen Dutzender  von Ländern  stapeln, und  die Vervollkommnung
       der Beförderungsmittel  für solche Waffen kann jede Kontrolle un-
       möglich machen.
       Wir wenden  uns entschlossen  gegen alle  Versuche mit Atombomben
       und ähnlichen  Waffen, einmal  weil sie  Leben und Gesundheit der
       heutigen und  kommender Geschlechter  bedrohen, zum  anderen weil
       sie das Tempo des Wettrüstens beschleunigen.
       Wir wenden  uns an  die Regierungen  aller Mächte, die Kernwaffen
       besitzen und  rufen sie  auf, ohne Verzug eine Verständigung über
       die Einstellung aller Kernwaffenversuche herbeizuführen und einen
       Vertrag abzuschließen,  der für  immer und  überall jeden solcher
       Versuche verbietet  - in  der Atmosphäre,  im Weltraum, unter der
       Erde und unter Wasser.
       Diese Vereinbarung  wäre ein  erster Schritt  zum völligen Verbot
       und zur Vernichtung aller Kernwaffen und ihrer Beförderungsmittel
       unter strenger  Kontrolle. Unser  hauptsächliches und  dringendes
       Ziel ist  der Abschluß  eines Vertrages  zwischen den Regierungen
       über die allgemeine und vollständige international genau kontrol-
       lierte Abrüstung.  Darum fordern  wir die Wahl praktischer Metho-
       den, die  eine Erörterung der vorliegenden Abrüstungspläne erlau-
       ben, damit es in kürzester Zeit zu einem Vertragsabschluß kommt.
       Der Druck  der öffentlichen  Meinung und die Bemühungen neutraler
       Länder haben  dazu beigetragen, daß die Auffassungen der wichtig-
       sten verhandelnden  Mächte über die Prinzipien der Abrüstung sich
       in einem gewissen Maße näher gekommen sind. Aber durch ernsthafte
       Meinungsverschiedenheiten bleiben die Verhandlungen immer noch in
       einer Sackgasse.  Nur wenn die Völker ihren Druck verstärken, ist
       ein Vertragsabschluß sicher.
       Die Kräfte des Friedens müssen ein Beispiel geben. Sie müssen un-
       ter sich ein besseres Verständnis schaffen und das trennende Miß-
       trauen zerstreuen.  Wir meinen,  daß unser Kongreß zu dieser Auf-
       gabe einen großen Beitrag geleistet hat. Nun müssen Wege gefunden
       werden, die  jedem Land  und jeder  Organisation angemessen sind,
       damit der  gute Anfang  gute Folgen zeitigt. Trägheit schadet dem
       Frieden.
       Von uns allen hängt es ab, wann der Tag kommt, der die Menschheit
       von der Gefahr des Atomtodes befreit. Viele sind wir, die Frieden
       wollen. Wenn  alle tätig  sind, und  wenn alle Tätigen in Freund-
       schaft zusammen wirken, können wir den Weg zu unserem gemeinsamen
       Ziel freilegen - den Weg zum dauerhaften Frieden.
       Moskau, den 14. Juli 1962.
       

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