Quelle: Blätter 1962 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE ERKLÄRUNG DER 10. "PUGWASH CONFERENCE ON SCIENCE
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       AND WORLD AFFAIRS" IN LONDON, SEPTEMBER 1962
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       Wir, Wissenschaftler  aus 35  Ländern, die  wir hier  zur Zehnten
       Pugwash Conference  on Science and World Affairs zusammengekommen
       sind, sind uns einig in dem Bewußtsein, daß die wissenschaftliche
       Revolution für  die Menschheit eine vollkommen neue Situation ge-
       schaffen hat, indem sie dem Menschen eine noch nie dagewesene Fä-
       higkeit des  Schaffens und des Zerstörens geschenkt hat. Wir sind
       nach London gekommen, um die Wege zu finden, welche die sicherste
       Gewähr dafür  bieten, daß die Wissenschaft zu einem Segen für die
       Menschheit wird und nicht zu einem Fluch.
       Unser Hauptanliegen  ist es, Krieg zu verhüten und die Menschheit
       von der sorgenvollen Unruhe und den schweren wirtschaftlichen Be-
       lastungen als  Folgen des  Wettrüstens zu befreien. Ein Weltkrieg
       mit Kernwaffen  wäre ein  Verhängnis unvorstellbaren Ausmaßes. Er
       würde einen großen Teil der jetzt lebenden Menschen ausrotten und
       die weitere Existenz der Überlebenden in Frage stellen.
       In der  ganzen Welt verschlingt der Rüstungswettlauf ein ungeheu-
       res Maß  an menschlichem Talent und natürlichen Hilfsquellen. Sie
       sind vergeudet,  denn sie  geben nicht nur keine Sicherheit, son-
       dern erhöhen noch die Kriegsgefahr. Gegen Landstreckenraketen mit
       thermonuklearen Sprengköpfen gibt es keine wirksame Verteidigung.
       In einer  solchen Situation  verliert die herkömmliche Auffassung
       vom Krieg  als einem Instrument der Politik ihren Sinn. Der Krieg
       muß aus  dem Leben  der Menschheit  verschwinden. Allgemeine  und
       vollständige Abrüstung  und gleichzeitig  die Schaffung wirksamer
       Mittel zur  Aufrechterhaltung der internationalen Sicherheit sind
       heute das dringlichste Anliegen der Weltpolitik.
       Abrüstung und  ein dauerhafter  Frieden sind Grundbedingungen für
       die Schaffung  einer neuen Gesellschaft, in welcher die Armut be-
       seitigt werden  könnte. Die  Aussicht auf  eine solche  Welt  ist
       heute nicht  mehr eine  Utopie. Die  technologischen und  wissen-
       schaftlichen Triumphe  unserer eigenen  Zeit haben  die  kühnsten
       Träume der uns voraufgegangenen Generationen bereits um ein Viel-
       faches übertroffen,  und unsere  Kenntnisse  vermehren  sich  mit
       ständig wachsender Geschwindigkeit.
       Bei unseren  Konferenzen haben  wir deshalb den verwickelten Pro-
       blemen der  Abrüstung unsere  besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
       Hierzu gehören:  die Schritte, durch welche man zur Abrüstung ge-
       langen könnte,  und Maßnahmen,  durch welche  das  Vertrauen  der
       Staaten untereinander  und ihre Sicherheit während dieses Vorgan-
       ges gewährleistet  werden könnte;  die Maßnahmen, welche zur Auf-
       rechterhaltung des  Friedens in einer abgerüsteten Welt notwendig
       sind; und  die wirtschaftlichen  Probleme, die sich aus der Abrü-
       stung ergeben  könnten. Auf  Grund unserer  Diskussionen  glauben
       wir, daß für alle diese Probleme Lösungen gefunden werden können.
       Unsere besondere  Aufmerksamkeit galt  auch dem Problem des Kern-
       versuchs-Stopps und  den in diesem Zusammenhang von den nicht-ge-
       bundenen Nationen  in Genf  gemachten Vorschlägen.  Weiter wurden
       auf der  Konferenz neue  und wirksamere Möglichkeiten der Entdec-
       kung von  Kernwaffenversuchen durch  automatisch arbeitende, ver-
       siegelte Erdbebenwarten erörtert. Diese würden von der betreffen-
       den Nation in der vereinbarten Zeit errichtet werden, nachdem die
       internationale Organisation sie vorher versiegelt hätte. Ein sol-
       ches Kontrollsystem  würde nach  unserer Ansicht  die  Sicherheit
       keines Landes gefährden.
       Wir sind  zu dem  Schluß gekommen,  daß während des Vollzuges der
       allgemeinen und vollständigen Abrüstung die frühzeitige, kurzfri-
       stige und  hinreichend nachprüfbare  Beseitigung der  Abschußein-
       richtungen für Massenvernichtungswaffen ein befriedigender Anfang
       wäre, wenn  damit eine  beträchtliche Verminderung der konventio-
       nellen Streitkräfte und Waffen verbunden wäre und eine Lösung der
       Probleme gefunden würde, die sich aus der Anwesenheit von Truppen
       und Stützpunkten auf fremdem Boden ergeben.
       Nach den  bei unseren  Konferenzen gewonnenen  Erkenntnissen sind
       wir der Auffassung, daß die Wissenschaftler bei der Lösung dieser
       Probleme einen  besonderen Beitrag  zu leisten  haben.  Zwanglose
       Diskussionen unter Wissenschaftlern tragen zum Verständnis gegen-
       sätzlicher Standpunkte bei.
       Wir glauben, daß unsere Konferenzen von Nutzen gewesen sind, aber
       wir befinden  uns in  einer Zeit unendlich schnellen Wechsels, in
       welcher ständig  neue  Probleme  auftreten.  Die  Wissenschaftler
       sollten deshalb ihre Anstrengungen vergrößern, die Abrüstung her-
       beizuführen und die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden
       zu schaffen. Es ist die zwingende Pflicht der Wissenschaftler al-
       ler Nationen,  darauf hinzuweisen,  daß Kriege überholt sind. Sie
       müßten, wie  wir glauben, sich ihrer Verpflichtung bewußt werden,
       die Abrüstung  zu fördern,  und sie  müßten Regierungen,  wissen-
       schaftliche Vereinigungen  und andere Organisationen dazu auffor-
       dern, sie bei dieser Aufgabe zu unterstützen.
       Wachsendes Vertrauen  zwischen den  Nationen ist  ein notwendiger
       Teil des  Fortschritts zur Abrüstung hin und zum wirklichen Frie-
       den. Als  einen Beitrag  zum gegenseitigen  Verständnis haben wir
       deshalb auch  konstruktive Vorschläge für viele Arten internatio-
       naler wissenschaftlicher  Zusammenarbeit erörtert. Hierzu gehören
       Vorschläge für  großangelegte Zusammenarbeit  auf dem  Gebiet der
       reinen Wissenschaft und internationale Anstrengungen für den Ein-
       satz der Wissenschaft bei der Förderung der Entwicklungsländer.
       Wir befinden  uns in einem Stadium, wo allgemeine Grundsatzerklä-
       rungen nicht  mehr ausreichen.  Taten sind notwendig. Einige Vor-
       schläge zur  Förderung der Abrüstung und des menschlichen Wohler-
       gehens bedürfen  vor ihrer  Durchführung eingehender Untersuchun-
       gen, andere  ließen sich sofort zur Ausführung bringen. Wir beto-
       nen noch  einmal, daß  das Ziel vollständiger Abrüstung und eines
       dauerhaften Friedens  realistisch und  dringlich ist.  In  diesem
       Werk darf  man einen  Teil des langen Kampfes für den Fortschritt
       der Menschheit  sehen, eines  Kampfes, bei  welchem  die  Wissen-
       schaftler eine verantwortungsvolle Rolle zu spielen haben.
       Wir fordern die Wissenschaftler in aller Welt auf, uns bei dieser
       Aufgabe zu unterstützen.
       
       (Dt. Übersetzung  "Blätter für  deutsche und internationale Poli-
       tik")
       

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