Quelle: Blätter 1963 Heft 03 (März)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Buchbesprechungen
       
       DAS SELBSTVERSTÄNDNIS DER ARBEITNEHMER IN UNSERER GESELLSCHAFT
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       Gibt es noch ein Proletariat? Hrsg. von Marianne Feuersenger. Eu-
       ropäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M., 104 S., kart., 6,80 DM.
       ...
       ...
       "Die westdeutschen  Arbeiter sind  tatsächlich in  ihrer Mehrheit
       weder in  ihrer ökonomischen  Lage noch  auch in ihrem Bewußtsein
       Proletarier."
       ...
       ...
       "Wenn es  bei uns  auch kein Elendsproletariat mehr gibt, wie wir
       es heute  noch in  weiten Gebieten der Erde finden, so wurden zur
       gleichen Zeit,  in der es hier gelang, typische Merkmale der Pro-
       letarität abzubauen, durch die fortschreitende Industrialisierung
       immer mehr Angehörige anderer Bevölkerungskreise zu Besitzlosen -
       zu in  abhängiger Stellung  tätigen Arbeitnehmern.  Besitzlos  zu
       sein, abhängig  zu sein,  das aber  war früher  die Grundlage der
       Proletarität -  jedenfalls in  dem Sinn,  wie Franz von Baader im
       19. Jahrhundert diesen Begriff prägte und Karl Marx zum Ausgangs-
       punkt der  Analyse des Arbeiterdaseins machte, ein Schicksal, das
       vor allem gekennzeichnet war durch die Daseinsunsicherheit."
       ...
       ...
       "Bekanntlich stammt das Wort Proletarier aus dem alten Rom, wo es
       die besitzlose  unterste Schicht bezeichnete, die in Abhängigkeit
       von den  andern dürftig dahinlebte und keine Steuern zahlte, son-
       dern dem  Staat nur  Nachkommen, lateinisch  proles, lieferte. Im
       19. Jahrhundert wandte man diesen Begriff auf den Industriearbei-
       ter an, dessen Lage jener des altrömischen Proletariats in gewis-
       ser Hinsicht  sehr ähnlich  war: persönlich frei, aber besitzlos;
       daher unselbständig  und stets zur Arbeit in fremden Diensten ge-
       zwungen, ohne  eine sichere  Arbeitsstelle zu  erlangen; der Lohn
       deckt im  wesentlichen nur  den  Lebensunterhalt;  daher  besteht
       keine Aussicht,  aus dieser Lage herauszukommen, vielmehr vererbt
       sie sich auf die Nachkommenschaft."
       ...
       ...
       "So bedeutsam die bisher erzielten Milderungen des proletarischen
       Schicksals für  den einzelnen  auch sind - sie werden, aufs Ganze
       gesehen, mehr  als aufgewogen dadurch, daß die Massenproletarität
       ihrem Wesen  nach fortbesteht  und immer weitere Kreise mit einem
       Geist erfüllt, welcher der Entproletarisierung entgegenwirkt. Die
       Hauptwurzel des  "Von-der-Hand-in-den-Mund-Lebens" bildet  jedoch
       die proletarische  Existenz selbst,  die Trennung  der Arbeit vom
       Besitz, die  Unfähigkeit zur Vermögensbildung und die daraus her-
       vorgehende Mißachtung des Strebens danach. In der Besitzlosigkeit
       liegt daher  auch heute  noch der  Schwerpunkt des proletarischen
       Problems, trotz  allem, was  sich sonst  inzwischen geändert hat.
       Deshalb besteht  auch nach  wie vor  die Klassengesellschaft. Wie
       man vom  Schwinden der Klassenunterschiede sprechen kann, solange
       sich der  Boden und die übrigen Produktionsmittel im Privateigen-
       tum einer  Minderheit befinden,  während die  Mehrheit des Volkes
       besitzlos dasteht, ist unerfindlich."
       ...
       ...
       "Ich persönlich  wünschte den  Angestellten von heute ein anderes
       gesellschaftliches Bewußtsein, welches sie unter anderem auch be-
       merken läßt, daß sie einiges mit der Arbeiterschaft gemein haben:
       Das tägliche  Erlebnis unsicherer  und unfreier Arbeit sollte sie
       erkennen lassen, was politische Freiheit wert ist und wie sie ge-
       nutzt werden kann zum Umbau der Arbeitswelt, die mit ihrer harten
       Herrschaftsordnung ja  heute in Wahrheit ein Fremdkörper in einer
       demokratischen Gesellschaft  ist. Dieses  Bewußtsein  ist  sicher
       kein proletarisches  Klassenbewußtsein. Es  ist nicht die revolu-
       tionäre Haltung  derer, die  nichts zu  verlieren haben  als ihre
       Ketten. Es  ist aber auch nicht der Konformismus der Hintersassen
       jenes großbetrieblichen Feudalismus, der sich überall breitmacht.
       (Bahrdt).
       ...
       ...
       "Im Grunde  sind auch  diese Kommunisten oder sozialistischen Ge-
       werkschaftler der  Meinung, daß das Schicksal des Industriearbei-
       ters unausweichlich  sei. Gewiß,  nach ihrer Überzeugung wird der
       Sozialismus den Krieg und seine Ursachen beseitigen, für eine ge-
       rechtere Verteilung  der gemeinsam geschaffenen Güter sorgen, al-
       len Menschen  eine gleiche Chance der Bildung, der Ausbildung und
       des sozialen Aufstiegs geben. Dennoch wird es auch im Sozialismus
       Arbeiter geben,  wird auch im Sozialismus eine gewisse Fabrikdis-
       ziplin notwendig sein, wird es auch nach der Überwindung des der-
       zeitigen kapitalistischen Wirtschaftssystems Menschen geben, wel-
       che anschaffen  und andere, die nur auszufahren haben. So ist für
       sie die  politische Aktion,  ohne daß  sie es  sich  eingestehen,
       gleichzeitig ein Weg des persönlichen Aufstiegs."
       ...
       ...
       "Wir müssen  dringend davor  warnen, die  wirtschaftlichen  Fort-
       schritte der  letzten hundert Jahre als Leistung eines bestimmten
       politischen und  wirtschaftlichen Systems zu betrachten. In Wirk-
       lichkeit kann  man sagen,  daß die  Technik wirtschaftliche Fort-
       schritte nicht  dank, sondern  trotz der  geltenden Rechtsordnung
       erzeugte."
       ...
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       "Die meisten  der Befragten begrüßten den technischen Fortschritt
       als ein  Mittel, ihre  Arbeit zu erleichtern; die übergroße Mehr-
       zahl äußerte  sich jedoch  ebenso kritisch bis skeptisch in bezug
       auf die  Fähigkeit der  Gesellschaft, den technischen Fortschritt
       politisch  zu  integrieren:  Sie  befürchteten  Arbeitslosigkeit,
       einen Atomkrieg oder die Übervölkerung der Erde."
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       ...
       "Wir sind  zukunftslos, wir  haben kein Verhältnis zu unserer Zu-
       kunft, sie  erscheint uns  als die  verlängerte Gegenwart. Allen-
       falls ihre negative Möglichkeit vermögen wir uns vorzustellen, so
       unvorstellbar sie  ist: den  dritten Weltkrieg  und die Atomkata-
       strophe. Und  selbst die  spukt mehr in den Leitartikeln, als daß
       sie uns wirklich in den Nerven säße, sonst wären wir mehr und an-
       ders um unsere positive Zukunft besorgt und bemüht."
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       ...
       "Vergessen und  verschwiegen wird, daß Kultur sich gewiß nicht an
       der Menge  des Erworbenen, sondern an der unnachgiebigen Mühe des
       Erwerbs ermißt. Hier ist alles auf falschen Wegen."
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       ...
       "In unserer  Lage ist  humanes Verhalten solidarisches Verhalten,
       humanes Denken  solidarisches Denken, in unserer Geschichtsstunde
       ist unsolidarisches  Denken, Fühlen, Planen und Handeln unhumanes
       Denken, Fühlen, Planen und Handeln."
       "Die Sache  der Freiheit, die wir so gern im Munde führen, um uns
       einerseits vom  Osten ideologisch  zu unterscheiden und uns ande-
       rerseits vor  unseren Pflichten zu drücken - die Sache der wahren
       Freiheit ist  mit der  der Solidarität nicht nur aufs engste ver-
       bunden: sie ist mit ihr identisch."
       ...
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       Wolfgang Baranowsky
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