Quelle: Blätter 1962 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUS DER REDE DES PRÄSIDENTEN DER REPUBLIK KUBA,
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       DR. OSVALDO DORTICOS, VOR DER VERSAMMLUNG DER
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       VEREINTEN NATIONEN IN NEW YORK AM 8. OKTOBER 1962:
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       ...Wir wenden  uns heute  an die  Vereinten Nationen insbesondere
       deshalb, weil  um das sogenannte Kuba-Problem oder die Kuba-Frage
       eine Reihe von Umständen und überhaupt eine Atmosphäre geschaffen
       worden sind, die gegen unseren Willen und gegen unseren Entschluß
       diese Frage  oder die Bemühungen zu ihrer Beilegung in einen Fall
       verwandelt haben,  der die Drohung des Krieges in sich birgt. Ich
       glaube deshalb,  daß es angemessen ist, wenn ich aus meiner eige-
       nen  auf  den  Tatsachen  beruhenden  Kenntnis  heraus  und  ohne
       Randspekulationen über die Ereignisse der jüngsten Geschichte und
       der Gegenwart  Ihnen sage,  wie die  Situation Kubas wirklich ist
       und was  die genaue Einstellung der Revolutionsregierung von Kuba
       ist. Vor allem anderen lassen Sie mich an folgendes erinnern:
       Es wird heute behauptet, daß Kuba eine Bedrohung des Friedens auf
       dem amerikanischen Kontinent sei, weil es aus seiner marxistisch-
       leninistischen Orientierung  heraus den Umsturz fördere. Und dies
       wird aufgegriffen und zum Kern des Problems erklärt.
       Ich wiederhole,  daß es  gut ist, sich daran zu erinnern, daß die
       gespannte Situation, welche in bezug auf mein Lande besteht - das
       heißt, die  gespannte Situation  zwischen den Vereinigten Staaten
       und Kuba - bereits lange vor der Zeit entstand, zu der unsere Re-
       volutionsbewegung die  sozialistischen Züge annahm, die sie heute
       aufweist.
       Die Verkündung unserer Gesetze im Hinblick auf die Interessen der
       nordamerikanischen Monopole  in unserem  Lande und die Verkündung
       des Agrarreform-Gesetzes  in einem Stadium unserer revolutionären
       Entwicklung, das  noch nicht  den Prinzipien des Sozialismus ent-
       sprach - diese Maßnahmen genügten, um die Regierung der Vereinig-
       ten Staaten  zu aggressiven Handlungen gegen unser Land zu veran-
       lassen. Damals begann man mit der Serie anmaßender diplomatischer
       Noten und  räuberischer Verletzungen  des Luftraumes über unserem
       Lande. Hierauf  folgte bald  die Herabsetzung  des Zucker-Kontin-
       gents auf  dem nordamerikanischen  Markt und  die Einstellung der
       Öllieferungen an  unser Land, zusammen mit diplomatischen Schrit-
       ten, die  auf eine  Isolierung Kubas innerhalb des amerikanischen
       Kontinents hinzielten. Mit einem Wort, es kam zu einer ganzen Se-
       rie eindeutig  aggressiver Handlungen,  die zu  dem gegenwärtigen
       Spannungszustand führten, und zwar - ich wiederhole - lange bevor
       wir den  sozialistischen Charakter unserer Revolution proklamier-
       ten.
       Und was geschah danach?
       Ich glaube, ich würde Ihre Geduld ungebührlich strapazieren, wenn
       ich die  Liste nordamerikanischer  Aggressionen gegen  Kuba  hier
       aufzählen wollte.  Ich glaube,  es wird genügen, wenn ich all die
       Versuche erwähne, die gemacht wurden, um einen Umsturz in unserem
       Lande herbeizuführen,  die Sabotageakte, die Angriffe auf Einzel-
       personen und die Spionagetätigkeit auf unserem Boden. Und endlich
       dürfte es  genügen, wenn  ich diese Versammlung an die bewaffnete
       Invasion unseres  Landes durch  Söldnerstreitkräfte erinnere, die
       von der Regierung der Vereinigten Staaten finanziert, militärisch
       ausgebildet und  militärisch geschützt und dirigiert wurden - die
       Invasion in Playa Girón.
       Und nach  Playa Girón,  nach diesem Fiasko, nach dieser lächerli-
       chen Episode,  was geschah  nun? Lernten sie vielleicht die große
       Geschichtslektion? Zeigten  sie ein Bewußtsein und Wissen von der
       gewaltigen Macht  eines Volkes,  das fest entschlossen ist, seine
       Freiheit und  Unabhängigkeit zu  erringen? Nein,  nichts derglei-
       chen. Wir  wurden sogleich  wieder die  Opfer neuer Aggressionen,
       neuer Infiltrationen,  entlang unserer Küste, durch Agenten, aus-
       gebildet von der Central Intelligence Agency. Es kam zu neuen Sa-
       botageversuchen; es kam zur militärischen Ausbildung von Gruppen,
       die den Umsturz in unserem Lande herbeiführen sollten, der bisher
       noch nicht gelungen war; es kam zu einer Intensivierung des wirt-
       schaftlichen Druckes  auf unser Land - eine Waffe, derer man sich
       wieder hartnäckig  bedient hat in der Hoffnung, daß wirtschaftli-
       cher Druck  die Revolution in unserem Lande zum Scheitern bringen
       könnte und  somit zur Erreichung des einzigen angestrebten Zieles
       führen würde,  nämlich dem  Sturz  der  Revolutionsregierung  von
       Kuba.
       Trotz der Tatsache, daß sie uns von der Teilnahme am nordamerika-
       nischen Zuckermarkt ausschlossen, trotz der Tatsache, daß sie un-
       sere Ölzufuhr  stoppten, trotz der Tatsache, daß sie die Handels-
       beziehungen zwischen  unserem Lande  und den  Vereinigten Staaten
       schließlich völlig  lösten in  der Hoffnung, so den Zusammenbruch
       unserer Wirtschaft  herbeizuführen, können  wir heute dennoch vor
       dieser Versammlung  der Vereinten  Nationen  erscheinen  und  mit
       Stolz auf eine lange Liste wirtschaftlicher Errungenschaften hin-
       weisen.
       ...Wir können  auf eine  Industrie verweisen, die, obwohl in ver-
       brecherischer Weise  ihrer Ersatzteillieferungen  beraubt,  heute
       dennoch innerhalb  so kurzer Zeit und trotz aller Schwierigkeiten
       eine Wachstumsrate  von 7  Prozent  aufweist,  mit  Ausnahme  der
       Zuckerindustrie. Wir  können auf  unsere landwirtschaftliche Ent-
       wicklung hinweisen  und  die  Organisation  und  Planung  unserer
       Volkswirtschaft, die  für die nahe Zukunft ein ausgeglichenes und
       beschleunigtes Wachstum  verspricht und  im wesentlichen  auf die
       Erreichung wirtschaftlicher Unabhängigkeit gerichtet ist.
       Die Schaffung ausführbarer Reserven, die in unsere Landwirtschaft
       gesteckt werden  können, die Entwicklung unseres Außenhandels und
       die offensichtlich  notwendigen Vorstufen,  die zu einer späteren
       industriellen Entwicklung  führen werden,  werden die  Wesenszüge
       und die  Struktur unserer unterentwickelten Industrien vollkommen
       verwandeln. Damit  einher gehen  Maßnahmen der  Gesundheitsförde-
       rung, die  auf diesem  Kontinent einzig dastehen, sowie fundamen-
       tale Leistungen  in unserer  Erziehungspolitik. Gerade diese sind
       es, unter anderen Erfolgen, die es uns heute gestatten, mit Stolz
       und tiefer  Befriedigung zu sagen, daß auf diesem Erdteil, der so
       voll von  ungebildeten Menschen ist, diesem Kontinent von Ländern
       mit alarmierenden Analphabetenziffern, Kuba heute durch seine Re-
       volution ohne  Analphabeten dasteht. Aber wir haben dies schaffen
       müssen, während  wir bei  jedem Schritt von mehrfacher Aggression
       bedrängt waren,  und gerade der Feldzug gegen das Analphabetentum
       in unserem  Lande als  solcher, in  seiner Entwicklung, in seinem
       Wachsen, hatte  einige schmerzliche  und dramatische  Momente  zu
       überwinden, weil konterrevolutionäre Banden, organisiert und aus-
       gerüstet von  der Regierung  der Vereinigten Staaten, soweit gin-
       gen, Lehrer  zu ermorden, junge Männer oder Studenten, die unter-
       richten und  die hinaus  auf unsere  Felder gegangen sind, um die
       Geißel des Analphabetentums unter unseren Bauern auszurotten.
       All diese  Fortschritte, -  die, wie  ich glaube, auch die Unter-
       stützung und  den Beifall derer rechtfertigen, die unsere ideolo-
       gischen Auffassungen  nicht teilen  - all  diese Erfolge  und die
       Fehlschläge unserer  Feinde haben  sie immer noch nicht die große
       Lektion gelehrt.  Die Aggressionen gingen weiter; die Provokatio-
       nen gingen  weiter; die  Ausbildung konterrevolutionärer  Gruppen
       auf nordamerikanischem  Boden und  auf dem  Boden der karibischen
       Länder ging  weiter; die  von dem immer noch in unserem Lande be-
       findlichen amerikanischen  Flottenstützpunkt ausgehenden Provoka-
       tionen gingen  weiter, und die Verletzung unserer Hoheitsgewässer
       und des  Luftraumes über unserem Lande ging weiter. Der Mangel an
       Zeit macht es mir unmöglich, alle diese Verletzungen aufzuzählen.
       Eine ausführliche  Darstellung soll  jedoch an die Mitglieder der
       Vollversammlung verteilt  werden. Aber  diese Aggressionen dauern
       an, und  die amerikanischen Kriegsschiffe befinden sich weiter an
       der Küste  unserer Häfen,  und diejenigen von uns, die täglich in
       Havanna sind, müssen mit eigenen Augen diese um unsere Insel lau-
       ernden Schiffe  mit ihrem  kriegerischen Anblick sehen, die, wenn
       sie jetzt auch noch nicht kriegerisch sind, so doch aussehen, als
       ob sie einen Krieg vorbereiteten.
       Dies ist  das heutige  Bild. Aber  wir können hinzufügen, daß die
       gegenwärtige Situation sich qualitativ von der unterscheidet, die
       vor der Invasion unseres Landes in Playa Girón bestand. Ich sage,
       daß sie qualitativ gesehen anders ist, und zwar aus dem folgenden
       Grunde: Vor Playa Girón hat die Regierung der Vereinigten Staaten
       mehr als  einmal erklärt,  daß sie keinerlei aggressive Absichten
       gegen mein  Land habe.  Nach Playa  Girón mußte der Präsident der
       Vereinigten Staaten  selbst öffentlich und offiziell zugeben, daß
       er die  Verantwortung trug;  er mußte sich zu seiner Teilnahme an
       dieser Invasion  bekennen. Und  heute ist  die Situation  anders,
       weil, wenn  man uns  auch immer wieder versichert - der Chefdele-
       gierte der  Vereinigten Staaten  in  dieser  Versammlung  hat  es
       selbst bestätigt  -, daß  kein Angriff auf mein Land beabsichtigt
       ist, es  doch andererseits einen Präzedenzfall gibt; es gibt Ver-
       öffentlichungen, offizielle Erklärungen und offizielle Resolutio-
       nen, die  eine bewaffnete  Aggression gegen Kuba autorisieren und
       im voraus  legitimieren. Und  das Ziel, wie wir es dem Text einer
       Erklärung des  amerikanischen  Außenministeriums  entnehmen,  der
       Leitgedanke der amerikanischen Außenpolitik in bezug auf Kuba be-
       steht klar und eindeutig darin, die Revolutionsregierung von Kuba
       zu stürzen  und unsere  glorreiche Revolution und ihre Früchte zu
       zerstören.
       Dies findet  statt inmitten  und umgeben von einer Presse-, Rund-
       funk und Fernseh-Kampagne, die die politische Bühne der Vereinig-
       ten Staaten mit kriegsähnlicher Hysterie erfüllt. Dazu kommen die
       sich ständig  wiederholenden anmaßenden  und beleidigenden Erklä-
       rungen von Senatoren und Mitgliedern des Repräsentantenhauses der
       Vereinigten Staaten.  Auf die  absurdeste Weise  macht  man  sich
       einen jeden  Umstand zunutze,  der diese Kampagne aggressiver Hy-
       sterie gegen  unser Land  nähren könnte, was dann zum Beispiel zu
       der lächerlichen  Behauptung führt,  daß die Errichtung eines Fi-
       schereihafens auf unserem Gebiet im Zuge freundlicher und freund-
       schaftlicher Beziehungen  mit der Sowjetunion ebenfalls eine Dro-
       hung bewaffneter  Aggression darstellt,  die die  Sicherheit  der
       Vereinigten Staaten selbst gefährdet. Dies heißt, daß man das Fi-
       schen von Kabeljau und Hering zu einer Kriegsdrohung erhebt.
       Wir wissen,  daß diese  Atmosphäre der  Hysterie, diese Kampagne,
       diese endlose Serie von Schmähungen und Verleumdungen ein wesent-
       licher Bestandteil  des Druckes  ist, der  von der amerikanischen
       Regierung und  auch auf  diese selbst  ausgeübt wird,  so daß man
       sich ein  für allemal  für bewaffnete Aggression, direkte bewaff-
       nete Aggression gegen mein Land entscheidet. Wir wissen, daß die-
       ser Druck  besteht. Wir  glauben aber  auch, daß es letzten Endes
       die amerikanische Regierung selbst ist, die für die Existenz die-
       ses Druckes  verantwortlich ist,  der eine  natürliche Folge, ein
       unvermeidliches Ergebnis  der Politik  ständiger  Aggression  und
       Beunruhigung ist,  die die  Vereinigten Staaten  verfolgt  haben,
       seitdem die neue Regierung in diesem Lande im Amte ist.
       Jedermann kann  die Manöver  und Maßnahmen  sehen und beobachten,
       die unter  dem Schutze dieses Klimas antikubanischer Hysterie und
       Aggression durchgeführt werden ...
       Außerhalb der  Organisation amerikanischer Staaten und ohne eines
       der internationalen Gremien zu konsultieren, unter Mißachtung al-
       ler, trifft die amerikanische Regierung einseitige Entscheidungen
       und ergreift Maßnahmen, welche die Prinzipien der Charta der Ver-
       einten Nationen  flagrant verhöhnen  und verletzen. Auf der einen
       Seite gibt es die Politik der "Allianz für den Fortschritt", eine
       Politik des  Opportunismus, zu der es auf diesem Kontinent ledig-
       lich angesichts des Beispiels der kubanischen Revolution kam. Auf
       der einen Seite wird eine Entscheidung verkündet, die Entwicklung
       der rückständigen  Länder zu  fördern, und  zwar ebenfalls  ange-
       sichts Kubas,  das eine unterentwickelte Wirtschaft besitzt, des-
       sen Bevölkerung  jedoch beseelt  ist von  dem Streben  nach wirt-
       schaftlicher und  kultureller Entwicklung.  Auf der anderen Seite
       gibt es  eine Politik,  die einzig und allein darauf ausgerichtet
       ist, wirtschaftliche  Schwierigkeiten zu  schaffen und  versucht,
       die Kräfte  der Revolutionsregierung von Kuba im Keime zu erstic-
       ken. Und  all dem,  was schon  geschehen ist,  hat man  dann noch
       diese offiziellen  Entscheidungen hinzugefügt - offiziell verkün-
       det -,  Zwang und Repressalien gegen alle Schiffahrtsgesellschaf-
       ten anzuwenden,  deren Schiffe eine Ladung zur Versorgung und Er-
       nährung der  kubanischen Bevölkerung mitführen: Rohstoffe für un-
       sere Industrie, Düngemittel und Geräte für unsere Landwirtschaft.
       Repressalien und  Zwang werden  angewendet, um  eine  Seeblockade
       über unser  Land zu verhängen. Am hellichten Tag, in aller Offen-
       heit wird  auf die Länder der NATO Druck ausgeübt, damit sie ihre
       Schiffe davon abhalten, noch Ladungen in unser Land zu befördern.
       Und wenn  das nicht  hilft, dann  gibt es immer noch ein weiteres
       Mittel: Repressalien  gegen Schiffe, die dennoch Frachten in mein
       Land befördern, sogar zum Schaden der Interessen von Schiffahrts-
       gesellschaften, die  unter der  Flagge von  mit  den  Vereinigten
       Staaten befreundeten Ländern fahren...
       Dieses Drängen  auf Blockademaßnahmen,  diese Ausführung von ein-
       seitigen Handlungen  zur Durchsetzung  dieser  Blockademaßnahmen,
       sind sie  nicht zu  Zeiten des  Friedens kriegerische Handlungen?
       Ich frage Sie, meine Herren, ob die Vereinigten Staaten das Recht
       oder die  Vollmacht besitzen, außerhalb und unter Mißachtung die-
       ser internationalen Organisation einseitige Maßnahmen von solcher
       Tragweite zu treffen?
       ...Ich sagte  zu Beginn  meiner Ausführungen, daß der Zustand der
       amerikanisch-kubanischen Beziehungen  vor der  Invasion in  Playa
       Girón qualitativ gesehen ein anderer war als heute. Und ich sagte
       dies, weil inzwischen offizielle Erklärungen und Resolutionen be-
       kannt geworden  sind, die schon im voraus einen vergeblichen Ver-
       such darstellen,  eine direkte  bewaffnete Aggression  gegen mein
       Land zu  rechtfertigen. Ihnen  allen liegt  die  gemeinsame  Ent-
       schließung des  amerikanischen Kongresses  vor. Um  zu verstehen,
       was ich  meine, brauchen Sie nur flüchtig den bereits wirksam ge-
       wordenen Teil  dieser gemeinsamen Entschließung durchzusehen, wie
       er vom  Kongreß der  Vereinigten Staaten gebilligt wurde. Ich zi-
       tiere das  Dokument: Vom im Kongreß versammelten Senat und Reprä-
       sentantenhaus der  Vereinigten Staaten  wird beschlossen, daß die
       Vereinigten Staaten  entschlossen sind,  mit allen zu Gebote ste-
       henden Mitteln    e i n s c h l i e ß l i c h    W a f f e n g e-
       w a l t,  zu verhindern, daß das marxistisch-leninistische Regime
       auf Kuba  seine aggressive  oder subversive Tätigkeit auf irgend-
       einen Teil  dieser Hemisphäre  durch Gewalt  oder Gewaltandrohung
       ausdehnt."
       Dies ist  einfach grotesk.  Wir brauchen uns nur der jüngsten Ge-
       schichte zuzuwenden. War es vielleicht Kuba, das sich aggressiver
       oder subversiver Handlungen gegen andere Länder dieser Hemisphäre
       schuldig gemacht  hat? Nein,  ganz im  Gegenteil. Lassen Sie Ihre
       Gedanken für  einen Augenblick  zurückschweifen und  erinnern Sie
       sich an  die Invasion von Playa Girón, die, wie Präsident Kennedy
       selbst zugegeben  hat, von  der Regierung der Vereinigten Staaten
       unterstützt und  organisiert wurde.  Die Söldnertruppen wurden in
       einem mittelamerikanischen  Land ausgebildet,  und diese  Truppen
       gingen dann  daran, in  ein anderes amerikanisches Land einzufal-
       len. War  es Kuba, das subversive Handlungen in dieser Hemisphäre
       durchführte, oder  waren es nicht vielmehr jene anderen Regierun-
       gen, welche  auf die eine oder andere Weise diese Invasion unter-
       stützt haben? Indem sie es taten, indem sie dieses internationale
       Verbrechen begingen, wurden sie daran schuldig. Kuba hat schon in
       der Vergangenheit  gesagt und  wiederholt es  hier, daß wir nicht
       die Absicht  haben, irgendwelche Schritte zu unternehmen und auch
       niemals Schritte unternehmen werden, um die Ideologie unseres ei-
       genen revolutionären  Prozesses auf  irgendwelche anderen  Länder
       oder Teile dieser Hemisphäre auszudehnen.
       Aber lassen Sie uns auf diese gemeinsame Entschließung des ameri-
       kanischen Kongresses  zurückkommen. In  ihrem dritten wirksam ge-
       wordenen Paragraphen  steht: "Mit der Organisation amerikanischer
       Staaten und  allen friedliebenden  Kubanern -  (und ich darf hier
       wohl ergänzen  kubanischen Konterrevolutionären)  - zusammenzuar-
       beiten und  das Streben des kubanischen Volkes nach Selbstbestim-
       mung zu  unterstützen." Nun wollen wir uns fragen, was das heißt.
       Heißt es:  weiterhin die  gegen unser  Land gerichtete subversive
       und aggressive  Tätigkeit zu  unterstützen; neue räuberische Ein-
       fälle in unsere Küsten zu finanzieren, zu schützen und zu decken;
       eine neue  bewaffnete Aggression  gegen unser Land zu finanzieren
       und militärisch zu decken und zu schützen?
       Dieser Paragraph der vom Kongreß der Vereinigten Staaten angenom-
       menen Entschließung  ist die offizielle, kategorische, offene Er-
       klärung der Entscheidung dieses Landes, sich in die inneren Ange-
       legenheiten meines Landes einzumischen, die hier in aller Öffent-
       lichkeit offiziell durch den Kongreß der Vereinigten Staaten ver-
       kündet wird,  und zwar, was für ein absurder Widerspruch!, inner-
       halb derselben  Resolution, in welcher Kuba beschuldigt wird, den
       Frieden auf diesem Kontinent gestört zu haben.
       In Unterparagraph  b dieser  gemeinsamen Entschließung stellt der
       Kongreß der  Vereinigten Staaten  fest, daß  er entschlossen ist,
       "auf Kuba  die Schaffung oder Anwendung einer von außen geförder-
       ten militärischen Fähigkeit, die Sicherheit der Vereinigten Staa-
       ten zu gefährden, zu verhindern."
       Mit anderen  Worten, der  Kongreß der Vereinigten rechtfertigt  a
       p r i o r i  den Gebrauch von Waffen, rechtfertigt die bewaffnete
       Aggression gegen  mein Land, um in Kuba die Schaffung einer mili-
       tärischen Kapazität  zu verhindern, die die Sicherheit der Verei-
       nigten Staaten  gefährden könnte.  Kuba, das die Sicherheit einer
       Großmacht gefährdet  - Kuba,  das Opfer  der Aggression-Kuba, das
       überfallene Land.  Dieses Land,  Kuba, erfüllt  die Führer dieser
       Großmacht mit  Panik, und  ihre Herzen  zittern  vor  Angst.  Ich
       glaube, ich  brauche Ihnen gegenüber, meine Herren, nicht die Lä-
       cherlichkeit einer solchen Erklärung zu betonen.
       Wegen dieser  vom Kongreß der Vereinigten Staaten verabschiedeten
       gemeinsamen Entschließung - ich habe gehört, wie ein Mitglied des
       Repräsentantenhauses sie  als eine  Antwort auf  das Kuba-Problem
       bezeichnete - beruft die Regierung der Vereinigten Staaten Reser-
       visten ein  und beabsichtigt,  innerhalb der regulären amerikani-
       schen Armee  Kuba-Kontingente auszubilden,  die gegen die kubani-
       sche Regierung eingesetzt werden sollen. Dies geschieht, nach der
       gemeinsamen Entschließung,  wegen der Gefahr, die Kuba darstellt,
       weil Kuba  militärisch in  die Lage  versetzt werden  könnte, das
       friedliche Alltagsleben  des amerikanischen  Volkes zu  gefährden
       und zu stören und die Sicherheit dieser Großmacht zu gefährden.
       Was können  wir dazu  sagen? Wir  können sagen, daß Kuba sich be-
       waffnet hat.  Wir haben  ein Recht, uns zu bewaffnen, uns zu ver-
       teidigen, und  die Frage, die gestellt werden muß, ist: Warum hat
       Kuba sich  bewaffnet? Es  läßt sich  nicht bestreiten, daß wir es
       vorgezogen hätten,  all diese menschlichen und materiellen Hilfs-
       quellen und  all die  Energien, die  wir für die Stärkung unserer
       militärischen Verteidigung  aufwenden mußten, für die Entwicklung
       unserer Wirtschaft  und die  Hebung unseres  kulturellen  Niveaus
       aufzuwenden. Wir  haben uns gegen unseren Willen bewaffnet, gegen
       unsere bessere  Natur, weil  wir dazu  gezwungen waren. Wir waren
       gezwungen, unsere Verteidigungskraft zu erhöhen. Andersfalls hät-
       ten wir  die Souveränität unseres Landes und seine Unabhängigkeit
       gefährdet und  untergraben. Wir haben uns bewaffnet, weil das ku-
       banische Volk ein ihm von der Geschichte selbst verliehenes legi-
       times Recht besitzt, die aufgrund seiner Souveränität getroffenen
       Entscheidungen zu  verteidigen und  sein Land  auf  die  von  ihm
       selbst gewählten geschichtlichen Pfade zu führen...
       Deshalb haben  wir gerüstet.  Wir hoffen  immer noch,  daß es uns
       möglich sein  wird, alle  diese Waffen  über Bord  zu werfen. Wir
       sind eine  friedliebende Nation;  wir wollen  Frieden; wir wollen
       keinen Krieg.  Das kubanische  Volk hat  nur einen Wunsch - große
       Taten zu  vollbringen in  der Entwicklung  der Zukunft seiner Na-
       tion, und zwar durch friedliche und schöpferische Arbeit.
       Wir wurden  gezwungen uns  zu rüsten  - nicht um irgendjemand an-
       zugreifen, nicht  um über  irgendeine andere  Nation herzufallen,
       sondern um  uns zu verteidigen. Und wir haben die gemeinsame Ent-
       schließung des  amerikanischen Kongresses  zu passender  Zeit mit
       einer von  unserem Ministerrat gebilligten Erklärung beantwortet,
       in der es hierzu heißt: Wenn die Vereinigten Staaten imstande wä-
       ren, Kuba  wirksame Garantien  und zufriedenstellende  Beweise in
       bezug auf  die Integrität kubanischen Gebiets zu geben, und soll-
       ten sie  ihre subversive  und konterrevolutionäre Tätigkeit gegen
       unser Volk  einstellen, so brauchte Kuba seine Verteidigungskraft
       nicht zu  erhöhen. Kuba  brauchte dann noch nicht einmal eine Ar-
       mee, und  alle Mittel,  die diesem Zweck zugeführt werden, würden
       von uns  mit Freude  und Dankbarkeit  für die wirtschaftliche und
       kulturelle Entwicklung unseres Landes angelegt werden.
       Sollten die Vereinigten Staaten uns in Wort und Tat beweisen, daß
       sie keine Invasion gegen unser Land durchführen werden, so erklä-
       ren wir  schon jetzt  an dieser  Stelle auf das feierlichste, daß
       unsere Rüstung  damit unnötig und unsere Armee überflüssig würde.
       Wir glauben von uns, daß wir fähig sind, Frieden zu schaffen...
       Der offensichtlich  wichtigste Punkt  in dieser Entschließung des
       amerikanischen Kongresses  ist, daß  die Vereinigten Staaten sich
       das sogenannte  Recht vorbehalten, einseitig zu entscheiden, wann
       nach ihrer Meinung die in der gemeinsamen Entschließung dargeleg-
       ten Bedingungen eingetreten sind, zu welchem Zeitpunkt die Verei-
       nigten Staaten dann imstande wären, die bereits im voraus für ge-
       setzmäßig erklärte  Aggression gegen mein Land durchzuführen. Und
       dies gibt  zu den  ernstesten Besorgnissen  Anlaß, denn  nach der
       Entschließung genügt es für die amerikanische Regierung zu erklä-
       ren, daß  eine dieser  Bedingungen erfüllt ist, um unser Land di-
       rekt durch bewaffnete Aggression angreifen zu können...
       Wo stehen wir angesichts dieses aggressiven Verhaltens? Von Anbe-
       ginn der  Verschlechterung der kubanisch-amerikanischen Beziehun-
       gen ist  Kuba stets  zu Verhandlungen bereit gewesen, zu Verhand-
       lungen auf  normalem diplomatischem Wege oder auf jede andere an-
       gemessene Weise,  um die  Differenzen  zwischen  den  Vereinigten
       Staaten und  Kuba zu  beseitigen. Wie unser Ministerrat in seiner
       Erklärung festgestellt  hat, wäre Kuba sogar bereit gewesen, ame-
       rikanische Bürger  und amerikanische  Interessen zu entschädigen,
       die möglicherweise  durch die  im Zuge  der Revolution erlassenen
       Gesetze betroffen  wurden, wenn  die  wirtschaftliche  Aggression
       nicht gewesen  wäre, und  wenn die amerikanische Regierung bereit
       gewesen wäre,  auf einer  der Souveränität, Würde und Unabhängig-
       keit unseres  Volkes angemessenen Ebene zu verhandeln. Unsere Be-
       reitwilligkeit, eine  friedliche Regelung auszuhandeln, wurde bei
       vielen Gelegenheiten  öffentlich bekundet;  sie kam auch in offi-
       ziellen Noten  an die amerikanische Regierung zum Ausdruck... Die
       wiederholten Weigerungen  der amerikanischen Regierung zu verhan-
       deln, sind ein überzeugender Beweis dafür, daß sie nur ein einzi-
       ges Ziel hatte, nämlich den Sturz der Revolutionsregierung meines
       Landes, die  Niederschlagung der  kubanischen Revolution und Ein-
       griffe in das Selbstbestimmungsrecht unseres Volkes...
       Kuba, und  ich sage  das ganz  deutlich, ist immer bereit gewesen
       und auch  heute noch  bereit, die  Spannungen zu mildern, die die
       kubanisch-amerikanischen Beziehungen  umgeben und den Weltfrieden
       bedrohen. Da Kuba bereit ist, dies zu tun, haben wir auch ein mo-
       ralisches Recht darauf, von der Delegation der amerikanischen Re-
       gierung zu  verlangen, daß  sie uns sagt, ob ihre Regierung eben-
       falls bereit ist, notwendige und nützliche Schritte zu ergreifen,
       um die  gegenwärtige internationale  Spannung zu  überwinden, die
       Kuba umgibt. Leider sind wir pessimistisch, und wir sehen bereits
       voraus, was  für eine  Antwort uns zuteil werden wird im Hinblick
       auf diese Schritte zum Frieden, diese Schritte, die wir zu unter-
       nehmen bereit  sind und  die zu unternehmen wir die amerikanische
       Regierung ersuchen; d.h., wir fragen die amerikanische Regierung,
       ob sie bereit ist, diese Schritte zu unternehmen. Leider, und Sie
       sind dabei  Zeugen, werden  diese Schritte nicht unternommen wer-
       den...
       Es ist  an dieser Stelle oft hervorgehoben worden, daß Kuba nicht
       ein Zankapfel zwischen Osten und Westen ist. Kuba ist ein Problem
       der Souveränität  und der  Unabhängigkeit. Das  Kuba-Problem  ist
       eine Frage  der souveränen  Entscheidungsgewalt eines  Volkes und
       des Rechts  dieses  Volkes  auf  Selbstbestimmung.  Kuba  wünscht
       nicht, daß  sein Name  mit auf  der Liste derer erscheint, die in
       den Kalten  Krieg verwickelt  sind. Kuba  möchte lediglich  seine
       Wirtschaft entwickeln und sein kulturelles Niveau heben und Pläne
       für eine gute und friedliche Zukunft machen und in die Tat umset-
       zen...
       Als die  Invasion stattfand, hörten viele von Ihnen hier mit, wie
       der Vertreter  der amerikanischen  Regierung erklärte,  daß  eine
       solche Invasion  nicht stattgefunden  hätte, daß  sie nicht  exi-
       stierte und  daß seine  Regierung diese  Invasion nicht gefördert
       hätte. Und  doch erklärte  sich einige  Tage später der Präsident
       der Vereinigten Staaten von Amerika selbst öffentlich und offizi-
       ell für  diese Invasion  verantwortlich. Was in der Vergangenheit
       geschehen ist, gibt uns deshalb ein Recht darauf, vor den Verein-
       ten Nationen  Garantien dafür  zu verlangen, daß es zu keiner Ag-
       gression kommen  wird, aber,  wie ich bereits sagte, nicht Garan-
       tien, die  in Worten  bestehen, sondern  vor allem Garantien, die
       durch Taten untermauert sind.
       Man sage  uns nicht,  daß das Kuba-Problem nicht eine zweiseitige
       Differenz zwischen  Kuba und  den Vereinigten Staaten, sondern in
       Wirklichkeit ein Problem dieser Hemisphäre sei. Wir haben bereits
       gesagt und  wir haben  es wiederholt, und wir wiederholen es noch
       einmal, daß  wir den  Grundsatz der  Nichteinmischung achten. Wir
       haben immer  erklärt, daß wir die Souveränität und Unabhängigkeit
       der übrigen Länder Lateinamerikas respektieren Kuba ist nicht ein
       Problem dieses  Kontinents oder  dieser Hemisphäre. Die Unterent-
       wicklung ist  ein Problem  der Hemisphäre,  wir dagegen sind kein
       Problem der  Hemisphäre. Hunger, Mangel, Not sind Probleme dieser
       Hemisphäre, doch  nicht Kuba.  Unwissenheit  und  Analphabetentum
       sind Probleme  der Hemisphäre, aber nicht Kuba. Die amerikanische
       Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Länder dieses Kon-
       tinents ist  ein Hemisphäre-Problem,  nicht Kuba.  Die Ausbildung
       und Vorbereitung  bewaffneter Streitkräfte, insbesondere von sei-
       ten der  Regierung der Vereinigten Staaten, in verschiedenen Län-
       dern dieses Kontinents zum Einsatz gegen Volksbewegungen auf die-
       sem Kontinent, bis der Gefahr eines neuen Kolonialkrieges auf dem
       amerikanischen Kontinent  gesteuert ist  - dies ist ebenfalls ein
       Problem der Hemisphäre, aber nicht Kuba.
       Kuba ist  kein Problem der Hemisphäre, aber die Vereinigten Staa-
       ten sind  es wegen  ihres Mangels an Achtung vor der Souveränität
       anderer Staaten. Kuba ist kein Problem für die Länder, die es re-
       spektieren. Kuba  kann nur  für die Regierungen ein Problem sein,
       die es  fürchten -  nicht wegen  unserer Fähigkeit zur Subversion
       oder wegen  etwaiger aggressiver Absichten, sondern nur wegen des
       Vorbildes der kubanischen Revolution...
       
       (Dt. Übersetzung "Blätter f. dt. u. int. Politik")
       

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