Quelle: Blätter 1962 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       KENNEDYS ANTWORT AUF CHRUSTSCHOWS BOTSCHAFT VOM 28.X.62
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       Lieber Herr Vorsitzender,
       obwohl ich  den offiziellen Text noch nicht erhalten habe, beant-
       worte ich  sofort ihre  durch den  Rundfunk verbreitete Botschaft
       vom 28.  Oktober wegen  der großen Bedeutung, die ich darin sehe,
       prompt an  die Regelung  der Kuba-Krise zu gehen. Ich glaube, daß
       Sie und  ich, mit  unserer schweren  Verantwortung für  die  Auf-
       rechterhaltung des  Friedens, uns  bewußt waren, daß die Entwick-
       lung sich  einem Punkt  näherte, an dem die Ereignisse hätten un-
       kontrollierbar werden  können. So begrüße ich diese Botschaft und
       halte sie für einen wichtigen Beitrag zum Frieden.
       Die hervorragenden  Bemühungen des  amtierenden  Generalsekretärs
       U Thant haben  unsere Aufgaben  wesentlich erleichtert.  Ich  be-
       trachte meinen  Brief an Sie vom 27. Oktober und Ihre Antwort von
       heute als  feste Verpflichtungen  unserer beiden Regierungen, die
       prompt verwirklicht  werden sollten. Ich hoffe, daß die erforder-
       lichen Maßnahmen,  wie es  in Ihrer  Botschaft heißt, sofort über
       die Vereinten Nationen getroffen werden können, so daß die Verei-
       nigten Staaten  ihrerseits in  der Lage sein werden, die jetzt in
       Kraft befindlichen  Quarantänemaßnahmen aufzuheben.  Ich habe be-
       reits Vorsorge  getroffen, über  all diese Dinge der Organisation
       der amerikanischen  Staaten zu  berichten, deren  Mitglieder  ein
       tiefes Interesse  an einem  aufrichtigen Frieden  im  karibischen
       Raum teilen.
       Sie bezogen  sich in Ihrem Brief auf eine Verletzung ihrer Grenze
       durch ein  amerikanisches Flugzeug  im Gebiet  der  Tschuktschen-
       Halbinsel. Ich habe erfahren, daß dieses Flugzeug unbewaffnet und
       ohne photographische  Ausrüstung war und sich im Zusammenhang mit
       ihren Atomversuchen auf einem Erkundungsflug zur Untersuchung der
       Luftverhältnisse befand.  Der Kurs  ging direkt  vom  Luftwaffen-
       stützpunkt Edelson  in Alaska zum Nordpol und zurück. Als er nach
       Süden abdrehte,  machte der  Pilot einen schweren navigatorischen
       Fehler, der  ihn über sowjetisches Gebiet brachte. Er forderte in
       einem unverschlüsselten Funknotruf sofort Navigationshilfe an und
       wurde auf  direkter Route zu seinem Heimatstützpunkt zurückgelei-
       tet. Ich  bedaure diesen Zwischenfall und werde dafür sorgen, daß
       alles geschieht, um eine Wiederholung zu verhindern.
       Herr Vorsitzender, unsere beiden Länder haben noch große Verhand-
       lungen vor  sich und  ich weiß,  daß Ihrem Volk genau wie dem der
       Vereinigten Staaten  viel daran  gelegen ist,  sie von der Furcht
       vor einem Krieg zu befreien. Die moderne Wissenschaft und Technik
       haben uns  die Möglichkeit  gegeben, die menschliche Arbeitskraft
       so fruchtbar zu machen, wie es noch vor wenigen Jahrzehnten nicht
       erträumt werden konnte.
       Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß wir den Problemen der Ab-
       rüstung äußerste  Aufmerksamkeit widmen  müssen, sowohl  in bezug
       auf die  ganze Welt  wie auf kritische Gebiete. Vielleicht können
       wir jetzt,  da wir  uns von  der Gefahr entfernen, zusammen einen
       wirklichen Fortschritt  auf diesem  lebenswichtigen Gebiet erzie-
       len. Ich  glaube, wir  sollten den Fragen Vorrang geben, die sich
       auf die  Ausbreitung von  Atomwaffen auf der Erde und im Weltraum
       beziehen und uns auch mit Vorrang um einen Atomwaffenversuchsstop
       bemühen. Aber  wir sollten auch hart daran arbeiten, herauszufin-
       den, ob die Abrüstung in einem größeren Bereich vereinbart und zu
       einem frühen Zeitpunkt verwirklicht werden kann.
       Die Regierung  der Vereinigten  Staaten ist  bereit, diese Fragen
       vordringlich und  in einem  konstruktiven Geist  in Genf oder an-
       derswo zu besprechen.
       John F. Kennedy
       Nach: Süddeutsche Zeitung v. 30.X.62.
       

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