Quelle: Blätter 1962 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE ANTWORT CHRUSTSCHOWS AN BERTRAND RUSSELL
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       Die Antwort  des sowjetischen  Ministerpräsidenten Nikita  Serge-
       witsch Chrustschow auf den Friedensappell des britischen Philoso-
       phen und Pazifisten Lord Bertrand Russell hat folgenden Wortlaut:
       Ich habe Ihr Telegramm erhalten und spreche Ihnen meinen aufrich-
       tigen Dank für die Besorgnis aus, die Sie im Zusammenhang mit den
       aggressiven Handlungen  der USA,  die die  Welt an den Rand eines
       Krieges bringen, bekunden.
       Ihre Erregung  und Beunruhigung sind mir verständlich. Ich möchte
       Ihnen versichern,  daß die  Sowjetregierung keinerlei unbesonnene
       Entscheidungen treffen  und  sich  durch  die  ungerechtfertigten
       Handlungen der  Vereinigten Staaten von Amerika nicht provozieren
       lassen, sondern  alles unternehmen  wird, um die Situation zu be-
       seitigen, die  durch die aggressiven Handlungen der USA-Regierung
       entstanden ist  und die  nicht wiedergutzumachende  Folgen  haben
       kann. Wir werden alles in unserer Kraft Stehende tun, um die Ent-
       fesselung eines  Krieges zu  verhindern. Wir sind uns völlig dar-
       über im  klaren, daß  dieser Krieg,  wenn  er  entfesselt  werden
       sollte, von  der ersten Stunde an ein thermonuklearer und weltum-
       spannender Krieg sein würde.
       Das ist  uns völlig klar, aber nicht klar scheint dies der Regie-
       rung der USA zu sein, die diese Krise ausgelöst hat.
       Man sagt, die amerikanische Regierung hätte diesen unvernünftigen
       Weg nicht  nur aus Haß gegen das kubanische Volk und seine Regie-
       rung, sondern  auch aus  Wahlrücksichten, in  der Hitze des Wahl-
       kampfes zwischen  den Parteien,  eingeschlagen. Das ist aber doch
       ein Wahnwitz,  der die  Welt in die Katastrophe eines Kernwaffen-
       krieges stürzen  kann. Diejenigen  Personen, die  für die Politik
       der USA  verantwortlich sind,  sollten darüber  nachdenken, wohin
       ihre sinnlosen  Aktionen führen  können, wenn ein thermonuklearer
       Krieg entfesselt  wird. Wenn der aggressiven Politik der amerika-
       nischen Regierung  nicht der Weg versperrt wird, so wird das Volk
       der Vereinigten Staaten, wie auch andere Völker für diese Politik
       mit dem Leben von Millionen Menschen bezahlen müssen.
       Ich bitte  Sie, Herr Russell, für unsere Haltung und unsere Hand-
       lungsweise Verständnis  zu haben.  Wir, die wir die ganze Kompli-
       ziertheit der  durch die Piratenakte der amerikanischen Regierung
       entstandenen Lage  erkennen, können uns in keiner Form mit diesen
       Akten einverstanden erklären. Wenn wir die Piraterie und das Ban-
       ditenunwesen in  den Beziehungen  zwischen den Staaten unterstüt-
       zen, trägt  das nicht  zur Festigung  der Normen des Völkerrechts
       und folglich  der Rechtsordnung  bei, auf der die normalen Bezie-
       hungen sowohl  zwischen den Staaten als auch zwischen den Völkern
       und Menschen beruhen.
       Wenn daher  die Regierung  der USA das Völkerrecht weiterhin grob
       verletzt und  mit Füßen  tritt, wenn sie sich in ihrer Handlungs-
       weise nicht an die Gebote der Vernunft hält, so kann die bis aufs
       äußerste verschärfte Lage der Kontrolle entgleiten, und dies kann
       sich zu einem Weltkrieg mit allen seinen traurigen Folgen für die
       Völker aller Länder entwickeln.
       Daher bedarf  es jetzt  nicht nur der Bemühungen der Sowjetunion,
       der sozialistischen  Länder  und  Kubas,  das  gewissermaßen  zum
       Hauptbrennpunkt der  internationalen Krise  geworden ist, sondern
       auch der Bemühungen aller Staaten, aller Völker und aller Schich-
       ten der  Gesellschaft, um  eine Kriegskatastrophe  zu verhindern.
       Wenn nämlich diese Katastrophe eintritt, wird sie für die Mensch-
       heit sehr  schlimme Folgen haben, wird sie weder die Rechten noch
       die Linken verschonen, weder jene, die für die Sache des Friedens
       kämpfen, noch jene, die abseits stehen wollen.
       Ich möchte  noch einmal  sagen: Wir werden alles Menschenmögliche
       tun, um eine solche Katastrophe zu verhindern. Man muß aber daran
       denken, daß  unsere Anstrengungen  nicht ausreichen  können. Denn
       unsere Anstrengungen und Möglichkeiten sind die Anstrengungen und
       Möglichkeiten einer Seite.
       Wenn die  amerikanische Regierung das von ihr entworfene Programm
       der Piratenakte  ausführen wird, so werden wir zum Schutz unserer
       Rechte und  Völkerrechte, die  in internationalen Abkommen und in
       der UNO-Charta  verankert sind,  Mittel zum  Schutz gegen den Ag-
       gressor anwenden.  Einen anderen Ausweg haben wir nicht. Wenn man
       versucht, den Räuber dadurch zu besänftigen, daß man ihm erst die
       Geldtasche, dann  den Mantel  und schließlich  alles übrige gibt,
       wird er  nicht barmherziger  werden und  aufhören, seinem Räuber-
       handwerk nachzugehen.  Das ist wohlbekannt. Im Gegenteil, er wird
       immer frecher  werden. Daher  muß man  den Räuber bändigen, damit
       die Dschungelgesetze  nicht zu  Gesetzen in  den Beziehungen zwi-
       schen zivilisierten Menschen und Staaten werden.
       Die Sowjetregierung  ist der  Auffassung, daß  die Regierung  der
       Vereinigten Staaten  von Amerika Zurückhaltung üben und davon ab-
       sehen muß, ihre Piratendrohungen, die die schlimmsten Folgen nach
       sich ziehen können, zu verwirklichen.
       Die Frage von Krieg und Frieden ist eine so lebenswichtige Frage,
       daß wir  ein Treffen  auf höchster  Ebene für nützlich halten, um
       alle entstandenen  Fragen zu  erörtern und  nichts unversucht  zu
       lassen, damit die Gefahr eines thermonuklearen Krieges abgewendet
       wird. Solange  die Raketen- und Kernwaffen noch nicht zum Einsatz
       gekommen sind, besteht noch die Möglichkeit, den Krieg zu verhin-
       dern. Wenn  die Amerikaner eine Aggression entfesselt haben, wird
       ein solches Treffen nicht mehr möglich und nutzlos sein.
       Ich spreche  Ihnen noch einmal meinen Dank für Ihr Schreiben aus,
       das von der Sorge um das Schicksal der Welt diktiert war.
       Nach: Süddeutsche Zeitung v. 26.X.62
       

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