Quelle: Blätter 1963 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       FRANZÖSISCHE LIGA GEGEN "FORCE DE FRAPPE"
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       Anfang März  wurde in Paris eine "Liga gegen die Force de frappe"
       gegründet, die  auf die  Initiative von sechzig bekannten Persön-
       lichkeiten der  Politik, der  Wissenschaft und  Literatur zurück-
       geht. Der  bei dieser  Gelegenheit veröffentlichte Aufruf enthält
       folgende wichtige Abschnitte:
       
       "Die von der französischen Regierung betriebene Politik der Force
       de frappe  führt zu dramatischen Folgen, ohne daß die Öffentlich-
       keit wirklich  informiert ist  und insbesondere  ihre  Zustimmung
       dazu gegeben hat.
       
       1. Diese Politik erlaubt keine wirksame Verteidigung
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       unseres Landes
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       Die Atomwaffe  des von  uns hergestellten  Typs 1945 stellt keine
       wirksame Überredungswaffe  dar. Sie ist veraltet und ohne wirkli-
       chen Wert.
       Eine Force  de frappe  kann zum Angriff, zur Abwehr oder zur Dro-
       hung dienen.
       Angreifen? Dreißig  thermonukleare Sprengköpfe  reichen  aus,  um
       Frankreich zu  vernichten. Wenn wir es mit einer Atommacht größe-
       rer Ausdehnung  zu tun  hätten, würden wir zerstört werden, bevor
       wir sie außer Kampf setzen könnten.
       Abwehren? Wären  wir angegriffen, so würde die Frist von zwei bis
       fünf Minuten  zwischen der  Aufspürung der feindlichen Waffen und
       ihrer Explosion jeden Aufstieg unserer Bomber und jeden wirksamen
       Gegenschlag verbieten.
       Drohen; Da  die Drohung  eines Gegenschlags durch unsere Force de
       frappe nicht ausgeführt werden kann, bildet sie auch keine diplo-
       matische Waffe: es hieße, mit einem Holzsäbel zu fuchteln.
       
       2. Diese Politik droht unser Land zu vernichten
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       a) Die Nuklearwaffe  ist nicht nur unnütz, sie ist unerhört kost-
       spielig. Ihre Kosten übersteigen unsere Mittel.
       Die sechs  bereits veranschlagten  Milliarden Francs sind nur ein
       Anfang, der  weder erlaubte,  kleinkalibrige Bomben herzustellen,
       noch von der atomaren zur thermonuklearen Waffe überzugehen, noch
       moderne Raketen  und nicht  veraltete Flugzeuge  herzustellen. Um
       den hoffnungslosen  Versuch zu  unternehmen, einen  Teil  unseres
       Vorsprungs gegenüber den beiden Großen aufzuholen, müßten wir un-
       erträgliche Lasten  auf uns nehmen. Das einzige Uranspaltungswerk
       von Pierrelatte,  dessen Kosten  mit 2  Milliarden Francs  veran-
       schlagt wurden,  kostet jetzt  mehr als 4, und sein "sehr hoher",
       für die  militärische Produktion  notwendiger Teil ist noch nicht
       festgesetzt...
       b) Der durch  eine solche  Anstrengung hervorgerufene finanzielle
       Druck ist  besonders in diesem Augenblick gefährlich, wo die not-
       wendige Erhöhung  des Lebensniveaus  in Frankreich  und der wirt-
       schaftliche Wettbewerb zwischen Industriemächten uns zu verstärk-
       ten produktiven Investitionen veranlassen sollten...
       c) Die für  die Force  de frappe bereitgestellten Kredite sind im
       übrigen den  friedlichen Atom-  und Raumforschungen entzogen, die
       für die Größe eines modernen Staates erforderlich sind.
       
       3. Diese Politik isoliert uns auf internationalem Gebiet...
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       4. Diese Politik ist für den Weltfrieden gefährlich
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       Die Haltung  der französischen Regierung gibt ein schlechtes Bei-
       spiel und  fördert in der Tat die Verbreitung der Atomwaffe, die-
       ser hauptsächlichen  Gefahr für die Menschheit. Die multilaterale
       Atommacht schließt ebenfalls die Gefahr der Verbreitung der Waffe
       in sich und insbesondere die Möglichkeit für Deutschland, darüber
       zu verfügen,  während ihm  die Verträge von 1954 eine solche Pro-
       duktion verbieten...
       Vereinen wir  unsere Anstrengungen, ohne ideologische noch philo-
       sophische Unterscheidungen, gegen eine nationale Force de frappe,
       die für unser Land und die gesamte Menschheit unheilvoll ist."
       Zu den Unterzeichnern des Aufrufs gehören:
       Simone de  Beauvoir, André  Blumel, Jean Cassou, Georges Casalès,
       Pierre Cot,  Daniel Curie,  Guy Desson, Jean Dresch, René Dumont,
       Paul Fraisse,  André Hauriou, Jankelevitch, Charles-André Julien,
       Alfred Kastler,  Georges Lasserre,  Bernard Lavergne,  Henri Lau-
       gier, Henri  Levy-Bruhl, Daniel Mayer, Jean-Jacques Mayoux, Jules
       Moch, Gustave  Monod, Georges  Montaron,  Daniel  Parker,  Marcel
       Prenant, Henri  Roser, Jean-Paul Sartre, René-William Thorp, Ver-
       cors, Maurice Voge, René Zazzo.
       

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