Quelle: Blätter 1962 Heft 08 (August)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Dr. Ernst Schwarz
       
       "MÜNCHEN" UND DAS SELBSTBESTIMMUNGSRECHT
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       "Die tschechischen Aufzeichnungen jener Zeit legen von der tiefen
       Niedergeschlagenheit und  der großen  Bitterkeit Zeugnis  ab, die
       die Haltung  der Westmächte  in Prag  hervorgerufen hat;  sie be-
       zeichnen die  unerhörte Zwangslage, in die London und Paris durch
       ihren zusätzlichen  Druck die Tschechoslowakei angesichts des er-
       presserischen Vorgehens  Hitlers versetzten, als einen unverdien-
       ten Schimpf,  der einem zu seiner Verteidigung bereiten Volke an-
       getan werde.  Richtig ist,  daß im September eine Welle patrioti-
       schen Widerstandes  die tschechische Bevölkerung ergriff, die die
       zum Nachgeben  bereite Regierung  Hodscha wegfegte  und Präsident
       Benesch zwang, den volkstümlichen General Syrovy zum Ministerprä-
       sidenten zu  ernennen. Am  23. September ordnete die Regierung in
       Prag die  Generalmobilmachung an.  Die tschechoslowakische  Armee
       zählte mit  etwas über  30 Divisionen  anderthalb Millionen Mann,
       von denen 300 000 Sudetendeutsche und 80 000 Ungarn und Polen wa-
       ren; die  Befestigungen im  böhmischen Viereck waren in gutem Zu-
       stand, und  bei einem  Rückzug war ein Widerstand in den Karpaten
       möglich. Als  der Gesandte  in London,  Jan Masaryk,  Chamberlain
       darauf aufmerksam  machte, daß  sein mit Hitler vereinbarter Tei-
       lungsplan die  tschechoslowakischen Befestigungen  mit einem rei-
       chen Vorrat an modernem Kriegsmaterial und Munition den Deutschen
       ausliefern werde,  schien der  Premierminister völlig  überrascht
       von dieser  Mitteilung. Merkwürdigerweise  scheint auch der nicht
       unwesentliche Gesichtspunkt, daß nach Abtretung des Sudetenlandes
       das sehr  beträchtliche Industriepotential  der  Tschechoslowakei
       Hitlers Kriegswirtschaft  zur Verfügung stehen werde, bei den Be-
       ratungen der  britischen und  französischen  Minister  nicht  zur
       Sprache gekommen  zu sein.  Böhmen und  Mähren bilden  eine Wirt-
       schaftseinheit, was zur Folge haben mußte, daß nach der Abtretung
       des Sudetenlandes die übrigbleibende tschechoslowakische Republik
       wirtschaftlich in  die Abhängigkeit  des Dritten  Reiches geriet.
       Die Auslieferung  des Festungsgürtels  an Deutschland  machte den
       tschechischen Rumpfstaat  auch politisch wehrlos. Daß Chamberlain
       keinen anderen  Gedanken im  Kopf hatte  als die  Nationalitäten-
       frage, geht auch daraus hervor, daß er sich bei Hitler für die in
       den abgetretenen Gebieten verbleibende tschechische Bevölkerung -
       mehr als  eine halbe  Million Menschen  - verwendete und ihn bat,
       daß sie bei ihrer Aussiedlung etwas Habe mitnehmen und die Bauern
       ihre Kühe  mitführen dürften. Gegen die Arglosigkeit dieses alten
       Mannes hatte allerdings Hitler kein allzu schweres Spiel.
       Was mit  der Parole  der gerechten Wiedergutmachung am Deutschtum
       in Böhmen  und Mähren  begonnen hatte,  konnte keine andere Folge
       haben, als  daß das  Tschechentum nicht  nur gedemütigt,  sondern
       auch seiner  Freiheit und  seiner Rechte als eine unabhängige Na-
       tion beraubt wurde."
       ...
       ...
       Ferner: "Es  steht aber außer Frage, daß die Scheu und Abneigung,
       Moskau ins  Spiel zu  bringen, einer  der entscheidenden Faktoren
       war, die  zur Beseitigung der Tschechoslowakei geführt haben. Daß
       Hitler außer an das Selbstbestimmungsrecht der Völker auch an die
       Furcht vor  dem Kommunismus  appellieren konnte, indem er Benesch
       vorwarf, durch  sein Hilfeleistungsabkommen  mit der  Sowjetunion
       dem Bolschewismus  in Mitteleuropa  Eingang verschafft  zu haben,
       verlieh seiner  Aktion gegen die Tschechoslowakei erst ihre Unwi-
       derstehlichkeit" (S. 604 f.).
       ...
       

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