Quelle: Blätter 1962 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG ZUR KUBA-KRISE
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       Die Entwicklung  um Kuba  und die  von Bundesminister  Erhard vor
       Präsident Kennedy  und Außenminister  Rusk abgegebene  Erklärung,
       "daß die Bundesrepublik sich voll und ganz an allen Maßnahmen ge-
       gen das  Castro-Regime beteiligen  würde", veranlaßt  die  Unter-
       zeichner zu der folgenden Stellungnahme:
       
       Die Welt  ist über  Nacht an  den Abgrund des Atomkriegs geraten.
       Der um  Kuba ausgebrochene  Konflikt bedroht das Leben jedes ein-
       zelnen. In  dieser ernsten  Situation kann es für alle Menschen -
       wie immer  sie denken  mögen -  nur eine einzige Forderung an die
       verantwortlichen Politiker  und Staatsmänner  der  Völker  geben:
       Schöpft alle  Möglichkeiten zur  Verhinderung des Krieges und zur
       Entspannung aus!  Es gibt nicht ein einziges Argument für den al-
       les vernichtenden Atomkrieg, in dem keiner auch nur die geringste
       Chance hat.  Es gibt  im Atomzeitalter keine "Politik mit anderen
       Mitteln". Die  logische Konsequenz des Wettrüstens unter Vernach-
       lässigung der Bemühungen um politische Lösungen ist die Konflikt-
       gefahr, wie  sie zur  Zeit so  ernst wie  noch nie  seit 1945 vom
       Zaune gebrochen worden ist.
       Jeder einzelne von uns bestimmt durch sein Handeln oder Nichthan-
       deln die  weitere Entwicklung  mit. Eine  Weltöffentlichkeit, die
       entschlossen und  gemeinsam ihre  Stimme gegen  den Krieg und für
       den Frieden erhebt, ist eine unüberhörbare Macht. Die öffentliche
       Meinung verlangt jetzt gebieterisch die Einstellung aller riskan-
       ten Maßnahmen und fordert Verhandlungen. Dafür, daß diese Meinung
       zu Gehör  kommt, sind  wir in Deutschland verantwortlich, wie die
       Menschen der anderen Völker in ihren Ländern.
       Die Bundesregierung  hat als  erste westeuropäische Regierung den
       Schritt auf  das letzte  Risiko hin  begrüßt und  ohne Vorbehalte
       eine verpflichtende  Erklärung abgegeben. Eine so weitgehende Zu-
       sage gegenüber den Vereinigten Staaten, sich an allen wirtschaft-
       lichen, politischen und militärischen Maßnahmen gegen Kuba zu be-
       teiligen, kann  folgenschwere Konsequenzen für uns heraufbeschwö-
       ren. In  dieser Stunde  der Gewaltpolitik  das Wort zu reden, ist
       dem ganzen Volk gegenüber in höchstem Maße verantwortungslos.
       Die Aufgabe  der vom  Volk berufenen  deutschen Regierung kann es
       jetzt einzig  und allein sein zur Vernunft zu mahnen, jede Einmi-
       schung zu vermeiden und mit allen Mitteln auf die friedliche Bei-
       legung  des   Konflikts  durch   Verhandlungen  hinzuwirken.  Von
       Deutschland aus  darf in  dieser Stunde weder amerikanische, noch
       sowjetische, noch  kubanische Politik  betrieben werden,  sondern
       einzig und allein deutsche Politik. Das ist eine Politik, die al-
       les aufbietet,  um in  unserer ohnehin schwierigen Situation eine
       Katastrophe für unser Volk zu verhindern.
       Die Unterzeichner  erwarten, daß  der Bundestag sich unverzüglich
       mit der Bindungs-Zusage der Bundesregierung an die USA befaßt und
       sie in  allen jenen  Punkten aufhebt,  die uns  möglicherweise in
       kriegerische Abenteuer  verwickeln können  und die  sich  völker-
       rechtswidrig auswirken.  Daß eine  so schwerwiegende  Zusage ohne
       Befragen der  zuständigen demokratischen Instanzen gegeben wurde,
       muß auf das äußerste befremden.
       Nach allen Vorkommnissen in diesem Jahrhundert ist unsere Politik
       gut beraten,  wenn sie sich an die Prinzipien des Internationalen
       Völkerrechts hält,  "Toleranz zu  üben und  im Frieden  als  gute
       Nachbarn miteinander  zu leben", wie die Charta der Vereinten Na-
       tionen es verlangt.
       In diesem Sinne rufen wir alle verantwortlich denkenden Mitbürger
       auf, sich unseren Forderungen anzuschließen.
       gez.: Hilde  Bentele, Stuttgart;  Professor  Gerhard  Gollwitzer,
       Stuttgart; Manfred Pahl-Rugenstein, Köln; Innenminister a.D. Vik-
       tor Renner,  Tübingen; Oberbürgermeister i.R. Robert Scholl, Mün-
       chen.
       28. Oktober 1962.
       

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