Quelle: Blätter 1962 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       POLITISCHE WISSENSCHAFTLER ZUR "SPIEGEL"-AFFÄRE
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       29 Professoren  der politischen Wissenschaft und des Staatsrechts
       verschiedener Universitäten  und Hochschulen  richteten das  fol-
       gende Schreiben  an den Präsidenten des Bundesrates, Ministerprä-
       sident K.G. Kiesinger, der z.Z. den Bundespräsidenten vertritt:
       Hochverehrter Herr Bundestagspräsident! Als Staatsbürger der Bun-
       desrepublik und  als Inhaber  eines Lehramts,  dem die Pflege des
       Verfassungsbewußtseins und  die Erziehung zur politischen Verant-
       wortlichkeit anvertraut  ist, wenden  wir uns an Sie als den Ver-
       treter des  Herrn Bundespräsidenten,  weil uns tiefe Sorge um die
       Glaubwürdigkeit und  damit um  die Zukunft  unserer freiheitlich-
       rechtsstaatlichen Verfassung erfüllt.
       Wir versagen  uns, vor  dem Abschluß der in Gang befindlichen ge-
       richtlichen Verfahren zu der gegen Verleger, Herausgeber und Mit-
       arbeiter der  Wochenzeitschrift DER SPIEGEL erhobenen Anklage des
       Landesverrats, zu  dem Problem  des Verhältnisses von Pressefrei-
       heit und  Geheimnisinteresse des  Staates und  zu der  Frage  der
       Rechtmäßigkeit und  politischen Klugheit von Einzelheiten der po-
       lizeilichen Ermittlungsaktion  Stellung zu  nehmen. Wir sind aber
       überzeugt, daß  Lebensnerv und innere Autorität eines freiheitli-
       chen Staatswesens  dadurch schmerzlich verwundet worden sind, daß
       nicht einmal  das vom Volk gewählte Parlament von Mitgliedern der
       aus demselben  Parlament hervorgegangenen und ihm verantwortliche
       Regierung rechtzeitig und wahrheitsgemäß über Vorgänge unterrich-
       tet worden ist, die für die Rechtsstaatlichkeit unseres Gemeinwe-
       sens zentrale Bedeutung haben.
       Der aus diesem Verstoß gegen den Geist der Verfassung entstandene
       und noch  zu erwartende  Schaden ist schwer und muß das Vertrauen
       des Bürgers  zu Parlament  und Regierung erschüttern. Dessen Wie-
       derherstellung scheint  uns nur möglich, wenn dafür verantwortli-
       che Minister  die Konsequenz aus ihrem wie immer erklärbaren Ver-
       sagen ziehen.
       Prof. Dr.  Otto Bachof (Tübingen), Prof. Dr. Arnold Bergstraesser
       (Freiburg), Prof.  Dr. Waldemar Besson (Erlangen), Prof. Dr. Karl
       Dietrich Bracher  (Bonn), Prof. Dr. Hartwig Bülck (Speyer), Prof.
       Dr.  Horst   Ehmke  (Freiburg),   Prof.  Dr.  Theodor  Eschenburg
       (Tübingen), Prof.  Dr. Gert v. Eynern (Berlin), Prof. Dr. Dr. Os-
       sip K.  Flechtheim (Berlin),  Prof.  Dr.  Ludwig  von  Friedeburg
       (Berlin), Prof.  Dr. Otto Heinrich v. d. Gablentz (Berlin), Prof.
       D.  Dr.   Hans  Gerber   (Freiburg),  Prof.  Dr.  Wilhelm  Hennis
       (Hamburg), Prof.  Dr. Konrad Hesse (Freiburg), Prof. Dr. Dietrich
       Jesch (Marburg),  Prof. Dr.  Eugen Kogon  (Darmstadt), Prof.  Dr.
       Siegfried  Landshut   (Hamburg),  Prof.   Dr.  Richard  Löwenthal
       (Berlin), Prof.  Dr. Walter  Mallmann (Frankfurt  am Main), Prof.
       Dr. Erich  Matthias (Marburg),  Prof. Dr. Eberhard Menzel (Kiel),
       Prof. Dr.  Karl Josef  Partsch (Mainz),  Prof. Dr.  Adolf  Schüle
       (Tübingen), Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Rudolf Smend (Göttingen),
       Prof. Dr.  Kurt  Sontheimer  (Berlin),  Prof.  Dr.  Otto  Stammer
       (Berlin), Prof. Dr. Herbert Wehrhahn (Saarbrücken), Prof. Dr. Dr.
       Wilhelm Wengler (Berlin).
       Der Spiegel v. 28.XI.62
       

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