Quelle: Blätter 1963 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DES RATES DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND
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       ZU DEN NAZIVERBRECHEN
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       Bethel, Mitte März 1963
       Seit Monaten  erleben wir in der Bundesrepublik und in Westberlin
       im verstärkten  Maße Gerichtsverfahren,  in denen  Verbrechen der
       nationalsozialistischen Zeit abgeurteilt werden. Ein Vorgang, der
       bis jetzt  das Ausland  mehr als  unser eigenes  Volk zu  erregen
       scheint. In  diesen Prozessen  - der  größte unter ihnen wird der
       Auschwitz-Prozeß sein  - werden  Verbrechen, die von Gliedern un-
       seres Volkes  an Millionen von Juden und anderen Volksgruppen, an
       Männern, Frauen  und Kindern  verübt wurden,  in ihrem ungeheuren
       Ausmaß und in ihrer ganzen Brutalität noch einmal vor uns aufste-
       hen. Unabweisbar werden wir dadurch zu der Auseinandersetzung mit
       der NS-Vergangenheit unseres Volkes, die wir bisher versäumt oder
       zu leicht genommen haben, herausgefordert.
       Auf die  naheliegenden Fragen, warum es so spät - nahezu 20 Jahre
       nach der totalen Kapitulation und nach der Verübung jener Verbre-
       chen - zu ihrer Verfolgung und Aburteilung durch unsere deutschen
       Gerichte komme  und wie unsere Justiz diese ungeheure Aufgabe lö-
       sen wolle,  hat der  Rat der  Evangelischen Kirche in Deutschland
       von zuständiger  Stelle die Auskunft erhalten, die ehemaligen Be-
       satzungsmächte hätten  auch nach dem Abschluß der Nürnberger Pro-
       zesse das  von ihnen beschlagnahmte Aktenmaterial unter Verschluß
       gehalten. Den  deutschen Strafverfolgungsbehörden  sei erst  1958
       wenigstens von  seiten der drei westlichen ehemaligen Besatzungs-
       mächte in  größerem Umfang  Zugang zu  den Geheimarchiven gewährt
       worden. Noch  im gleichen  Jahr habe die Zentrale Stelle der Lan-
       desjustizverwaltungen zur  Verfolgung nationalsozialistischer Ge-
       waltverbrechen in Ludwigsburg mit der systematischen Vorbereitung
       der Verfahren  begonnen. Es  sei dabei  nicht an eine neue allge-
       meine "Entnazifizierung" gedacht; es handele sich um Strafverfah-
       ren vor  ordentlichen Gerichten, in denen nur gegen Personen ver-
       handelt werden  soll, die  eine eigene  Verantwortung hatten oder
       besonders grausam  handelten. Im  ganzen sei  nach den bisherigen
       Ermittlungen mit  etwa 1000  Angeklagten zu  rechnen, die sich in
       ungefähr 500 Verfahren vor den zuständigen ordentlichen Gerichten
       in den  Ländern der Bundesrepublik sowie in Westberlin zu verant-
       worten haben.
       
       I.
       
       Wir sehen damit in erster Linie unsere Gerichte vor eine unerhört
       große und  schwere Aufgabe  gestellt. Sie  werden in Abgründe von
       Unrecht und  Unmenschlichkeit zu  blicken haben, die ein normales
       Vorstellungs- und  Fassungsvermögen weit übersteigen. Die Schuld,
       die hier zu ahnden ist, greift in ihren hintergründigen Zusammen-
       hängen weit  hinaus über  das, was  mit den  üblichen Normen  und
       Strafen menschlichen  Rechts umfaßt und geahndet werden kann. Un-
       sere Gerichte  werden große  Mühe haben,  nach so langer Zeit die
       Tatbestände noch  genau zu  erheben und das Maß der Verantwortung
       der Angeklagten  richtig zu  bestimmen. In  jedem einzelnen  Fall
       werden sie mit zu bedenken haben, welch mächtigen Einfluß der da-
       malige Terror  von Partei  und Staat, eine raffinierte Propaganda
       und suggestive  Befehle auf  jahrelang planmäßig  eingeschläferte
       oder umgeschulte  und irregeleitete  Gewissen wie auch die Versu-
       chung unkontrollierter  Machtstellungen ausgeübt haben. Unabding-
       bar aber muß an der persönlichen Verantwortung jedes mit Befehls-
       gewalt über  andere ausgestatteten  Menschen festgehalten werden.
       In den  Grenzen, in denen menschliche Rechtsprechung möglich ist,
       muß in  jeder Gemeinschaft um ihrer selbst willen das Unrecht als
       verwerflich gekennzeichnet und bestraft werden.
       An einen Akt der Begnadigung kann der Staat erst denken, wenn zu-
       vor dem  Recht Genüge  getan ist: "Gerechtigkeit erhöht ein Volk,
       aber die Sünde ist der Völker Verderben" (Sprüche 14, 35).
       Es ist  nicht die  Aufgabe der  Gerichte, mit diesen Verfahren so
       etwas wie  die Reinigung unseres ganzen Volkes zu vollziehen; sie
       können nur einzelne Verbrecher zur Verantwortung ziehen und abur-
       teilen. Aber  es ist ihr hohes Amt, die in der Vergangenheit zer-
       störte Gebundenheit  an das  Recht in  unserem Volke wiederherzu-
       stellen und  damit einen wesentlichen Beitrag zur inneren Wieder-
       genesung unseres Volkes zu leisten.
       Wir wollen  nicht verschweigen,  daß uns  im Rückblick auf einige
       Urteile bereits  zum Abschluß  gekommener Verfahren  der  letzten
       Zeit in der Seelsorge in den Strafanstalten, aber auch in unseren
       Gemeinden die Frage begegnet, ob nicht ein Mißverhältnis zwischen
       einigen Urteilen  über Verbrechen aus der NS-Zeit zu Urteilen und
       Verbrechen aus  unseren Tagen besteht. Dabei übersehen wir nicht,
       wie schwer die Aufgabe der Richter und Geschworenen in diesen NS-
       Verbrecherprozessen wegen der noch immer fortdauernden Verwirrung
       der Gewissen in weiten Kreisen unseres Volkes ist. Wenn ein mehr-
       facher Kindsmörder nach siebzehn Jahren gefaßt wird, begegnet dem
       Gericht, das  den Mörder  aburteilt, die  selbstverständliche Zu-
       stimmung des  Volkes. Bei  den anstehenden NS-Verbrecherprozessen
       aber müssen unsere Gerichte mit viel Unverständnis und tiefgehen-
       den inneren  Widerständen in  einem Teil  unseres Volkes rechnen.
       Eben darum  wollen wir  unsere Gerichte in ihrer schweren Verant-
       wortung nicht allein lassen; sie müssen tun, was ihres Amtes ist.
       "Denn Recht muß doch Recht bleiben" (Psalm 94, 15).
       
       II.
       
       Im Zusammenhang  mit diesen Verfahren sehen wir auch auf die Kir-
       che, auf unsere Pfarrer und Gemeinden neue seelsorgerische Aufga-
       ben zukommen.  Die Kirche  wird den von der gerichtlichen Verfol-
       gung Betroffenen in jedem Fall seelsorgerischen Beistand anzubie-
       ten haben, ob sie nun noch in Angst vor der Aufdeckung ihrer bis-
       her verborgenen  Schuld leben  oder sich in der Untersuchungshaft
       und im  Prozeß selbst  vor die  von ihnen einst begangenen, ihnen
       inzwischen vielleicht  selbst  unbegreiflich  gewordenen  Untaten
       stellen lassen  und nun  zu ihnen  stehen müssen. Die Kirche wird
       den Betroffenen  mit Gottes Wort und ihren Gebeten nahe sein. Sie
       soll die  vor Gericht  Geladenen in  die letzte und entscheidende
       Verantwortung rufen,  in die Verantwortung vor Gott, der alle un-
       sere Wege gesehen hat und sieht. Sie soll die Angeklagten vor den
       allezeit gültigen Maßstab der Gebote Gottes stellen und einem je-
       den so  zur Erkenntnis  und zum  Bekenntnis seiner Sünde vor Gott
       und Menschen  helfen. Sie  darf dem  Bußfertigen um  Jesu Christi
       willen die  Vergebung aller seiner Sünden zusprechen, Gottes vor-
       behaltlose, ganze  Gnade verkündigen  und damit den Weg für einen
       neuen Anfang  und eine  neue Zukunft freimachen, wie auch das Ur-
       teil des menschlichen Gerichts ausfallen mag.
       Eine Handreichung zu diesem Dienst will der Rat der Evangelischen
       Kirche in  Deutschland den Gefängnisseelsorgern wie den Gemeinde-
       pfarrern zugehen  lassen. Wir  bitten Pfarrer und Gemeinden, sol-
       chen Christusdienst  an den von den Verfahren Betroffenen und ih-
       ren Angehörigen  mit ganzer  Treue zu tun. Die Betroffenen selbst
       aber bitten  wir durch  sie herzlich, die Zeit der Heimsuchung zu
       nützen und  sich dem Wort von Gottes Gericht und Gnade in Gottes-
       furcht und Vertrauen zu öffnen.
       
       III.
       
       Schließlich aber wenden wir uns an alle Glieder unserer Gemeinden
       und an  unser ganzes  Volk. Denn  wir sind in Kirche und Volk von
       diesen Verfahren  allesamt mitbetroffen und durch sie noch einmal
       vor die Aufgabe der Bereinigung unserer Vergangenheit gestellt.
       Wir verkennen  nicht, daß  die Jugend  heute dieser Vergangenheit
       gegenüber in einer anderen Lage ist, manches anders sehen muß und
       darf als  die Generation,  welche die nationalsozialistische Zeit
       bewußt und  mitverantwortlich erlebt  hat. Aber  wir bitten  alle
       jungen Menschen,  sich bewußt  zu machen, daß es in dieser kriti-
       schen Auseinanderesetzung  mit unserer Vergangenheit nicht nur um
       Vergangenes geht,  sondern um  die Wiederherstellung  tragfähiger
       Fundamente für  den Neubau unseres ganzen deutschen Lebens in al-
       len seinen  Bereichen und  Beziehungen und  damit gerade  auch um
       ihre Zukunft.
       Wir Älteren sind jetzt noch einmal gefragt, ob wir das Ausmaß der
       in nationalsozialistischer Zeit von deutschen Menschen mit staat-
       lichen Gewaltmitteln  geplanten, befohlenen  und  unbeschreiblich
       grausam ausgeführten Massenverbrechen endlich zur Kenntnis nehmen
       und uns dieser Vergangenheit stellen wollen, statt die Erinnerung
       daran zu  verdrängen und  jede Mitverantwortung dafür zu leugnen.
       Begangenes Unrecht  kommt nicht dadurch zur Ruhe, daß man es tot-
       schweigt, und  nur Unverstand  kann von  Beschmutzung des eigenen
       Nestes reden,  wo es in Wahrheit darum geht, ein schwerbeschmutz-
       tes Nest zu säubern. Es taugt auch nichts, uns hinter dem Unrecht
       verstecken zu  wollen, das während und nach dem Krieg von anderen
       Völkern an  Menschen unseres Volkes begangen worden ist. Der Mas-
       senmord an  Juden und anderen Volksgruppen, der mit dem deutschen
       Namen verbunden ist, wird damit nicht ausgelöscht.
       Steht es  aber so mit unserer gemeinsamen Last, so sind wir nicht
       schon dadurch  von ihr befreit, daß einzelne für die von ihnen in
       eigener Verantwortung  begangenen Verbrechen  abgeurteilt werden.
       Denn diese  Verbrechen waren nur möglich, weil unser Volk die po-
       litische Gewalt  einem Regime  überlassen hat,  das an die Stelle
       Gottes und seiner heiligen Gebote die "nordische Rasse" als ober-
       sten Wert  gesetzt hat,  an die  Stelle des  Glaubens an Gott und
       seinen Heiland  Jesus Christus  den Glauben  an  die  Nation  und
       "ihren Führer", an die Stelle der Achtung und Liebe gegenüber dem
       Mitmenschen die  Verachtung anderer  Völker und  die Verteufelung
       des politischen Gegners.
       So wurden die Gewissen verwirrt und das Pflichtbewußtsein vieler,
       im bürgerlichen  Leben vielleicht  anständiger Menschen  so  weit
       pervertiert, daß einige selbst zu Verbrechen fähig wurden, andere
       bis heute glauben, sich jeder Mitverantwortung für das Geschehene
       durch den  Hinweis entziehen  zu können, sie hätten nur brav ihre
       Pflicht getan.  Auch der  Bürger, der an den Verbrechen nicht be-
       teiligt war, ja nichts von ihnen wußte, ist mitschuldig geworden,
       weil er lässig war gegen die Verkehrung aller sittlichen Maßstäbe
       und Rechtsnormen in unserem Volk.
       Wir können auch uns und unsere Gemeinden nicht ausnehmen von die-
       ser Schuld. Denn wo es Sache aller Christen gewesen wäre, uns mit
       dem uns  anvertrauten Wort der Wahrheit, mit dem Öffentlichen Be-
       kenntnis zur  unumstößlichen Herrschaft Gottes über alle Bereiche
       unseres Lebens  schützend vor die Opfer dieses Systems, zumal vor
       die unter uns lebenden Juden, zu stellen, da haben nur wenige die
       Einsicht und den Mut zum Widerstand gehabt.
       Diese beschämende  Erkenntnis verwehrt es uns heute, im Blick auf
       die laufenden  Prozesse uns als Unbeteiligte von den zur Verhand-
       lung stehenden  Verbrechen abzuwenden.  Es waren  die Irrwege un-
       seres ganzen  Volkes und  die Versäumnisse  von uns Christen, die
       diese Verbrechen  möglich gemacht  haben. Wir können daran nichts
       beschönigen und  sollten allen  Versuchen einer Selbstrechtferti-
       gung absagen.  Vielmehr ist  uns geboten, uns mit den jetzt Ange-
       klagten vor Gericht und Sein Gericht rufen zu lassen.
       Gott aber  richtet, um  zu retten. Im Wort vom Kreuz, in der Bot-
       schaft von  der Versöhnung  der Welt  mit Gott, im Evangelium von
       Jesus Christus,  dem Heiland aller Menschen, und im Sakrament des
       heiligen Abendmahls  wendet er  sich uns  aufs neue zu mit seiner
       abgrundtiefen  Barmherzigkeit,  die  so  weit  reicht,  auch  die
       schwersten, unheilvollsten  Sünden zu  vergeben und  einen  neuen
       heilvollen Anfang zu schenken.
       Solche Umkehr,  die die  düstere Vergangenheit  nicht verleugnet,
       sondern sich  ihr stellt, um sie zu überwinden, ist also möglich,
       und sie  ist von unserem Volk gefordert um seiner Zukunft willen.
       Darum dürfen wir auch das, was in diesen Gerichtsverfahren zutage
       tritt und  weiterhin sich enthüllen wird, nicht gleichgültig, an-
       gewidert oder  verstockt von  uns wegschieben,  sondern müssen es
       aufnehmen und  uns zur bitteren Lehre dienen lassen. Dazu gibt es
       vielerlei Wege.  Der Unterricht in den Schulen und die kirchliche
       Unterweisung sollten  davon handeln,  die Eltern den Fragen ihrer
       Kinder nicht  ausweichen. In  der Arbeit der Männerkreise und der
       evangelischen Akademien  muß das Thema seinen Platz bekommen. Nur
       wer sich um solche Erkenntnis bemüht, wird mit anderen aller Men-
       schenverachtung und Vergewaltigung in West und Ost wehren und für
       echte Menschlichkeit  sowie für ein geordnetes friedliches Zusam-
       menleben der  Menschen und  Völker zu  seinem Teil  eintreten. Er
       wird in  der Gemeinschaft  mit der Gemeinde Jesu Christi in aller
       Welt über  alle Grenzen und Mauern hinweg in erfinderischer Liebe
       immer neue  Kontakte zu den Menschen und Völkern suchen, ganz be-
       sonders zu  denen, mit denen wir Deutsche uns so schlimm verfein-
       det haben,  und Unrecht wiedergutzumachen, soweit es noch möglich
       ist.
       Sind wir dazu bereit und vertrauen wir uns in Gottes Gericht über
       unser Volk  seiner Gnade  an, dann  wird sich  der Fluch in Segen
       wandeln und uns frei machen für ein neues Leben und Wirken in un-
       serem Volk in Gegenwart und Zukunft.
       (epd)
       

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