Quelle: Blätter 1963 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ITALIENISCHE DEUTSCHLAND KRITIK
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       Die italienische  Zeitung "Il Giorno", Mailand, die der Regierung
       nahesteht, nahm  am 3. März zu der deutsch-italienischen Vertrau-
       enskrise und  den deutschen  Vorwürfen  über  eine  "antideutsche
       Stimmung" in  Italien Stellung.  Das Blatt  erklärte,  zweifellos
       gäbe es  auf beiden  Seiten Vorurteile,  die  oft  "primitiv  und
       anachronistisch" seien. Es heißt dann weiter:
       
       Aber bilden diese Vorurteile wirklich die Grundlage der antideut-
       schen Welle,  die es  in Italien gibt, oder ist es nicht vielmehr
       die Befürchtung,  daß sich  in Deutschland zu wenig geändert habe
       und daß  die Lektion von 1945 nicht in ihrer ganzen Tragweite er-
       faßt, ja  in vielen  Fällen nicht einmal verstanden wurde? Jedes-
       mal, wenn man vom Freispruch eines Naziverbrechers durch deutsche
       Gerichtshöfe liest,  liegt der  Kommentar auf  der Hand: Sie sind
       immer die gleichen.
       Wenn ein  Staatssekretär trotz  einmütig und  allgemein erhobener
       Anklage des  Nazismus unbeweglich  auf seinem Posten bleibt, wenn
       der höchste Anklagevertreter des Bundesgerichts nach nur drei Mo-
       naten aus dem gleichen Grunde eiligst auf die Straße gesetzt wer-
       den muß,  wenn dieser  Posten für ein Jahr unbesetzt bleibt, weil
       man offensichtlich  Schwierigkeiten hat, einen anderen geeigneten
       Mann dafür  zu finden,  dann kann man nur schwerlich annehmen, es
       habe sich  in der Führungsschicht Deutschlands, auf die es ja an-
       kommt, auch  nur einiges  geändert. Und  der Fall Sävecke ist das
       letzte Glied  in einer langen Kette. Es sollen keine Verallgemei-
       nerungen oder  kollektive  Verurteilungen  ausgesprochen  werden.
       Dennoch kann  man nicht die Handlungen einer Schicht ausklammern,
       die auf  Grund der Hebel, die sie in Händen hält, heute das deut-
       sche Volk repräsentiert.
       
       DIE BEDENKEN DR. ADENAUERS GEGEN EINE AUFNAHME NORWEGENS,
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       DÄNEMARKS UND GROSSBRITANNIENS IN DIE EWG
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       Der vertrauliche  Informationsdienst der schleswig-holsteinischen
       CDU hat eine Zusammenfassung der Ausführungen des neuen Verteidi-
       gungsministers von  Hassel auf  der Klausur-Tagung des Landesver-
       bandes der  CDU Schleswig-Holstein  am 26./27.1.63 im Haus Rissen
       gegeben; der Minister erläuterte darin die Vorbehalte des Bundes-
       kanzlers gegen  einen EWG-Beitritt  Norwegens, Dänemarks und auch
       Großbritanniens. Nach ihrem Bekanntwerden haben diese Erklärungen
       im In-  und vor allem auch im Ausland großes Aufsehen erregt. Die
       Passagen über  Adenauers   p o l i t i s c h e   Vorbehalte haben
       folgenden Wortlaut:
       
       Es kommt  ein zweiter,  politischer Grund hinzu, der sicher ernst
       zu nehmen  ist. Der  Kanzler sagt:  Wie weitet sich dieses Europa
       dann aus,  wie sieht  das politische  Bild dieses Europas aus? Es
       kommt hinein das sozialistische Dänemark, das sozialistische Nor-
       wegen, das  sozialistische Island,  vielleicht ein von Labour re-
       giertes Großbritannien.  Das sozialistische  Schweden  ist  schon
       neutral, Finnland  ebenfalls. Was  in Italien  auf die Dauer pas-
       siert mit rechts und links, weiß man nicht. Der Bundeskanzler hat
       also die politische Besorgnis, daß, wenn die anderen alle hinein-
       kommen, dann  das ganze  Europa unter Umständen ein Gebilde wird,
       in dem  plötzlich der Sozialismus tonangebend wird, der im Grunde
       neutralistische Grundhaltungen hat. Nun muß man aber auch wissen,
       daß der  Bundeskanzler sehr  wohl die  Auffassung teilt: Wenn man
       eine Lösung  findet, die  England an  den Kontinent  heranbringt,
       ohne daß all die anderen Begleiterscheinungen dadurch auch ausge-
       löst werden,  Englands Beitritt also nicht gleich Dänemarks, Nor-
       wegens usw. präjudiziert, dann bin ich, Adenauer, der Auffassung,
       die Engländer sollen mit hinein.
       Nach: Süddeutsche Zeitung v. 13.II.63.
       
       DIE FRUCHTBARE SONDERSTELLUNG KANADAS
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       Kanada, daran  sollte man  jetzt denken, ist Gründer und einziges
       Mitglied des  sogenannten "nichtnuklearen Klubs". Es ist das ein-
       zige Land  in der  Welt, das  zweifellos eigene  Atomwaffen hätte
       entwickeln können, und das dennoch diesen Schritt nicht unternom-
       men hat.  Teils aus diesem Grund, teils wegen der allgemeinen au-
       ßenpolitischen Haltung...  war Kanada in der Lage, in der Weltpo-
       litik einen  wertvollen Einzelpart zu übernehmen. In der schreck-
       lichen Auseinandersetzung  zwischen Ost  und West sind Länder wie
       Kanada bitter  nötig. Man kann zumindest darüber diskutieren, daß
       Kanada eine  wichtige Rolle  in weltpolitischen Fragen übernehmen
       kann, wenn  es seine  Hände von  den Atomwaffen läßt, als wenn es
       seine Außenpolitik den militärischen Notwendigkeiten unterwirft.
       The Guardian v. 3.II.63.
       

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