Quelle: Blätter 1962 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUS DER REDE JEAN PAUL SARTRES AUF DEM MOSKAUER WELTKONGRESS:
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       "Wir Geistigen  - und  ich wende  mich an  alle, die mich hören -
       wissen, daß  man die  Kultur nicht   v e r t e i d i g e n  soll.
       Sie   v e r t e i d i g e n,   heißt in  Wahrheit sich  ihrer zur
       Rechtfertigung des  Krieges bedienen.  Gegen wen  würde  man  sie
       tatsächlich verteidigen,  wenn nicht gegen die Menschen? Aber wer
       tut das,  wenn nicht  die Menschen selber? Ich gehöre zu denjeni-
       gen, die ein Menschenleben der Kathedrale von Chartres vorziehen.
       Weil die  Kathedrale, wenn  wir für  sie sterben,  keine Menschen
       wieder erschaffen  wird, um  uns zu  ersetzen; und  weil die Men-
       schen, wenn  welche da  sind und die Kathedrale einstürzt, wieder
       eine Kathodrale  erschaffen können, wie es das Beispiel Warschaus
       zeigt. Die Kultur ist durch die Menschen und für die Menschen ge-
       schaffen. Sie  gegen die  Menschen verteidigen, heißt, sie in ein
       I d o l   verwandeln, heißt  den Menschen seinem Produkt entfrem-
       den. Und wenn die Kanone einsetzt, wenn sie ihre griechisch-römi-
       schen Granaten  gegen asiatische Kanonen schickt, ist zu befürch-
       ten, daß  in Angkor  oder Athen  nur noch  von Bombardements zer-
       streute Steine übrigbleiben werden.
       Die Kultur  darf nicht   v e r t e i d i g t  werden. Weder durch
       Militärs noch  durch Politiker.  Diejenigen, die  vorgeben,  ihre
       Verteidiger zu  sein, sind  in Wahrheit,  ob sie  es wollen  oder
       nicht, Verteidiger des  K r i e g e s.  Wenn die Soldaten des Im-
       perialismus den Parthenon verteidigen, verteidigt in Wirklichkeit
       der Parthenon  den  Imperialismus.  Man  soll  die  Kultur  nicht
       b e s c h ü t z e n;  den einzigen Dienst, den sie erwartet, müs-
       sen wir  Intellektuelle ihr erweisen: sie muß  e n t m i l i t a-
       r i s i e r t  werden.
       Wie? Ich kann Ihnen die Antwort nicht sagen, aber alle müssen sie
       sagen: Alle  Anthropologen, alle  Schriftsteller,  alle  Künstler
       kennen diese  kulturelle Fission,  die genau der atomaren Fission
       entspricht. Sie  haben die  Aufgabe, die Explosion zu verhindern.
       Sie müssen  Mittel suchen,  um der Welt der Ideen und Formen ihre
       Einheit  wiederzugeben,   ihre  fruchtbaren  Widersprüche,  ihren
       friedlichen Wettstreit und - in letzter Analyse - ihre schöpferi-
       sche Macht.  Hier, wie auf allen anderen Gebieten, werden uns die
       entkolonisierten Länder  oder diejenigen,  die im Kampf gegen den
       Imperialismus stehen, kostbare Hilfe leisten...
       Ein Weltkongreß  der Geistigen für die kulturelle Abrüstung wäre,
       welches auch seine Form sei, der beste Beitrag - glaube ich - zur
       Wiederherstellung der  verlorenen kulturellen  Einheit durch  die
       Einheit aller Geistigen gegen den Krieg."
       

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