Quelle: Blätter 1963 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       MANIFEST ÜBER DAS RECHT DES MENSCHEN AUF FREIHEIT VON HUNGER
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       Über die Hälfte der Menschheit erhält eine qualitativ und quanti-
       tativ unzulängliche  Ernährung, während im Jahre 1962 der Aufwand
       für Rüstungszwecke ungefähr 150 Milliarden Dollar erreichte. Dem-
       gegenüber sind  die Summen, die der wirtschaftlichen und sozialen
       Entwicklung zugewendet wurden, lächerlich gering. Wenn wir beden-
       ken, daß  im zwanzigsten  Jahrhundert von drei Neugeborenen einer
       nicht die  geringste Hoffnung  auf ein  normales Leben  hat, dann
       müssen wir  zwangsläufig feststellen, daß unsere Zivilisation ihr
       menschliches Kapital  verkümmern läßt  und ihre  Fortschrittsmög-
       lichkeiten beschneidet.  Dazu kommt, daß diese Situation sich ra-
       pid verschlimmert,  denn die  Bevölkerung nimmt  ständig zu, ohne
       daß die Nahrungsmittelproduktion Schritt hält. Und dennoch beste-
       hen Wege  und Möglichkeiten,  das Problem  in Angriff  zu nehmen.
       Eine wirksame  Anwendung der  bestehenden Mittel könnte den Traum
       wahrmachen von  einer Welt, aus der der Hunger verbannt ist. Aber
       ist sich die Menschheit der Gefahr bewußt und ist sie bereit, ihr
       zu begegnen?
       Es ist  ein unerträglicher  Gedanke, daß das ungeheure Wissen und
       der große  Reichtum, die es heute in der Welt gibt, so wenig ein-
       gesetzt werden,  um das  Los der  Massen zu verbessern, die es so
       dringend nötig  hätten. Unter  allen  Lebensbedingungen  ist  die
       wichtigste die, zu essen zu haben. Hunger und Unterernährung kön-
       nen die Kräfte einer Nation auf allen Gebieten lähmen.
       Ein dauerhafter  Fortschritt ist nur möglich unter voller Ausnut-
       zung der  nationalen Hilfsquellen,  aber am Anfang ist eine Hilfe
       von außen  nötig, um  diese Bemühungen  zu leiten und zu vervoll-
       ständigen. Die  Hindernisse, die  sich dem  Fortschritt entgegen-
       stellen, sind  eher sozialer  und  wirtschaftlicher  als  wissen-
       schaftlicher Natur,  und um  die Entwicklung zu einem höheren Le-
       bensniveau sicherzustellen,  benötigt es zunächst Experten, Kapi-
       tal und  Erziehungsmöglichkeiten. Die  Probleme sind  vielseitig,
       ungeheuerlich und  dringend. Ihre  Lösung ist nicht möglich, wenn
       die internationale  Hilfe und  Zusammenarbeit nicht  Hand in Hand
       geht mit den nationalen Lösungen. Unter diesem Gesichtspunkt müs-
       sen die  Wirtschafts- und  Handelsabkommen darauf  abzielen,  die
       Würde und Sicherheit der Entwicklungsländer zu garantieren, indem
       man ihnen  die Möglichkeit  gibt, ihre Produkte auf dem Weltmarkt
       abzusetzen. In  der Tat, wenn alle wirtschaftlich starken Länder,
       seien sie kapitalistisch oder kommunistisch, in gemeinsamem Bemü-
       hen den  Kampf gegen  den Hunger und das Elend aufnähmen, die der
       gemeinsame Feind  der gesamten  Menschheit sind,  würde aus einer
       solchen Zusammenarbeit nicht genügend gegenseitiges Vertrauen er-
       wachsen, um  der Welt  zu helfen,  eine weitere der grundlegenden
       Freiheiten zu verwirklichen, nämlich die Freiheit, nicht mehr un-
       ter dem Druck eines möglichen Krieges zu leben?
       Die Hungerkampagne  soll die  nationalen und  internationalen Be-
       mühungen wachrufen  mit dem  Ziel, die Regierungen über den Stand
       der Dinge  zu unterrichten  und die Völker zu erziehen, damit die
       Hilfsquellen aller Nationen gemeinsam voll ausgenützt werden kön-
       nen.
       Mit all unserer Kraft behaupten wir, daß das erste Recht des Men-
       schen das  Recht ist, frei von Hunger zu leben. Deshalb rufen wir
       auf zu  sofortiger, tatkräftiger Aktion auf nationaler und inter-
       nationaler Ebene, die die Völker und ihre Regierungen assoziiert.
       Im besonderen wünschen wir, die ungeheuere Verschwendung anzupra-
       ngern, die  sich aus der ständigen Anhäufung neuer Waffen ergibt,
       und deutlich  zu machen, welche ungeheuere Hilfe der Hungerkampa-
       gne zuteil werden könnte, wenn man ihr auch nur einen Teil dieses
       Geldes zuwendete.  Wir sind  der Meinung, daß eine internationale
       Aktion zur  Überwindung des Hungers die Spannung in der Welt min-
       dern und die menschlichen Beziehungen verbessern würde, indem sie
       an die  besten und  nicht an die schlechtesten Instinkte des Men-
       schen appelliert.
       
       Rom, 14. März 1963
       
       Sir Mark  Oliphant, K.B.E.,  F.R.S., Professor  der Physik an der
       Australischen  National-Universität  (Australien)  -  Prof.  Hans
       Thirring, Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaf-
       ten (Österreich)  - Rev. Dominique Georges Pire, Träger des Frie-
       dens-Nobelpreises (Belgien) - Botschafter Josué de Castro, Leiter
       der Ständigen  Delegation Brasiliens  in Genf (Brasilien) - Prof.
       Henri Laugier,  ehemaliger stellvertretender  Generalsekretär der
       Vereinten Nationen  für Soziale  Angelegenheiten  (Frankreich)  -
       Abbé Pierre,  Association Emmaus  (Frankreich) -  Pierre  Mendès-
       France, ehemaliger  Ministerpräsident (Frankreich) - Halldór Kil-
       jan Laxness,  Träger des  Nobelpreises für  Literatur (Island)  -
       Prof. Salvatore  Quasimodo, Träger des Nobelpreises für Literatur
       (Italien) -  Giorgio La Pira, Bürgermeister von Florenz (Italien)
       - Prof.  G.U. Papi,  Rektor der  Universität Rom (Italien) - Frau
       Eva S. de López Mateos, Gattin des Präsidenten von Mexiko, Präsi-
       dentin des  National Institute  of Child  Welfare (Mexiko) - S.L.
       Mansholt, Vize-Präsident  der Kommission  der Europäischen  Wirt-
       schafts-Gemeinschaft (Niederlande) - Sir Muhammad Zafrullah Khan,
       Präsident der UN-Vollversammlung (Pakistan) - Felix Schnyder, Ho-
       her Kommissar  der Vereinten Nationen für Flüchtlingsfragen, Trä-
       ger des Friedens-Nobelpreises (Schweiz) - Rudolf Suter, Präsident
       der Genossenschaft  Migros (Schweiz) - L. Maire, Ratsvorsitzender
       der UN-Organisation  für Ernährung und Landwirtschaft (Schweiz) -
       Aldous Huxley, Schriftsteller (Großbritannien) - Lord Boyd Orr of
       Brechin, Träger  des Friedens-Nobelpreises (Großbritannien) - The
       Rt.   Hon.    The   Earl   Attlee,   ehemaliger   Premierminister
       (Großbritannien) -  Prof. E.B.  Chain, F.R.S.,  Träger des Nobel-
       preises für Medizin (Großbritannien) - Prof. C.F. Powell, F.R.S.,
       Träger des Nobelpreises für Physik (Großbritannien) - Denis Mori-
       arty, Sekretär  des Friends Service Council, Träger des Friedens-
       Nobelpreises (Großbritannien) - Dr. E.L. Tatum, Träger des Nobel-
       preises für  Medizin (USA) - Dr. Albert Szent-Györgyi, Träger des
       Nobelpreises für  Medizin (USA) - Robert Lyon, Vertreter des Ame-
       rican Friends Service Committee, Träger des Friedens-Nobelpreises
       (USA) - Dr. Albert Sabin, Vertreter der Children's Hospital Rese-
       arch Foundation  (USA) - Msgr. L.G. Ligutti, Ständiger Beobachter
       des Heiligen  Stuhls bei  der UN-Organisation  für Ernährung  und
       Landwirtschaft (Vatikan).
       

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