Quelle: Blätter 1963 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       159 WISSENSCHAFTLER AUS OST UND WEST APPELLIEREN
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       AN DIE 18-MÄCHTE-ABRÜSTUNGSKONFERENZ IN GENF
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       Wir, die  unterzeichneten Mitglieder  der internationalen wissen-
       schaftlichen Gemeinschaft, die in Genf versammelt sind, um an der
       Konferenz der  Vereinten Nationen  über die Anwendung von Wissen-
       schaft und Technik in den Entwicklungsländern teilzunehmen,
       - in der  Erkenntnis, daß trotz außergewöhnlichen Fortschritts in
       Wissenschaft und Technik während der letzten Jahrzehnte noch etwa
       Zweidrittel der  Menschheit an  Hunger und Unterernährung leiden,
       die durch Seuchen, Unwissenheit und Armut hervorgerufen werden;
       - angesichts der  Notwendigkeit einer  außerordentlichen Anstren-
       gung im Geiste der Zusammenarbeit, um diese Verhältnisse zu über-
       winden, und überzeugt, daß eine solche Anstrengung eine beispiel-
       lose Mobilisierung  der modernen Wissenschaft und Technik für die
       Unterstützung der unterentwickelten Gebiete voraussetzt;
       - überzeugt, daß  diese Ziele  erreicht werden könnten durch eine
       breitere internationale  Zusammenarbeit, die  eine  beträchtliche
       Vermehrung der gegenwärtigen Hilfsmaßnahmen einschließt;
       - angesichts der  Tatsache, daß das Kapital, das für diesen Zweck
       zur Verfügung  steht, vor  allem durch  enorme weltweite Ausgaben
       für unproduktive Rüstungen beschränkt wird;
       - in der  Erkenntnis, daß die Probleme der Abrüstung und der öko-
       nomischen und  sozialen Entwicklung  die beiden  größten Aufgaben
       darstellen, deren  Lösung die  Menschheit in  den nächsten Jahren
       beschäftigen muß;
       - angeregt durch  die einstimmig  gebilligte Resolution der XVII.
       Vollversammlung der  Vereinten Nationen  vom Dezember  1962 *) zu
       der Empfehlung,  die durch die Abrüstung freiwerdenden Ressourcen
       für friedliche Zwecke zu verwenden;
       wünschen in  unserer Eigenschaft  als Glieder der internationalen
       wissenschaftlichen Gemeinschaft:
       1. unsere Meinung  zu bekunden, alle Völker sollten jede nur mög-
       liche Anstrengung  unternehmen, um  das Ziel, eine allgemeine und
       vollständige Abrüstung, zu unterstützen, und
       2. die Gelegenheit zu nutzen, um beim Wiederbeginn der 18-Mächte-
       Abrüstungskonferenz einen feierlichen Appell an die teilnehmenden
       Delegationen zu  richten, dringend zu versuchen, zu einem Vertrag
       über die Einstellung aller Experimente mit atomaren Waffen zu ge-
       langen und  baldmöglichst eine  allgemeine und vollständige Abrü-
       stung unter  wirksamer internationaler Kontrolle zu erreichen und
       dadurch die  Mittel freizumachen,  die dringend für die große und
       konstruktive Aufgabe der ökonomischen und sozialen Entwicklung in
       einer friedlichen Welt benötigt werden.
       
       Genf, den 18. Februar 1963
       
       Josué de  Castro, Universität Brasilia (Brasilien) - Walsh McDer-
       mott, Cornell  University, Medical College, New York (USA) - E.K.
       Fedorov, Akademie  der Wissenschaften,  Moskau (UdSSR) - Lord Ca-
       sey, Commonwealth  Scientific and  Industrial Research  Organiza-
       tion, Melbourne  (Australien) -  Henri Laugier,  Sorbonne,  Paris
       (Frankreich)  -   J.W.T.  Spinks,  Universität  von  Saskatchewan
       (Kanada) -  Abba Eban,  Weizmann Institute  of Science (Israel) -
       Michael Kalecki,  Polnische Akademie der Wissenschaften (Polen) -
       J. Bognar, Institut für Kulturelle Beziehungen (Ungarn).
       (Dem Appell  schlossen sich bis Ende Februar weitere 150 Teilneh-
       mer der Genfer Konferenz an.)
       Nach: Appeal  of Scientists  to the  Commitee on Disarmament, Ge-
       neva.
       
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       *)  Die am 18.17<?>.1962 ohne Gegenstimmen verabschiedete Resolu-
       tion der Vollversammlung geht auf einen gemeinsamen amerikanisch-
       sowjetischen Entwurf zurück. Die Vorlage bezieht sich auf Studien
       einer Expertengruppe, die den jährlichen Rüstungsaufwand der Welt
       auf 120  Mrd. Dollar schätzt. Diese Summe macht nach den gleichen
       Berechnungen mindestens  Zweidrittel des  jährlichen Nationalein-
       kommens aller Entwicklungsländer zusammen aus.
       

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