Quelle: Blätter 1962 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ITALIENISCHE INTELLEKTUELLE PROTESTIEREN GEGEN "SPIEGEL"-AKTION
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       Namhafte italienische  Intellektuelle richteten  am  29.X.62  den
       folgenden Brief  an die  Botschaft der Bundesrepublik Deutschland
       in Rom.
                                           Mailand, den 29. Oktober 1962
       Sehr geehrter Herr Botschafter!
       Wir bitten  Sie, Ihrer Regierung den indignierten Protest der Un-
       terzeichner in  bezug auf  das schwerwiegende  Attentat gegen die
       Pressefreiheit von  seiten des  Richters Antonius Berard der Bun-
       desanwaltschaft in  Karlsruhe mit der Anklage gegen den "Spiegel"
       und der  Verhaftung des Herrn Augstein und mehrerer Redakteure zu
       unterbreiten.
       Der immer  engere wirtschaftliche  und politische  Zusammenschluß
       zwischen den  europäischen Ländern bestimmt uns, diesen Zwischen-
       fall nicht als eine interne deutsche Angelegenheit zu betrachten,
       sondern als einen schweren Angriff gegen die Freiheit und die De-
       mokratie ganz  Europas. Diese  Maßnahmen beunruhigen uns ganz be-
       sonders im  Hinblick darauf,  daß die  Erinnerung an das Leid und
       die Zerstörungen,  die die Hitlertruppen über Europa gebracht ha-
       ben, nachdem  in Deutschland das Recht vergewaltigt, die Freiheit
       und die  Demokratie zugleich mit der Stimme der Opposition unter-
       drückt, sowie  Intellektuelle und  Vertreter der Kultur verhaftet
       worden waren, noch nicht erloschen ist.
       Die Maßnahmen  gegen den  "Spiegel" lassen  klar erkennen, daß es
       sich um  einen Racheakt  von seiten einer Persönlichkeit handelt,
       die von  dieser Zeitschrift stark angegriffen worden war; und uns
       beunruhigt der  wiederholte Einsatz  der deutschen Rechtsprechung
       für den  persönlichen politischen Kampf im Versuch, einen politi-
       schen Gegner  zu vernichten.  Diese Methoden sind eine ernste Be-
       drohung der  demokratischen Struktur des Staates und können daher
       nicht verfehlen,  für die Zukunft der noch jungen deutschen Demo-
       kratie Besorgnis zu erregen.
       Wir italienischen  Demokraten protestieren  daher alarmiert gegen
       die Rückentwicklung,  die sich in dem Angriff gegen den "Spiegel"
       offenbart. Die Pressefreiheit gestattet keine Einschränkungen: es
       gibt sie oder es gibt sie nicht.
       Mit vorzüglicher Hochachtung
       Elio Vittorini,  Alberto Mondadori, Vittorio Sereni, Paolo Rossi,
       Carlo Muscetta.
       (Dt. Übersetzung  "Blätter für  deutsche und internationale Poli-
       tik")
       

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