Quelle: Blätter 1962 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUS DER REDE VON PROF. D. PAUL TILLICH BEI DER VERLEIHUNG DES
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       FRIEDENSPREISES DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS IN DER FRANKFURTER
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       PAULSKIRCHE, 21. SEPTEMBER 1962
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       Friede erscheint,  wo im  persönlichen wie  im politischen  Leben
       eine alte Grenze ihre Wichtigkeit und damit ihre Macht, Unfrieden
       zu stiften, verloren hat, auch wenn sie noch als Teilgrenze fort-
       besteht. Friede  ist nicht  spannungsloses Nebeneinander;  er ist
       die Einheit  im Umfassenden,  in der das Gegeneinander lebendiger
       Kräfte und die Konflikte zwischen dem Alten und dem jeweils Neuen
       nicht fehlen,  in der  sie aber  nicht zerstörerisch  ausbrechen,
       sondern gehalten sind im Frieden des Übergreifenden.
       Wenn das  Überschreiten und  Rücküberschreiten der Grenze der Weg
       zum Frieden  ist, dann ist die Angst vor dem, was jenseits liegt,
       und der  daraus geborene  Wille, es zu beseitigen, die Wurzel des
       Unfriedens und der Kriege...
       Gegenüber den  radikal antichristlichen Angriffen des Nationalso-
       zialismus mußten  die Kirchen sich auf die Tradition zurückziehen
       und um den Preis der Verengung ihre Wesensgrenze, ihre Identität,
       verteidigen. Heute  aber ist ihr Auftrag, zur Grenze zurückzukeh-
       ren, sie  zu überschreiten und im Hin und Her zwischen Kirche und
       Kultur um  das Übergreifende  zu ringen. Wagen die Kirchen dieses
       Überschreiten der  Grenzen ihrer  eigenen Wirklichkeit  nicht, so
       werden sie belanglos für Unzählige, die essentiell zu ihnen gehö-
       ren. Und  der Stachel  des  Versagthabens  kann  eine  fanatische
       Selbstbejahung bewirken, die die Kultur sich einverleiben und die
       Grenzen zu ihr aufheben will.
       Ein anderes Beispiel für den Ruf zur Grenzüberschreitung soll ge-
       geben werden. Es beginnt auch mit dem Individuellen und führt zur
       Situation von Gruppen, hier und jetzt. Ich denke an Menschen, die
       vor die  Möglichkeit gestellt sind, über ihre nationalen und kul-
       turellen Grenzen  hinauszugehen, sei  es durch  Studium,  sei  es
       durch persönliche  Begegnungen im  eigenen oder fremden Land. Die
       Grenzen ihres eigenen kulturellen Seins, ihre nationale oder kon-
       tinentale Beschränktheit sind für einen Augenblick für sie sicht-
       bar geworden.  Aber sie können die Sicht nicht ertragen, sie kön-
       nen die  Grenze nicht überschreiten und nach etwas Übergreifendem
       suchen. Die  Angst des Möglichen packt sie und treibt sie zurück.
       Und die  Begegnung mit  dem Fremden,  die eine  Aufforderung  zum
       Überschreiten der  Grenze ist,  wird zur Ursache eines das Fremde
       hassenden Fanatismus.  Man will  die Grenze,  die man nicht über-
       schreiten konnte, auslöschen, indem man das Fremde zerstört.
       Es gibt  eine soziale  Klasse in allen Industrievölkern, die vor-
       züglich durch diese Struktur charakterisiert ist: die untere Mit-
       telklasse, das Kleinbürgertum oder - in einem soziologisch umfas-
       senden Symbol  - der  Spießer. Er  kann geradezu  charakterisiert
       werden -  in welcher  sozialen Klasse  er auch vorkommt - als je-
       mand, der sich durch die Angst, an seine eigene Grenze zu geraten
       und sich  selbst im  Spiegel des Andersartigen zu sehen, nie über
       das Gewohnte,  Anerkannte, Festgelegte zu erheben wagte. Möglich-
       keiten, die  jedem Menschen dann und wann gegeben sind, über sich
       hinauszukommen, ließ er unverwirklicht: ob es ein Mensch war, der
       ihn aus seiner Enge hätte herausreißen können, oder ein ungewohn-
       tes Werk  der Kunst,  das ihn  hätte erschüttern können, oder ein
       Wort aus  der Dimension  des Ewigen, das ihm die Selbstsicherheit
       seines Daseins hätte umwerfen können. Um sich herum aber sieht er
       Menschen, die  über die Grenzen gegangen sind, die er nicht über-
       schreiten konnte. Und der heimliche Neid wird zum Haß.
       Und wenn  dann wie  in Deutschland zur Hitlerzeit der Haß die un-
       eingeschränkte Macht  erhält, sich  auszuwirken, dann schließt er
       zunächst die Grenzen, so daß es einem ganzen Volk unmöglich wird,
       über sich  selbst hinauszusehen.  Und dann  wird der  Versuch ge-
       macht, die  Grenzen zu  beseitigen durch  Unterwerfung oder durch
       Vernichtung dessen,  was jenseits  der Grenze liegt, seien es an-
       dere Rassen oder benachbarte Nationen, seien es gegnerische poli-
       tische Systeme  oder neue  künstlerische Stile,  seien es  höhere
       oder niedere  soziale Klassen,  seien  es  im  Überschreiten  der
       Grenze gereifte  Persönlichkeiten. Es  ist der  dämonische Trieb,
       der vielleicht  in jedem  ist,  seine  Grenzen  auszulöschen,  um
       selbst das Ganze zu werden.
       Darum fühle ich, daß ich meinen Auftrag als Theologe nicht erfül-
       len würde,  wenn ich nicht ein Zweifaches hinzufügte: einmal, daß
       in allen Ländern und auch in den Vereinigten Staaten Schichten da
       sind, die  der beschriebenen  Struktur des  Spießers entsprechen.
       Sie erheben immer wieder ihr Haupt, noch ohne Erfolg, aber im ge-
       genwärtigen Moment in neuen Formen und mit zahlreichen Anhängern.
       Und das  zweite, das  ich als jemand, dem Berlin für Jahre seines
       Lebens nicht  nur Heimat,  sondern auch  Mythos war,  nur zögernd
       ausspreche: Alles,  was ich  vom Überschreiten  der Grenze gesagt
       habe, gilt  auch für  das Überschreiten der Grenze, die heute für
       die westliche Welt am schwersten zu überschreiten ist, die Grenze
       nach dem  Osten. Es  ist falsch, wenn die westlichen Völker durch
       Erziehung, Literatur  und  Propaganda  davon  abgehalten  werden,
       diese Grenzen mit ihren zahlreichen Mauern, die nicht nur in Ber-
       lin aufgerichtet  sind, zu  überschreiten. Wir müssen auch sehen,
       was drüben  in der Tiefe vor sich geht, und es menschlich - nicht
       nur polemisch  - zu  verstehen suchen. Und ich wünschte, ich wäre
       fähig, das  auch zu denen auf der anderen Seite der Grenze zu sa-
       gen.
       Die politisch und geistig Verantwortlichen des Westens aber soll-
       ten dafür  kämpfen, daß  die Erziehung  der Völker  nicht nur der
       Einprägung und  Vertiefung des Eigenen, so groß es auch sein mag,
       dient, sondern daß sie über die Grenze hinausführt: Im Kennen, im
       Verstehen, im  Begegnen, auch  wenn das Begegnende das nur Entge-
       genstehende zu sein scheint. Ermutigung zum Überschreiten des nur
       Eigenen, das  ist es,  was Erziehung  zur Schaffung  des Friedens
       beitragen kann.  Und hier  ist wichtiger als alles andere die Er-
       ziehung zu einer Geschichtsbewußtheit, die geschichtliches Wissen
       mit geschichtlichem  Verstehen vereinigt  und in keiner Weise auf
       den Geschichtsunterricht beschränkt ist...
       Das Versagen Deutschlands seit der Mitte des 19. Jahrhunderts lag
       darin, daß  es Macht  entwickelte, ohne  daß diese  Macht in  den
       Dienst einer  Berufung gestellt  war.  Was  Bismarck  Realpolitik
       nannte, war  Machtpolitik ohne ein leitendes Berufungsbewußtsein.
       Und darum  konnte Hitler  mit dämonischer  Genialität das absurde
       rassische Berufungsbewußtsein weiten Kreisen des deutschen Volkes
       suggerieren, ein  Vorwand, aber  ein wirksamer  Vorwand für  eine
       durch kein echtes Berufungsbewußtsein geleitete Machtentfaltung.
       Friede ist  möglich, wo Macht im Dienst eines echten Berufungsbe-
       wußtseins steht  und das Wissen um die Wesensgrenze die Wirklich-
       keitsgrenzen in  ihrer Wichtigkeit  herabsetzt. Daß dieser Grund-
       satz der Politik nicht aufgenommen wurde, ist die Ursache für die
       deutsche Friedlosigkeit  im 20.  Jahrhundert. Daß er wiederaufge-
       nommen werde, sollte das Ziel aller Friedensbestrebungen in Lite-
       ratur und  Politik sein. Man vermeide Friedensreden, die dadurch,
       daß sie nicht helfen können, schaden, denn die Weltgeschichte ist
       zu tief  im Dämonischen  verwurzelt. Pazifistische Gesetzlichkeit
       fordert das  unbedingte Festhalten  an den Grenzen, wie sie heute
       und hier  tatsächlich gezogen  sind. Sie  vergißt die Dynamik der
       Weltgeschichte und das schöpferische und richtende Wirken der We-
       sensgrenze.
       Daraus folgt  eine zweite  Forderung für  die deutsche politische
       Erziehung und  schließlich für die Politik selbst. Die erste war:
       Zum Überschreiten der Grenze, nämlich der Wirklichkeitsgrenze, zu
       führen und  die Angst vor dem, was jenseits liegt, zu überwinden.
       Die zweite  Forderung ist, zur Selbstbesinnung auf die eigene We-
       sensgrenze hinzuleiten  und in  ihrem Lichte das größere oder ge-
       ringere Gewicht  der wirklichen  Grenzen zu beurteilen. In diesem
       Licht könnten enge politische Grenzen der Wesensgrenze eines Vol-
       kes angemessener sein als weitere. Es können verschiedene Grenzen
       für Teile  einer sprachlich,  aber nicht  politisch geeinten Men-
       schengruppe dem  geschichtlichen Wesen dieser Gruppe entsprechen.
       Es könnte  das Hineingenommenwerden  engerer Grenzen in umfassen-
       dere die Forderung der Wesensgrenze sein und der Weg, auf dem ein
       Volk seine  Identität findet  und erhält.  Gerade das hat sich im
       Laufe der  Geschichte immer wiederholt, und wir sind heute in ei-
       nem historischen  Augenblick, wo  die Verwirklichung  der Wesens-
       grenzen der  meisten Länder,  zum mindesten  der westlichen Welt,
       davon abhängt,  daß sie sich in umfassendere Wirklichkeitsgrenzen
       einfügen...
       Es gibt  keine menschliche  Gruppe, die das Recht hätte, um ihrer
       Grenzen willen  etwas zu beginnen, dessen Fortgang zur Zerstörung
       ihrer selbst  und aller  anderen menschlichen Wirklichkeit führen
       müßte...
       

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