Quelle: Blätter 1962 Heft 10 (Oktober)


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       Anmerkungen, Glossen, Zuschriften
       
       "EIN GROSSER HERRSCHER" ODER: DEUTSCHE TRAUER 1962
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       I
       
       Für den  Bundespräsidenten sandte  der Präsident des Bundesrates,
       Dr. Hans  Erhard, an  Kronprinz Seif  ul Islam  Mohammed al Badr,
       Tais/Jemen, folgendes Beileidstelegramm:
       Zu dem  plötzlichen Hinscheiden  Seiner Majestät,  Imam Ahmad Ibn
       Jahia An-Nasir  Li-Din Allah,  übermittle ich  Euerer Königlichen
       Hoheit zugleich  im Namen  des deutschen  Volkes mein  aufrichtig
       empfundenes Mitgefühl.  Die Nachricht von dem plötzlichen Ableben
       Seiner Majestät  des Imam,  nach den heldenhaft getragenen Jahren
       schweren Leidens,  hat mich  auf das tiefste bewegt. Das deutsche
       Volk weiß  sich mit dem jemenitischen Volk in der Trauer um einen
       großen Herrscher einig.
       Für den Präsidenten des Bundesrepublik Deutschland
       Dr. Hans Erhard
       Präsident des Bundesrates
       Nach: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregie-
       rung vom 25. September 1962 (Nr. 177)
       
       II
       
       "Der alte  Imam war  wohl der  reaktionärste und blutigste Despot
       des Mittleren Ostens und ließ sich in dieser traditionellen Rolle
       nicht einmal  durch König  Saud übertrumpfen.  Nach  guter  Väter
       Sitte schloß  er sich  in seinen fünf Palästen hermetisch von der
       Umwelt ab.  Ab und zu ließ er einen lieben Onkel Vetter oder Bru-
       der köpfen  oder  gefährliche  Offiziere  an  Pferde  binden  und
       schleifen, bis  sie den Garten Allahs sehen durften. Der Imam und
       seine Suite  gaben sich  allen möglichen  Rauschgiften hin,  eine
       Krankheit, die offiziell als Arthritis ausgegeben wurde. So begab
       sich der  Imam -  wenn man von einem kurzen Besuch bei dem konge-
       nialen König  Saud absieht  - nur  ein einziges  Mal ins Ausland,
       nämlich im  Jahre 1959  in eine  Römer Klinik, um sich dort einer
       Entwöhnungskur zu  unterziehen. Als ihn der damalige italienische
       Staatspräsident Gronchi  zu sich  einlud, gab er eine abschlägige
       Antwort: Er  leide so sehr am Zipperlein, daß er kein Roß bestei-
       gen könne. Ohne Roß aber mache er keine Aufwartungen.
       Warum war  der gute Imam so menschenscheu? Weil er sich den Thron
       mit Blut  ergatterte. Fünfzehn andere Abkommen des Propheten hat-
       ten eigentlich  vor ihm  das Recht der Thronfolge. So schaffte er
       sich gleich  zu Beginn  böse Feinde. Seine einzige Sorge galt der
       Sicherheit der  eigenen Person.  Das Volk ließ er hungern und von
       Zeit zu  Zeit durch  schaurige Exempel  fühlen, wie gefährlich es
       ist, gegen ihn aufzumucken."
       Basler Nachrichten v. 29. September 1962
       
       III
       
       "In Jemen  wird keine Fremdsprache gelehrt. Neben der Grundschule
       bestehen wenige  Mittelschulen und eine einzige Oberschule... In-
       dustrie ist  dem Jemen  fremd, nicht eine Fabrik wurde bisher ge-
       baut... Es  gibt keine  Eisenbahn und  kein Hotel... Dieben hackt
       man eine Hand oder den Fuß ab. Die Sträflinge in den Gefängnissen
       tragen Ketten,  teilweise mit  eisernen Kugeln beschwert. Schwer-
       verbrecher werden  in unterirdischen  Gewölben eingekerkert. Hin-
       richtungen werden  ausgerufen und wie ein Volksfest gefeiert. Die
       Jemeniten hatten bisher nicht den geringsten Kontakt zum Ausland.
       Es war  ihnen verboten,  das Land zu verlassen. Der Jemen war das
       rückständigste Land der Erde..."
       Westfälische Rundschau v. 29./30. Sept. 1962
       
       -es
       
       

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