Quelle: Blätter 1963 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       EINE AMERIKANISCHE STUDIE ZUM ATOMBUNKER-PROBLEM
       ================================================
       
       Die Pläne der Bundesregierung für den Bau von Schutzräumen in der
       Bundesrepublik (vgl. Heft 2/63, Seite 168), machen eine öffentli-
       che Diskussion  des Fragenkomplexes "Luftschutz im Atomzeitalter"
       in der  Bundesrepublik notwendiger  denn je.  In den  USA  werden
       diese Probleme  schon seit  längerer Zeit  sehr freimütig  disku-
       tiert. So  hat ein  Team von  neun namhaften Fachgelehrten, unter
       ihnen sieben  Professoren der  Columbia University,  New York, im
       Februar 1962  eine Studie  über die  verschiedenen Aspekte  eines
       amerikanischen Atombunker-Programms  vorgelegt, aus der wir nach-
       stehend einige  besonders aufschlußreiche Abschnitte in deutscher
       Übersetzung veröffentlichen. (Ein nationales Atombunker-Programm.
       Seine Durchführbarkeit und seine Kosten. Ein Bericht einer Gruppe
       unabhängiger Spezialisten. New York City Februar 1962.) Wenn die-
       ser Forschungsbericht  auch bereits  vor  Jahresfrist  erschienen
       ist, so  haben die  in ihm niedergelegten Untersuchungsergebnisse
       heute eine unverminderte Aktualität. Wir hoffen, daß unsere Über-
       setzung wichtiger  Teile dieser  Studie dazu beitragen kann, eine
       sachkundige, verantwortungsbewußte  Erörterung des  Problems auch
       in der Bundesrepublik zu fördern. - Es sei an dieser Stelle Herrn
       Prof. Dr. Emil J. Gumbel von der Columbia University gedankt, der
       uns den Originaltext der Expertise zur Verfügung gestellt hat. D.
       Red.
       Um dem  deutschen Leser einen Eindruck von der Vielseitigkeit und
       Detailliertheit des  Berichtes zu  geben, nennen wir zunächst die
       Titel sämtlicher Beiträge:
       
       1. Kosten  luftdrucksicherer Bauten; 2. Eine neue Betrachtung der
       Wärme-Bedingungen in Luftschutzbunkern; 3. Luftzufuhr für Bunker;
       4. Kosten eines nationalen Bunker-Programms - in Dollars; 5. Was-
       serversorgung in  der Nachangriffsperiode;  6. Somatische Auswir-
       kungen der  Strahlung; 7.  Schäden, die  die menschliche  Gattung
       schwächen; 8.  Unser industrielles System unter einem Nuklear-An-
       griff; 9. Die Gefahren der Bunker-Psychologie
       
       Ein Abdruck  des gesamten  Textes würde  den Rahmen der "BLÄTTER"
       erheblich sprengen,  so daß  wir uns  auf Auszüge aus den für den
       deutschen Leser interessantesten Beiträgen beschränken müssen.
       
       John E. Ullman, Professor and Chairman, Department of Management,
       Marketing, and  Business Statistics,  Hofstra College, Hempstead,
       New York:
       
       Kosten eines nationalen Bunker-Programms in Dollars
       ---------------------------------------------------
       
       ...Die Gesamtbeträge und ihre Konsequenzen:
       Es wird  geschätzt, daß  die Bunker ungefähr 50 500 Dollar für 20
       Personen und  1 063 400 Dollar  für 500  Personen kosten  würden,
       oder von 2125 Dollar bis 2525 pro Person. Wendet man diese Zahlen
       auf die  voraussichtlich für den Luftschutz in Frage kommende Be-
       völkerung von  120 Millionen  an, so  würden wir  Kosten haben in
       Höhe von 254 bis 302 Milliarden Dollar. Das entspräche etwa unse-
       rer augenblicklichen  Staatsschuld und  einem Drittel des Gesamt-
       wertes aller heute in den USA bestehenden Baulichkeiten. Es würde
       etwa das 5- bis 6fache des jährlichen Gesamtvolumens unseres Bau-
       wesens ausmachen. Es ist das 5- bis 6fache der jährlichen Gesamt-
       summe der  privaten Einkommensteuern  und steht  etwa im gleichen
       Verhältnis zu  unseren laufenden  Verteidigungsausgaben. Es kommt
       etwa unserem gesamten privaten Jahreseinkommen gleich.
       Unsere Staatsschuld  wuchs zwischen 1940 und 1947 um 243 Milliar-
       den Dollar.  In dieser  Zeit ging  der Wert  des Dollars  um  die
       Hälfte zurück. Ein Bunker-Programm wie dieses müßte, um militäri-
       schen Wert  zu haben,  in etwa 2 Jahren durchgeführt werden. Eine
       solche Belastung,  verbunden mit den Beschränkungen unserer indu-
       striellen Kapazität  in verschiedenen  potentiellen  Zufuhr-Indu-
       strien, würde von uns verlangen, uns Kontrollen über unser Eigen-
       tum, unsere  Arbeitskraft und unser tägliches Leben in einem bis-
       her in keiner einzigen menschlichen Gesellschaft üblichen, am we-
       nigsten in  den Vereinigten Staaten denkbar gewesenen Maße zu un-
       terwerfen. Es  würde das Ende jeder anderen Bautätigkeit bedeuten
       - der Errichtung von Schulen, Krankenhäusern, Wohnhäusern, Fabri-
       ken, Maschinen  und Rüstungsgütern!  ... Eine  entsprechende  An-
       strengung zur  Sicherung industrieller Reserven, Verbindungs- und
       Nachrichtenmittel etc. würde diese Beträge mindestens verdoppeln.
       Gleichzeitig würde der internationale Wert des Dollars jäh sinken
       und dadurch  die finanzielle  Stabilität des gesamten Westens be-
       einträchtigt. Jeder,  der die Freiheiten, die wir haben, schätzt,
       der in  unseren vielfältigen  und vielseitigen industriellen Ein-
       richtungen eine Hauptquelle unserer Stärke sieht und der sich der
       guten Dinge,  die unser  Land zu  bieten hat,  erfreut, kann über
       diese Möglichkeit nur erschreckt sein.
       
       Henry T.  Yorst jr., Associate Professor of Biology, Amherst Col-
       lege
       
       Somatische Auswirkungen der Strahlung
       -------------------------------------
       
       ...Zu glauben,  wir könnten  einigen Auswirkungen  der  Strahlung
       entgehen, ist  eine große  Täuschung. Wir sind in einer Lage ähn-
       lich der von Verkehrsplanern, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung
       festlegen. Eine  Grenze von 60 km/Stunde bedeutet nicht, daß nie-
       mand bei  dieser Geschwindigkeit  tödlich  oder  schwer  verletzt
       wird. Es  bedeutet, daß  wir bereit  sind, ein  gewisses Maß  von
       Schäden hinzunehmen, von denen wir wissen, daß sie eintreten wer-
       den, wenn diese Grenze nicht überschritten wird.
       Die Strahlengrenzwerte,  die wir  für menschliche Wesen ermittelt
       haben, sind  eine solche  "Geschwindigkeitsgrenze". Wir  sind uns
       einig darüber,  daß kein  Mensch, solange  er fortpflanzungsfähig
       ist (ungefähr  40 Jahre), mehr als 10 r erhalten soll. Wir sagen,
       daß diese  Dosis "ungefährlich" ist, weil wir keinen leichten Weg
       im Augenblick  sehen können, sie zu vermindern, und weil wir wis-
       sen, daß  in der Vergangenheit Bevölkerungsgruppen bereit gewesen
       sind, ihren  Preis für  eine solche Strahlungsmenge zu zahlen. Es
       ist eine  tragbare Dosis; eine Dosis, welche zu den gesundheitli-
       chen Schwächen des heutigen Menschen und den erblichen Mißbildun-
       gen der Zukunft beiträgt.
       Wenden wir  unsere Aufmerksamkeit  auf die Aussichten eines Atom-
       krieges, so  lassen wir die Grenzen "ungefährlicher" Dosen völlig
       hinter uns.  Es ist sehr unwahrscheinlich, daß die Durchschnitts-
       dosis, der  die in Atombunkern überlebenden Bewohner der Ostküste
       der USA ausgesetzt wären, unter 200 r liegen würde. Das Gutachten
       der Rand  Corporation über Strahlungsschutz spricht sogar von 200
       r als  der für die ganze Nation zu erwartenden durchschnittlichen
       Strahlenmenge. Für  den Fall eines 10 000-Megatonnen-Angriffs er-
       scheint diese  Schätzung konservativ.  Es liegt auf der Hand, daß
       es Fälle  geben wird, wo die Strahlungsmengen sehr viel niedriger
       sein werden.  Es ist  ebenfalls klar,  daß noch wirksamere Bunker
       gebaut werden könnten, wenn die Mittel dazu zur Verfügung ständen
       und der  Feind entgegenkommend  genug sein  würde, seinen Angriff
       auf ein  im voraus  abschätzbares Maß  zu beschränken.  Aber  die
       200-r-Grenze wird so häufig zitiert und ist so in Übereinstimmung
       mit den  heute verfügbaren  Schätzungen über Strahlungsdosen nach
       einem atomaren  Angriff, daß es realistisch ist, bei unserer Dis-
       kussion der  Auswirkungen der  Strahlung von diesem Wert auszuge-
       hen.
       Die unmittelbaren  Auswirkungen der Strahlung werden in einem ho-
       hen Maße abhängen von der Zeit, innerhalb der die Dosen aufgenom-
       men werden. Wenn die Überlebenden im Laufe des ersten Monats nach
       dem Angriff  einer Strahlungsmenge  von 200  r ausgesetzt  wären,
       würden die  Auswirkungen ganz  ähnlich denen  sein, die eintreten
       würden, wenn  sie der  gesamten Strahlungsmenge auf einmal ausge-
       setzt wären.  Übelkeit und  Haarausfall  wären  weit  verbreitet.
       Überhaupt ist das Ausfallen des Haares eines der deutlichsten An-
       zeichen für Strahlungs-Einfluß. Wenn das Haar nachwächst, so wird
       sich in  der Regel  ein der Strahlung ausgesetzt gewesener Mensch
       von den  meisten der  unmittelbaren Auswirkungen  erholen. Wächst
       das Haar nicht nach, so ist das ein Anzeichen ernster Schäden.
       Eine Dosis  von 10 r, aufgenommen in einer relativ kurzen Periode
       (einige Wochen),  würde ihren  Ausdruck finden  in einem Rückgang
       der Zahl der weißen Blutkörperchen und in einem leichten Nachlas-
       sen der Produktion von Antikörpern (den Molekülen, die zur Abwehr
       von Infektionen  erzeugt werden),  bei einer Dosis von 100 r wäre
       die Strahlungsübelkeit bereits stark ausgeprägt, obwohl in 90-95%
       aller Fälle eine Heilung erwartet werden könnte. Bei einer Strah-
       lungsmenge von  200 r würden etwa 15% der Bevölkerung infolge ei-
       ner Veränderung der blutbildenden Elemente und allgemeiner Strah-
       lungs-Übelkeit sterben.
       Eine weitere  Auswirkung, die  man nicht  übersehen darf, und die
       sich im 100-200-r-Bereich einstellen würde, läge in einer vermin-
       derten Widerstandskraft gegen Infektionen... Die Folge davon wäre
       ein häufigeres  Auftreten von  ansteckenden Krankheiten unter der
       überlebenden Bevölkerung... So wären also Sekundärkrankheiten ein
       Problem für  die Bewohner der Bunker, sowohl im Bunker selbst wie
       auch nach dem Verlassen desselben.
       Die langfristigen Auswirkungen der Strahlungs-Ausgesetztheit sind
       sogar noch  ernster. Durch  einen noch  nicht völlig aufgeklärten
       Mechanismus werden die Wirkungen der Strahlung im Körper in einem
       Maße aufgespeichert,  welches zu  einer Verkürzung der Lebenszeit
       des Individuums führt. Diese Lebenszeitverkürzung kann in der Re-
       gel so geschätzt werden, daß 1 r die Lebenserwartung um 5-10 Tage
       verkürzt. Eine  Strahlungsmenge von  200 r würde also die Lebens-
       spanne durchschnittlich um 1000 bis 2000 Tage verkürzen.
       Außerdem wäre  zu erwarten,  daß Krebsleiden  aller Art  zunehmen
       würden. Die  ersten Berichte des Forschungsausschusses für Tumor-
       Statistiken aus  Hiroshima deuten  darauf hin, daß die Dosis, die
       notwendig ist,  um die  Zahl der  Krebsfälle zu  verdoppeln,  bei
       400 r liegt.  Wir müssen deshalb damit rechnen, daß bei den Über-
       lebenden in  den Luftschutzbunkern  die Zahl der Krebsfälle aller
       Art um 25 bis 50% zunimmt.
       ...Während es  unzweifelhaft eine  Schwelle für  das Zunehmen der
       meisten Arten  von Krebs  gibt, weist alles darauf hin, daß es in
       bezug auf  die Leukämie  eine solche nicht gibt, d.h. jede Strah-
       lungsdosis wird  die Zahl dieser Krankheitsfälle erhöhen. Darüber
       hinaus scheint die Dosis, die zu einer Verdoppelung der Leukämie-
       fälle führt,  niedriger zu  sein als für alle Arten von Krebs zu-
       sammen. Wir  müssen deshalb  damit rechnen, daß das Auftreten von
       Leukämie unter den Überlebenden sehr stark zunehmen wird.
       Sterilität ist  eine weitere  wichtige Auswirkung  der Strahlung.
       Frauen sind  in dieser Hinsicht anfälliger als Männer. Eine Dosis
       von 200 r  wird bei Männern zu vorübergehender Sterilität führen,
       die langsamer  heilbar wäre.  (Doch ist  diese  Gesundung  häufig
       nicht vollständig und wir müssen eine Minderung der Fruchtbarkeit
       erwarten.) Andererseits  weisen neuere Untersuchungen darauf hin,
       daß bei Frauen die Sterilität nicht behebbar ist... Bei einer Do-
       sis von  200 r ist  nach konservativen  Schätzungen mit einer Un-
       fruchtbarkeit von 25 bis 50% der überlebenden Frauen zu rechnen.
       ...Bei schwangeren Frauen besteht eine verhältnismäßig hohe Wahr-
       scheinlichkeit dafür,  daß ihre Kinder tot oder entstellt geboren
       werden... Die  Dosis, bei  der die  gesamte Bevölkerung  umkommen
       würde, ist  1000 r (etwa die Hälfte der Bevölkerung würde sterben
       bei 450 r).  Mit dieser Dosis ist für die Bevölkerung in den Bun-
       kern kaum  zu rechnen.  Die Menschen außerhalb des Bunkers, Tiere
       und Pflanzen  würden jedoch  einer noch  weit größeren  Strahlung
       ausgesetzt sein.  So können wir darauf verzichten, in ihrem Falle
       auf weitere  körperliche Auswirkungen  der Strahlung  einzugehen.
       Sie würden tot sein. Die Konsequenzen daraus für die Überlebenden
       liegen auf der Hand. Kiefern gehen bei einer Dosis von 5000 r zu-
       grunde; alle Säugetiere und Vögel sterben bei 1000 r...
       So ernst  diese Auswirkungen sind, es ist klar, daß die körperli-
       chen Auswirkungen  der Strahlung  unter allen  Konsequenzen eines
       atomaren Krieges  immer noch  die sind,  mit denen man am ehesten
       fertig werden könnte. Das ist nicht überraschend, da ja die Atom-
       bunker gerade  im Hinblick  auf dieses  Problem geplant sind. Un-
       glücklicherweise ist  dieser Aspekt gerade die am wenigsten wich-
       tige Auswirkung  atomarer Kriegführung.  Die Wirkungen  von Luft-
       druck und Brand sowie die genetischen Wirkungen sind weit wichti-
       ger. Was  der Bunker  günstigenfalls tun kann, das ist: einem ge-
       wissen Prozentsatz  der Bevölkerung  außerhalb des Luftdruck- und
       Brandbereichs das Leben retten. Er kann nicht die verwüsteten Ge-
       biete wieder  aufbauen, die  Lebewesen und  Pflanzen für die Nah-
       rungsmittelproduktion wieder  lebendig machen  oder die  Erde von
       der Radioaktivität  befreien. Es ist wichtig, einzusehen, daß die
       Beschäftigung mit  den somatischen Auswirkungen der Strahlung die
       meisten Menschen davon abgehalten hat, sich mit den wirklich ent-
       scheidenden Problemen zu beschäftigen.
       Es ist Zeit, den kostspieligen und im großen und ganzen fruchtlo-
       sen Versuch  aufzugeben, eines  der am wenigsten dringlichen Pro-
       bleme eines atomaren Angriffs zu lösen.
       
       Theodosius Dobzhansky, Professor of Zoology, Columbia University
       
       Schäden, die die menschliche Gattung schwächen
       ----------------------------------------------
       
       ...Schadhaftes Erbgut entsteht durch Veränderungen - Mutationen -
       in den  Stoffen, die  in den  Geschlechtszellen von Generation zu
       Generation weitergegeben  werden, von  Eltern an ihre Kinder. Na-
       türlich hat  es Mutationen  wie bei  allen anderen lebenden Arten
       immer gegeben.
       Aber Strahlungsschäden können das stark vermehren, was als norma-
       les Maß  an Mutationen  angesehen werden  kann, und  so die Bürde
       krankhaften Erbgutes  vergrößern. Solche  in unserer Zeit entste-
       henden Schäden  werden sich  viele Generationen  lang für  unsere
       Nachkommen schädlich auswirken.
       Was genetische  Strahlungsschäden angeht,  so gibt es keine unge-
       fährlichen oder zulässigen Strahlungsmengen. Wie klein auch immer
       die Strahlungsdosis  sein mag,  immer kann sie ein entsprechendes
       Maß an Mutationen hervorrufen.
       Wenn viele  Menschen auf  der Welt  einer  genetisch  schädlichen
       Strahlung ausgesetzt  werden, so besteht auch für diejenigen, die
       nicht der Strahlung ausgesetzt waren, wenig Hoffnung auf eine von
       Erbschäden unbelastete Nachkommenschaft. Der Grund dafür ist, daß
       schädliche Varianten  bei denjenigen  unter ihren Nachkommen auf-
       treten können, deren Vorfahren aus einer anderen Linie der Strah-
       lung ausgesetzt gewesen sind.
       Das sollte  uns klar  machen,  daß  genetische  Strahlungsschäden
       nicht eine  Privatangelegenheit dieser oder jener Person oder Fa-
       milie sind.
       Sie sind eine Sorge der ganzen Menschheit.
       Warum sind genetische Strahlungsschäden eine so ernste Angelegen-
       heit? Schließlich  hat es  doch krankhaftes Erbgut immer gegeben.
       Es entsteht durch Mutation und bisher ist noch nicht bekannt, daß
       bei solchen Mutationen Strahlungseinwirkungen eine Rolle gespielt
       haben. Strahlungsschäden erhöhen die Zahl der bereits vorhandenen
       Erbschäden. Wenn  die Schäden  gering sind,  so wird auch die Zu-
       nahme gering sein.
       Aber wird  sie nebensächlich sein? Das hängt ab von unseren ethi-
       schen Maßstäben.  Kann man ein Menschenleben, das durch eine Erb-
       krankheit   zerstört   oder   unglücklich   gemacht   wird,   als
       "nebensächlich"  betrachten?   Wieviele   Menschenleben   sollten
       geopfert werden?  Ist es  richtig, noch  mehr Menschen  leiden zu
       lassen, weil einige Menschen ohnehin leiden werden?
       Die biologische  Wissenschaft und vor allem die Erblehre hat noch
       viel zu  lernen über genetische Strahlungsschäden. Wie fast über-
       all auf  den sich schnell weiterentwickelnden Gebieten der Natur-
       wissenschaft gibt  es auch in der Genetik noch vieles, was Gegen-
       stand von  Diskussionen ist,  und es gibt sogar Meinungsverschie-
       denheiten zwischen  den Genetikern über einige Dinge. Aber in ei-
       nem Punkt  herrscht praktisch völlige Einhelligkeit unter den Zu-
       ständigen: Daß durch intensive Strahlung Erbschäden entstehen.
       Diese Schäden, ob groß oder klein, sind nicht wünschbar.
       
       Seymour Melman,  Associate Professor of Industrial and Management
       Engineering, Columbia University:
       
       Unser industrielles System unter einem Nuklear-Angriff
       ------------------------------------------------------
       
       Ein Nuklear-Angriff  von mäßigem  Ausmaß könnte, allein durch den
       Feuereffekt, mehr  als zwei Drittel der industriellen Anlagen der
       Vereinigten Staaten zerstören...
       Indem wir  uns die  weitreichende  Interdependenz  unseres  Wirt-
       schaftssystems fest  vor Augen  halten, wollen wir nun überlegen,
       was bei einem hypothetischen Kernwaffenangriff geschehen würde.
       Für den Zweck dieser Analyse nehmen wir einen Angriff auf 65 grö-
       ßere Großstadt-Industriezentren  durch  je  einen  20-Megatonnen-
       Sprengkopf an.  Es sei erwähnt, daß drei Sprengköpfe von je einer
       Megatonne einen  noch größeren  Hitze-Effekt haben würden als ein
       einzelner 20-Megatonnen-Sprengkopf.  Ferner sei  bemerkt, daß die
       bei diesem hypothetischen Angriff zum Einsatz gelangende Megaton-
       nen-Menge (1300)  etwas unter dem Wert liegt, von dem beim Zusam-
       mentreten des "Joint Committee on Atomic Energy" im Juni 1959 ge-
       sagt wurde,  daß er  "durchaus im  Rahmen der Möglichkeiten eines
       potentiellen Aggressors" liege.
       Die vorliegende  Analyse ist  bewußt konservativ gehalten und be-
       rücksichtigt nur  die Brandwirkung  eines solchen  Angriffs, läßt
       die Auswirkungen  von Luftdruck,  Strahlung und radioaktivem Nie-
       derschlag außer Betracht.
       Jeder 20-Megatonnen-Sprengkopf  hat eine Brandwirkung von etwa 40
       Kilometer (25  Meilen) um  das Aufschlagzentrum. Diese Entfernung
       liegt innerhalb der äußeren Grenze des Gebietes für Verbrennungen
       dritten Grades  bei Menschen  nach 20-Megatonnen-Explosionen, wie
       sie von  der Atomenergie-Kommission ermittelt wurde. Da bei einer
       Verbrennung dritten  Grades die  Haut in  ihrer ganzen Dicke ver-
       kohlt, kann  man annehmen,  daß die Hitze ausreichen würde, viele
       entzündliche Stoffe innerhalb des angenommenen 40-km-Umkreises in
       Brand zu  setzen. Folglich  würde es sehr bald nach einem solchen
       Angriff zu einer großen Zahl von Bränden kommen.
       Ausgedehnte Brände, die sich innerhalb eines großen Gebietes kon-
       zentrieren, rufen  einen Feuersturm  hervor. Ein "Feuersturm" ist
       ein hochintensives Feuer, bei dem ein schneller Sauerstoffverzehr
       und dichte  Säulen aufsteigender  Gase entstehen. Da an der Ober-
       fläche teilweise  keine Luft mehr vorhanden ist, entstehen Winde,
       die mit  großer Gewalt aus dem angrenzenden Gebiet kommen und da-
       durch den  Feuersturm intensivieren,  bis alle  brennbaren Stoffe
       verzehrt sind. Bei den Brandbombenangriffen auf Hamburg und Tokio
       kam es ebenfalls zu solchen Feuerstürmen.
       Bei diesen  Feuerstürmen wurden  die Luftschutzkeller  in  diesen
       Städten zu  Behältern, in  welchen die  Menschen erstickten  oder
       verkohlten. Die  Zahl der  Todesopfer während der Feuersturm-Bom-
       benangriffe auf  größere deutsche und japanische Städte war genau
       so hoch  oder sogar noch höher als die Zahl der Menschen, die bei
       den Atombombenangriffen  auf Hiroshima und Nagasaki ums Leben ka-
       men. Luftaufnahmen  solcher Feuerstürme  zeigen, wie ganze Städte
       in Flammen aufgehen.
       Fünfundsechzig Sprengköpfe  von je 20 Megatonnen (oder dreimal so
       viele Sprengköpfe  von je  einer Megatonne) könnten auf verschie-
       denerlei Weise gegen amerikanische Großstadt-Industriezentren zum
       Einsatz gebracht  werden, u.a.  auf Wegen,  die nicht nur denkbar
       primitiv sind, sondern auch wenig Zeit zur Warnung bieten.
       Sowjetische Unterseeboote  könnten vor  der amerikanischen  Küste
       auftauchen und  primitive  Raketenbomben  ähnlich  den  deutschen
       V-1-Waffen im  zweiten Weltkrieg  abschießen. Diese  Raketen, aus
       einer Entfernung von etwa 80 km vor der Küste abgeschossen, könn-
       ten in niedriger Höhe fliegen, um dem Radar auszuweichen. Die Un-
       terseeboote könnten  wahrscheinlich mehrere  solcher  Waffen  ab-
       schießen, bevor ein Eingreifen durch Abwehrflugzeuge und -schiffe
       möglich wäre.
       Raketenbomben dieser Art könnten auch von Frachtschiffen oder so-
       gar noch kleineren Schiffen aus abgeschossen werden. Andererseits
       könnten Frachtschiffe  oder Kriegsschiffe vor der Küste auch Mit-
       telstreckenraketen mit  einer Reichweite von 1500 bis 2500 km auf
       Ziele innerhalb  der Vereinigten  Staaten abschießen.  Angesichts
       von Raketen  mit einer  solchen kurzen Flugzeit bliebe nicht viel
       Zeit zur Warnung, selbst wenn sie unverzüglich entdeckt würden.
       Sprengköpfe könnten  auch durch  Flugzeuge befördert  werden, die
       aus dem Zielgebiet nicht zurückkehren. Diese könnten die amerika-
       nische Küste  von den Ozeanen oder von der Südseite her in gerin-
       ger Höhe anfliegen.
       Diese Aufzählung,  die alles andere als erschöpfend ist, schließt
       noch nicht  die interkontinentalen Raketen der größten Klasse mit
       ein. Bei  dieser Analyse  gehe ich  von der  Annahme aus, daß ein
       entschlossener Aggressor jedes Zielgebiet auf mehrfache Weise an-
       greifen könnte,  wobei er  mit großer Wahrscheinlichkeit alle be-
       kannten Verteidigungssysteme durchbrechen würde...
       Diese fünfundsechzig Großstadtzonen entsprechen den "Standard Me-
       tropolitan Statistical  Areas", eine  offizielle Bezeichnung, die
       vom Bevölkerungszensus  und  vom  amerikanischen  Industriezensus
       verwendet wird.  Aus dem "Statistical Abstract of the United Sta-
       tes" für  1960 (Seite  790) geht  hervor, daß  in diesen 65 Groß-
       stadtgebieten zwei  Drittel der  Gesamtindustrie und  ein Drittel
       der Gesamtbevölkerung des Landes konzentriert sind.
       D i e   u n m i t t e l b a r e n   A u s w i r k u n g e n  e i-
       n e r   w e i t l ä u f i g e n  Z e r s t ö r u n g  d i e s e r
       I n d u s t r i e z e n t r e n       a l l e i n       s c h o n
       d u r c h  d e n  F e u e r s t u r m  w ü r d e n  d i e  Z e r-
       s t ö r u n g   d e s   L a n d e s   a l s  i n d u s t r i e l-
       l e s  S y s t e m  b e d e u t e n.  Eine solche Zerstörung zer-
       reißt auch  das ganz Netz der innerhalb der Industrie bestehenden
       Querverbindungen. Deshalb wird die Produktionskapazität noch sehr
       viel mehr  beeinträchtigt, als die direkten Auswirkungen erkennen
       lassen.
       Wenn in  einzelnen Gebieten die Energie-, Nachrichten- und Trans-
       port-Zentren zerstört  werden, so wird das ganze Gefüge der indu-
       striellen Arbeitsteilung der Gesellschaft auseinandergerissen.
       Nach einem  solchen Kernwaffenangriff  müßten die in den Gebieten
       zwischen den  Großstadtzentren am  Leben gebliebenen Menschen so-
       fort mit primitiven Mitteln für ihre Nahrung, Kleidung und Unter-
       kunft sorgen,  wobei sie  sich fast  ausschließlich mit manuellen
       Arbeitsmethoden behelfen müßten.
       Menschen, die  nicht auf  diese Weise  ihre elementaren Lebensbe-
       dürfnisse zu befriedigen imstande wären, könnten nicht überleben.
       Die für  den normalen Betrieb industrieller Einrichtungen notwen-
       digen Brennstoffe, Transportmittel, Nachrichten- und Verkehrsver-
       bindungen wären nicht mehr vorhanden. Landwirtschaftliche Trakto-
       ren werden  unter solchen  Umständen durch das Nichtvorhandensein
       von Treibstoff  zu nutzlosen Metallmonumenten. Fabriken und Werk-
       stätten könnten  nur insoweit produzieren, als unabhängige Kraft-
       werke sowie Brennstoff und Rohstoffe vorhanden sind.
       Der Wiederaufbau  der Industrie,  auch nach  Katastrophen wie dem
       Zweiten Weltkrieg, vollzog sich unter Bedingungen, die eine Hilfe
       von außen  möglich machten. In einem Weltkrieg zwischen Osten und
       Westen würden  alle bedeutenden  Industriezentren der  Welt  zer-
       stört.
       Hilfe müßte,  wenn überhaupt, aus Gebieten außerhalb des nordame-
       rikanischen und europäischen Kontinents kommen. Der heutige Stand
       der industriellen  Entwicklung auf der südlichen Halbkugel deutet
       kaum darauf  hin, daß  von hier  aus nennenswerte  Überschüsse an
       Brennstoffen, energiebetriebenen Maschinen, Medikamenten und Ver-
       brauchsgütern zur  Rettung der  Überlebenden auf  der  nördlichen
       Halbkugel zur Verfügung gestellt werden könnten.
       Würden die Sowjets versuchen, die amerikanische Industrie zu zer-
       stören?
       Es gibt die These, daß ein "rational handelnder" Aggressor versu-
       chen würde,  lediglich direkte  militärische Ziele  zu zerstören,
       d.h. die Raketen- und Flugzeugstützpunkte.
       Dies setzt voraus, daß ein Angreifer bereit wäre, ein industriel-
       les System  unversehrt zu  lassen, daß  nach einiger Zeit von der
       empörten Bevölkerung  benutzt werden könnte, um verzweifelte Ver-
       geltungsmaßnahmen gegen  einen Gegner zu ergreifen, der die erste
       Runde dadurch  für sich  buchen konnte,  daß er  lediglich Waffen
       einsatzunfähig machte.
       Die moderne  Industrie ist die notwendige Grundlage für eine ato-
       mare Kriegführung  mit komplizierten  Einsatzsystemen  und  einem
       Nachschub-, Transport- und Verpflegungswesen für Massenarmeen.
       Auf Grund  dieser Analyse  halte ich es für unvernünftig anzuneh-
       men, daß  sich eine industrielle "Erholung", wie es genannt wird,
       innerhalb eines  Zeitraumes vollziehen könnte, der eine sinnvolle
       Wiederherstellung des industriellen Lebens zuläßt.
       Die Annahme  einer nutzbaren  "Wiederaufbausituation" ist  jedoch
       eine der Grundvoraussetzungen der Luftschutzprogramme.
       Solange die  amerikanische Industrie  auf der Grundlage einer bis
       ins Kleinste  gehenden Arbeitsteilung  funktioniert, würde allein
       die Brennwirkung  eines kleineren  Kernwaffenangriffs ausreichen,
       um unsere Gesellschaft als ein bedeutendes Produktionszentrum der
       Welt lebensunfähig zu machen.
       
       Otto Klineberg, Chairman, Department of Sozial Psychology, Colum-
       bia University
       
       Gefahren der Bunker-Psychologie
       -------------------------------
       
       Für den  einzelnen sind  Atom-Bunker gefährlich,  weil sie unsere
       höchsten Werte  einzuschränken drohen.  Für die Nation sind Atom-
       bunker gefährlich, weil sie unseren Willen mindern, eine friedli-
       che Lösung  der internationalen  Probleme zu  finden und weil sie
       unsere Gegner glauben machen könnten, wir erwarteten - und berei-
       teten deshalb auch vor - den Krieg.
       Sich wochenlang  und noch  länger unter  der Erde zu verkriechen,
       bedeutet für  menschliche Wesen  eine Leugnung all der Werte, die
       in dem  Prozeß der  Schaffung einer demokratischen Gesellschafts-
       ordnung langsam  und mühevoll errungen worden sind. An Stelle von
       Gemeinschaft gibt  es eine Aufsplitterung in isolierte Individuen
       oder winzige  Gruppen, anstelle  von Kooperation gibt es heftigen
       Kampf um den zur Verfügung stehenden Raum. Anstelle von gegensei-
       tiger Hilfe gibt es einen selbstsüchtigen Kampf für das persönli-
       che Überleben.
       Psychiater sprechen von Regression, wenn Erwachsene sich auf eine
       Kindern angemessene Weise verhalten. Wir können von gesellschaft-
       licher Regression sprechen, wenn eine ganze Gemeinschaft sich auf
       eine für primitive, archaische, gar tierische Existenzformen cha-
       rakteristische Weise  verhält, fast  bis zu dem Punkt, an dem der
       Hobbes'sche "Kampf aller gegen alle" wieder auflebt.
       Wenn es uns in dem gegenwärtigen Kampf der Ideologien darum geht,
       eine Lebensform  zu bewahren,  so sollten  wir uns selbst fragen,
       wieviel von  unserer Lebensform sich unter den Daseinsbedingungen
       in einem Atombunker aufrechterhalten ließe. Unsere demokratischen
       Werte würden  untergehen in  einem rücksichtslosen  und grausamen
       Kampf für  das Überleben,  um so  bitterer, als es vielleicht ein
       vergeblicher Kampf.  Es wird  Unmut  und  Verbitterung  entstehen
       durch das  erzwungene und  unaufhörliche Zusammensein mit anderen
       für eine  ausgedehnte Zeit,  ohne die  Entspannung gelegentlichen
       Alleinseins; es  wird die  Angst um  die geben, von denen man ge-
       trennt worden  ist; es kann sogar zu einem Zusammenbruch der see-
       lischen Widerstandskraft durch die Sorge um die ungewisse Zukunft
       kommen. Eine  langanhaltende Einkerkerung unter solchen Bedingun-
       gen kann eine zerstörerische Erfahrung sein.
       Vom Standpunkt  der Gesellschaft noch bedeutender sind die weite-
       ren Folgen eines Atombunker-Programms für die internationalen Be-
       ziehungen.
       Psychologen und  Soziologen haben beide die Bedeutung unserer in-
       neren Einstellung für unser äußeres Verhalten hervorgehoben. Wenn
       wir daran  glauben, daß etwas geschehen wird, so handeln wir ent-
       sprechend, und  als eine  Konsequenz kann  unser Glauben  sich in
       Wirklichkeit verwandeln.
       Der Soziologe Merton von der Columbia University z.B. spricht von
       der "sich  selbst erfüllenden Prophezeiung". Angenommen z.B., daß
       in einer kleinen Gemeinde das Gerücht aufkommt, die Lokalbank sei
       in Schwierigkeiten  und im  Begriff, ihre  Tore zu schließen (wir
       müssen weiter annehmen, daß in diesem besonderen Falle die Konto-
       inhaber nicht  den Schutz  durch eine Bankversicherung genießen).
       Die Bank  kann ganz  im Gegenteil völlig gesund sein und durchaus
       imstande, alle Entnahmen, die sich bei normalem Geschäftsgang er-
       warten ließen, zu verkraften. Doch das Gerücht greift um sich und
       es kommt  zu einem  Sturm auf  die Bank, die die übermäßige Nach-
       frage nach  Barmitteln nicht befriedigen kann, die nun entstanden
       ist, und  die Bank muß ihre Pforten schließen. Die Voraussage ist
       wahr geworden, weil die Leute ihr gemäß gehandelt haben.
       Am unmittelbarsten auf die internationalen Beziehungen und beson-
       ders auf den Krieg hat dieses Konzept der Harvard-Psychologe All-
       port angewandt,  der vom "Erwartungsprinzip" spricht. Im Kern be-
       deutet das,  daß, wenn  wir ein  gewisses Ereignis  erwarten  und
       dementsprechend handeln,  die Wahrscheinlichkeit  größer ist, daß
       es eintritt.  Die Erwartung  des Krieges erhöht darnach die Wahr-
       scheinlichkeit des Krieges...
       Was den  Krieg betrifft,  so würde die Erwartung, daß er bestimmt
       kommt, uns  abhalten davon,  alle möglichen  Maßnahmen zu  seiner
       Verhinderung zu treffen, und das würde den Krieg viel wahrschein-
       licher machen. Das Umgekehrte ist nicht unbedingt wahr. Ein Krieg
       kann kommen, wenn wir ihn am wenigsten erwarten. Das einzige, was
       wir sagen  können, ist,  daß, wenn  wir ihn erwarten, die Chancen
       seines Ausbruchs sich erhöhen.
       Diese Analyse hat bedeutende praktische Konsequenzen im Zusammen-
       hang mit  den Bunkern.  Es besteht eine wirkliche Gefahr, daß der
       Bau von  Bunkern die  Menschen in ein falsches Gefühl der Sicher-
       heit einlullen  wird. Es ist, als wenn sie sich bewußt oder unbe-
       wußt sagten:  "Wir haben  Bunker, wir sind sicher, laßt den Krieg
       nur kommen."
       Das beeinträchtigt  unsere Anstrengungen,  den Krieg zu verhüten,
       und bringt uns in diesem Maße dem Krieg ein wenig näher.
       Das Bunker-Programm  könnte auch durch seine potentiellen Wirkun-
       gen auf  die Sowjetunion den Krieg näher bringen. Wie der Polito-
       loge J.  D. Singer  (Bulletin of  the Atomic  Scientists, Oktober
       1961) es ausgedrückt hat: "Zuguterletzt würde es daraufhindeuten,
       daß wir  wesentlich stärker als früher mit der Wahrscheinlichkeit
       eines strategischen  Atomkriegs rechnen und deshalb hoffen, seine
       Auswirkungen auf  ein Minimum  zu reduzieren."  (Seite 313.)  Als
       eine Konsequenz könnten unsere potentiellen Gegner annehmen, "daß
       wir ernsthaft  erwägen, den  Eröffnungsschlag selbst  zu  führen"
       oder "daß  wir mit einem Überraschungsangriff rechnen und uns da-
       gegen rüsten.  In jedem  Falle könnte  unser potentieller  Gegner
       daraus eine Berechtigung ableiten, stärker als bisher einen eige-
       nen Eröffnungsschlag  in Erwägung  zu ziehen."  Diese Analyse ist
       psychologisch einwandfrei  und spiegelt die gefährlichen potenti-
       ellen Auswirkungen  des Bunker-Programm  nicht nur auf unsere ei-
       gene Einstellung,  sondern auch  auf die  unseres Gegners wieder.
       Die Neigung,  Bunker als "Versicherung" gegen einen Angriff anzu-
       sehen, beruht auf einem Mißverständnis.
       Eine Lebensversicherung veranlaßt uns nicht, größere Risiken ein-
       zugehen als  wir normal  eingehen würden;  und wir haben im Falle
       einer Lebensversicherung,  im Gegensatz zum Bunker, keine Gegner,
       die uns  mit größerer Wahrscheinlichkeit angreifen werden, gerade
       weil wir versichert sind.
       
       Dt. Übersetzung "Blätter f. dt. u. int. Politik"
       

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