Quelle: Blätter 1962 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ÖSTERREICHISCHE INTELLEKTUELLE FORDERN AKTIVE NEUTRALITÄTSPOLITIK
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       Namhafte österreichische  Intellektuelle wandten  sich am 30.X.62
       mit der  folgenden Erklärung  an die österreichische Bundesregie-
       rung:
       In den  letzten Tagen hat der Gegensatz zwischen Ost und West die
       Welt an  den Rand  der Atomvernichtung geführt. Wenn auch staats-
       männische Einsicht diesmal die Katastrophe verhindert hat, so hat
       sich klar  gezeigt, daß der kleinste Zufall auch gegen den Willen
       der beteiligten Mächte den zündenden Funken bedeuten kann. Öster-
       reich hat sich zur immerwährenden Neutralität bekannt und die Ab-
       sicht zu deren strikter Einhaltung durch den Mund des Bundeskanz-
       lers und Außenministers neuerdings entschieden ausgedrückt. Unser
       Land wäre  jedoch darüber hinaus befähigt und verpflichtet, einen
       aktiven  Beitrag  zur  Erhaltung  des  Weltfriedens  zu  leisten.
       Schließlich würde  einem Atomkrieg  zwischen den  Weltmächten die
       ganze Welt  und damit auch das neutrale Österreich zum Opfer fal-
       len.
       Die unterzeichneten Österreicher appellieren daher an die Bundes-
       regierung, mit  allen Kräften  im Sinne  einer Verständigung zwi-
       schen Ost  und West zu vermitteln. Es wäre nicht bescheiden, son-
       dern verantwortungslos,  wenn sich  Österreich auf  eine  passive
       Neutralität beschränkte.  Der Herr  Bundespräsident hat  dankens-
       werterweise in  seiner Rede  vom  26.  Oktober  die  Bereitschaft
       Österreichs bekundet, zwischen Ost und West zu vermitteln und da-
       mit den Weg zu einer aktiven Neutralitätspolitik gewiesen.
       Wien war  schon vor Jahresfrist der Treffpunkt des amerikanischen
       und des  sowjetischen Regierungschefs.  Nichts steht einer ebenso
       freundlichen wie  dringlichen Einladung der österreichischen Bun-
       desregierung an  Präsident Kennedy  und Ministerpräsident Chrust-
       schow im Wege, einander zur Lösung der offenen Fragen abermals in
       der Bundeshauptstadt  zu treffen.  Eine solche Einladung käme der
       gegenwärtigen Initiative  des Generalsekretärs  der  UNO  U Thant
       entgegen.
       Die unterzeichneten  Österreicher bitten die Bundesregierung, un-
       verzüglich alle  für das Zustandekommen eines Gipfeltreffens not-
       wendigen Schritte zu tun.
       Unterzeichnet:
       Dr. Günther  Anders, Paul Blau, Karl Bruckner, Dr. Wilfried Dalm,
       Lea Furtmüller,  Dr. Friedrich  Heer, Dr. Werner Hofmann, Dr. Ro-
       bert Jungk,  Dr. Karl  Kammel, Dr.  Johannes  Kleinhappel,  Tilly
       Kretschmer-Dorninger, Fritz  Klenner, Dr. August Maria Knoll, Dr.
       Eduard März,  Dr.  Albert  Massiczek,  Dr.  Karl  Przibram,  Kurt
       Schmid, Ernst  Schwarcz, Franz  Senghofer, Doktor Richard Bamber-
       ger, Dr. Hans Thirring.
       

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