Quelle: Blätter 1962 Heft 10 (Oktober)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Dr. Achim von Borries
       
       WILLIAM L. SHIRER UND SEINE KRITIKER
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       "Doch gegenüber Berlin und München verblaßten sie etwas. Deutsch-
       land befand sich in einer wundervollen Gärung. Das Leben erschien
       mir freier,  moderner, erregender  als irgendwo anders. Nirgendwo
       sonst schien  das künstlerische und geistige Leben so lebendig zu
       sein. In  der zeitgenössischen  Literatur, Malerei,  Architektur,
       Musik und  Schauspielkunst gab es neue Strömungen und große Bega-
       bungen. Und  überall lag die Betonung auf der Jugend. Man saß mit
       jungen Menschen  nächtelang in  den Cafés, in den Kneipen, in den
       Sommerlagern, auf  einem Rheindampfer  oder  in  einem  rauchigen
       Künstler-Atelier und  diskutierte über das Leben. Es war eine ge-
       sunde, unbekümmerte,  lebenshungrige, von Freiheitsdrang erfüllte
       Schar. Der  alte, autoritäre  preußische Geist schien tot und be-
       graben. Die  meisten Deutschen,  denen man begegnete - Politiker,
       Schriftsteller, Verleger,  Künstler, Professoren,  Studenten, Ge-
       schäftsleute, Arbeiterführer  -, waren  auffallend  demokratisch,
       liberal, ja pazifistisch gesinnt. (Seite 115 ff.)
       ...
       ...
       "Stärke und  Eifer der  Sozialdemokraten hatten sich in vierzehn-
       jähriger Teilnahme  an der politischen Macht in der Republik, bei
       dem ganzen,  zur Aufrechterhaltung von Koalitionsregierungen not-
       wendigen Kompromisseschließen  derart erschöpft,  daß ihre Partei
       kaum noch mehr war als eine in opportunistischer Weise Druck aus-
       übende Organisation,  die den  Zweck hatte,  Konzessionen für die
       Gewerkschaften auszuhandeln,  auf denen ihre Stärke in erster Li-
       nie beruhte...  Die Tragödie  der Partei  läßt sich  nicht allein
       durch mangelndes  Glück erklären.  Sie hatte im November 1918 die
       Chance gehabt,  die Macht  in Deutschland zu übernehmen und einen
       Staat zu gründen, wie sie ihn immer propagiert hatte: auf sozial-
       demokratischer Grundlage.  Doch es  hatte ihr an Entschlossenheit
       gefehlt. Jetzt,  bei Anbruch des vierten Jahrzehnts, war sie eine
       müde, defaitische  Partei, beherrscht  von alten,  wohlmeinenden,
       aber größtenteils  mittelmäßigen Leuten. Zwar blieben die Sozial-
       demokraten der Republik bis zum letzten Tage treu, doch waren sie
       am Ende  zu verwirrt,  zu zaghaft,  um große  Risiken auf sich zu
       nehmen, die  allein die Republik hätte erhalten können. Das hatte
       sich an dem Tag gezeigt, an dem Papen mit einer Handvoll Soldaten
       die konstitutionelle  Regierung in Preußen absetzte und die Sozi-
       aldemokraten nicht handelten." (S. 182.)
       ...
       ...
       "Die wirkliche  Stärke des  Hitlerismus lag  in der Unterstützung
       durch die  privilegierten Klassen der Industriekönige, der Junker
       und der  Armee, zusammen mit dem stillschweigenden Einverständnis
       paralleler Interessen  in England  und Frankreich. Zu keiner Zeit
       seit dem  Ausbruch der  Krise von 1929 bis 1933 hatte Hitler auch
       nur die  geringste Hoffnung,  zur Macht  zu gelangen,  auch nicht
       durch verfassungswidrige  Mittel,  außer  mit  der  Rückendeckung
       durch die  kapitalistischen und  reaktionären Interessen. Vor dem
       Auftreten des  Hitlerterrors erlangte der Hitlerismus nie die Un-
       terstützung von  mehr als einem Drittel des deutschen Volkes, und
       in den  letzten 6  Monaten des Jahres 1932 verlor er sogar 2 Mil-
       lionen Stimmen.  Als Hitler  am  30.  Januar  1933  Reichskanzler
       wurde, geschah  dies nicht durch Unterstützung des deutschen Vol-
       kes, war vielmehr weit eher das Resultat einer Verschwörung gegen
       dieses; seine  Machtergreifung war  das Werk Hindenburgs als Ver-
       treter der  Armee, Papens  als Vertreter der Aristokraten, Hugen-
       bergs, des Zeitungskönigs, und Thyssens, hinter dem die Ruhrindu-
       strie stand.  Es war  diese unheilige  Allianz, die  das deutsche
       Volk in  den Ruin und Deutschland in den Krieg trieb." (Tatsachen
       der deutschen Geschichte, S. 192 f.)
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       "Obwohl 1938,  im Jahre  der Hauptkonjunktur, fünf Millionen Men-
       schen mehr  im Arbeitsprozeß standen als im Krisenjahr 1932, sank
       doch in  diesem Zeitraum der Anteil der deutschen Arbeiter am Na-
       tionaleinkommen von  56,9% auf  53,6% ab.  In der  gleichen  Zeit
       stieg der  Anteil der Einkünfte aus Kapital- und Betriebsvermögen
       am Nationaleinkommen  von 17,4% auf 26,6%. Zwar erhöhten sich we-
       gen der  viel größeren  Beschäftigtenzahl die  gesamten Lohn- und
       Gehaltseinkünfte von  25 Milliarden  auf 42  Milliarden, also  um
       66%. Aber  das Gesamteinkommen  aus Kapital- und Betriebsvermögen
       stieg viel  steiler an,  nämlich um  146%. Alle Propagandisten im
       Dritten Reich, angefangen bei Hitler, pflegten in ihren Reden ge-
       gen Bürger und Kapitalisten zu wettern und sich mit der Arbeiter-
       schaft solidarisch  zu erklären. Aber eine nüchterne Untersuchung
       der amtlichen Statistiken - eine Mühe, die sich wohl wenige Deut-
       sche gemacht  haben - enthüllt, daß die vielgeschmähten Kapitali-
       sten, und  nicht die Arbeiter, von der Politik Hitlers am meisten
       profitierten." (S. 256.)
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       "Die sich  des Vergangengen nicht erinnern, sind dazu verurteilt,
       es noch einmal zu erleben."
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