Quelle: Blätter 1962 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       JAMES P. WARBURGS NEUER BERLIN-PLAN
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       Ein Vorschlag  zur Regelung  des Ost-West-Disputs über Berlin in-
       nerhalb einer  Zehn-Jahres-Periode wurde  gestern von  dem  Wirt-
       schaftler und politischen Publizisten James P. Warburg vorgelegt.
       Der Vier-Punkte-Plan,  der zeitweise  Ost- und  West-Berlin unter
       die Aufsicht  der Vereinten  Nationen stellen würde, ist, wie Mr.
       Warburg erklärte,  der Regierung  der Vereinigten  Staaten unter-
       breitet worden.
       Der Plan  würde den  Russen nicht  eher angeboten,  bis  sie  das
       "unterdrückerische" ostdeutsche  Regime durch ein "gemäßigtes Re-
       gime" ersetzt haben.
       Die Westmächte würden die "de-facto-Existenz" Ostdeutschlands und
       die Endgültigkeit  seiner Ostgrenze  mit Polen (Oder-Neiße) aner-
       kennen, während  es Ost-  und West-Deutschland  allein überlassen
       bliebe, innerhalb von zehn Jahren eine Vereinigung zu suchen.
       Berlin würde  als die  potentielle Hauptstadt  eines  vereinigten
       Deutschland behandelt;  die gegenwärtigen  Garnisonen würden dort
       bleiben als Vertreter der Vereinten Nationen; die kommunistischen
       Länder würden  den westlichen Zugang zu der Stadt garantieren und
       beide Seiten  würden auf  eine von  Berlin ausgehende  Subversion
       verzichten.
       Wenn Deutschland wiedervereinigt würde, würden alle ausländischen
       Truppen abgezogen,  vorausgesetzt, das Land akzeptiert permanente
       Neutralität.
       Wenn es  den zwei deutschen Staaten nicht gelungen wäre, sich in-
       nerhalb von  zehn Jahren  zu vereinigen, würde den Einwohnern von
       Westberlin gestattet  werden, nach Westdeutschland umzuziehen und
       von Ostdeutschland  Entschädigung für alles unbewegliche Eigentum
       zu erhalten.
       New York Times (International Edition) v. 25.IX.62
       
       PRÄSIDENT KENNEDY: AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTSLAGE SEHR ERNST
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       Ernsthafte Besorgnis  über die Lage in großen Teilen der amerika-
       nischen Wirtschaft  äußerte USA-Präsident  Kennedy in Washington.
       Vor amerikanischen Verlegern und Redakteuren sagte der Präsident,
       in den  Vereinigten Staaten  gebe es  eine unerträglich hohe Rate
       von Arbeitslosigkeit.  Außerdem seien bedeutende Industriekapazi-
       täten, insbesondere in der Stahlindustrie, nicht voll genutzt. In
       einigen Gebieten sei ein anhaltender wirtschaftlicher Rückgang zu
       beobachten. Dazu komme das beunruhigende Defizit in der Zahlungs-
       bilanz der USA. Auch das wirtschaftliche Wachstum hänge noch hin-
       ter anderen  großen Industrie-Nationen  zurück. Die Regierung und
       auch die  Geschäftswelt sollten sich einmal überlegen, sagte Ken-
       nedy, was  zusätzlich unternommen  werden könne,  um einen  Wirt-
       schaftszuwachs zu erzielen, der dem Anwachsen der Bevölkerung an-
       gemessen ist.
       Stuttgarter Zeitung v. 28.IX.62
       
       NEUE WAFFENKÄUFE DER BUNDESREPUBLIK IN USA
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       Die Bundesrepublik wird nach einer Mitteilung des stellvertreten-
       den amerikanischen  Verteidigungsministers Gilpatric in den näch-
       sten zwei  Jahren Waffen  und militärische  Ausrüstungen im Werte
       von 1,2  Milliarden Dollar (5 Milliarden Mark) in den Vereinigten
       Staaten kaufen. Ein entsprechendes Abkommen, sagte Gilpatric, sei
       Bestandteil der  alliierten Entschließungen,  den USA  beim  Aus-
       gleich der Zahlungsbilanz zu helfen.
       Stuttgarter Zeitung v. 24.IX.62
       
       DIE NEW YORK POST ZUR ABBERUFUNG GREWES
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       Dr. Wilhelm  Grewe, Botschafter  der Bundesrepublik  Deutschland,
       verließ, wie  berichtet,  Washington,  nachdem  er  einen  kalten
       Strahl auf  gewisse Kreise gerichtet hatte - besonders auf intel-
       lektuelle an  der Ostküste,  die nach seiner Meinung negative An-
       sichten über  die Bundesrepublik  hätten. Grewe  wurde  versetzt,
       weil er  nicht mit  der Regierung  Kennedy auskommen  konnte. Wie
       "Newsweek" berichtet,  hielt er  bei einem Treffen im Weißen Haus
       Präsident Kennedy  in selbstgerechter Weise eine Lektion über die
       Gefahren, mit  den Kommunisten  zu verhandeln,  und erinnerte den
       Präsidenten anmaßend  daran, daß  einmal amerikanische  Beamte in
       naiver Weise  die chinesischen  Kommunisten für Agrarreformer ge-
       halten hätten.
       Growe und seine Freunde in Bonn sollten nicht unter einem Mißver-
       ständnis stehen. Es gibt in den Vereinigten Staaten gegenüber der
       Bundesrepublik Zurückhaltung. Die Fähigkeit des deutschen Volkes,
       demokratische Formen  anzunehmen, seine  Wirtschaft  wiederaufzu-
       bauen und  zugunsten der europäischen Integration dem Nationalis-
       mus zu  entsagen, wird überall gewürdigt. Aber solche Entwicklun-
       gen können  nicht und sollten auch nicht die Vergangenheit wegwi-
       schen, besonders  da noch Fragezeichen über den Weg bestehen, den
       Deutschland am  Ende nehmen wird. Die Unfähigkeit einiger führen-
       der Männer in der Bundesrepublik, zum Beispiel den Widerstand der
       europäischen und  amerikanischen öffentlichen  Meinung gegen  die
       Ausrüstung der  Bundesrepublik mit  Nuklearwaffen  zu  verstehen,
       spiegelt einen beunruhigenden Mangel an geschichtlichem Verständ-
       nis wider, der weit verbreitet ist.
       Es wird  uns gesagt,  daß die  Bundesrepublik nicht  wünsche, als
       zweitklassiges Mitglied  der westlichen Allianz angesehen zu wer-
       den. Doch  gibt es hier einen anderen Weg der Betrachtung. Sicher
       stellt es  keine Diskriminierung  dar, von der Bundesrepublik ge-
       wisse Opfer für den Frieden zu erwarten. Wenn sie darauf besteht,
       Zugang zu  den Nuklearwaffen zu erhalten, muß das Gefühl der Ruhe
       unter uns  beweisen, daß  wir bereit sind, die Bundesrepublik als
       gleich zu behandeln und gleichzeitig die Geschichte nicht zu ver-
       gessen. Jene,  die sich  der Vergangenheit nicht erinnern wollen,
       sind verdammt, sie zu wiederholen, sagen die Philosophen.
       New York Post v. 18.IX.62
       
       CLAUDE BOURDET: EIN VERBRECHEN GEGEN DIE DEUTSCHE JUGEND
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       'Hitler war  gewiß ein  Dummkopf, da er den Krieg verlor und sich
       in der  ganzen Welt  durch die  Judenermordungen verhaßt  gemacht
       hat. Er  war gewiß  ein Wahnsinniger. Aber seine Idee einer Neuen
       Europäischen Ordnung war bestimmt richtig: den Beweis liefert uns
       heute de  Gaulle, der sich davon leiten läßt. Natürlich haben wir
       uns seit 1945 viel geirrt (als wir glaubten, umlernen zu müssen).
       Man muß  die Geschichte dort wiederaufnehmen, wo unsere Väter sie
       liegengelassen haben.'  Ich übertreibe?  Das  denken  die  jungen
       Deutschen nicht?  Nein, gewiß!  Nichts ist  so einfach,  so klar.
       Aber die Haltung des Westens seit 15 Jahren, die die unglaubliche
       Reise de  Gaulles und  die Apotheose  des deutschen militärischen
       Geistes seiner  Rede vor  der Führungsakademie  in Hamburg krönt,
       kann sie nur dahin bringen, dies immer mehr zu denken. Man könnte
       sagen, daß  es ein neues Verbrechen gegen die deutsche Jugend ist
       (bevor es  ein Verbrechen  gegen den Weltfrieden darstellt), wenn
       das Wort  Verbrechen einen Sinn hätte für einen Menschen der sich
       über Gut  und Böse  ebenso entschlossen lustig macht wie über die
       Deutschen selber. Seine Stellung als "Führer Europas" verstärken,
       wenn möglich die Mitarbeit der Engländer verhindern, sie in jedem
       Fall vor eine befestigte Paris-Bonn-Achse stellen, sich gegenüber
       den Amerikanern  bedeutsam und  gegenüber den  Russen drohend ma-
       chen, den durch die algerische Angelegenheit verbitterten franzö-
       sischen Offizieren  (den eidbrüchigen wie den loyalen) ein neues,
       ihren Ambitionen  entsprechendes Betätigungsfeld geben: das waren
       die wichtigsten  Ziele dieser  Wahldemogogie klassischsten Stils.
       Wir sehen  jetzt, wohin die gaullistische Außenpolitik führt. Die
       wiederholte Sabotage der Abrüstungsversuche, das Verhindern jedes
       Ausgleichs in der Berlinfrage erhalten ihren vollen Sinn: das al-
       les ging  in Richtung eines Militärbündnisses zwischen den ehema-
       ligen  Hitler-Offizieren  und  ihren  Nachahmern  im  algerischen
       Kriege. Im Vergleich dazu wird der extremistische Flügel des Pen-
       tagon bald als gemäßigt erscheinen.
       Tribune Socialiste (Paris) v. 15.IX.62
       

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