Quelle: Blätter 1963 Heft 01 (Januar)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Die Lage
       
       Dr. Achim von Borries
       
       UM DEN PRIMAT DER POLITIK
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       ...
       "So stellte  Tirpitz mit  einer geradezu  unheimlichen Risikolust
       die gesamte Zukunft von Nation und Welt im Handeln und Leiden auf
       eine einzige Schlacht, auf die entscheidende Seeschlacht zwischen
       Helgoland und  der Themse.  Er ist  sich kaum selber darüber klar
       gewesen, daß er nur auf dieses Ziel zuging und nichts anderes als
       dieses Gottesurteil durch die große Schlacht ihm vor Augen stand.
       In der unermüdlichen Propaganda, mit der er seinen Flottenbau wie
       mit wehenden  Flaggen umgab, war von vielen Dingen, nur nicht von
       der Herausforderung  Englands die Rede. Trotzdem hätte jeder, der
       über den ganzen Handlungskomplex nachdachte, diese Folgerung sel-
       ber ziehen  können. Aber niemand wollte über die Hintergründe und
       Konsequenzen des  Flottenplans nachdenken. Dem Deutschen kann ein
       gestecktes Ziel als Befehl, als Parole, als Massensuggestion, als
       Glaube eingeflößt  werden, ohne daß er sich einen Augenblick dar-
       über den Kopf zerbricht, ob dieses Ziel mit den vorliegenden Mit-
       teln zu  erreichen und  im Rahmen  der gegebenen sittlich-politi-
       schen Welt überhaupt vernünftig ist. Er macht das Unwahrscheinli-
       che möglich und achtet es kaum, wenn auf der vorgezeichneten Bahn
       die ganze  Welt und er selber zugrunde geht. Die Macht des Geset-
       zes -  auch wenn es nur ein nüchternes, für die parlamentarischen
       Zwecke zurecht  gemachtes Flottengesetz  ist -  hält ihn gefangen
       wie ein  übermenschlicher Zauber. Darüber vergißt er die anderen,
       sich selbst, die Erfahrung und all die fremden Gesetze, mit denen
       er notwendig  in einen  tödlichen Konflikt  geraten muß." (Rudolf
       Stadelmann, Deutschland  und  Westeuropa,  Schloß  Laupheim/Würt-
       temberg, 1948, Seite 145 ff.)
       ...
       ...
       "Die Gefahr  besteht, daß Bonn nicht nur das Geld für mehr Solda-
       ten und  deren Ausrüstung,  sondern auch  für Atomwaffen ausgeben
       muß, deren  strategischer Wert umstritten ist, da die USA ohnehin
       95% des westlichen Kernwaffen-Potentials besitzen. Atombewaffnung
       trotz Verstärkung  der herkömmlichen  Rüstung - das könnte unsere
       finanzielle Kraft erschüttern."
       ...
       ...
       "Ob diese Taktik sehr geschickt ist und nicht am Ende gar das Ge-
       genteil des  angestrebten Zweckes  erreichen könnte, ob überhaupt
       das Drängen  und Drängeln  Bonns auf Mitverfügung über Atomwaffen
       ein Zeichen  besonderen politischen Fingerspitzengefühls ist, mag
       dabei offen  bleiben; es  wird über diesen Problemkomplex sowieso
       noch unendlich  viel gesprochen  werden, bevor es zu handgreifli-
       chen Entscheidungen  kommt.  Chrustschow  aber  dürfte  sich  ins
       Fäustchen lachen,  daß ihm  Bonn, statt seiner Propaganda wirksam
       politisch entgegenzutreten,  im Gegenteil  frische  Munition  für
       seine auf die Spaltung der atlantischen Allianz gerichteten Manö-
       ver liefert."
       ...
       ...
       "Nach meiner  Meinung ist  es gefährlich und unnötig, die Teilung
       Europas entlang  der Linie  von Helmstedt  zu  akzeptieren.  Hier
       könnten, glaube  ich, Militär-  und Außenpolitik Hand in Hand ge-
       hen, um  wichtige politische  und Sicherheitsergebnisse zu erzie-
       len. Die  sowjetische Herrschaft  in Ostdeutschland  gründet sich
       hauptsächlich auf  das Übergewicht der sowjetischen konventionel-
       len Streitmacht  an  ihrer  westlichen  Front.  Existierte  diese
       nicht, dann  würde eine sowjetische Intervention zur Stützung des
       Ulbricht-Regimes in zunehmendem Umfang unmöglich werden. Eine Po-
       litik der  Lösung der  deutschen Frage  durch Deutsche, die durch
       Mitgliedschaft in  einem geeinten  Europa und  einer atlantischen
       Allianz in  Schranken gehalten wären, könnte dem Berliner Dilemma
       ein Ende setzen." (Deutsche Zeitung vom 19.12.62)
       ...
       ...
       "wenn Westdeutschland  nicht darnach  strebt, die  Ergebnisse des
       Zweiten Weltkrieges  zu revidieren, sondern auch mit seinen Nach-
       barn einschließlich  der  Deutschen  Demokratischen  Republik  in
       Frieden lebt."
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       "Genau genommen  geht es  jetzt nicht  mehr um das Verbleiben der
       Truppen in  Westberlin, sondern  darum, in welcher Form und unter
       welcher Flagge sie dort stehen sollen, von welchem Staate sie ge-
       stellt werden und auf wie lange Zeit sie dort bleiben sollen."
       ...
       ...
       "Weder die  Vereinigten Staaten  noch die Sowjetunion sollten die
       Welt beherrschen.  Die Zeiten,  in der  das eine oder andere Land
       dominieren konnte, sind unwiderruflich vorbei."
       ...
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       "Der Kommunismus  wird nicht  mit Kanonen, Raketen und Atomwaffen
       siegen, wir  wollen den  Kommunismus nicht auf Trümmern und Asche
       aufbauen. Wir wollen nicht alles wieder zerstören, was wir mühsam
       aufgebaut haben.  Es wäre dumm von uns, Millionen Arbeiter zu op-
       fern, nur  um ein  paar Kapitalisten zu beseitigen. Das wäre kein
       echter Marxismus-Leninismus!"
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       "Heute wird  unter den Nachwirkungen der Kuba-Krise aufs neue die
       Möglichkeit diskutiert,  kernwaffenfreie Zonen  zwischen Ost  und
       West zu schaffen."
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       "Der große  Fehler des Staatskanzlers und der alles Schlimme, al-
       les Halbe, hervorgebracht hat, ist, daß er nicht Sinn und Charak-
       ter dazu  hat, ein großes Geschäft frei mit anderen gleich Freien
       zu führen.  Statt sich  Leute zu suchen, die neben ihm an der er-
       sten Stelle  stehen konnten,  raffte er immer neue Untergeordnete
       auf, behandelte noch die anderen wie Werkzeuge und entfernte sie,
       wenn es nicht ging. Jetzt richtet ihn, und fast ohne daß sie sich
       ausspricht, die  öffentliche Meinung,  und er  tritt ab, ohne daß
       man ihn nur vermißt."
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       ...
       "Ein in Frieden und Freiheit zwischen Ost und West lebendes demo-
       kratisches Deutschland  wäre nach  Auffassung vieler  Menschen im
       Norden ein stabilisierender und ausgleichender Faktor erster Ord-
       nung in der Welt. Es ist kein Zufall, daß der frühere schwedische
       Außenminister Oesten  Undèn der  erste westliche  Staatsmann war,
       der Ost  und West,  Bonn und  Ostberlin, zu einer Einigung in der
       deutschen Frage  zusammenführen wollte.  Undèn stieß  damals  auf
       keiner Seite auf ein besonderes Interesse, doch kann nach skandi-
       navischer Auffassung  Deutschland kaum  durch die  Bedrängnis von
       Osten oder Westen zugrunde gehen, sondern nur durch eigene Schuld
       und  s e i n  V e r s a g e n  a u f  d e m  G e b i e t e  d e r
       i n n e r e n  D e m o k r a t i s i e r u n g.  Deshalb betrach-
       tet man auch mit so großer Sorge alles, was den inneren Reifepro-
       zeß verhindern  und Deutschland  von neuem zu einer Gefahr in der
       Welt machen kann. - Über die Probleme der Spaltung hinaus! Manche
       im Zusammenhang  mit der  Spiegel-Affäre beobachtete  Erscheinung
       war im  Ausland von  verheerender Wirkung. Wer in aller Welt will
       einem von inneren Krisen geschüttelten Deutschland zur Vermehrung
       einer Macht  verhelfen, von  der niemand weiß, wozu sie verwendet
       werden wird?"
       ...
       

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